5 Gründe, aus denen ein Freedom Day eine schlechte Idee ist

Die Corona-Pandemie brachte nicht nur die verheerenden Folgen einer weltweit grassierenden Viruserkrankung nach Deutschland, sondern gleichfalls einen Wahnsinn, der einst den lustig verkorksten KifferInnen komödiantischer Spielfilme und paranoiden Area-51-Fans einschlägiger Internetforen zugeschrieben wurde. Dabei hätte die vergangene Zeit, welche von Ausgangssperren und Kontaktverboten geprägt war, genau den wohligen Anstrich einer verbohrt-stoischen, volkstümlichen Solidarität haben können, den sich die eingefleischten TraditionalistInnen an den abschüssigen Enden des politischen Spektrums so herbeisehnen. Keine Frage: Einfach war das erzwungene Ausharren auf Dauer für niemanden. Insbesondere waren jene betroffen, die schon vor dem Auftreten von COVID-19 daran scheiterten, an der oft propagierten sozialen Gerechtigkeit teilzuhaben. Darunter: Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen. Da macht es Sinn, dass sich nun erst einmal diejenigen belohnen möchten, welche in den letzten Monaten vor allem durch Randale, illegale Dinner-Partys und einer generellen Missachtung der Mindestabstandsregel aufgefallen waren. Doch mal halblang mit dem Shaming der hoffnungslos abgedrifteten Telegramm-Prepper. Laute Advokaten der individuellen Freiheit wie der alte, verschlagene Onkel der deutschen Politik, Wolfgang Kubicki (FDP), machten sich immer wieder für die süffisante Geringschätzung einer auf das Eintreten füreinander sich gründenden Unterstützung stark. Die neue Hirngeburt des regierungskritischen Freiheitskampfes lautet: Freedom Day. Ja, ein Freiheitstag soll es sein. An dem dann plötzlich alles wie von Geisterhand wieder normal ist. Nun gut, was immer normal in den Köpfen von Menschen heißt, die sich einen Computerchip im Arm davon entfernt sehen, Angela Merkel das Frühstück ans Bett bringen zu müssen. Also auf jeden Fall keine Beschränkungen, keine Gs und natürlich keine Masken. Ein ausgelassenes Fest der Umarmungen und Küsse und volltrunkenen Schlägereien vor dem proppenvollen Klub. Nach Dänemark und Schweden und Skandinavien überhaupt sollen endlich die Deutschen ausschreiten dürfen. Warum ein Freedom Day nicht nur wenig charmant daherkommt, sondern ebenso wenig sinnvoll ist, lässt sich an einer Hand aufzählen.

  • Nichts gelernt

Kubickis Freie Demokraten konnten bei der Bundestagswahl 2021 überraschenderweise einen beträchtlichen Anteil an ErstwählerInnen für sich gewinnen. Als überzeugend galten mitunter die Forderungen nach individueller Freiheit in Pandemiezeiten, welche der von Isolation und Bildungsferne traumatisierten Jugend Erlösung versprachen. Dass der Föderalismus der Bundesrepublik jedoch ebenso für Chaos und Unzufriedenheit gesorgt hatte, schien da bereits erfolgreich unter den Tisch gefallen zu sein. Wenn jeder für sich selbst sorgt, dann ist an alle gedacht, – so die Denkweise vereinzelter Landesregierungen. Sie erzeugte selten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit auf Bundesebene und beförderte die Krawallproteste der Querdenker-Szene, die es durch eine polarisierend prominente Inszenierung in der Medienlandschaft leicht hatten, notorische Zweifler wie wirtschaftliche Verlierer für ihre verdrehten Ansichten anzuwerben. So ergab sich ein ausgedehnter Diskurs über die Rechte von denen, die ihre persönliche Freiheit gerne über die aller anderen gestellt wissen würden. Ein pompöser Freedom Day mit Tanz und Gloria würde ihnen nicht nur zustimmen, sondern ein Denkmal setzen, dass eigentlich jenen zusteht, die als Corona in Hochphasen wütete, pflegten, lieferten und Regale einräumten, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für den pöbelnden Rest.

  • Die Schmach der Vergessenen

Mehr als 94.000 Menschen verstarben bis zum jetzigen Zeitpunkt allein in Deutschland an einer Infektion mit COVID-19. Weltweit sind insgesamt mehr als viereinhalb Millionen Todesfälle gemeldet. Nun gibt es zwar solche, die sich nach ihrem Tod anstatt einer Trauerfeier eine wilde Party mit Stroboskop wünschen würden, doch dagegen sprechen in sich mehrere Gründe. Pietätlos wäre eine solche Sause da Unverständnis und Rücksichtslosigkeit vieler, das Infektionsgeschehen maßgeblich beeinflusst haben. Diese feierten bereits ausgelassen, als Privatpartys noch offiziell untersagt waren und erwiesen dem gemeinschaftlichen Aussitzen der Pandemie damit einen Bärendienst. Anständiger wäre es jetzt einen Wandel herbeizuführen, der auf Demut, Sitte und Ordnung beruht. All die Dinge also, die in so manch einem Moment nicht funktioniert haben, beispielsweise als Toilettenpapier und Nudeln geplündert wurden, während NachbarInnen und MitbürgerInnen an ihren Symptomen erlagen, ohne sich von ihrer Familie und ihren FreundInnen verabschieden zu dürfen. Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen dürften sich an einem Freedom Day fragen, was eigentlich gefeiert wird. Das in dieser Zeit lieber Bildmaterial und Empathie für wahntrunkene SpinnerInnen vergeudet wurde, als ihnen ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen?

  • Winter is coming

Die Parteien der Freien Demokraten wie Freien Wähler hatten bereits für den 11. Oktober einen sogenannten Freedom Day gefordert. Dass dies illusorisch war, entspricht nicht nur Meinungen geschätzter ExpertInnen für den derzeitigen Pandemieverlauf, wie des Virologen Prof. Dr, Christian Drosten, Hajo Zeebs vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen und Carsten Watzls, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Ebenso kritisch sehen ein unüberlegtes Drängeln Politiker aus CDU/CSU, SPD und Grünen. Darunter Karl Lauterbach (SPD) und Janosch Dahmen (Grüne), die den euphorischen Vorschlag des Kassenärztechefs Andreas Gassen eindringlich kritisierten, für den 30. Oktober eine umfassende Abschaffung der Maßnahmen einzuleiten.

Aktuell ist nicht ausreichend einzuschätzen, wie die Herbst- und Wintermonate das Infektionsgeschehen beeinflussen werden. Vorsorglich wird mit einer steigenden Gefährdung von ungeimpften Personen gerechnet, die nicht etwa durch eine Herdenimmunität vor dieser vierten Welle geschützt wären. In diesem Fall würden sich jegliche Feierlichkeiten schnell zu einem zynischen Beifall der prekären Lage wandeln. Ein voraussichtliches Ausklingen sieht die Politik derzeit für das Frühjahr 2022 als realistisch.

  • Das F-Wort

Kein Wort ist im Zuge der Pandemie so in Verruf geraten wie das F-Wort – nun gut, hier ist es: Freiheit. Wobei es derzeit wohl angebrachter wäre es ganzheitlich in Großbuchstaben und mit jeweils einer Leerstelle zwischen den Zeichen zu tippen. Noch nie schien unsere holde Freiheit gefährdeter. Speziell nach dem doch gerade eben am Datum des 26. Septembers in freien Wahlen über einen neuen Bundestag entschieden werden durfte. Frechheit! #zwinkersmiley. In irgendeinem Gedankenkonstrukt mag sich wohl jeder gefangen fühlen, dessen eigenes Verständnis von Freiheit erst dort endet, wo das des bzw. der anderen längst geschändet ist. So war es eine Erleichterung zu erfahren, dass der Verfassungsschutz doch irgendwie funktioniert und sich mittlerweile verpflichtet sieht, Terror-Quengler der neuen bürgerliche Mitte vorsichtshalber an die kurze Leine zu nehmen. Wie war das noch einmal bei Spiderman? Mit großer Freiheit kommt große Verantwortung? Da würde vielen hierzulande in Retrospektive eine Nachhilfestunde besser zu Gesicht stehen als eine Abschlussfeier. Sechs. Setzen!

  • Das Ächzen der Erde

Trotz des großen Unheils, dass die haltlose Verbreitung des Virus der Menschheit aufbürdete, gab es erwartbare ProfiteurInnen, die einen Nutzen aus den erschwerten Lebensverhältnissen ziehen konnten. Vorneweg marschierten BesitzerInnen von Supermarkt-Ketten und Streamingdiensten wie Netflix als auch GeschäftsinhaberInnen von Onlineversandgeschäften wie der Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos. Zudem galt das verordnete Exil in den eigenen vier Wänden für Menschen mit sozialen Phobien und artverwandten psychischen Erkrankungen als lindernd. Doch nicht nur den Geldbeuteln weniger kamen die Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen wahrlich entgegen. Die Erde bedankte sich für eine Atempause, in der weniger Abgase, VielfliegerInnen und kapitalistische InvasorInnen der Natur den gewohnt permanenten Stresstest unterzogen. War das ursprüngliche Aufkommen des Virus kein außerirdischer Anschlag gewesen, sondern durch die Gier des Menschen selbst verschuldet. Ob ein Freedom Day die gewonnenen Erkenntnisse über eine dringend notwendige Optimierung des Natur-Mensch-Verhältnisses entsprechend zu würdigen vermöge, ist nicht vorstellbar. Sollten wir uns ernsthaft dafür feiern, unsere eigenen Verbrechen am Planeten Erde und seinen tierischen BewohnerInnen überlebt zu haben?

Quellen:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/corona-auswirkungen-klima-umwelt-emissionen-muell

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Corona-Pandemie-Covid-Experte-warnt-Wir-haben-die-Pandemie-leider-noch-nicht-ueberstanden-id60490606.html?wt_mc=redaktion.escenic-reco.article.desktop.

https://www.tagesschau.de/thema/coronavirus/

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_90892844/corona-freedom-days-in-skandinavien-schuss-kann-nach-hinten-losgehen.html

Das Fundbüro, Juli 2021 – alter, geliehener und brandneuer Emo: Carb On Carb, life, Salvia Palth und mehr …

Ein Blick in die Emo-Kiste bringt wohltuende Klänge zum Vorschein. Außerdem vertraute Melancholie wie ein wenig Schwung und samtiger Balsam für die Seele. Einsamkeit und ein grauer Alltag haben die Beine schwer gemacht und dem Herzen ein trauriges Gesicht aufgemalt. Sonst noch was verloren? Dann bitte zugreifen, die vergrämte Gefühlswelt überraschen, mit Songs über neuen Mut, das Treiben lassen im Moment und ewige, melodiös unterlegte Augenblicke, die einen an den Schultern packen und wissen lassen, dass das Leben gut sein kann, wenn man es lässt. Das Fundbüro hat endlich geöffnet. Holt euch, was ihr vermisst. Zu verteilen sind Brieftaschen, Schlüssel und was Schönes für den mobilen MP3-Player.

Carb On Carb

Yeah-nah, sie sind zurück. Wie schön. Eine neue Single namens Here Comes the Best Bit ist seit dem 10. Juni 2021 über den favorisierten Streaming-Dienst verfügbar. Seit das neuseeländische Duo im Mai 2018 mit ihrer durchweg charmanten und fluffig weichen Power-Pop-LP for ages beglückten, wurde es vorerst still um die junge Band. Ihr neuer Track zeigt, dass gute Dinge nicht einfach vergehen, sondern manchmal für ein ersehntes Comeback ihre Zeit brauchen und langwierige Krisen unbeschadet überdauern können. Unverändert stark und einzigartig schmiegt sich die vertraute Stimme von Sängerin Nicole an die uninspirierten Gehörgänge und weckt den müden Verstand mit empathischen Worten über die Erinnerung an sorglose Rituale mit dem Lieblingsmenschen und ihre Wiederbelebung, die in behutsam gleitenden Riffs und einem treffend stimmungsvollen Drumming einen gütigen Nährboden finden. Welcome Back!

Grass and cement They own you rent / Careless and loud At this late hour

life

Sich dem Material der Post-Emo-Rock-Band life zu widmen ist wie in ein mysteriöses Fotoalbum gesaugt zu werden, welches durch die Eigenwilligkeit eines verschollenen Gepäckstückes den Weg in fremde Hände gefunden hat. Freundschaftlich angenommene Anleihen von Deafhaven und Svalbard konfrontieren schonungslos mit den wehmütig kursiv gestrichenen Einträgen unter eindeutig verschwommenem Bildmaterial, dessen leichter Gelbstich für eine milde Empfängnis der emotional mitteilungsbedürftigen Motive sorgt. Und doch ist klar, was passiert ist an jenem Tag neben diesem Baum, wohin die alte Straße ihre Reisenden führte. Nichts als Schall und Rauch sind sie, die Tearjerker-Challenges der sozialen Medien vor den atemberaubenden ersten zwei Minuten des Tracks you’re the most precious (demo four, November 2020). Eine simple Melodie, ein rudimentärer Rhythmus und doch hat selten etwas so echt gewirkt, dass sich nichts und niemand nach der existenziellen Erscheinungsform des Daseins benennen könnte, außer life selbst. Weitere Highlights des gleichen Releases sind eine intensivere Besinnung auf leisere Töne, die mehr Raum für Interpretationsmöglichkeiten des teils orchestral wirkenden Sounds lässt, gewohnt erbauliche Gang-Vocals, welche der Freimütigkeit eines geübten Knabenchores in nichts nachstehen und dem Spiel mit lärmenden Instrumenten, herbem Krach und gar dem Element der Stille, welche im 20-minütigen Song eleven meisterlich zueinanderfinden. Als sichere Empfehlung hält die komplette Diskografie der Emo-Astronauten stand, doch die aktuelle Nummer vier bietet alles und noch so viel mehr.

Salvia Palth

Da ist diese Person in der Klasse, die nie pünktlich zum Unterricht erscheint, aber dennoch schon vor allen anderen im Raum sitzt. Sichtlich nie zuhört, döst und trotzdem die korrekte Antwort dahin säuselt, wenn der Lehrer ihren Namen aufruft. Schon immer in der Referatsgruppe war, obwohl man sich nur schemenhaft an ihre Teilnahme erinnern kann. Auf Partys im Trubel untergeht und doch am nächsten Morgen auf jedem Foto erscheint. Ein Geist, ein Mythos und daher belächelt, weil sie als AußenseiterIn bemitleidenswert daherkommt, aber eigentlich würde man gerne einmal mit ihr tauschen. Denn sie hat alles gesehen, wie eine stille Sicherheitskamera an der Decke eines Supermarktes, und dabei war sie zudem, aus jedem möglichen Winkel hat sie das Vergangene statisch eingeatmet, in spannungslosen Übergängen – formloser Gestalt. Nicht bedauernswürdig, sondern beneidenswert. Wer spiegelt den festen Griff der Nostalgie am Herzen besser wider als sie und melanchole von salvia palth.

Souvenirs

Slowcore mit einem ordentlichen Punch gab es bereits im Juni 2012 von Souvenirs zu hören. Taking Back Sunday lässt grüßen, aber was sind schon Vergleiche, wenn sich der harte Kick einer Bass-Drum selten so gut in die Bauchgegend gegraben hat. Pointiert karge Texte und Allessagende Basslines stellen den Groove ins Zentrum der EP Tired of Defending You, deren Tracks jeder für sich wie ein einziger Schlussstrich über, unter und mitten durch eine verjährte Beziehung gezogen sind. Schnauze voll! Die Jungs beweisen, dass kompromissloses Schmettern attraktiver als mathematisch ausgeklügelte Feinfühligkeit sein kann. Die Platte Love For the Lack of It, erschienen im Mai, verkauft sich trotz weiterhin durchsetzungsfähigen Trittes in die große Trommel als Reinkarnation Turnovers Peripheral Vision und macht das richtig anständig. Was für Shoegazer und alle, die es werden wollen – und ein tolles Souvenir für den Shoegaze-Partner (ha!).

Like how I don’t even know you ‚cause you don’t know yourself
These mind games you’re playing are affecting my health

Fighting Season

Emo ist mehr als eine Schublade voll mit billigem Eyeliner und Hot-Topic-Klamotten. Eine variable Mentalität, eine ungenügsame Sicht auf das Umfeld, das verzerrte Spiegelbild und Kritik am blinden Optimismus der coolen Kids, die Selbstreflexion gegen Selbstbeweihräucherung eingetauscht haben. Die amerikanischen Pop-Punk-Oldies Better Luck Next Time waren für mich 100 % feinster Emo, seit ich zum ersten Mal ihr Album Start From Skratch anspielte. Flotte wie ausgedehnte Songs über die aufreibende Verzweiflung der wahren Jugendliebe. Im Vordergrund: das Empfinden, nie genug zu sein, die Vergänglichkeit der limitierten Chance auf lebenslanges Glück und Spuren des Verzehrens nach der Aufmerksamkeit der Auserwählten. Fighting Season gehen das Ganze hingegen straightforward an, mit dem notwendigen Touch This Time Next Year plus zusätzlichem Weichmacher Fireworks, um nicht in planloses Gesülze zu verfallen, aber durch empfindsame Vibes zu gefallen und als Allwetterreifen des emotionalen High-School-Rocks einen stabilen Soundtrack zu garantieren.

The Halloweekend

Vier kraftvolle Stimmen und eine Menge Frust an Klampfe, Tasten und Sticks. Midwest-Emo der den Halloween-Festtag zum Aufhänger macht? Come. ON! Im saisonalen Angebot sind extra eingängige Lines über Skelette, Herbstdepressionen und artverwandte Gruselsymbole, die verdammt noch einmal Vermitteln, warum sich das tiefschwarze Loch in der Brust niemals füllen wird. Wir zwei gesichtslosen Kürbisse könnten uns ein Grab teilen, einen rachsüchtigen Candy-Corn-Golem beschwören oder entspannt gemeinsam The Halloweekend jammen. Wieso nicht alles auf einen Streich?

R.I.P ME AND R.I.P EVERYTHING WE USED TO BE AND EVERYTHING WE COULD HAVE BEEN

Dänemark macht die Schotten dicht: eine verdammt heiße EM, Sozialdemokratie für wilde Kerle und die neue gemütliche Härte – kommentiert von Claudia Neumann

Foulspiel! Aber nein, Herr Schiedsrichter, das war doch eben Hygge. Ach so, na, dann bitte her mit dem Videobeweis. Ganz klar! Gemütliche Härte seitens der Dänen. Das Spiel darf unter der sengenden Sonne, welche das Logo der EM 2020 ironischerweise in das korrekte Datum 2021 angeschmolzen hat, unabdingbar barmherzig fortgeführt werden. Während die vom Bundes-Jogi mental eiskaltgestellten Deutschen versuchen, mit ernster Miene die Cooling Breaks durch hinter den Ohrläppchen eingeklemmte Erfrischungsstäbchen zu überbrücken und die italienischen Spieler hilflos auf der mit hausgemachtem Stracciatella-Eis ausgekleideten Ersatzbank festkleben, verschaffen sich die Wikingernachfahren derweil einen taktischen Vorteil durch ihr handwerkliches Geschick und rudern im traditionell errichteten Knorr auf dem Sud der eigenen Mannschaftskameraden erneut Richtung Strafraum des gegnerischen Teams. Wie schön haben es da die eigenen Leute zu Hause, die einen lindernden Hauch der erfreulich frostigen Atmosphäre erhaschen dürfen, die im Rahmen des beliebten Endgettoisierungsprogrammes der einzigen farbenblinden sozialdemokratischen Regierung mit ausgeprägter Links-Rechtsschwäche der Welt ihre befremdlich fremdenfeindliche Betriebstemperatur in der Mitte der Gesellschaft gefunden hat.

Erste Eindrücke unserer Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann, die in der Zwischenzeit von erzkonservativ westeuropäischen Alpha-Männchen über die dänische Grenze gejagt wurde: „Meine Verfolger haben die Seilbagger der SozialdemokratInnen gekapert und hetzen mich unerbittlich durch die Straßen Kopenhagens! Später dann brandheiße Informationen zur lokalen Wohlfühlpolitik der SkandinavierInnen.“

Danke Claudia! Wir kommen auf dich zurück. Wie wunderbar, dass es nun endlich auf der Hand liegt. Die schottischen Fans haben nicht etwa leck geschlagen und werden mithilfe des Serums eines Start-ups aus Dänemark von innen Bier abweisend imprägniert. Es sind die heimischen Grenzen, welche es totalitär abzuriegeln gilt und wer hätte es gedacht, verraten, das die regionalen Sozen doch farblich unterscheiden können, also wer dort hingehört und was zugereist ist. Damit stecken sie die deutschen KollegInnen der SPD locker in die Tasche, wenn es darum geht, die eigenen Werte sagen wir einmal wirtschaftsdienlich zu modernisieren. Wo zweitere dabei hängen geblieben sind, Schröders Erbschaft zu verwalten und die immer noch immer ärmer Seienden mühsam an die immerzu immer reicher Werdenden heranzuführen, hat ihr nordisches Pendant, die Genialität des Systems Best of Both Worlds erkannt. Wieso WählerInnen an die populistischen Debatten der radikalen Randbewohner des politischen Spektrums verlieren, wenn man sich die reißerischsten Streitpunkte einfach aneignen kann und die eigentlichen Inhaber gewillt sind, brav zu kooperieren. Ganz entgegen einem FDP-Motto, welches die Relevanz sehnsüchtige SPD nimmer im Angesicht der nahenden völkischen Bedeutungslosigkeit mit der Kneifzange anzutasten wagen würde. Lieber gar nicht zu regieren, als falsch zu regieren.

Die Socialdemokraterne Frederiksens hingegen merkt an: Wer richtig regieren will, der muss eskalieren. Sozialleistungen für echte Dänen, Abschiedsbriefe für Migranten und lähmende Depressionen für rechtspopulistische Maulhelden, die nicht glauben können, dass ihnen ein roter Block aus geschäftigen Sozialisten die Existenzberechtigung entzieht. Soll es ein Gregor Gysi ruhig versuchen, infrage zu stellen, was eigentlich besser war, bevor die erste Flüchtlingswelle aus Syrien die Dänen erreichte. Und wer genau mehr von was ganz spezifisch hatte. Als habe schon jemals in der Geschichte des Landes ein Däne einen anderen Dänen übers Ohr gehauen. Somit hebt sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen gekonnt die lästige Scham eines Horst Seehofers für die letzten Tage im Amt auf, der sich nun knapp vor der Rente wünschte, er hätte 2011 nie geäußert, sich „bis zur letzten Patrone“ gegen die Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren zu wollen. Da verkratzen keine an Austausch orientierten Protestcamps von MigrantInnen die eiserne Erfolgsgeschichte der angestrebten Bizarrokratie, zu denen sich lediglich ein paar Freaks von Linksaußen gesellen, die merkwürdige Anstalten machen die Gesprächsbereitschaft als Tugend eines wahrhaftigen gesamtgesellschaftlichen Annäherungsprozesses zu sehen. Denn weshalb Geld an eine Sache verschwenden, die man sowieso nie ernsthaft wollte. Reisende soll man nicht aufhalten und jemanden zu vertreiben ist leichter als zu begreifen, dass Integration keine Einbahnstraße ist, bei dem der eine die vollen 100 Prozent gehen soll, wie bei einem furchtbar peinlichen Kuss, der für beide Seiten eine Qual ist. Dass es molliger ist, sich abzuschotten und in Angst vor dem Nachbarn zu leben, sollen Dänemarks Kinder bald abermals lernen. Härte statt Hygge.

Eine stabile Verbindung zu unserer zeitweiligen Auslandskorrespondentin Claudia Neumann besteht jetzt wieder. Claudia, wie ergeht es dir dort drüben?

„Ich bin auf meiner Flucht in den Dreck gestürzt und zu den bisherigen Jägern sind indes dänische Bürger hinzugestoßen, die denken, ich wäre eine syrische Geflüchtete und sozialdemokratisch entschieden haben, dass ich das Land verlassen muss.“

Spitze! Mach dir keine Sorgen, Claudia. Das ist die neue Gemütlichkeit!

Quellen:

https://www.fr.de/meinung/kolumnen/em-21-claudia-neumann-stimme-fraunenfeindlich-fussball-kolumne-90806289.html

https://www.spiegel.de/ausland/fluechtlinge-aus-syrien-in-daenemark-haerte-statt-hygge-a-633f9231-a838-42f1-aa61-00202b9e4bf5

https://www.welt.de/politik/deutschland/article231577309/Abschied-aus-der-Politik-Horst-Seehofer-ueber-seine-politische-Karriere.html

Heidenreich, das verrufene Sternchen und der Hass auf asiatische Menschen: Es muss von Frauen gesprochen werden!

„Meine Herren und Damen, wenn ich als Frau zu Ihnen spreche, so hoffe ich doch, dass recht viele Männer auf meine Worte achten werden. Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin. Es gibt viel mehr Frauen im wahlfähigen Alter als Männer.“

SPD-Politikerin Marie Juchacz, Begründerin der Arbeiterwohlfahrt und erste Frau, die vor Abgeordneten eine Rede hält

Wir alle kennen diesen einen Hollywood-Film, in dem eine junge Frau ihre Leidenschaft für einen Sport oder Beruf entdeckt, der bisher lediglich als reine Männer-Domäne gegolten hat. Im Laufe des Plots überzeugt sie durch einen hingebungsvollen Einsatz und wird als vollwertiger Teil des Teams akzeptiert. Allerdings ist dies noch nicht das Happy End, denn aufgrund ihrer bewusst gewählten bübischen Verkleidung hat noch niemand gerafft, dass Erik in Wahrheit kein kerniger Kerl ist, sondern Erika eine toughe Dame. Die Bombe platzt. Wie kann so was passieren? Eine selbstbewusste Frau sticht eine Bande von talentfreien Typen aus, die sich lieber in ihrem Chauvinismus suhlen, anstatt anständig zu trainieren. Wo es doch klar ist, dass das generische Maskulinum seit jeher eine Befähigung zur Ausübung der Tätigkeit von potenziellen Interessentinnen ausgeschlossen hat. Das Ende ist wie immer zum Kotzen. Damit die Union der eindimensionalen Brüllaffen nicht ihr Gesicht verliert, darf Erika bleiben, weil sie bewiesen hat, dass sie als richtiger Macho taugt und Haare auf den Zähnen mitbringt. Zum krönenden Abschluss gibt es vom Chef noch einen Klaps auf den Arsch, als Gütesiegel versteht sich. Sie ist nun ein richtiger er und somit naturgesetzmäßig absolut qualifiziert. Der Erfolg aktueller Kinoproduktionen nach Schweighöfer und Schweiger verrät, dass solche Unterhaltungsprodukte nicht aus der Zeit gefallen sind, sondern im Hier und Jetzt hoch im Kurs.

Vor diesem Gedankenspiel ist es erschütternd, wenn sich intelligente und wortgewandte Frauen wie der *Linken-Politiker Sarah Wagenknecht und der renommierte *Schriftsteller Elke Heidenreich für eine Gesinnung stark machen, welche die Frau als Opfer patriarchaler Denkstrukturen noch weiter aus unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung verdrängt, als sie es ohnehin schon wird. Die Begründungen für die Ansichten sind so ignorant, dass es einen fassungslos zurücklässt. Wer sich gegen den großen Bruder nicht mit Tritten und Schlägen durchzusetzen weiß, der hat es verdient, wie eine anspruchslose kleine Heulsuse schikaniert zu werden. Im Kampf gegen die belächelte Identitätspolitik ihrer eigenen Partei kommentiert Wagenknecht, dass sie sich in ihrer heutigen Position nicht mehr als Opfer verkaufen würde. Ein Satz, der einem das Blut aus den Augen schießen lässt, wenn man sich die traurige Statistik zu Gemüte führt, welche das Buch Alle drei Tage der Autorinnen Backes und Bettoni behandelt.

Wo keine Probleme gesehen werden, kann es auch keine Lösungen geben. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu ermorden. Jeden dritten Tag gelingt ein solcher Mord. Ja, wir sprechen nicht von Saudi-Arabien oder der Türkei, sondern der europäischen Vorzeigerepublik überragender westlicher Werte. Im Werk geht es um die fortschreitende Degradierung der Frau zum Objekt, die Entwicklung der Gewalt gegen Frauen als strukturelle Gefahr und vermutlich einem der bedeutsamsten Punkte der Art und Weise in der den weiblichen Opfern, denn sie sind Opfer nach geltendem Recht und haben es verdient, als geschädigte Individuen gesehen und gehört zu werden, der schwarze Peter zu geschoben wird. Wie kann es eine Frau wagen, sich von ihrem Mann zu trennen? Da dürfen es ruhig mal mildernde Umstände sein, wenn der Gatte nachträglich die Prügelstrafe verhängt hat (nicht). Doch freilich ist dieses Problem ein globales und keine Verkettung von unglücklichen Umständen. Als ein 21-jähriger junger Mann am 16. März in Atlanta aus purer Verachtung acht Menschen in drei verschiedenen Massagesalons erschießt, sind unter den OPFERN maßgeblich asiatische Frauen vertreten. Der zuständige Polizeisprecher spricht daraufhin von einer Versuchung, die der gläubige Christ eliminieren wollte. Außerdem habe er einen schlechten Tag gehabt. Mutmaßlich ebenso der gerade genannte Mitarbeiter der Polizei, welcher in Anbetracht seiner süffisanten Erklärung des Amoklaufes vom Dienst freigestellt wurde. Der Hass auf Asiat*innen liegt insbesondere tief in der Geschichte der AmerikanerInnen begründet. Der Hass auf Frauen schlägt hingegen tiefere Wurzeln.

Etwas ist diesmal anders. Vielleicht ist es der Umstand, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich zum ersten Mal auf Menschen richtet, die sie sonst übersieht, – weil sie arm sind, weil sie weiblich sind oder weil sie migriert sind. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Vanessa Vu offenbart in ihrem Beitrag für die Zeit, dass der Hass auf Frauen kein Problem einer abgesonderten Mittelschicht und eine besonnen angebrachte Identitätspolitik kein privilegierter Unsinn sind und anderorts dementsprechend gewürdigt werden. Bezeichnend für die Notwendigkeit eines kollektiven Umdenkens sind zudem die Ausführungen Sasha Lobos über die wachsende Frauenfeindlichkeit in den sozialen Medien. Wie Lobo zusammenfasst, ist es essenziell, nicht länger nur über Frauen hinweg zu reden. Es muss von Frauen gesprochen werden. Denn es hilft nur:

Widersprechen, aufklären, wenn nötig und situativ sinnvoll, verbale Gegenangriffe starten. Denn – und das ist leider keine Übertreibung: Frauenhass tötet. – In sozialen Medien wandelt sich das Klima – in Richtung Frauenfeindlichkeit, Sasha Lobo

* Aus Rücksicht auf die Standpunkte von Wagenknecht und Heidenreich werden sie mit dem generischen Maskulinum vorgestellt.

Quellen:

https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-05/antiasiatischer-rassismus-corona-diskriminierung-sexismus-atlanta-marco-polo-geschichte

https://www.deutschlandfunkkultur.de/backes-und-bettoni-alle-drei-tage-dann-hat-er-versucht-mich.1270.de.html?dram:article_id=493609

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-in-sozialen-medien-wandelt-sich-das-klima-in-richtung-frauenfeindlichkeit-a-72e24390-505b-4f02-8283-308c71f7df9d?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.n-tv.de/leute/Heidenreich-Gendern-verhunzt-Sprache-article22594645.html

The Mighty Mighty Bosstones – When God Was Great, LP-Review: Liebesgrüße an die Unvernunft

I’ve never had to – I’d better knock on wood Cause I’m sure it isn’t good And I’m glad I haven’t yet That’s the impression that I get

The Impression That I Get, Let’s Face It (1997)

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Vielzahl an Bands und Solo-Musikern schon in den ersten Tagen der andauernden Corona-Pandemie dazu entschieden hatten, ihre Ansprüche hinsichtlich der freien Ausübung ihres künstlerischen Schaffens runterzufahren und auf ein Konzept aus Konformität und der legitimen Ausbeute digitaler Selbstverwirklichungsoptionen zu setzen. Aus Liveshows mit anderen wurden so gemeinschaftliche Live-Streams, gemeinnützige Compilations und Split-Veröffentlichungen, welche einerseits, dass eigene Überleben durch eingehende Spenden sicherten und zusätzlich Geld für wohltätige Zwecke einbrachten. Für die leeren Klubs, die gestrandeten Roadies und hoffnungslosen Communities, die nun aufgrund der diesbezüglichen Auftrittsverbote brachlagen. Wut auf die Politik, welche unter anderem ihre lokalen kulturellen Szenen von jetzt auf gleich als nicht mehr systemrelevant bewertete, gab es im Zuge des Durchhaltens und Weitermachens ohne Unterlass, doch gleichermaßen ein zerknirschendes Ausmaß an Ungewissheit, welches die Protestgesänge einfacher Bürger auf die Forderungen notwendiger Sozialhilfeleistungen einschränkte. Zu viele Menschen hatten ihre Leben gelassen, auf tragische Art und Weise angehörige verloren und nachhaltig an ihrer Gesundheit eingebüßt, als dass eine daher gegrölte unqualifizierte Meinung Sinn gemacht hätte. Sich an dieser Stelle lieber bedeckt zu halten war nicht nur klug, sondern ersparte der Welt schlichtweg einen weiteren furchtbaren Song, den – würde das ganze Unheil ein baldiges Ende finden – alsbald sowieso niemand mehr ertragen könnte. Ernsthaft. Wer würde schon nach der Pandemie das Bedürfnis entwickeln, jemals wieder auf einem Konzert an die katastrophale Zeit, in der das C-Wort uns allen eine ekelhafte Gänsepelle verpasste, mit einem grauenhaften Ohrwurm erinnert werden zu wollen? Verständlicherweise schossen sich viele Musiker schnell darauf ein, alte Erfolge noch einmal neu für ihre Fans aufzulegen oder unterhaltsame Cover-Versionen der großen Hits ihrer Kollegen zu kreieren. Entertainment pur eben. Kopf aus und genießen.

Noch immer ist der Notstand nicht überwunden und weiterhin sehnen wir uns nach dem einen Soundtrack, der uns den lebensmüden Morgen wie den deprimierenden Feierabend versüßt. Als Genre-Aufrührer und Rebellen mit Punk-Vergangenheit verkündeten Bostons Skacore-Legenden The Mighty Mighty Bosstones Anfang des Monats die Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums When God Was Great, mit ein paar eingängigen, bekanntermaßen tanzbaren Tönen im Schlepptau. Bedauerlicherweise werden diese vom inhaltlichen Konzept der Platte im Keim erstickt. When God Was Great handelt von dem Drang nach Freiheit, Selbstermächtigung und einem nimmermüden Geraune über den Corona-bedingt limitierten Lifestyle, der ganz im Credo der Beastie Boys den Kampf auf das Recht zu feiern, provoziert und dabei die Scheuklappen als modisches Stilmittel heraufbeschwört. Für alles, dass abseits im toten Winkel verkommt.

Die Sehnsucht nach feiern und freier Fahrt

Mit ihrer Nummer 1 Hit-Single The Impression That I Get spielten sich die Hardcore-Punks mit angeschlossener Blaskapelle The Mighty Mighty Bosstones 1997 nicht nur auf die Siegertreppchen internationaler Charts und verewigten sich in den Liederbüchern von Marschkapellen weltweit, sondern schrieben einen Song, der in das Jahr 2021 passt, wie das kitzelnde Teststäbchen am Frontallappen. Für genius.com erklärte Songwriter und Sänger Dickey Barrett, was ihm zum Verfassen des aufmunternden wie melancholischen Textes bewegte. Die Beerdigung des Bruders eines engen Freundes war der Anlass, der ihn dazu brachte, über das sprichwörtliche Klopfen auf Holz, die Erkenntnis, dass er in seinem Leben bis dahin ziemlich viel Schwein hatte und es immer jemandem gibt, dem es noch dreckiger geht als einem selbst zu singen. Da brüllte er stimmlich noch wie Lemmy von Motörhead und Ben Carr swingte auf der Bühne wie ein junger Gott zu einem energiegeladenen Sound, welcher sowohl Hardrocker als auch Freunde des ordinären Radioempfangs begeisterte.

Auf When God Was Great ist von alledem nicht mehr allzu viel übrig, und das wäre okay, wenn es sich musikalisch und lyrisch nicht um einen vermeintlichen Schwanengesang der Gruppe handeln würde. Ein Rezept aus Jammerei, weil heutzutage die Hüfte wehtut, privilegierter Corona-Quengelei und trägen Tracks, die noch die ein oder andere Geschichte auf Lager haben, aber niemanden mehr wirklich auf die Tanzfläche zerren, keine wirklich ausgelassene Stimmung aufkommen lassen und einen passiv-aggressiven Beigeschmack verbreiten, der einen den unangenehmen Streit um die letzte Packung Spaghetti ins Gedächtnis ruft, welcher gerne und längst in Vergessenheit geraten hätte können. Der Song I Don’t Believe In Anything, in welchem Barrett leidig versucht, einen anarchistischen Ansatz als Mittelweg zwischen Regierungsgegnern und Moralaposteln zu etablieren, wirft nicht nur klanglich einen Blick zurück, sondern verweist im Musikvideo auf jenes von The Impression That I Get. Schöne Einsätze der Bläser und ein treibender Chorus machen ihn zum Glanzstück des Albums, was ebenfalls daran liegt, dass der Rest weit dahinter abfällt. Lonely Boy erfreut mit einem unkomplizierten Reggae-Charakter, doch tritt den Zuhörenden so sachte in den Hintern, dass sich kein anhaltendes Gefühl eines plötzlichen Auftriebes einstellen mag. Die Singles The Killing of Georgie (Part III), die ein leidig patriotischer Weckruf an die Bevölkerung der USA ist, jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen und The Final Parade, welche mehrere Gastauftritte berüchtigter Ska-Musiker aufweist und ein Abgesang auf die großen Momente und Errungenschaften der Szene sein soll, sind so kitschig, dass sich eine Angst davor breitmacht, man könnte in Zukunft einmal aufgefordert werden, engagiert mit zu klatschen. Auch die ausgebügelte Produktion von Rancid-Frontmann und Hellcat-Record-Inhaber Tim Armstrong trägt ihren Teil dazu bei. The Truth Hurts ist thematisch ein Revival des Bosstones-Tracks The Rascal King (ebenfalls Let’s Face It, 1997), in welchem ein zwielichtiger Typ besungen wird, der zwar kein feiner Kerl war, aber immer seinen eigenen Weg gegangen ist und sei es drum – denn gerade deshalb kannten sie alle seinen Namen. Es ergibt sich der Anschein, dass Dickey Barrett, welcher sich ab dieser Stelle und im Vergleich zu damals anhört, wie ein spätabendlicher Talk-Show-Moderator, der auf süffisante Art und Weise sein Programm gesanglich für die Zuschauer interpretiert, selbst gerne so ein Halunke wäre. Den Vogel schießt er diesbezüglich durch den unauffälligen Song It Went Well ab, in welchem er ein strapaziöses Zoom-Meeting mit einem Freund besingt, dem er mitteilt, dass er nicht in Angst lebe und sein Gesprächspartner sich äußern dürfe, wie er es für angemessen halte. Jene Person könne sich seiner Freundschaft sicher sein. Genug! Genug von den trotzigen Klagen gegen das aktuelle Heimspiel und die Freiheitshasser, die vielleicht und auch nur vielleicht mit ihrer Vorsicht schlichtweg, dass ein oder andere Krankenbett auf der nächstgelegenen Intensivstation freischaufeln wollen. Zumal von denen, welche es in der Krise am schlimmsten getroffen hat, auf When God Was Great gar nicht erst die Rede ist in den mehr als vagen Parolen von Barrett, die alles und nichts bedeuten können. Auch nicht in den Songs, die ungenannt bleiben, weil sie blass innerhalb des erwähnten Spektrums versanden. Denn die Leute wollen raus aus der Stadt und clubben und auch Klubs müssen überleben. Doch dieses Album wird voraussichtlich nicht mehr dazu beitragen, als das vorbildliche Verhalten der Menschen, die ihre Maske im zwischenmenschlichen Nahverkehr gewissenhaft über der Nase tragen, nachträglich zu belächeln und alberne Fragen aufzuwerfen (Decide, Intro), die derzeit nicht einmal ausgebildete WissenschaftlerInnen mit einhundertprozentiger Sicherheit beantworten können. The Mighty Mighty Bosstones kommt zugute, dass mit einem fähigen Saxofonisten und zusätzlichen Posaunisten alles automatisch etwas positiver klingt. Dann lieber noch einmal auf Holz klopfen, The Impression That I Get in Dauerschleife abfeuern und möglicherweise sogar mit den FreundInnen zusammen via Videoschalte zelebrieren, denn nicht jeder hat gerade den Luxus, diese Chance zu ergreifen.

#TheMightyMightyBosstones #TheImpressionThatIGet #Remastered
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get (Official Music Video)

Easy come, easy go, easycore: an interview with Meet Me In Lavender Town

Yeah, right, let’s all move on with the false certainty that albums like Four Year Strong’s It’s Our Time (2005) and The Wonder Years’ Get Stoked On It! (2007) never happened. With their extra punchy basslines, bouncy breakdown rhythms, and sassy vocal delivery, comforted by spacey keyboard sections that would get you off the ground in no time. Like New Found Glory has always been just another pop-punk band without that guaranteed special ability to make crowds jump at least fifty percent higher than the folks in other, less fun places. No! It´s time to face it. The grand age of easycore might be over and that one band member rocking the synthesizer has disappeared from the scene like the cocoa content in Ferrero’s Nutella over time, but there is neither use nor need in shutting the party down just yet if you can keep it going. Yes, I am talking to YOU. Do not think I cannot see you in front of the screen banging your head, reminiscing Set Your Goals’ smash hit Mutiny! from 2006. Plus, there are always passionate people fighting for a good cause. You simply need to pay attention. Releasing two EPs and a couple of crossover cover songs in 2020, UK digital music composer Dominic G. Coulon alias Meet Me In Lavender Town enchanted with a sound that already was more than a simple compromise to the video game influenced popcore community. In his very own stylistic comfort zone between acts like Sky Eats Airplane and Enter Shikari Coulon showed a promising amount of potential to set the bar for metal associated Nintendo rock once again a little higher. In wake of the recently published debut album, An Inconvenience At Best Meet Me In Lavender Town does not only let the pixelated side of the coin shine brighter than ever before but implements a fresh and addicting wave of emo-pop elements that burst of nostalgia and rub the sleep out of one’s tired eyes alike.

Hi Dominic, thank you so much for taking the time to chat about your project. Your LP is out now – since May 12th, 2021 to be exact. This just happened, in the middle of it all, a time where artists are struggling to keep their heads above the water and stay functional. How are you feeling about that?

Hey, thanks for having me and I hope you are doing well! Honestly, music has been my saving grace throughout the pandemic. I live alone and there are times when I drive home at 5 on a Friday and do not speak until I get to work on Monday morning. At times it is bliss, and at others, it is hell. Making music helps me to control that; gives me a reason to talk to people on my own terms (collaborators, other artists, fans) and something to occupy me. I woke up last night with a song stuck in my head and could not get back to sleep, so I sat and wrote it out, and by the time the sun came up, it was finished. It is distracting and if you are lucky, cathartic.

When I checked in on Bandcamp a while ago and found out that you put your early works on private, not knowing a full album was in the making, I was worried. Excited by the joy I felt experiencing this substantial take on a genre that somehow seemed to rot in a kind of unpleasant meme limbo for a while. Was that part of getting a clear head in the progress of producing an upgraded material?

Well spotted! You have hit the nail on the head. I have only been producing my own music since late 2019, and it has been such a huge learning curve both in writing, performing, and producing/mixing – a lot of it was based on what I felt a nintendocore song should sound like, and not what I felt my songs should sound like. I felt the old material did not best represent where I am at now, so when I started writing this record in December and released the Coffee Breath teaser, I took everything else down. This is what I am proud of, and if nothing else comes of this band, it is what I want to be remembered for.

An Inconvenience At Best takes me back harder than nine out of ten former records that were meant to hold the virtues of pioneering artists of the Myspace era high. The cover, the perfect relation of catchiness to lethargy (“We Speak To The Inventors Of Dogs”), the heavy interludes (‘Connecticutthroat’ and ‘Across The Arid Sea’) – it is all there. Speaking of origins, I would put my hand into the fire, guessing your first EP Dungeoncrawler was mainly inspired by UK post-hardcore reinventors Enter Shikari (in the best way). What was the fundamental vision for your debut like, which has a rather unique feeling to it?

I love the Enter Shikari connection, I had never really thought about it but yeah, I think there was a decent amount of influence from them on the first EP (especially being a synthy post-hardcore band from South England), alongside Bubblegum Octopus. I am glad you are reminded of the Myspace era too because that is exactly the kind of nostalgia I try to capture.

Like all nintendocore, Grand Battle by Monomate was a huge influence on An Inconvenience At Best, especially before I put guitars on it. I got really sick of playing the guitar after being in bands for so many years, so after the first EP, I omitted guitars from everything I did for like, a year. I have a black metal project which I started in lockdown and writing and producing those songs helped me to appreciate the sonic space that the guitar fills, so maybe 2 weeks before the release of An Inconvenience At Best, I recorded some guitar parts and I think it helped me to shape the album into a legitimate easycore record instead of a pure nintendocore nostalgia trip. The focus shifted and legendary bands like Can’t Bear This Party and Chunk! No, Captain Chunk! as well as current bands from my scene like Got Item and Unicorn Hole became my influences. I listen to way more poppy chiptune these days, too, like 🙂 and I have been really into this band Hey, ILY recently, who I found thanks to James from Blind Equation (whose music is some of my favorite in the scene). I wanted the record to be something I would like to listen to and play live now, but would still hold up in a few years, so I focused on melody more than previous releases.

I like the overall upbeat tone and at the same time underachieving vibe a lot. It does not come off as put on or pathetic, but honest and personal.

“Come hell or high water Don’t think of the future” – Hell Or High Water

“After three more days I realized it’s warmer if you close the door After three more days, I thought I might be done for” – If you Close The Door

Please point out a specific verse or song yourself, that hit home emotionally during its recording.

‘Across The Arid Sea,’ while loosely based on a video game, is pretty deep. A lot of the album is about letting the past die, and that song is kind of a reflection on mistakes – ‘is there time for atonement?’ with the undertone of ‘salvation can be found between the stirrup and the ground.’ I guess not many people will pick up on that since the vocals are all screamed. It is a different speed to the rest of the album, it is frantic and anxious, reflecting my own worries about not making the most of life, especially during a time where we couldn’t even leave our homes and I was seeing so many people do great things.

The upbeat, downtrodden tone of the whole album I think just reflects who I am as a person. People in my professional life always tell me how calm and patient I am under pressure when inside I am actually constantly internally screaming. I want others to feel calm and happy and want to spread positive messages that people can crucially still relate to, although I am very self-deprecating in a relatively lighthearted way which makes it often seem like a joke. I am glad it comes across as sincere!

You have been supported by two guest musicians. Eric Krolak can be heard on the song Okay and the venerable Unicorn Hole took part on If We Don’t Learn From History Channel, We’re Doomed To Repeat History Channel. How did you guys come together? Any shoutouts you would like to add in this regard?

When I started to listen to nintendocore again after years away from the scene, Unicorn Hole was one of the first artists I discovered. He did a collaborative EP with Go:Eskimo, who is an old friend of mine, when the new Animal Crossing game came out that caught my attention – his vocals on that sounded killer so I went back and listened to a bunch of his discography and got hyped on nintendocore again. Later we both played in an internet project called The Halloweekend, so I guess we were aware of each other and he was gracious enough to reply to my DM. Eric is one of those hard-working guys who have such a professional approach to music, and he came onto my radar only recently – he does all these super emotional, stripped-back covers on YouTube which are thoughtfully produced, and the outcome is breathtaking. I respect his hustle so much. I wrote Okay, like, the day before I released the album, and messaged him probably around 6 pm – by 8, I had his vocals in my DAW, and they were flawless. I appreciate that work ethic.

The only other shoutout I have is for Laurence Crow, who did that beautiful artwork that you have already mentioned. We go way back, both having played in local bands as teenagers and he has now established himself as like, a legend of artwork in the pop-punk community here. He has such a distinct and vibrant style which fits so perfectly. It was an honor to have him on board.

Meet Me In Lavender Town, the name gives it away, is also a tribute to your love for video games. Also, the cover of An Inconvenience At Best is like a messy shrine of easter eggs with a giant Link sitting enthroned in its center. I love the Nintendo Game Boy indefinitely. So, I understand. Surprisingly, your playlist is mostly self-referential and not a random bulk of nerd-ish references, one would anticipate which I think is charming. Was that a conscious decision?

Totally, I love retro video games and the aesthetic, and while I littered previous releases with references to video games (I am pretty sure every song on Earthcaller was about a different video game), AIAB was very much focused on real-life experiences with occasional hints at fantasy references. ‘Geek Chic’ is a really obvious ode to RPGs, and ‘Transcend Credits’ is about playing DnD, but all of these songs really focus around approaching mental health and relationships under the veil of nostalgia or escapism or fun pop culture references – the references are there but they’re definitely a secondary thing, and I certainly didn’t want it to be like “well, this is the Zelda song, and this is the Metroid song, and this is a song about Kirby or whatever.” That has been done. ‘Okay’ is about Parks and Recreation, which I have been re-watching. I do like to hide little pop culture references in my lyrics, and there are at least a few that I have not mentioned so far, so I will be very impressed if anyone can spot one!

What is your go-to artifact of gaming and what might be an upcoming pop cultural theme, that fans will possibly encounter sooner or later, in an MMILT track?

I am not much of a gamer these days, and I think most of my contemporaries in the NXC scene would be ashamed, but I have put in more hours on Skyrim than any other game, for sure – I have a couple of Game Boys, but they are used solely for making music. I like cute little dungeon crawlers that remind me of the Legend of Zelda, and I have been playing Crypt of the Necrodancer so much recently. There has been at least one Zelda reference on each release I have done so far! I would love to do a concept release fixated around one game and have been trying to think about how an Ecco the Dolphin themed EP might sound…

I have this very distinct memory of being on a school trip a decade ago, browsing through a music magazine inside the bus, and reading an interview with the infamous keyboard player Josh Lyford, explaining why he is leaving Four Year Strong. My reaction was instant: “No way! That sucks!” Seeing them live before, witnessing how very much he completed the show. Like Ben Carr dancing for The Mighty Mighty Bosstones. Rise or Die Trying (2007) would not have been the same influential record without him. Predictably the release following his departure was … okay. You have overcome the transformation from straight-up nintendocore of the demo days to a way more developed songwriting in the power-pop vein so well. Of what further importance is and will be the experimental bit composing to you and your project?

I was exactly the same when Josh left Four Year Strong – Rise or Die Trying is one of my favorite records of all time, and I don’t think they ever surpassed its legendary status.

I try to keep things fresh. I think I have always shied away from verse/chorus composition and even where there are obvious choruses on this record, I tend to avoid too much repetition. It is not really a conscious decision though at this point. I would like to experiment with different synths – I have recently started using hardware and I am excited to explore that on the next record. I still do not think I have found the peak of my sound, so I guess I will just keep trying to make a record that sounds perfect in my ears.

Traditionally the artist is ending the interview. Please let the internet know, what needs to be known conclusively about Meet Me In Lavender Town and what might be up next.

Um, the new album is pretty good, and it’s on Spotify, Apple Music, Bandcamp, etc., and I’m working on remastering a selection of the old demos and songs that didn’t make the album. I am gonna try to play some live shows when it is viable, and I might make some physical media to accompany the release, but the lovely thing about kind of regressing to a Myspace state of mind is how casual everything is. I will take it as it comes.

„Die wollen doch nur protestieren!“: eine neue bürgerliche Mitte und ihre Haltung

„Politik ist der Kampf um die rechte Ordnung.“ – Otto Suhr (1950)

Konfrontiert mit aktuellem Bewegtbildmaterial von der Karnevalsfront der regierungskritischen Wuttouristen, auch Querdenker-Szene genannt, ist es schwer, von der Hand zu weisen. Die Versessenheit durch die Befeuerung von ziellosen Ausschreitungen die eigens durchgebrannten Gemüter der Republik zu befrieden, hat längst französische Ausmaße angenommen. Schallender Beifall ist jenen sicher, welche die Verdächtigungen über die wahren Strippenzieher hinter Virus und viraler bevölkerungsfeindlicher Medienmache endlich einmal aussprechen. Das Kinderblut in der morgendlichen Kaffeetasse von Hillary Clinton, akribisch abgezapft von Tech-Terrorist Bill Gates, der nahezu nebensächlich die verheerende Entstehung einer globalen Pandemie bewerkstelligte und das alles komfortabel abgewickelt vom Hauptquartier der elitären Superbösewichte: Gesundheitsminister Jens Spahns kürzlich erdreisteter und vollständig mit Vitamin B betriebener Berliner Nobelhütte.

Das Ich im Querdenken

Wer wagt es, diesen bewegten Massen Einhalt zu gebieten? Den Grundgesetz-Gondolieres und Ruderinnen, George-Orwell-Verstehenden und in Regenbogenfahnen gewickelten Thor-Steinar-Modells, heute gekleidet in luftigen Oberteilen einer historischen Friedensbewegung, die nur das beste für dieses Land und ihre Mitmenschen einfordern. „Die wollen doch nur protestieren!“ So lautet die einfühlsame Beschwerde an linksgrün-versiffte Radikale, welche es riskieren, die, verglichen mit der Eroberung des Weißen Hauses ihrer amerikanischen Genossen des rechtschaffenen Zornes, schambehaftete Stürmung des Bundestages im Angesicht schäumender Münder als möglicherweise überspitzt zu betiteln. Doch es ist genug. Um es mit den Worten des neuen US-Präsidenten Joe Biden zu sagen, welcher sich vor kurzer Zeit zu einem erneuten Attentat durch Waffengewalt in South Colorado und einer diesbezüglichen Erwirkung strengerer Gesetze äußerte: „Enough, enough, enough.“ Wer nicht begreift, dass die Einschränkung persönlicher Freiheiten zur Sicherung eines friedlichen Miteinanders beiträgt, der sollte noch einmal im Kindergarten anfangen und sich dort belehren lassen. Oder beim ADAC. Du darfst die Straßen dieses Staates nutzen, sofern Du dich im Auto anschnallst. Ohne geht es nicht und außerdem ist es zu Deinem Besten. Danke Volvo für die Erfindung des Dreipunkt-Sicherheitsgurtes. Doch bei einer medizinischen Maske, wie sie in asiatischen Lebensräumen aus Respekt gegenüber den Mitmenschen zur häuslichen Grundausstattung gehört, ist der Spaß vorbei und erst recht bei einer Ausgangssperre, die das gesellige aufeinander Hocken im stickigen Kulturgut Partykeller verhindert. „DDR-DIKTATUR!“ Wer so etwas brüllt, hat die bürgerliche Mitte verlassen oder gar neu erfunden.

Guerilla-Gartenzwerge im Anmarsch

Nach Gauck fordert nun Wagenknecht das Reden mit Rechten ein. Entschuldigung. Denen, die dazwischengeraten sind. So heißt es nun richtig, wenn man sich an Initiativen wie #allesdichtmachen orientiert. Doch der Welpenschutz ist Geschichte. Todeslisten deutscher PolitikerInnen, körperliche Gewalt gegen JournalistInnen und Reichskriegsflaggen vor dem Parlamentsgebäude. Orwell fand in seinem dieser Tage oft zitiertem Buch 1984 die Worte: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei, vier ergibt.“ Doch mit rationalem Verhalten haben die Taten der Protestierenden, welche selbst für den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor dem Einfluss der Alternative für Deutschland in das Extrem einer potenziellen „Corona-RAF“ fallen, nichts mehr zu tun. Nun wurde bekannt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Personen und Teile der Querdenker-Bewegung beobachtet. Der 1964 in Dresden geborene Schauspieler und öffentlich in Kritik geratene #allesdichtmachen-Initiator Jan Josef Liefers sagte hinsichtlich der Unruhen: „Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten.“ Jenen, die sich jedoch lediglich um die psychische Gesundheit ihrer Liebsten sorgen, die grausige Tapete daheim nicht mehr ertragen und die Rückkehr des wöchentlichen Streuselkuchenessens an Omas Küchentisch herbeisehnen, sei angeraten, sich an den Krawallen des verfassungsfeindlichen Pulkes nicht zu beteiligen und sich anderweitig den Frust von der Seele abzuarbeiten. Ansonsten könnten die Festanstellung, die weiße Weste des anständigen Bürgertums und die Anerkennung im Freundeskreis bald in Gefahr sein – und dieses Mal zu Recht.

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/die-gefahr-einer-terrorzelle-besteht-extremismusforscher-beunruhigt-ueber-wachsende-gewaltbereitschaft-bei-querdenkern/27140028.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.spiegel.de/kultur/allesdichtmachen-jan-josef-liefers-verteidigt-aktion-ulrike-folkerts-raeumt-fehler-ein-a-87bdb82e-1fe5-492d-a68b-e74f12c33335

https://www.welt.de/politik/deutschland/article224044124/Corona-und-Sicherheit-Markus-Soeder-warnt-vor-einer-Corona-RAF.html

Just Cause 2 und die Leere des Extremismus

Der Körper eines Mannes bricht durch die dichte Wolkendecke über einer paradiesischen Insel. Er befindet sich im freien Fall. Schätzungsweise wird er in wenigen Sekunden aufschlagen und einen hässlichen roten Fleck an einer schönen idyllischen Stelle hinterlassen. Eine Szene, die sich liest, als würde sie in diesem Augenblick für eine Menge Groschenromane niedergetippt werden, doch sie ist real. Das heißt, virtuell real oder wie auch immer man das nennen kann. Mein Name ist Robert Rodriguez. Ich bin Hauptcharakter des Videospieles Just Cause 2 und als Agent für den amerikanischen Geheimdienst AGENTUR im Einsatz. Momentan befinde ich mich mehrere Hundert Höhenmeter über der indonesischen Insel Panau. Mein Kontaktmann Tom Sheldon hat mich mit seinem Helikopter ein bisschen weiter oben rausgelassen. Ich bin nicht lebensmüde, sondern gehe einfach gerne Risiken ein. Was erreicht man schon im Leben, ohne Risiken einzugehen? Ich sage Ihnen man kommt auf jeden Fall nicht so schnell in das Gebiet, in dem man Chaos anrichten soll. Ob ich grade Chaos sagte? Das haben sie richtig verstanden. Als Argent ist es weder meine Aufgabe, Cocktails zu trinken, noch der Queen den Allerwertesten zu pudern, sondern Unruhe zu stiften, um die bösen Jungs und Mädels aufzuscheuchen. Die USA machen sich sorgen, weil der Typ, der wie eine Marionette für sie getanzt hat, vom neuen Typen, der jetzt die Zügel in der Hand hält, kalt gemacht wurde. Der neue Diktator hat so gar nichts für den American Way of Life übrig und deshalb soll er als Nächstes dran glauben. Da komme ich ins Spiel. Leider ist es nicht so leicht, wie es sich erzählen lässt. Auf der Insel gibt es hartnäckige Konkurrenz, rebellische Gruppen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Da wären die Reapers, ein eifriger Haufen erzmoralischer Kommunisten, die rechtskonservativen Hitzköpfe von den Ular Boys und noch so eine Bande, deren Namen ich vergessen habe. Mit den ersten beiden konnte ich mich anfreunden. Zwar bedeutet das, dass ich ab und zu unter ihrer Fahne für Ärger sorgen muss, doch auch, dass sie mir im Gegenzug Informationen verschaffen. Was das Ganze jedoch erst so richtig kompliziert macht, ist, dass auch andere Nationen ihre Finger in diesen brennenden Honigtopf namens Panau stecken wollen. Japan, China und Russland fördern jeweils eine dieser Organisationen, weil es hier irgendwo eine ganze Menge Öl geben soll, was auch Amerikas Einschreiten erklären dürfte. Immer der gleiche Scheiß. Das ist schon ein merkwürdiger Job, an den ich da geraten bin. Ich meine so ganz allgemein. Terror verbreiten, um die Welt zu retten. Ich hab mal daran geglaubt. Bei dieser Sache zählt nur, dass der Preis stimmt. Vielleicht kaufe ich mir davon eine eigene Insel, auf der es keinen Tropfen Öl gibt. Just Cause 2 sieht fantastisch aus. Angefangen beim Wasser bis zu den leuchtenden Städten bei Nacht und den mit Schnee bedeckten Bergen. Ich wette, man kann die Hitze in den Wüstengegenden spüren, selbst wenn man sie nur vor dem Bildschirm erlebt. Was fehlt ist, der Sinn. Täglich begebe ich mich auf Raubzüge, zerstöre Militärstützpunkte, Flughäfen und liefere mir Schusswechsel mit lokalen Regierungstruppen. Ob für die Linken oder Rechten interessiert mich mittlerweile nicht mehr. Die Einzigen, an die ich noch denke, das sind die NPCs, deren Tankstellen und Wassertürme ich in die Luft jage. Dabei sind die armen Hunde nicht mehr als Bauernopfer in diesem Schachspiel von Despoten und ich fange an, an sie zu denken, weil ich auf der Stelle trete. Ich brauche verdammt noch mal mehr Punkte, damit die nächste Quest freigeschaltet wird, doch ich zerbombe Dorf für Dorf und mache so gut wie keinen Fortschritt. Ich fühle mich müde und verbraucht. So langsam fange ich an, mir meine eigenen Abenteuer auszudenken, um wenigstens ein bisschen Spaß bei der Arbeit zu haben. Das fällt mir aufgrund der unzähligen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umwelt nutzbaren Fahrzeuge und Objekte sowie dem ausgezeichneten Flow des Gameplays leicht. Sobald ich innehalte, bleibt davon jedoch nichts. Kein Ziel und keine Aufgabe, nur eine Insel, auf der ich lieber Urlaub machen würde, als sie zu zerstören. Was bleibt, ist die Leere des Extremismus.

American Football (1999), KRLMRX und das Ende des Sommers

„Es gibt nur eine Medizin gegen seelisches Leiden, den physischen Schmerz.“ – Karl Marx

Wir schreiben das Jahr 2020 und mehr als zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit American Football, bestehend aus den Musikern Steve Holmes, Steve Lamos und Mike Kinsella, mit ihrer ersten gleichnamigen LP (es sollten später zwei weitere selbstbetitelte Langspielplatten folgen), einen unverkennbaren Meilenstein des Emo-Rock-Genres kreierten. 1999, das war das Erscheinungsjahr von solchen Erfindungen wie Bluetooth 1.0, Apples iBook und der Science-Fiction-Hit The Matrix kam in die Kinos. Diese Dinge konnten einen Nerd schon sehnsüchtig auf einen Blick in die Zukunft werden lassen. Doch wenn mich ein/e Zeitreisende/r dieser Tage fragen würde, was heute einfacher geworden bzw. bezeichnend für unser Leben ist, dann würde ich ihr oder ihm antworten: nichts fühlen. Der technische Fortschritt hat für genügend Ablenkung gesorgt, um den Herzschmerz alter Tage nahezu komplett auszurotten. Der heiß geliebte Partner hat Schluss gemacht? Siri, spiel Last Christmas. Ständig Langeweile und zudem keine Motivation? Smartphone raus zum Daddeln. Was zu sagen, aber keinen Gesprächspartner? Google öffne Twitter! Nein, echt mal, wie sind die Menschen damals mit ihrem Gefühlschaos umgegangen, als es noch schwerer war, den Kopf völlig auf Leerlauf zu stellen. Trigger für Glücksgefühle gibt es mittlerweile genug, wenn nicht zu viele. Was früher nur das Glücksspiel schaffte, wurde längst durch die Videospiel-Branche ad absurdum geführt und feierte einen gleichermaßen glorreichen Einzug in das Reich der sozialen Medien. Dopamin ballern, bis die unterdrückte Depression die Oberhand gewinnt. Denn wir können nur das nicht vermissen, an das wir nicht wieder erinnert werden, hängen alle an derselben Nadel. Was ist mit unseren seelischen Schmerzen? Deren Verarbeitung kommt einfach zu kurz. Denn wir sitzen nicht mehr einfach nur da und heulen uns die Seele aus dem Leib, wenn die Liebe den Hinterausgang genommen hat, sondern schauen schnell auf Tinder vorbei, um die negativen Empfindungen zombifiziert weg zu swipen. Scheiß auf Tom, heißt es dann, solange der Akku noch Saft hat. Lernen uns wieder lebendig zu fühlen, das ist eine harte Nummer und geht nur durch Abstinenz, dadurch die Tränen auszuhalten und wenn es bedeutet, mal eine ganze Nacht nicht schlafen zu können. Für alle, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, bietet sich American Footballs Debüt, als Mutprobe an. Zu beschreiben, warum sich diese Platte genau dafür eignet, funktioniert nicht ohne Prosa. American Football (1999) ist die vertonte erste Liebe, die so intensiv war, aber nicht für immer seien sollte. Sie ist der Gedanke daran, sich von allem vertrauten zu verabschieden, weil das Herz weiß, dass es Zeit ist loszulassen. Hier geduldig zuzuhören, das bedeutet in den Erinnerungen an schöne Momente zu schwelgen, die wie eine alte Speicherkarte langsam zu zerfallen drohen, wenn wir es nicht schaffen, sie irgendwo anders zwischenzulagern. Es sind diese 9 Songs, die das Versprechen geben, dass alles wieder gut wird, wenn wir nicht mehr so emotional sind. Das wir stärker sein werden, nachdem wir es zugelassen haben, dass sich unser seelisches Leiden in physische Schmerzen transformiert. Und dass es weiter geht, auch wenn nun klar ist, der Sommer endet.