Konkurrenz für den Game Boy Color: Wie gut ist der Nintendo-Klon von KongFeng?

Der Game Boy Color von Nintendo, das mutmaßlich bekannteste Relikt und Entertainment-System der 90er-Jahre. Schutzheiliger des Spaßfaktors auf langen Reisen und noch heute einer der beliebtesten Handhelds aller Zeiten. Er eroberte die Welt mit einer bekannten, effizienten Formel: Zocken to go, zu jeder Zeit und überall. Als Nachfolger des klassischen Game Boy bot dieser nach seiner Erscheinung im Jahre 1998 endlich Gaming in bis zu 56 Farben. Im Gegensatz zu seinem grauen Vorgänger, dem Pocket-Modell ähnlich, erlangte der Name des Gerätes zudem durch eine bunte Bandbreite an optisch unterschiedlichen Editionen einen Status als gefragtes Sammlerobjekt. Darunter kultige Gehäuse wie die lila-transparente Ausführung Atomic Purple und die ausschließlich in Japan und Australien erhältliche Neotones-Ice-Aufmachung. Lange bevor die Produktion des Game Boy Color 2003 eingestellt wurde, waren geschäftstüchtige Nachahmer bemüht, mit billigen Kopien an seinem gigantischen Hype mitzuverdienen, die außer vorinstallierter Raubkopien von namhaften Spielen jedoch wenig zu bieten hatten. Die Visionen eines richtigen Nerds sahen da anders aus.

Obwohl das Original seine Fans damals wie heute mit seinen herkömmlichen Features beglückt, gibt es noch immer gute Argumente für das Interesse an einer fortgeschrittenen Neuauflage. Der klassische Game Boy Color dürfte den meisten beispielsweise nicht als Licht am Ende des Tunnels in Erinnerung geblieben sein. Geschweige denn ein Licht auf Autofahrten durch einen Tunnel. Sein Bildschirm war in Relation zu artverwandter Technik nahezu düster und bei Tageslicht nur im richtigen Winkel wirklich brauchbar gewesen. Trotz einer gewohnt hochwertigen Verarbeitung und über X Millionen verkaufter Einheiten war selbst den stolzen Schöpfern bei Nintendo klar, dass ein Nachholbedarf bestand. Kuriose Konstruktionen wie ein Lampen-Lupen-Aufsatz sollten das Spielerlebnis vergolden, doch transformierten die geliebte mobile Konsole mit ungelenken Extras vielmehr in Frankensteins Monster. Die Lösung lautete somit: Augen zukneifen und durch. Der ebenfalls 1998 veröffentlichte Game Boy Light hatte zwar endlich einen beleuchteten Bildschirm, bot jedoch keine Farbwiedergabe und ist dieser Tage aufgrund seiner Seltenheit verhältnismäßig kostspielig. Durch eine kurze Recherche im Internet und einen Druck auf den Bestellknopf soll das Spielen bei schlechten Sichtverhältnissen Vergangenheit sein. Einen modernen Gegenspieler zu Nintendos Smash-Hit liefert derzeit die chinesische Firma KongFeng und verspricht eine sogar verbesserte Unterhaltung durch technische Updates gegenüber der gealterten Qualitätsware des großen Urgesteines der Videospiel-Szene.

Vergleich und Test

Auffällig ist, dass der sogenannte GB Boy Colour etwas größer als sein sowohl geistiges sowie haptisches Vorbild ist. In seiner Verarbeitung unterscheidet dieser sich visuell allerdings kaum. Die Select- und Start-Buttons sind exemplarisch beim KongFeng-Modell ebenfalls aus Plastik und nicht aus einem anderweitigen synthetischen Material gefertigt. Doch ein Eindruck verschärft sich, sobald die Kopie in festen Händen liegt. Obwohl der Game Boy Color Nintendos ein klein wenig schwerer in der Hand liegt, fühlt sich das KongFeng-Produkt überraschenderweise in seiner Gesamtheit robuster und wertiger an. Das breitere Gehäuse bietet insbesondere für Erwachsene eine bessere Griffigkeit und schafft einen Pluspunkt für die Retro-Fans der älteren Generation. Technisch setzt der Handheld auf einen neuen Front-Light-Screen und so steht es geschrieben: bis zu 32.000 Farben. Die Betriebsfähigkeit sichern zwei handelsübliche AA-Batterien, wie es schon beim N-GBC der Fall war. Die Bildqualität des Doppelgängers ist staunenswerterweise großartig für eine nachempfundene Konsole zu einem günstigen Preis von 35 Euro. Die Spiele werden nicht farbecht, doch angenehm hell und augenscheinlich ansprechend wiedergegeben. Ferner funktioniert jedes getestete Nintendo-Modul problemlos. Die 8-Bit-Sounds erklingen laut und klar. Darüber hinaus bietet der GB Boy Colour eine kostenlose Auswahl von 66 klassischen Spielen wie Super Mario Land, Dropzone und Contra.

Der GB Boy Colour von KongFeng wird online von einer Fülle unterschiedlicher Händler vertrieben. Eine ärgerliche Abwertung ergibt sich nach einer ein- bis zweiwöchigen Testphase, die das gelieferte Produkt ohne eine maßgebliche Fremdeinwirkung außer Betrieb abschloss. Das ist besonders schade, da der Color-Klon im neuwertigen Zustand zu 100 % überzeugen konnte und aufzeigt, dass beim althergebrachten Design auf die ein oder andere notwendige Wohlfühl-Charakteristik verzichtet wurde. Vor diesem Hintergrund behält Nintendos ewiger Game Boy Color die Oberhand und verdient sich die wahre Liebe seiner Bewahrer aufgrund seiner Beständigkeit und den mit ihm assoziierten gemeinsamen Spielerfahrungen in einer Zeit, in der ihm keine andere portable Konsole das Wasser reichen konnte. Wer mehr will, ist daher gut beraten, mehr zu zahlen und sich beim Bastler seines Vertrauens ein individuell glanzvoller gestaltetes Einzelstück produzieren zu lassen.

Klein, aber oho: 7 beachtliche Death-Metal-EPs

Unter dem Radar brodelt es. Ein mutiger Griff in die heiße Underground-Brühe tat in Wirklichkeit gar nicht weh und wurde mit ein paar exzellenten Kurzspielern aus dem Schwermetall-Lager belohnt. Hier sind sie. Sieben Death-Metal-EPs, die euch den Tag versüßen werden.

Vaelmyst – Earthly Wounds EP

In LA gibt es nicht nur arbeitslose Schauspieler und rivalisierende Straßen-Gangs, sondern obendrein echte Metalheads. Vaelmyst stehen auf Earthly Wounds für Growls aus heiserer Kehle, Mid-Tempo-Thrash-Riffs und symphonische Tonfolgen. Thematisch formiert sich mit diesen Zutaten ein skurriles Klangbild, das sowohl Horror- als auch Stage-Dive-Atmosphäre verbreitet. Melo-Death-Sympathisanten greifen zu. Alle anderen auch.

„In darkness and tongues She will speak for eons If to these words you succumb, all will be undone“

Fallujah – Nomadic

„Herr Ober, das geht nicht, da ist zu viel Gefühl in meinem Metal!“

Tja, was solls, Fallujah sind halt wahre Exoten. Sie setzen auf einen Mix aus Death-Metal und Ambient. Wer auf ausgedehnte und entspannende Klangpassagen in seiner Leibspeise aus gutturalem Gesang und harten Trommelschlägen steht, wird an Nomadic viel Freude haben. Vor allem Post-Metal-Fans sollten sich hier unbedingt mal an die härtere Gangart trauen. Leider ist bereits nach drei Tracks Schluss. Umso mehr dürstet es einen danach einmal in die restliche Diskografie der Band einzutauchen. Spoiler: Sie ist es wert.

„Wanderer upon the dead sea Nomad in this barren land. Worlds away, my heart is gone Take my desperate hand“

Engulf – Gold and Rust

Gold and Rust ist ein Shout-out an alle Brutalo-Metaller und Zweit-EP des Ein-Mann-Projektes Engulf. Gerockt wird hier im Zeichen von deftig slamigen Riffs, die von höllischen Vocals mit ordentlichen Gore-Einlagen begleitet werden. Traditionalisten und Jünger von Vorreitern des Brutal-Death-Metal, wie Suffocation und Origin, drücken ohne Umwege auf das Play-Dreieck.

„Crushed beneath clenched fists of hate Smashed The maul will obliterate MAULED All will feel my rage MAULED Beneath my tread the earth will quake“

Chugga Ritual – Belial

Metal-Fans und -Musiker finden sich in jeder Ecke der Welt. Chugga Ritual ist eine Ein-Man-Kapelle aus Singapur, welche mit ihrem Sound zurück in die gute alte Zeit blickt. Keine geleckte Produktion, gemächlich und unkompliziert. Die EP Belial ist eine Reise in die 80er, als noch Genre-Dinosaurier wie Pestilence und Asphyx, den Ton angaben. Die Macht des THRASH ist definitiv mit diesem Release. Zudem geben die authentischen Lyrics dem Ganzen ein interessantes Gewand. Show ‚Devil Horns‘ to pay respect!

„Lo, behold Mount Belial Eden’s unwanted child Lo, behold Mount Belial Sinai of the vile“

Monotheist – Genesis of Perdition

Genesis of Perdition ist ein düsteres Tech-Death-Brett, das von den Florida Men Monotheist stammt. Anfangs eingeleitet von einem melancholischen Geigenspiel, rollt die düstere Prog-Walze ab dem zweiten Track Subzero unerbittlich alles nieder, was ihr in die Quere kommt. Den aufmerksamen Hörer erwarten große Melodien und Knochen-zerbrechende Growls.

„Sold my soul to have yours in the palm of my hand I will crush your heart You will grow another I will ask for nothing Add another tally“

Blame – Dark Eyes

Make gravity blasts great again! Wenn es um Schnelligkeit geht, macht den Ukrainern von Blame keiner was vor. Ihr Sound lässt sich am treffendsten als eine Mischung zwischen Cryptopsy und Nile beschreiben. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Für Fans von: Blast Beats und Sturmböen artigen Riffs. Funfact: Niles Ausnahme-Drummer George Kollias ist mittlerweile Mitglied der Band.

„…“

Enigma – Stars Misaligned EP

Enigma bieten mit ihrer Auslegung von technischem Death-Metal das Beste aus allen Welten. Das scharfe Kreischen und tiefe Gurgeln, welches durch das Mikrofon hallt, formt im Echo die Worte Trevor Strnad (The Black Dahlia Murder). Auch die Melodien der Gitarren haben einen skandinavisch-melodischen Touch, doch könnten ebenso gut von Necrophageists Epitaph geborgt sein. Im Hintergrund wird das Ganze von trocken abgemischten Drum-Blasts begleitet, die den Songs nicht nur Geschwindigkeit, sondern ebenso die angemessene Brachialität verleihen (Misery Index, anyone?). Letztendlich ziehen Enigma trotzdem ihr eigenes Ding durch und schaffen einen starken Mix zwischen Heldenverehrung und eigener Note. Stars Misaligned ist ihre bis dato einzige Veröffentlichung. Bummer!

„I find no difference between man and the rest of the biosphere but behold ourselves atop only due to our desire… desire to dominate!“

Lage der Gaming-Nation: ein Interview mit Sandro Kreitlow von Rocket Beans TV

Die Videospielkultur ist ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft geworden. Niemand kann sich ihrer äußerlichen Wirkung entziehen. Die Entwicklungen innerhalb ihrer Industrie formten zudem schon immer ein interessantes Spiegelbild des Weltgeschehens. Doch selbst für einen jungen und engagierten Follower der Massenmedien ist es nicht einfach, den aktuellen Status quo umfassend zu reflektieren. Was geht eigentlich in der Daddel-Szene ab, während die Welt nur noch einen Pixel von der nächsten Krise entfernt zu sein scheint? Sandro Kreitlow (Ex-Joiz, -Giga), ist Redakteur und Moderator beim ersten deutschen Internet-Fernsehsender Rocket Beans TV. Durch seine langjährige Erfahrung im Unterhaltungsjournalismus weiß er genau um die derzeitige Lage der Gaming-Nation Bescheid. Ich freue mich sehr, ihn zu diesem Interview begrüßen zu dürfen.

Hi Sandro, first things first. Vielen Dank für deine Zeit. Wie ist die Lage bei dir?

Hey Björn, erstmal danke für die nette Anfrage! Die Lage ist super. Der Akku ist wieder bei 100 Prozent – dank einer Woche Urlaub inklusive Handy-Abstinenz. Kann ich übrigens jedem mal empfehlen – eine Woche lang weg sein, ohne permanente Reizüberflutung durch Informations- und Benachrichtigungsoverload!

Wenn wir der pessimistischen Sensationspresse Glauben schenken können, befinden wir uns grade mitten in der Apokalypse. Hat die internationale Verunsicherung rund um Trump, Brexit und Flüchtlingsdebatte eigentlich einen direkten menschlichen bzw. wirtschaftlichen Einfluss auf die Videospiel-Industrie?

Ich bin da leider auch immer eher auf der pessimistischen Seite, was aber weniger mit der Sensationspresse zusammenhängt als mit Sci-Fi-Werken wie Black Mirror, Mr. Robot oder Cyberpunk-Romanen wie der Neuromancer-Trilogie. Vor allem im Cyberpunk-Genre findet man immer wieder Parallelen zu der heutigen Realität, was sehr erschreckend ist. Was den direkten inhaltlichen Einfluss angeht, tun sich Videospiele da noch etwas schwer, auch wenn es hier einzelne fantastische Titel wie Bury me, my Love gibt. Tendenziell wünsche ich mir aber, dass sich mehr Entwickler wagen, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen.

Ich glaube, dieser Mangel an solchen Titeln hängt damit zusammen und da wären wir beim menschlichen Einfluss, dass viele Konsumenten von Unterhaltungsprodukten wie Videospielen einfach abgelenkt werden wollen – purer Eskapismus eben.

Beim wirtschaftlichen Einfluss muss man da natürlich unterscheiden. Inwiefern das Trump-Amerika oder die Flüchtlingsdebatte die Games-Wirtschaft wirtschaftlich beeinflussen, kann ich nicht sagen. Aber natürlich hat der Brexit immense Auswirkungen auf die Videospiel-Industrie. Die britische Spieleindustrie ist – wie jede andere – eine auf den Export fokussierte Industrie, die ihre Produkte weltweit verkauft. Das wird sich zwar durch den Brexit nicht ändern, aber wenn ich daran denke, wie international Entwicklerstudios aufgebaut sind, wird es durch den Brexit künftig schwieriger, diese Arbeitskräfte zu halten und neue Entwickler-Talente aus dem Ausland zu engagieren. Wenn Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt ausgeschlossen wird, fallen für die britischen Studios immense Visa-Kosten für die eigenen Angestellten an.

Der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt jr. ist ein gern gesehener Gast bei euren Kino-Formaten wie Kino+ und Film Fights. In seinem YouTube-Video zum Action-Horror-Streifen The First Purge bemängelt er, dass alle in Hollywood nach cineastischem Widerstand schreien, aber niemand wirklich den Mumm hat, den US-Präsidenten durch den Kakao zu ziehen. Es gibt satirische Spiele wie Wolfenstein 2, dass sich eine futuristische NS-Zeit vor die Brust nimmt oder das gepriesene Detroit: Become Human, dass eine Dystopie zeigt, in der die Androiden von der Menschheit versklavt werden. Kontrovers kann man das vielleicht nennen, aber Hitler kann sich auch nicht mehr über seine Darstellung als debiler Tattergreis beschweren. Siehst du Parallelen oder unterscheiden sich die beiden Industrien, wenn es gesellschaftskritisch wird?

Ich sehe die Parallelen insofern, dass beide Industrien sich schwertun, gesellschaftskritisch zu werden – besonders Videospielmacher, da sie mehr eigene fiktive Welten schaffen, bei denen es schwieriger ist, gesellschaftskritisch oder gar politisch zu werden. Auch wenn sich vor allem unabhängige Entwicklerstudios in diese Richtung trauen, sehe ich im AAA-Bereich immer mehr Parallelen zum mutlosen Hollywood. Mir ist bewusst, dass Videospiele dem Spaß, Eskapismus und – im Falle von kompetitiven Titeln – Wettbewerb dienen. Aber ich finde es fatal, dass sich Entwickler wie Massive Entertainment (The Division) und die Ubisoft-Studios (Far Cry 5) ausdrücklich davon distanzieren, auch nur ansatzweise politisch zu werden.

Wie es auch anders gehen kann, zeigt CD Projekt Red. Laut den polnischen Entwicklern soll Cyberpunk 2077 genauso politisch werden wie die Vorlage. In meinen Augen ist das auch unvermeidbar, wenn ich an das Genre denke, aber selbstverständlich ist es eben nicht – siehe Detroit: Become Human, in dem David Cage zwar gesellschaftskritisch und politisch sein will, aber dabei wie ein Elefant im Porzellanladen vorgeht. Da schon The Witcher 3 tiefgründige Themen wie Rassismus und Ausgrenzung mit genug Feingefühl involvierte, bin ich zuversichtlich, dass CD Projekt Red auch in ihrem kommenden Titel subtiler vorgehen wird als die Kollegen von Quantic Dream.

Weitere Paradebeispiele wären da Grand Theft Auto und das von dir bereits erwähnte Wolfenstein 2, auch wenn beide Reihen das Ganze natürlich immer überspitzen. Vielleicht ist aber genau das der richtige Weg im interaktiven Medium, statt politische Ideologien mit der Brechstange zu verbreiten. Und anhand des Erfolges von GTA 5 sehen wir ja, dass gesellschaftskritische Inhalte eben nicht abschreckend sind für Konsumenten.

Aber es gibt in meinen Augen eben nach wie vor zu wenige solcher Titel. Neben dem Eskapismus-Faktor glaube ich, dass Produzenten da einfach eine große Rolle spielen. Schwer zu sagen, wie die großen Publisher der Branche genau aufgebaut sind an der Spitze. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass sich unter den Investoren und Produzenten hier und da auch einige Trump- Unterstützer befinden. Und anhand des Kaepernick-Protests in der NFL sehen wir ja, wohin das Ganze führen kann: Weil in der Football-Liga leider zu viele Trump-Unterstützer an der Spitze der Franchises agieren, ist die Karriere des ehemaligen 49er-Quarterbacks traurigerweise vorbei… Ich weiß, der Vergleich hinkt hier etwas, aber was ich damit sagen will, ist: Kreativen Köpfen sind in solchen Konzernen oftmals die Hände gebunden.

Schwarzmalerei gehört für mich einfach nicht in die Tagesnachrichten. Die zunehmende Verrohung und die verstärkte Sexualisierung unserer Gesellschaft scheinen jedoch zwei spezifische Thematiken zu sein, die einer Aufklärung bedürfen. Gibt es aktuelle Veränderungen in der Gaming- Szene, die auf diesen Problemen basieren?

„Die bösen Computerspiele“ wurden ja schon sooft der Verrohung angefochten. Und natürlich gibt es Müll-Produkte wie Hatred, die komplett auf Verrohung setzen. Zu 99,9 Prozent sind wir über diesen Punkt aber bereits hinaus. Auf der anderen Seite gibt es hier und da vermehrt Spiele, die genau solche komplexen Thematiken beinhalten. Das sind aber oft Titel, die (zu Unrecht) unterm Radar stattfinden wie Papers Please, Orwell oder der Nachfolger Orwell: Ignorance is Strength.

Und was die Sexualisierung betrifft, hier macht die Gaming-Branche seit Jahren endlich Fortschritte, wie ich finde. Leider ist das zwar immer noch etwas schleichend, wenn ich mir anschaue, dass Assassin’s Creed erst im elften Jahr seit dem Bestehen der Reihe eine weibliche Protagonistin als spielbaren Charakter einführt. Auf der anderen Seite sind da aber toll geschriebene weibliche Charaktere wie Senua (Hellblade), Aloy (Horizon: Zero Dawn), Lara Croft (Tomb Raider) oder Max (Life is Strange). Hier geht es auf jeden Fall in die richtige Richtung, anders als in Hollywood traurigerweise…

Kommen wir zu was Schönem. Euer Team von RBTV hat die diesjährige gamescom in Köln mit einem starken Aufgebot an Präsentationen und Live-Events richtig gerockt und sogar das Messe-Fernsehen produzieren dürfen. Ich habe es live über euren Stream verfolgt. Was war die wichtigste Neuigkeit, die du vom Event mitgenommen hast?

Es war echt eine ganz besondere Erfahrung, die gamescom mit diesem wilden, kreativen Haufen und mit den netten Fans vor Ort zu erleben, um gemeinsam die Videospielkultur zu feiern. Ich bin da auch sehr dankbar, das miterleben zu dürfen. Die wichtigste Neuigkeit, die ich mitgenommen hab, war direkt mein erster Termin der Messe bei CD Projekt Red und ihrem Cyberpunk 2077, auch wenn die fast 1-stündige Behind-closed-doors-Demo ein paar Tage nach der Messe veröffentlicht wurde.
Endlich zu sehen, mit welch einer Ideenvielfalt und Liebe zum Detail dieses Spiel entwickelt wird, war fantastisch. So richtig viel Neues gab es darüber hinaus aber kaum zu sehen. Vieles fühlt sich wie Recycling oder Resteverwertung der E3 an. Daneben wurden zwar auch The Dark Pictures Anthology, Desperados 3 und die Siedler angekündigt, viel mehr aber auch nicht. Wir hatten ja das Glück, dass die Entwickler mit ihren Spielen zu uns kamen. Dadurch konnte man zumindest tiefer in die Materie gehen und den journalistischen Ansprüchen gerecht werden. Kollege Ilyass hat das beispielsweise mit Pete Hines im Budi-Büro fantastisch gemacht. Ich persönlich konnte sehr viele Neuigkeiten aus meinen Terminen zu Darksiders 3, Hitman 2 und der tollen Indie Arena Booth ziehen.

Wie hat dir das Publikum gefallen? Hat sich etwas bei den Vorlieben oder Ansprüchen der jährlichen Besuchermassen getan?

Ich habe das Gefühl, dass sich die gamescom immer mehr zu einer Community-Messe entwickelt, was per se nicht schlimm ist. Wenn aber dadurch die Spiele in den Hintergrund gerückt werden, ist das doch sehr schade. Klar, für viele ist die gamescom nach wie vor die Chance, zum ersten Mal Hand an die neuen, noch nicht erschienenen Titel zu legen. So wie ich das aber wahrgenommen habe, wird immer mehr Besuchern bewusst, dass es sich kaum lohnt, sich für eine Video- Präsentation oder eine 20-minütige Demo stundenlang anzustellen. Stattdessen hängen sie gemeinsam abseits der üblichen Publisher-Stände ab, um einfach eine gute Zeit mit Freunden zu haben. Denn die gamescom bietet mehr als das. Die gamescom feiert einfach die Popkultur rund um Video- und Computerspiele. Da wäre vor allem die Indie Arena Booth als entspannte Location abseits des Trubels sehr zu empfehlen – hier stellen kreative Hobby-Entwickler und kleinere Studios aus aller Welt ungezwungen ihre Konzepte und Demos vor, die man ohne Warteschlangen anspielen kann. Essen und Trinken ist außerdem kostenlos. Was für eine tolle Atmosphäre!

Die im Moment am meisten erwarteten Spiele kommen soweit ich weiß, aus dem Ausland. Da wären z. B. das von dir genannte Mammut-Projekt Cyberpunk 2077 vom polnischen Entwicklerstudio CD Projekt und Red Dead Redemption 2 von den Nordamerikanern Rockstar Games. Was hältst du zurzeit von unserer deutschen Homebase, von den Entwicklern und Publishern? Haben wir einen guten Stand auf dem internationalen Parkett?

Die deutsche Videospiel-Landschaft ist leider weit entfernt von Titeln wie Cyberpunk 2077 und Red Dead Redemption 2. Das hängt aber nicht damit zusammen, dass wir hierzulande keine fähigen Entwickler haben, sondern unter anderem damit, dass die Fördergelder – im Vergleich zur Filmindustrie – nach wie vor ziemlich mau sind. Mit der Crysis-Reihe war man nah dran, solch ein Level zu erreichen. Doch Crytek hat bis auf der CryEngine und den beiden VR-Titeln seitdem nicht mehr viel zu bieten. Von Hunt: Showdown erwarte ich zumindest nicht viel…

Ich treffe immer wieder deutsche Entwickler, die bei internationalen Studios untergekommen sind und deswegen im Ausland leben. Wenn man direkt zu den Nachbarn nach Frankreich (Ubisoft, Dontnod, BigBen, Focus Home Interactive, Ivory Tower, Quantic Dream) schaut, hinken wir hierzulande extrem nach. Daedelic Entertainment entwickeln zwar tolle Spiele, bedienen damit aber doch leider eher eine Nische. Zu den größten Studios zählen Blue Byte, InnoGames und Bigpoint, aber die fokussieren sich eben auf Mobile- und Browsergames, die ihre ganz eigenen Märkte bedienen. Und so sehr man Piranha Bytes schätzen mag, sie entwickeln mit 25 Leuten seit Gothic 1 das gleiche Spiel in anderen Settings, haben sich also kaum weiterentwickelt. Es scheint echt schwierig zu sein, in Deutschland eine profitable Spiele-Schmiede auf die Beine zu stellen.

Ich habe aber die Hoffnung, dass Ubisoft, die inzwischen auch in Düsseldorf, Mainz UND Berlin sitzen, hierzulande Einiges auf die Beine stellen wird. Stand jetzt hat die deutsche Spieleentwicklung aber einiges aufzuholen.

Als Zocker, der der Daddel-Szene vor allem aus Jugendzimmer-Nostalgie erhalten bleibt, frage ich mich manchmal, wo das alles hinführen wird. Werden wir in 100 Jahren, wie es ein zugedröhnter Elon Musk formulieren würde, in die Spielekonsole gesaugt? Was ist deine Vision für die Zukunft des Gamings vor einem soziologischen Hintergrund?

Ich war mal großer Elon Musk-Fan und bewundere seinen Werdegang und all das, was er geschaffen hat. Aber inzwischen kann ich nicht mehr alles nachvollziehen, was er von sich gibt. Er hat aber schon mehrmals erklärt, dass er an die Simulationstheorie glaubt. Das heißt, er sieht enormes Potenzial in der virtuellen Realität, menschliches Leben und die Natur ununterscheidbar von echtem Leben zu simulieren. Der Entwicklungsprozess, den wir anhand von Videospielen gerade erleben, könnte seiner Meinung nach bereits in der Vergangenheit abgelaufen sein, sodass wir gerade in einem von Milliarden hypothetischen simulierten Universen leben. Die Erklärungen klingen plausibel, sind mir aber doch etwas zu weit hergeholt.

Meine Vision für die Zukunft des Gamings ist eine andere. Ich glaube, dass Augmented Reality die Welt so sehr verändern wird, wie es das Internet oder auch die Einführung des Smartphones getan haben. Ich dachte ehrlich gesagt zwar auch, dass Virtual Reality enormes Potenzial auf dieser Ebene mit sich bringt. Tut es auch, und vorstellbar ist auch eine Art zweites virtuelles Leben wie in Ready Player One. Aber der Mix aus echter und virtueller Welt ist zugänglicher – Pokémon Go ist erst der Anfang! Ich vermute, dass sowohl Microsoft (HoloLens) als auch Apple da bereits große Pläne schmieden.

Verrate uns bitte, was bei euch Raketenbohnen in der Mache ist. Gibt es spannende Projekte oder Pläne, mit denen du uns zum Abschluss heiß auf RBTV machen möchtest?

Ich würde dir gern anstehende Projekte verraten, aber da sind mir leider doch etwas die Hände gebunden. Was ich dir definitiv sagen kann, ist, dass die Neue Deutsche Abendunterhaltung inkl. interessanten Gästen endlich wieder zurück ist und auch ein tolles Gaming-Format in die zweite Staffel geht. Darüber hinaus stehen nach den erfolgreichen Sendungen zu „Firewall: Zero Hour“ weitere VR-Projekte an, auf die ihr euch freuen könnt. Uns ist zwar bewusst, dass VR nicht immer besonders schön anzusehen ist als Zuschauer, aber wir arbeiten daran, die Spiele mit Beiträgen und anderen Inhalten etwas aufzumotzen. Außerdem geben wir uns weiterhin Mühe, im Game Talk aktuelle Spiele zu analysieren und über News und Trailer in wechselnder Besetzung zu diskutieren. Seid gern dabei!

Danke für deine Ausführungen und weiterhin viel Erfolg für die Zukunft!

Danke dir für das Interesse und die tollen Fragen. Bis bald!


Es kam aus der Sneak Preview #1: Asghar Farhadis Offenes Geheimnis

Todos lo saben (frei übersetzt: Alle wissen es) ist das erste spanischsprachige Werk des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, der außerdem das zugrunde liegende Skript verfasste. Bei den Dreharbeiten stand dem versierten Cineasten eine prominente Auswahl an fähigen Akteuren zur Verfügung. Zum sechsten Mal spielen hier Penélope Cruz und Javier Bardem zusammen vor der Kamera. Außerdem Teil der Hauptbesetzung: Ricardo Darín, der seinen großen Durchbruch 2000 mit der argentinischen Komödie Nine Queens feierte. In der deutschen Fassung lautet der Filmtitel Offenes Geheimnis. Mit seiner Geschichte um einen Elefanten im Raum versucht Farhadi den Spagat zwischen sozialkritischen Beobachtungen, multilateralem Kammerspiel und aufreibendem Thriller.

Familienzusammenkunft mit Folgen

Ein Uhrwerk. Es scheint alt zu sein. Schwergängig setzt es sich in Bewegung. Die Kamera richtet sich auf das dazugehörige Ziffernblatt. Es ist kaputt. Eine Taube fliegt durch eine zerbrochene Stelle nach draußen. Vermutlich handelt es sich im Ganzen um einen Kirchturm. Szenenwechsel. Close-up auf ein paar Hände. Eine Person zerschneidet Zeitungsartikel, auf denen Bilder von Kindern zu sehen sind. Szenenwechsel. Wir lernen Penélope Cruz in der Rolle von Laura kennen, die in einem Auto mit ihrem kleinen Sohn, ihrer jugendlichen Tochter und ihrer Schwester Anna anreist. Annas Hochzeit im spanischen Heimatdorf ist der Anlass für eine große Zusammenkunft ihrer Verwandtschaft sowie jener ihres Bräutigams. Laura ist vor Jahren mit ihrem Ehemann nach Argentinien ausgewandert. Dieser ist nicht zugegen. Während die Trauung vorbereitet wird, treffen die Familienmitglieder in den folgenden Aufnahmen aufeinander. Auch Lauras Jugendliebe Paco, verkörpert von Javier Bardem, ist zu Gast. Die Vermählung wird schnell abgehandelt. Im Laufe der anschließenden Feier ist Lauras Tochter Irene unpässlich. Sie verlässt in Begleitung ihrer Mutter das Geschehen, um sich in ihr Bett zu legen. Als diese noch einmal nach ihr sehen will, ist Irene verschwunden. Für alle Beteiligten beginnt eine dramatische Suche, die neben Hinweisen auf ihren Verbleib schwerwiegende Zerwürfnisse zwischen den Angehörigen ans Licht bringt.

Drama und Irrwege

Offenes Geheimnis präsentiert sich als Kriminalgeschichte, die eine spanische Familie zwischen glücklichen Augenblicken und abgründigen Intrigen zeigt. Das Verschwinden von Irene, dargestellt von Carla Campra, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Thematik erinnert zuweilen an den vorangegangenen Genre-Erfolg Prisoners (2013) und grenzt sich im Wesentlichen durch sein Reisekatalog konformes Setting einer iberischen Provinz und der dargebotenen Lebensrealität ihrer Bewohner ab. Asghar Farhadi ermöglicht die Etablierung einer undurchsichtigen Spannung, welche von einer ruhigen Grundstimmung getragen wird. Darauf basierend gelingt es Farhadi leider nicht, den Zuschauenden die nötige Konzentration für seinen Mix aus Programmkino mit Hollywood-Glimmer abzuringen. Letztendlich bekommt ein jeder die Chance, ein bisschen von dem in Todos lo saben zu sehen, was er oder sie sehen will. Im Rennen um eine Gesellschaftskritik, Aufregung und der Hoffnung auf ein Happy End gewinnt auf diese Weise die Akzeptanz, das Geld und Politik nicht als empfehlenswerte Gesprächsthemen für ein seliges Beisammensein taugen. Trotz dessen ist das neue Werk von Asghar Farhadi eine lohnende Offerte für Hobbykriminalisten. Die kulturellen Aspekte des katalanischen Familienlebens werden unbestreitbar beschaulich inszeniert und erwecken eine sehenswerte Lebendigkeit der Schauplätze und Charaktere. Wer sich insbesondere an dem Element der Aufarbeitung eines spannenden Entführungsfalles verzehren kann und eine Schwäche für internationales Bewegtbild-Theater hat, dass mit Vorliebe außerhalb der Kulisse New York Citys stattfindet, wird sich an dem Unterhaltungswert Asghar Farhadis neuem Film Offenes Geheimnis durchaus erfreuen.

  • Für Fans von: Prisoners, Cruz und Bardem, Familien-Dramen
  • Regisseur: Asghar Farhadi
  • FSK: 12
  • Jahr: 2018
  • Länge: 2 Std. 12 Min.
  • Genre: Thriller/ Drama

New Wave of International Black Metal: Revoluzzer im Thronsaal

Black Metal ist in einem neuen Zeitalter angekommen. Tierkadaver dekorativ auf der Bühne zu platzieren ist out und Alben werden nicht mehr auf alten Nokia-Handys produziert. Das neue Schwarz ist bunt. Deshalb kommen jetzt sieben Bands, die frischen vergorenen Wind durch eure düsteren Gehörkatakomben wehen lassen werden. Macht mal Platz Emperor, tretet endlich zur Seite Mayhem – hier wird es unangepasst!

Deafhaven

Das Quintett aus San Francisco ist wohl eine der meist gehassten Black-Metal-Bands, seit Liturgy 2009 mit ihrem Debüt Renihilation das Scheinwerferlicht betraten. Ihr progressiver, transzendentaler Sound galt als Fake und Hoheitsbeleidigung an den Großmeistern der alten Schule. Heute kommt er bei vielen gut an. Bands wie Deafhaven, die eine Art Post-Black-Metal etablieren, führen das berüchtigte Erbe fort. Melodische Gitarren über minutenlangen Blastbeat-Passagen, sorgen dabei für eine träumerische und nicht selten hypnotische Grundstimmung. Ein Tipp für alle, die das für Blasphemie halten: Chillt mal bei einem Spin von DHs Sunbather!

GosT

Wo gehts hier bitte zum nächsten Dungeon-Rave? GosT zeigt euch sehr gerne den Weg. Hinter der Totenkopfmaske versteckt sich Dance- und Elektro-Komponist James Lollar, der seine Tracks schon seit seinen Anfängen mit Horrorelementen thematisiert. Auf seinem neuen Album Possessor ist eine starke Black-Metal-Note unüberhörbar. Par-tey und Black Metal? Klar, das passt – und es ist doch genial, beim nächsten Mal clubben nicht auf das eine oder andere verzichten zu müssen.

Zeal and Ardor

Schon mal was von Black-Black-Metal gehört? Das Musik-Projekt Zeal and Ardor vermischt Gospel und Black Metal und liefert damit eine wahrhaftig einzigartige Eigenkreation ab. Der Amerikaschweizer Manuel Gagneux rief Z&A um 2013 ins Leben, nachdem ein User bei einer Internet-Abstimmung beleidigend gefordert hatte, er solle Black Metal mit „n* music“ machen. Unbeeindruckt nahm er sich diesem verwerflichen Vorschlag an und erschuf diesbezüglich etwas Großartiges. Das Ergebnis sind Songs, die aus einer souligen Stimme, einschneidenden high-pitched Shouts und dem instrumentellen Wechsel zwischen Südstaaten-Grooves und Gitarrenwänden bestehen. Das Schlagzeug liefert je nach Bedarf tanzbare Rhythmen und Doppelbass-Attacken. In Deckung, Burzum-Fanatiker und Elite-Fuzzis! Zeal and Ardor nimmt keine Rücksicht auf Engstirnigkeit.

Neckbeard Deathcamp

Black Metal ist nur was für Alt-Rights? Traurigerweise ist dieses Vorurteil leicht voranzutreiben. Vor allem die Mitbegründer der skandinavischen Szene wie Varg Vikernes (Burzum, Ex-Mayhem) oder militante Konzept-Bands wie Marduk, sparen nicht unbedingt mit der Verbreitung von braunem Gedankengut. Neckbeard Deathcamp bestehen aus den Kunstfiguren Kriegmeister Hatestorm (Vocals, Piano, Noise, Production), Superkommando Uberweinersnitchel (Guitar, Bass) und Hailz Komradez (Drums). Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die vermeintliche Nazi-Connection zur Black-Metal-Szene ad absurdum zu führen und schaffen dies, indem sie vermeintlich genau diese repräsentieren. Am Ende geben jedoch Titel wie White Nationalism is for Basement Dwelling Losers und Quatsch-Lyrics die satirische Motivation des Trios preis. Ein Spaß für all jene, die sich mit rechtsextremen Musik-Fans weder in einem Topf sehen noch hören lassen wollen. Obendrein bieten Neckbeard Deathcamp einwandfreien, klassischen Black-Metal, der ohne Feinheiten auskommt und selbst alteingesessene Metalheads begeistern kann.

The Breathing Process

The Breathing Process aus Frankreich tischen symphonischen Deathcore mit einer ordentlichen Prise Black Metal auf. Der Salzstreuer liegt so gesehen quasi in der Suppe. Wem Darkthrone und Konsorten zu folklorig, rau und lo-fi sind, könnten TBP sehr gut schmecken. Im Gegenteil: Diese bieten brachiale Riffs, höllische Vocals, Highspeed-Drumming, sphärische Keyboard-Einlagen und das alles super tight produziert. Die Franzosen sind nicht nur was für Szene-Kids mit engen Hosen, sondern ein ernst zu nehmendes Hauptgericht.

Kvelertak

Wieso nicht mal vermoderte Kellerräume und Depri-Atmosphäre gegen ein ausgelassenes Biergelage mit Gang-Vocals eintauschen. Die Norweger Kvelertak stehen für feucht fröhliche Unterhaltung im Zeichen des Black n Roll. Nach unten geneigte Mundwinkel sind auf ihren Shows Mangelware. So viel Lebensfreude ist jedoch nichts für jeden todessehnsüchtigen Anbeter der Dunkelheit. Die Musik der Nordmänner vereint eingängige AC/DC-Riffs mit gequälten Schreien und verlegt damit Szene-Konzerte aus von Kerzenschein beleuchteten Nebelschwaden in schweißgetränkte Crowds, die sich selbst und das Genre feiern. Kommt das an? Eine internationale Fangemeinde, die jeden Song auf Norwegisch mit grölen kann, sagt ja.

Lumnos

Der bitterkalte Norden hat schon lange kein Copyright mehr auf das Black-Metal-Genre. Putrefactus ist ein junger, aufstrebender Musiker aus dem heißblütigen Brasilien, und weil es nur so viele Songs über das Niederbrennen von Kirchenhäusern und die Anbetung Satans geben kann, philosophiert er über die Natur, Spiritualität und den Weltraum. Lumnos schickt den Hörer auf eine atmosphärische Reise vorbei an der Venus und durch die unendlichen Weiten. Ein trippiges Klangerlebnis, vor dem sich kein Nachtschwärmer verschließen sollte.

Pizza, lange Nächte und Staatsgrenzen: 8x Pop-Punk im Kurzformat

Qualitativ herausstechender Pop-Punk ist heutzutage nicht mehr so leicht auszumachen, wie er es Anfang der 2000er war. Doch wer suchet, der findet. Ob ihr grade einsteigt, jemand anderem das Genre schmackhaft machen wollt oder einfach nach Platten dürstet, die euch im Alltag musikalisch beflügeln. Folgende Bands bringen euch den Sound von Pizza-Partys, langen Nächten und endlosen Fahrten im Van.

Life Lessons – What The Silence Meant

Life Lessons (US) aus Oklahoma bieten mit ihrer EP What The Silence Meant eine optimale Grundlage, um eine verlorene Liebe zu verdauen. Wär beim Erstkontakt an die bereits etablierten Genrehelden The Story So Far denken muss, liegt nicht falsch. Die Drums sind treibend, die Gitarren liefern eingängige Melodien und chrunchige Vocals fahren das Ding direkt aus dem Mittleren Westen in eure Gehörgänge.

„Maybe one day you´ll see, when you´re done with all the Boys you meet, that you fucked up and there´s no going back. No not this time.“

Seaway – All In My Head

2011 haben Seaway (CA) das Segel auf ihrem Van gesetzt und verbreiten seit dem auch international die Lehren des kanadischen Pop-Punks. Wer auf das ikonisch funkige Gitarren-Strumming und die locker und flockig vorgetragenen Vocals, der lokalen Szene steht, kommt voll auf seine Kosten. Soundtechnisch fahren Seaway darüber hinaus im Old-School-Modus. Wer Bands wie Simple Plan, Good Charlotte und Bowling For Soup schon zu ihrer Zeit feierte, darf sich auf vier neue Ohrwürmer freuen.

„Lately they say I´m trying too hard, but maybe that´s what I needed to get this far.“

Trophy Eyes – Everything Goes Away

Everything Goes Away bietet reichlich Bölkstoff für Raufbolde und Pit-Matadore. John Floreani (Sänger) röhrt wie Omas Kaffeemühle ergreifend über seine problematische Jugend, doch begräbt darunter keine einzige Emotion. Der Einfluss von melodischem Hardcore dominiert die knapp 14-minütige Pop-Punk-Platte dabei stark. Vergleiche zu Trophy Eyes (AUS) können zu Title Fight und den frühen Comeback Kid gezogen werden, aber auch zu modernen Urgesteinen des Genres wie The Wonder Years.

„I still can’t believe, my life came down to this, but it’s an eye for an eye and I’ve got nothing left to give.“

Youth Fountain – Youth Fountain

Bei Youth Fountain (CA) habt ihr eine Faust voll Melancholie und Herzschmerz zu erwarten. Die teils hymnenartigen Melodien und geshouteten Vocals gehen euch direkt an die Nieren. Spätestens bei dem Song Worried werden alte Telefonnummern rausgekramt, um vergangene Missverständnisse zwischen einst besten Freunden klarzustellen. Hervorzuheben sind zwei absolut fähige Stimmen und eine dynamische Gitarren-Schlagzeug-Kombi, die im Kontext an die guten Senses Fail erinnert. Emocore-Enthusiasten sollten hier mal genauer hinhören.

„I believed it was you and I know I moved on, we cut ties and we both grew. So why do I believe it? Believed it. I believed it was you.“

Living With Lions – Some Of My Friends Appear Dead To Me

Sowohl das Durchschnittsalter der Bandmitglieder als auch ihre musikalischen Vorlieben geben den Kanadiern einen Vibe, der nicht nur die jüngere Generation begeistert. Living With Lions bringen mit ihrer 3-Track-EP einen Soundtrack für Pizza-Partys und nachdenkliche Herbstspaziergänge zugleich. Vor allem die authentischen und ungezwungenen Vocals von Gitarrist und Sänger Chris Brenneman haben einen Wiedererkennungswert, welcher z. B. die großen Fountains of Wayne ins Gedächtnis ruft.

„Like a ghost, fair-weather, float over me like a feather, you were never really one of them, just scarred for attention.“

Like Pacific – Like Pacific

Okay, jetzt muss es raus. Was geht eigentlich in Kanada? Like Pacific sind nun schon die 4. Gruppe im Zeichen des Ahornblattes. Sie vertrauen auf ihrer selbstbetitelten EP wie gewohnt auf ihre Popcore-Wurzeln. Auf den Vorgängern Homebound und The Worst waren diese jedoch noch sehr viel präsenter gewesen. Dagegen ist allerdings nichts einzuwenden, da die fünf von Bass und Drums angeführten Songs ausgezeichnet als eine Mischung aus erwachsenem Punk mit Pop-Einflüssen funktionieren. Wer es nicht ganz so wild und dafür druckvoller mag, ist hier in sicheren Händen.

„You had your fair share of chances no second win, now I´ll lead by example.“

Acoustic-Double-Pack: Hit The Lights, „Just To Get Through To You“ & The Wonder Years, „Burst & Decay“

„Remind them that we exist, this place is not their own, the city’s our birthright, we’ll keep our fists tight, so they’ll know.“ – Hit The Lights

Zum Schluss kommen gleich zwei Schmankerl, die genau das richtige für ausgedehnte Abende am Lagerfeuer sind – und zwar mit oder ohne Pizza. Es geht um zwei Acoustic-EPs von Bands, deren Relevanz für das Pop-Punk-Genre nicht näher erläutert werden muss. Hit The Lights und The Wonder Years liefern jeweils sechs bis sieben ihrer bekanntesten Songs in der Kuschelversion ab. Den Herren der Schöpfung, die sich vor zu viel Romantik fürchten, ist Hit The Lights Kurzspieler zu empfehlen, der sich noch mehr auf das Highschool-Parking-Lot-Crasher-Image der Ohio-Boys bezieht. The Wonder Years Burst & Decay sorgt hingegen für die Dezimierung des Taschentuch-Vorrats und gibt eurem Herz die Starterlaubnis, mal wieder etwas schneller zu schlagen.

„I circled the airport a hundred times and tried to hide the fact that I was crying, I came in on the red eye, that’s why I look like this.“ – The Wonder Years

https://thewonderyears.bandcamp.com/album/burst-decay-an-acoustic-ep

Night In The Woods, Stress und das Hetzen durch Videospiele

Die Tage stand es in der Zeitung: Studenten sind zu gestresst. Wahrscheinlich liegt das am eigenen Erwartungsdruck. Das Mensa-Essen ist auf akademischen Erfolg getrimmt und eine Anwesenheitspflicht in den Hörsälen nicht in spürbarer Nähe. Wer eine Auszeit braucht, der kann hier und da eine Vorlesung versäumen. Als arbeitender Student weiß ich, dass das drin ist. Es sind wohl die offenen Fragen, die das psychologische Beratungsangebot an den Universitäten befeuern. Was fange ich später mit meinem Fachgebiet an? Bekomme ich nächstes Semester wohl endlich dieses verdammte BAföG? Et cetera. Bei diesen negativen Schwingungen sprießen schon einmal spontan zwei bis drei Magenschwüre. Zocken hilft mir dabei mental abzukühlen, doch gestern kam alles anders.

21.08.2018, früher Abend

Ich betrete die Wohnung und japse leise nach Luft. Körperliche Betätigung war in letzter Zeit kein Thema. Meine Hände fangen an zu kribbeln und ich sacke auf der Couch zusammen. Ich versuche tief in den Bauch einzuatmen und der rhythmische Entspannungsversuch schafft Abhilfe. Es ist vorlesungsfreie Zeit. Ein Segen nach der Klausurphase mit kombiniertem Umzug in Uni-Nähe. Zumindest in der B-Note gab es dafür die volle Punktzahl. Ich nehme am Küchentisch neben dem offenen Fenster Platz. Ich klappe den Laptop auf und öffne ein paar Tabs im Netz, um sie schnell wieder zu schließen. Es wird langsam dunkel. Alle Ambitionen des Tages liegen hinter mir. Steam jetzt den Ladebefehl zu geben ist absolut legitim. Ich drücke auf die linke Maustaste und starte ein Spiel. Es ist Night In The Woods, dass mit Hauptcharakter Mae Borowski, einer College-Abbrecherin, die eine Leidenschaft für Prokrastination hegt, wie ein Real-Life-Simulator auf mich wirkt. Ich starte in einem komischen Traum und lasse mich treiben, bis ich aufwache. Mir bleibt die Wahl, Bass-Gitarre zu üben, einen Blick in den Internet-Chat-Verlauf am Rechner zu werfen oder mich die Treppe herunter zu wagen. Ich entscheide mich für Letzteres und treffe in der Küche auf Mom. Sie fragt mich, was ich heute vorhabe und ich erzähle, dass ich mich mit alten Freunden treffen werde. Im Gegensatz zu mir sind die in Possum Springs geblieben, haben nach der Schule Jobs angenommen und führen ein unaufgeregtes Leben. Ich bin nach zwei Jahren an der Uni in meine Heimatstadt zurückgekehrt und lebe wieder bei meinen Eltern. In den Momenten, in denen ich vom Spiel abgelenkt werde, fröstelt es mich innerlich für einen Augenblick. Ich fange an mir Fragen zu stellen, wie: Wieso sitzt du hier und verschwendest Zeit, wenn du eine Hausarbeit zu schreiben hast? Wieso ist bei dir keine Familie in Planung? Du hättest mit deiner abgeschlossenen Berufsausbildung glücklich werden können oder nicht? Mein Bauch fängt an, wie die Höhle eines grollenden Yetis zu beben. Alles Quatsch, denke ich mir, ich habe genug Zeit, um drei Hausarbeiten zu schreiben und zwei Familien zu gründen und dieses eine Studium abzuschließen. Ich klicke mich erneut ins Spiel. Die Welt von Night In The Woods ist bunt und liebevoll gestaltet, doch die Themen sind erwachsen und manchmal schwer zu verdauen. Es geht um Todesfälle in der Familie, die Problematiken des Erwachsenwerdens, eine verlorene Jugend und die Frage, was das Wort ‚danach‘ bedeutet. Ich schlendere durch die Kleinstadt. Währenddessen spreche ich Teenager an, die mich mit 20 für uralt halten, treffe Bekannte, denen ich beichte, dass ich den ganzen Tag nur rumhänge, beste Freunde, die mir von ihren Zielen erzählen und fühle mich weit weg von alldem. Ich laufe los. Das Spiel lässt mir die Wahl, aber ich kann nicht anders. Mein Mindset verschmilzt mit der digitalen Welt. Erst letztens hatte ich einen spielbaren Albtraum, in dem ich mitten in der Nacht umher lief und mit einem Baseballschläger Neonleuchten und herumstehende Autos kaputt schlug. Ich bin wach und weiß nicht, wohin mit mir. Es gibt kein zurück. Ich klettere auf Dächer und balanciere über die Stromleitungen der Stadt. Aus dem Davonlaufen ist ein Rennen gegen die Zeit geworden. Auf einmal sind es nicht das aufgegebene Studium oder die Teenie-Dramen, die mich heimsuchen, sondern das Gefühlschaos und eine Sinnsuche, die in mir eine nicht zu bändigende Unruhe auslösen. Wie ein Zeitreisender, dessen Transportapparat nicht mehr funktioniert, irre ich durch die Gegend und versuche Dinge oder Gesichter ausfindig zu machen, die ich kenne. Im Untergrundtunnel treffe ich wieder die Kids, die lethargisch rumlungern. Sie suchen jemanden, der ihnen Alkohol kauft, aber Mae ist dafür grade noch zu jung. Mein Finger rutscht vom linken Stick ab und meine ganze Welt entschleunigt sich. Ich gehe ein paar Schritte, dann bleibe ich stehen. Was mache ich falsch? Wieso fühle ich mich wie lebendig begraben, wenn ich seit 2 Jahren den richtigen Weg suche? Scheiß auf Konformität, denke ich mir und weiß nicht, was die Alternative sein könnte. Ich stelle mir vor, wie sich Mae grade fühlen muss und trete den Heimweg zum Haus ihrer Eltern an. Dad sitzt vor dem Fernseher und bemerkt nicht, wie ich eintrete und mich auf mein Zimmer zurückziehen. Ich betrete den Raum und japse leise nach Luft. Bei der Wahl zwischen E-Bass und Internet-Chat entscheide ich mich auf dem Bett zusammenzusacken. Vielleicht ist es Zeit, eine ruhige Kugel zu schieben. Mall-Days are over. Ich habe Night In The Woods noch lange nicht abgeschlossen, aber bereits eine Lektion gelernt. Es ist okay, sich Zeit mit den Dingen zu lassen und nicht durchs Leben zu hasten. Schließlich ist NITW wie das Real-Life ein Abenteuer und was ist so eine Reise, bei der die Wow-Momente nur verschwommen vorbeiziehen, in deren Stille kein Platz für Reflexionen ist. Ich halte die gelbe Y-Taste des Controllers gedrückt, was bewirkt, dass das Spiel gespeichert wird und das Startmenü auf dem Bildschirm erscheint. Wie Mae, lege ich mich ins Bett und denke über meine Zukunft nach. In diesem Augenblick fühle ich mich sicher, im Hier und Jetzt.