Mayfield – Careless Love, LP-Review: das Herz bleibt zurück

Als Bindeglied zwischen Architects und Being As An Ocean präsentieren sich die sanften Rowdies von Mayfield aus Ottawa, Kanada, auf ihrer neuen Scheibe, als verspieltes Energiebündel. Carless Love (März 2019) ist die erste LP der aufstrebenden Band, die schon auf ihrer EP Hollow Embrace unter Beweis stellte, dass von ihnen zukünftig große Schritte erwartet werden dürfen. Ob sich die Explosivität ihrer Idee eines melodischen Metalcore auf eine längere Spielzeit übertragen lässt, hat sich nun gezeigt.

Auf Careless Love haben Mayfield keine Sekunde ungenutzt gelassen, um ihren Punkt klarzumachen. Gegensätze ziehen sich an. Auf farbenprächtige Melodien (Wes Lee) und ein ausgezeichnet ausgeführtes Shouting (Patty Tirrel), dass sowohl Höhen und Tiefen kennt, folgen ein engagierter mal klarer, mal geshouteter Backing-Gesang durch Zach Loates (Gitarre) und Brad Healey (Bass) und ein stets pointiertes Drumming (Zane Knight), welches von einfachen Drum-Rolls über den kreativen Einsatz des Double-Bass bis zu kurzen Blast-Beats in allen Belangen abliefert. In einem Interview erklärte die Band dies bezüglich:

„We collectively have a wide range of music that we listen to so we try to include all influences in the creating process. We don’t try to sound a certain way.“ – (das komplette Interview auf ottawashowbox.com)

Das hört man, denn gebündelt funktionieren diese unterschiedlichen Faktoren am besten. Zum Beispiel beim Einstieg mit „Do You Miss Me?“, wo sich melodiöse und dissonante Gitarrenpassagen die Hände reichen. In den Songs „Recovery“ und „My Heart Gets Left Behind“ sind besonders die Gesangsleistungen von Tirrel und Loates hervorzuheben, die jedem in den Arsch treten, der behauptet harte Musik und klarer Gesang gehören nicht zusammen. „Blossom“ und „Sleep Alone“ liefern der Crowd Refrains, die zum gemeinsamen Grölen einladen und zu keiner Zeit fehl am Platz wirken. Da sind das Interlude „The Missing Piece“, das sich im Gesamtkonzept musikalisch wohlig gut eingliedert und der Song „Blindside“ der durch eine Anlehnung an Mathcore-Riffs überrascht. Mit dem Titelsong „Careless Love“ klingt das Album ruhig aus. Ein passender Abschluss für eine LP, welche die Diversität aus harten und weichen Klängen so darzubieten weiß, dass man nicht anders kann, als sich von der hörbaren Power anfixen zu lassen. Loates sagte solarstr1ker.blog über die Motivation im Schreibprozess:

„We set out to write Careless Love with an intention to maintain a theme throughout the record. It’s not necessarily a concept album, but there’s a constant energy that’s carried from start to finish.“

Prädikat zur LP: Ambitionierter Post-Hardcore, der mehr ist als die Summe seiner Teile.

Living With Lions – Island, LP-Review: die dritte Gezeitenwelle

In englischsprachigen Kulturen heißt es: „Three time’s a charm!“ („Alle guten Dinge sind drei!“). So auch in der kanadischen Heimat, der um 2007 gegründeten Band Living With Lions. Seither sind zwei EPs und drei Alben ins Land gezogen, was beachtlich ist, wenn man sich die Laufbahn der nordamerikanischen Pop-Punk-Musiker zu Gemüte führt. Schließlich handelt es sich bei der jüngsten LP Island (September 2018), um die dritte Produktion mit einem neuen Frontmann. Nach Matt Postal, dessen Stimme auf Dude Manor und Make Your Mark (2008) zu hören ist und einem prominenten Ersatz durch Stuart Ross (ehemaliger Gitarrist bei Misery Signals, aktuell bei Comeback Kid), der für Holy Shit (2011) angeheuert werden konnte, steht nun Chase Brenneman hinter dem Mikrofonständer, der seit den Gründungstagen einen der Gitarristen-Posten ausfüllte. Auf Island feierte er somit seinen Einstand als Sänger, obwohl er bei den Aufnahmen im Studio mit einem nicht unerheblichen Handicap zu kämpfen hatte.

„Meine gesundheitlichen Probleme sind während der Aufnahmen entstanden. Ich habe mir einen Leistenbruch zugezogen und es hätte uns fast zehn Monate gekostet, bis ich nach meiner Operation wieder fit genug zum Singen gewesen wäre.“ (das komplette Interview unter ox-fanzine.de)

Hut ab vor dieser Leistung, doch sie ist nicht verwunderlich. Living With Lions waren schon immer anders als andere Pop-Punk-Bands. Nicht nur was ihre Attitüde und ihren Zusammenhalt angeht (die erste EP Dude Manor wurde nach einer WG der Gruppe benannt), sondern ihren Sound. Das Rohe ist, was sie ausmacht. Wenn man einen Living-With-Lions-Song hört, denkt man nicht an Highschool-Abschlusspartys, umgedrehte Snapbacks und Batik gefärbte Tank-Tops, sondern Biertrinken im Proberaum, ehrliche, aber schlecht bezahlte Jobs und Typen Anfang 30, die sich das Alltagschaos von der Seele spielen. Brennemans Stimme passt zudem wieder klasse ins Bild, wie es schon bei den Vorgängern Postal und Ross der Fall war, frei von der Leber und ungeschliffen.

Insgesamt klingt Island milder und erwachsener. Die richtige Mischung richtet es dieses Mal, die vielschichtiger ist als zuvor. Songs, wie „Second Narrows“, „Tidal Waves“ und „On A Rope“ trumpfen mit den vertrauten Punk-Beats und Mitsingmomenten auf, die ohne aufdringlich zu sein im Kopf hängen bleiben. Neben dem nett gestalteten Interlude und dem angenehm ruhig dahin plätschernden Track „Night Habits“ fügt sich der Rest der Songs positiv in dieses Klangbild ein. Instrumental mangelt es nicht an einprägsamen Melodien und ordentlichen Riffs. Lediglich als Fan der Band bekommt man an wenigen Stellen des Albums ein Blink-182-Foreshadowing, da soundtechnisch mit einem einfacheren, weichen Powerpop geliebäugelt wurde. Zudem gibt es bei den Lyrics Abzüge in der B-Note. Die sind zwar nicht schlecht und gut umgesetzt, doch drehen sich Song für Song rundum ein und denselben Trennungsschmerz. Inhaltlich war das schon einmal ausgefallener.

„It’s not the pushback, it’s the pull From another ordinary summer I think I finally had enough of this controversy“ – Another Ordinary Summer

Prädikat zur LP: Authentischer Pop-Punk für harte und sanft-rockende HörerInnen.

Birthright – Let Me Down Easy, LP-Review: die Erinnerung verblasst

Aus dem Boden, den die US-amerikanische Post-Hardcore-Bewegung The Wave (begründet von den Bands: La Dispute, Make Do And Mend, Defeater, Pianos Become The Teeth und Touché Amoré) Ende der 2000er mit ihrem frischen Sound für kommende Generationen bereitete, erhoben sich viele Newcomer (Birds in Row, The Saddest Landscape etc.), die sich in den folgenden Jahren von den experimentellen Ansätzen ihrer Musik inspirieren ließen. Für diese bestand eine Sehnsucht nach mehr Emotionalität und ehrlichen Gefühlen und weniger modischen Metalcore-Anleihen, mit denen erfolgreiche Szene-Bands wie Atreyu und Escape the Fate Bekanntheit erreichten. Dafür sollte es zurück zu den Wurzeln gehen, die von Vertretern der ersten Stunde, wie At the Drive-In und Drive Like Jehu ausschlugen.

Auf Let Me Down Easy (Juni 2018) ist der Geist dieses Aufschwungs allgegenwärtig. Dahinter stecken die Musiker von Birthright aus Baltimore, Maryland und vermitteln in 10 Songs gekonnt, was The Wave noch heute predigt. Es sind die tiefen gefühlvollen Texte, die harten Schreie, welche durch das Mikrofon hallen und die zärtliche Instrumentalisierung, welche zeigt das Post-Hardcore keine Breakdowns braucht, um weiter im Gespräch zu bleiben. Klassisch geht es auf Let Me Down Easy, um Beziehungsprobleme, all den Schmerz, der sich aus zwischenmenschlichen Erlebnissen ziehen lässt und die Erinnerungen an langsam verblassende, bald schon fremde Gesichter.

„I can hear your call In the distance As the wind blows The entire world Stood still Where is this beauty In my darkest days?“ – Light Of Your Love

Birthright spielen trotz ihrer starken melodiösen Einflüsse und gewohnt alternativen Rhythmen gerade heraus und sind nicht komplett verloren in dem, was sie durch ihre Musik vermitteln wollen. Diesbezüglich können Brücken zu den kanadischen Post-Hardcore-Helden Alexisonfire (vor allem stimmlich erinnern das Shouting und die klaren Gesangsparts an George Pettit und Dallas Green) und dem Melodic-Hardcore-Genre geschlagen werden. Let Me Down Easy ist somit sowohl eine Empfehlung für Veteranen als auch junge Fans der Szene.

Prädikat zur LP: Emotionaler Post-Hardcore, der sich an Stilistiken à la The Wave orientiert.

The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Formlessness, EP-Review: vom Gehen, Bleiben, Zurückblicken und nach vorne Schauen

The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die (die von hier an als T & I bezeichnet werden) starteten 2009 ihre musikalische Karriere, ohne das Wissen, dass sie sich durch ihren eigenen Stil innerhalb von wenigen Jahren zu einer der bekanntesten Bands der modernen Emo-Rock Szene entwickeln würden. Ihr poetischer Name passt trotz seiner gewagten Länge ungemein gut zu ihrem Gesamtkonzept, denn T & I stehen für die sensible Vertonung der großen existenziellen Fragen. Nach einer Demo im Jahre 2010, veröffentlichten sie mit genannter EP noch im selben Jahr ihr erstes professionelles Release. Formlessness erzählt in vier Songs eine Geschichte, in der es um das Erwachen in jungen Jahren geht, der quälenden Entscheidung zwischen gehen und bleiben und dem Moment, in welchem uns die Last nicht mehr so schwer vorkommt und wir uns endlos mächtig fühlen, als ob einem nichts was da noch kommt jemals erschüttern könnte. Es folgt eine theatralische Analyse.

Kapitel 1

Jeder kennt das Gefühl dieser Ohnmacht, der Kraftlosigkeit, wenn sich jede Anspannung der Muskeln vergebens anfühlt. So beginnt die Erzählung mit „Victim Kin Seek Suit“ auf dem Boden, wo sie nur so herumliegen, im dunklen und an einen guten Freund denken, der sich längst aus dem Staub gemacht hat [leise Gitarrenklänge im Hintergrund]. Er hat ihnen damit die Augen geöffnet, doch ihr Wille ist schwach, ihre Körper sind das Fleisch, dass sie, wie ein Anker, von neuen Taten abhält. Was wird jetzt aus ihnen? Sie bitten um Licht [plötzlich, ein orchestraler Aufschrei, sowohl Gitarre, Bass, als auch Schlagzeug sind hellwach]. In der Nähe steht ein Apfelbaum, wie ein offener Sarg. Er steht für all die Erlebnisse, all das was war, was es nun zu begraben gilt.

„Where are you and where have you run to? Where are you and why don’t you just come home?“

Kapitel 2

Es ist Zeit zu gehen („Gordon Paul“). Etwas Neues ist zu schaffen. Ein Heim findet sich in einem Haus, in dem für alle Platz ist [jazziges Gittarenspiel, entspannter Drum-Beat, unbeschwerter Gesang]. Dieses nächste Kapitel verbindet sie. Schon jetzt ist klar, dass es für immer ein Teil von ihnen sein wird. Sie sind die eigentlichen Wände, der Rest steht ihnen nur im Weg. Es bedarf einer Renovierung. Das Alte muss raus oder verbrannt werden [es herrscht Aufregung, chaotische Synthuntermalung, funkiges Riff, aus lethargischem Mitsummen wird ein hysterisches Schreien]. Sie haben keine Angst vor dieser Aufgabe, das reden sie sich ein, doch wenn es an der Tür klingelt, dann erschaudern sie. Es liegt Spannung in der Luft, die sie beflügelt. Dieses Haus hat nur darauf gewartet, dass es jemand mit leben füllt.

„We will become everything, we’ll shatter as the doorbell rings“

Kapitel 3

„Walnut Street is Dead (Long Live Walnut Street)“ [Bassline auf der Gitarre] Lang lebe ein Ort der Geborgenheit, der schon immer da war [Ride-Geklimmper auf dem Schlagzeug]. Es ist die Gegend, in der sie aufgewachsen sind und dabei fundamentale Erfahrungen gesammelt haben. Ihr Freund scheint jetzt so weit weg, doch manchmal noch immer die Sehnsucht nach mehr in ihnen zu entfachen. Er hat die sichere Flucht gewählt, dorthin wo ihn niemand kennt, er ein unbeschriebenes Blatt ist. Gut für ihn, doch sie haben sich entschieden zu bleiben. Sie können wieder atmen, da wo das Altbekannte vor ihren Augen vergeht [optimistischer Ausklang, schillernde Gitarren, Schlagzeug begleitend].

„As for us, we’ve figured out exactly how to breathe With vanishing lungs like these“

Kapitel 4

[Helle elektronische Klänge, dann eine Gitarrenwand, Bass und Schlagzeug bekräftigen diese] („Eyjafjallajokull Dance“) Das Morgenlicht strahlt durch ein Fenster. Hoffentlich bleibt es noch eine Weile so [Ruhe, atmosphärische Synthpassage]. Alles fühlt sich grade richtig an. Nichts belastet sie. Wieso kann es nicht einfach so bleiben? [melodiöse Gitarren, treibende Taktangabe des Schlagzeugs]. Für einen Tag werden sie Helden sein, doch am Abend werden wieder Zweifel in ihnen wach, gefolgt von den immer wiederkehrenden Fragen. [Ein letztes Aufbäumen aller Instrumente, abschließendes Drums-Solo, dann Fade-Out der Gitarren] Was ist besser? Zu gehen oder zu bleiben?

„Open up the window and let the morning light in I keep holding on to, I keep begging myself Today we are superheroes but tonight we’ll just be tired“

das Ende / der Anfang


Prädikat zur EP: Hoffnungsvoller Emo-Rock mit viel Gefühl.

Hearthstone und das Verstehen von Spelunken

Als Kind habe ich diese Orte als unheimlich empfunden, jene für Außenstehende verlassenen Spelunken mit den Spielautomaten. Sie waren für mich ein Indikator für die Zwielichtigkeit einer Gegend. Wer sollte sich darin aufhalten, wenn nicht Schurken und Herumtreiber, die ihr Klimmpergeld loswerden wollten und das Tageslicht scheuten. Vermutlich stank es dort nach Bier und Zigaretten. Weil die zahlende Kundschaft nach Bier und Zigaretten stank und sich niemand bereit erklärte ab und zu irgendwas zu putzen. Zum Beispiel die einarmigen Banditen oder was es sonst an Glücksspielgerätschaften gab. Und was war das für eine Leidenschaft, die Menschen für solche Spiele begeisterte. Münze einwerfen, Knöpfe drücken, Bilder abwarten. 7. Zitrone. Pflaume. Mist, kein Gewinn. Vielleicht war ein anderer Automat spendabler. Münze einwerfen, Knöpfe drücken, Bilder abwarten. Krone. 20. 90. Wieder nichts. Da lobte ich mir meinen Super Mario mit dem ich auf dem Game Boy meine Geschicklichkeit testen, Gegner besiegen und abenteuerliche Level abschließen konnte. Bis zum heutigen Tage habe ich keines dieser Vorstadt-Casinos je von innen gesehen und bin immer noch nicht scharf darauf. Seit ich mich jedoch wieder einmal bei Hearthstone eingeloggt habe, kommt es mir vor, als könnte ich die Faszination für Spielautomaten mit Geldgewinnmöglichkeiten verstehen. Ich stieß nach langer Pause erneut auf Hearthstone, weil ich keine Lust hatte ein Triple-A-Game mit einer riesigen Kampagne und komplizierten Spielmechaniken zu beginnen und verfiel kurzerhand der Mobile-Version des Online-Sammelkartenspieles von Blizzard. Das Gameplay ist einfach, die Prozedur sich zu verbessern simpel für jemanden dem Vorläufer des Genres, wie Yu-Gi-Oh und Magic: The Gathering bekannt sind. Gespielt wird mit einem Helden, der ein Deck aus Monster- und Zauberkarten befehligt. Diese werden durch den Einsatz von Mana beschworen. Das Ziel ist die Vernichtung der Lebenspunkte des Gegners. Duelle werden gegen den Computer oder andere User ausgefochten. Hinzukommen Modi, welche sich durch Storylines und Rätselaufgaben abheben. Passenderweise ist das Setting eine Taverne, der Ort, an dem im Mittelalter Fremde und Freunde zum kollektiven Glücksspiel und Versacken aufeinandertrafen. Und letztendlich bleibt Hearthstone ein Spiel, von dem man sich ohne einen geistigen Kraftaufwand berieseln lassen kann, denn es basiert auf dem Papier-Stein-Schere-Prinzip. Papier, das sind die Angriffswerte der Monster. Stein, die Verteidigungswerte. Schere, die Unterstützungseffekte, die das eine oder andere verstärken. Wer cleverer aufgestellt ist, der siegt. Und die richtigen Karten bekommt man nur durchs zocken. Eine Partie. Noch eine. Wieder und wieder. Während der nächste Kontrahent gesucht wird, dreht sich ein klappernder Slot. Wie es in den Spelunken eben üblich ist, bei den klebrigen Automaten. Jetzt sitze ich da, an einem sonnigen Tag. Die Rollladen sind nur um ein Viertel hochgezogen. Battle.net sei Dank kann ich zum Laptop wechseln und spiele nun mit meinem Account auf einem größeren Bildschirm als dem des Smartphones weiter. Es muss zwielichtig aussehen, wie ich da am Esstisch hocke, in der halb verdunkelten Ecke meines Zimmers, für zwei oder drei Stunden. Wieso steigt mir bei dem Gedanken der Geruch von Bier und Zigaretten in die Nase? Ich drücke die Tasten der Maus und warte auf neue Bilder, die meine Gewinnchancen hoffentlich steigern werden. Magma Rager. Silverback Patriarch. Angry Chicken. Diese Runde ist verloren.

Windows96 – One Hundred Mornings, LP-Review: Gute Nacht, Internet

Der digitale Horizont ist wunderschön. In verlorenen ewigen Nächten, in denen eine Reise ohne ein wahrhaftiges Ziel gehaltvoll und bedeutsam sein kann, liegt er brach in der Ferne. Als Wegweiser und Platzhalter, denn diese Gefilde sind endlos. Er dient nur als Kulisse, um den Verstand einer vor ihm wandernden Seele zu beruhigen. Wie die Zeit vergeht, an einem dritten Ort, der alles verspricht und es einhält.

„A setting beyond home and work (…) in which people relax in good company and do so on regular basis“ – aus Third Places nach Ray Oldenburg

Willkommen im Internet. Bleibt für immer. Wer würde dieses Reich wieder verlassen wollen, in dem jeder alles sein kann, alles finden kann, alles fühlen kann, ohne Anstrengungen und in dem keine Schwerkraft herrscht. Wo alle Antworten zu finden sind und niemand alleine sein muss. Der Rausch setzt unbewusst ein. Klick. Ein Daten-Strudel öffnet sich und ein neues Kapitel bahnt sich an. Klick. Es fühlt sich gut an frei zu sein, denn der Sog übt keine Gewalt aus. Er ist bequem, die einwirkenden Kräfte entspannend. Um einen herum ziehen Werbungen vorbei und tropfen leise in das Lichtermeer. Stimmen hallen aus ihren Richtungen. Warme Bariton-Vibrationen enthüllen neue Produkte. Der Konsum ist Teil der Erfahrung. Kühle Getränke, lebendige Communities, der passende Film, Online-Spiele und aktuelle Mode. Jedes Bedürfnis wird befriedigt. Die Flucht vor der Wirklichkeit ist ein künstliches Unterfangen. Nein, sie ist künstlerisch. Und wer der Leidenschaft für ihre Kunst erliegt, sich gar vollkommen fallen lässt, wird möglicherweise nie wieder auf einen Boden der Tatsachen gelangen. Jedes Video, jeder Live-Stream und jeder zum Eintritt zugängliche Chat-Verlauf sind ein neuer Sonnenaufgang in den weiten des World Wide Web, in denen nie Ruhe einkehrt.

SONNENUNTERGANG

„Caligula“ erblüht mit wabernden Synthesizer Klängen, die sich für einen Moment in eine elektronische Orgel-Passage wandeln und eine zeremonielle Atmosphäre schaffen – doch die Messe ist längst gelesen. Der Körper brauch endlich Schlaf, um sein spirituelles Chache zu säubern. Mit „Visage“ (Track 2) ergibt sich ein Thema, dass durch geisterhafte Hintergrundeffekte ein fundamentales Detox vorbereitet: mal sphärisch („Visions II“), mal verregnet („Bliss“) und hier und da melodiös. Als Fundament des Albums dienen die markanten Beats eines elektronischen Drumsets, die dennoch stets genug Spielraum für interessante Vaporwave-Interpretationen lassen. Das gedimmte futuristische „Mind Mirage“ ist ein passender Ausklang, nachdem „Rituals“ mit einem Hauch Tropicalia noch einmal für positive Energien sorgt.

One Hundred Mornings (Juli 2018) ist die bis dato letzte LP des brasilianischen Musikers Gabriel Eduardo. Ein Weckruf für jene, die ihren Geist zum Download freigegeben haben und beruhigender Alarm, der zu verstehen gibt, dass es Zeit ist sich vom digitalen Horizont abzuwenden.

Prädikat zur LP: Melodischer Chillwave für Nachtschwärmer.

Turnover – Peripheral Vision, LP-Review: Shoegaze für den Augenblick

Es gibt in diesem Leben so viel zu erreichen, so viel zu tun und einzuhalten. Es gibt so viel zu verdienen, ohne dass ein Bewusstsein dafür herrscht, wofür es sich zu besitzen lohnt. Es stehen so viele Türen offen, die betreten werden sollten. Und hinter jeder von ihnen verbirgt sich ein neuer Weg, der ins Glück führen könnte. Doch da ist zu wenig Zeit, um jeder von ihnen eine Chance zu geben. Und es ist so leicht, den Verstand zu verlieren, wenn alles möglich scheint und gleichzeitig unerreichbar ist. Gefangen in einer Maschinerie der Maßlosigkeit, deren Treibstoffe Stress und Druck sind. Das periphere Sichtfeld verliert an Reichweite. Die wirklich wichtigen Dinge an Klarheit. Wer sich von diesen Zeilen angesprochen fühlt, der sollte dranbleiben, denn es gibt ein musikalisches Gegengift für diese Art des modernen Wahnsinns. Der Name: Turnover.

Pop-Punk, Emo und plötzlich Shoegaze

Angefangen als schwungvolle Pop-Punk-Band im Jahre 2009, brachten Turnover bereits zwei Jahre später ihre selbstbetitelte EP auf die Bildfläche, welche angenehm melancholische Emo-Rock-Einflüsse verlauten ließ. Während ihr erstes Album mit dem Namen Magnolia um 2013 weiterhin einen rockigen Sound innehielt, doch bereits deutlich verträumter anmutete, erschien Mitte 2017 das Dream-Pop-Release Good Nature, auf dem sie sich instrumental deutlich von ihren Wurzeln entfernt hatten. Innerhalb der vergangenen Zeit waren Turnover jedoch nicht untätig gewesen. Neben zwei EPs (Blue Dream, Humblest Pleasures), die jeweils als Bindeglieder zwischen den genannten Veröffentlichungen fungierten, erschien 2015 mit der LP Peripheral Vision eine unvergessliche Platte, die mit einer starken Shoegaze-Ausprägung einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Noch nicht vollauf so handzahm, verspielter und mit mehr Biss als der Nachfolger Good Nature konstituierte sich Peripheral Vision als allgemein gefeierter Peak der Band. Turnover hatten sich längst von ihrem eingängigen Punk-Image abgewandt und waren nun vollkommen beim Shoegazing hängen geblieben. Mit Songs wie New Scream und Hello Euphoria, richtete sich der lyrische Fokus nun expliziter auf ein Leben abseits des gesellschaftlichen Standards.

Adolescent dreams gave to adult screams / Paranoid that I won’t have all the things they say I need / What if I don’t want a pattern on my lawn? / All I know is something’s wrong because everyday I’m / Craving that new scream … – New Scream

Grundsätzlich blieben jedoch weiterhin die Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen, das Lebenselixier der poetischen Texte über die Liebe, emotionale Krisen und den intensiven Einfluss von Drogen und verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Bass guitarist Dempsey told Billboard about the meaning of ‚Take My Head‘: [It] is about how it could be the best day and you’re surrounded by happy things, but you still want to be pissed off and sit by yourself.

Ohne die Tracklist mit einzubeziehen ist es schwer zu sagen, wo Peripheral Vision musikalisch aufbricht und traumversunken abklingt. Es ist eine homogene Masse aus leichten, sich nur geringfügig abwandelnden alternativen Rock-Rhythmen und psychodelischen Melodien in den Fußspuren von Slowdive und My Bloody Valentine, welche einem die Augen schließen. Diese entfalten jedoch eine wohlig treibende Wirkung, die nicht etwa zu einem tiefen Schlummer, sondern wohltuenden Tagträumen einlädt. Für 11 Songs heißt es mithin, in einem Ozean aus Dingen zu versinken, die einem nachts den Schlaf rauben, um nach ihrem weitreichenden Verständnis aufzutauchen und in eine befreite Seele einzuatmen – endlich wieder klar zusehen.

Carlton – Carlton [Deluxe Edition], EP-Review: ein Schnellkurs in Unbeschwertheit

Der Tanz: ein Heiligtum. Die Persona: eine Legende. Die Kunstfigur Carlton Banks ist TV-Junkies als quirlige Nebenrolle der 90er-Hit-Sitcom ‚Der Prinz von Bel-Air‘ bekannt. Einst verkörpert von Alfonso Ribeiro erreichte sie einen Kultstatus, der Will Smiths unerschütterliches Standing als gefragter Newcomer auf den Fernsehbildschirmen gekonnt zu neutralisieren wusste. Der schelmische Oberlippenbart, das verschmitzte Lächeln und die leidenschaftlich zugeknöpfte Attitüde brachten einen eigenen Stil zu Tage, der sich gebündelt mit der Affinität zu Ausbrüchen maximaler Sorglosigkeit zu einem selten gesehenen Combo-Breaker entwickelte.

So war die Entrüstung legitim als sich das Entwicklungsstudio Epic Games für das Spiel Fortnite unangekündigt an der verkörperlichten Aura des Meisters in Form seiner eigens kreierten Moves bediente. Dieser Fauxpas war keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine des Anstandes. Doch dort wo Platz für Gleichgültigkeit ist, gibt es immer Horte der Wertschätzung. Ein anonymer Internetmusiker widmete dem Namen Carlton bereits vor einiger Zeit ein klanglich-kunstvolles Projekt. Vor kurzem erschien mit der Deluxe Edition eine Erweiterung des bisherigen Releases. Carlton von Carlton ist eine Einführung in die Lehren des fortschrittlichen Dampfablassens.

Während der Song „Competition“ das Album in Old-School-Hip-Hop-Manier einläutet, wird der Zuhörer in seiner Vorstellung mit warmen Worten in Empfang genommen:

Auch Sie können sich in Sekundenschnelle ohne jegliche Vorkenntnisse von alltäglichem Stress, der Anstrengung der Wahrung einer vorbildlichen Etikette und den Sorgen über eine ungewisse Zukunft befreien. Ich bin Carlton und zeige Ihnen, wie es geht.

Folgend liefert „Soda Pop“ mit leichten Funk-Beats den Soundtrack für entlastende Dehnübungen. Der Track „Bel-Air Groove“ bringt durch den Einsatz von schillernden Blasinstrumenten mehr Klasse ins Spiel, da man sein Gemüt stets für plötzlich anstehende Abendveranstaltungen wappnen sollte. Wird es doch ein ausgedehnter Spaziergang? Oder gar ein entspannender Tag am Strand? Zu „Cruise Control“ lassen sich die Muskeln im Nu in Wallung bringen und eingeklempte Nerven problemlos lösen. Der Abschluss erfolgt durch zwei aufbereitete Klassiker. „Carlton (Remastered)“ bietet Raum für eine lockere Atmosphäre und Zeit in sich zu gehen, bevor „Fresh (Remastered)“ den eigenen Geist genesen zurück in eine Welt der Verantwortung und Haltung entlässt. In der eigenen Fantasie verabschieden wohlwollende Worte die Teilnehmer des Kurses:

Es war mir wieder eine große Freude. Ich bin Carlton, ihr Coach für Ausdruckstanz und mentale Balance. Bleiben Sie unbeschwert und bis zum nächsten Mal.

Prädikat zur EP: Tanzbarer Future-Funk, der einfach gute Laune macht.

Daisyhead – I Couldn´t Face You, EP-Review: im Inneren gefangen

Das Jahr 2013 markierte den Beginn einer neuen Welle des Emo-Rocks in den Vereinigten Staaten von Amerika. Bands, wie Citizen, Have Mercy und Superheaven veröffentlichten ihre Debütalben und etablierten einen Sound, der traditionell melancholische Klangpassen mit harten Riffs und treibenden Drum-Beats untermauerte. Ähnliches hatte man bereits um 2011 von Basement und Balance and Composure gehört. Der große Hype sollte jedoch erst zwei Jahre später einsetzen. Mit von der Partie war ein Quartett namens Daisyhead aus Nashville, Tennessee, das sich mit seiner EP I Couldn´t Face You bemerkbar machte. Es vereinte die althergebrachte Zärtlichkeit des Genres mit einem Grunge-Vibe à la Nirvana und Texten, die sich zwischen der Verzweiflung an der Monotonie der Dinge, Unabänderlichkeit von tragischen Ereignissen und Sehnsucht nach einem positiveren Lebensgefühl einordnen ließen.

„I have a life outside my mind But I am trapped inside Remembering nothing Wanting for no one So damn hollow“ – Numbing Truth

Mit einer Kürze von vier Songs bot I Couldn´t Face You ein ausreichendes Spektrum, um das Potenzial der Band herauszustellen. Das Ergebnis war ein ausgewogenes Verhältnis von schwergängigen Akkordfolgen, die für ein grooviges Feeling sorgten und zu lethargischem Headbanging einluden. Noch heute ist die Platte ein ordentlicher Einstiegspunkt, um sich mit der alternativen Seite des Emo-Rocks vertraut zu machen. Die Songs „Numbing Truth“ und der namensgebende Track „I Couldn´t Face You“ verkaufen sich durch das angebotene Riff-Sortiment alles andere als progressiv, doch stellen sich mit ausgedehnten Pausen für einlullende Melodien und sensibles Picking versöhnlich. Der Track „Sun“ überrascht mit einem hymnischen Temperament, dass sich hinten raus zu einer kleinen Post-Rock-Nummer entwickelt. Zum Ausklang wird es dann noch einmal ruhiger. Mit dem rockigen, aber ebenso sanften „What´s Done Is Done“ endet I Couldn´t Face You auf einer leisen Note. Ein aufbrechender Faktor, der Daisyheads Musik schon damals ein eigenes Gesicht verlieh, ist die helle Stimme des Sängers Michael Roe, welche einen angenehmen Kontrast gegenüber dem niedergestimmten Farbton der Instrumente produziert.

Ende 2018 erschien mit der EP ve Been Better bereits das sechste Release der Band, dass sich unbeirrt in die bisher von Experimenten unberührte Diskografie einfügte. Dafür mussten Daisyhead im Laufe der Zeit stagnierende Bewertungen ihrer Musik hinnehmen. Wenn ihnen jedoch ein Lob gerecht wird, dann ist es, dass sie schon auf I Couldn’t Face You verstanden, einen ansprechenden Emo-Rock hervorzubringen, bei dem die Formel „never change a winning sound“ schlicht und einfach aufgeht.

„My burning mind Can´t turn back time What´s done is done What´s done is done“ – What´s Done Is Done

Prädikat zur EP: Melancholischer Emo-Grunge mit Stadionrock-Allüren.