Ages – Rest Your Head, EP-Review: einer dieser Funde

Ob es Kisten voller Vinylplatten oder die Weiten des Internets sind, als Musik-Fan ein Juwel auszubuddeln ist eine Angelegenheit, die mit glücklichen und wehmütigen Gefühlen einhergeht. Glücklich, weil ein guter Musikfund eines der besten Dinge ist, die es auf dieser Welt gibt. Wehmütig, weil man sich fragt, wieso der Menschheit exzellente Musik oft aufgrund von schwieriger Vermarktung vorenthalten wird. Ages Rest Your Head ist ein solches Juwel. Über die Band selbst ist nicht viel bekannt. Heimatstadt: Cleveland, Ohio, US. Mitglieder: Carson, Connor, Erik, Cern. Genre: Hardgazepunk? Ja, bei der Definierung ihrer musikalischen Ausrichtung ist Fantasie gefragt, da die Jungs eine interessante Mischung aus Hardcore, Shoegaze und Pop-Punk spielen. Ihre erste und einzige LP Sleep On It (2011) konzentrierte sich noch weitgehend auf das Erstere, aber brachte schon eine saftige Emo-Note durch melancholische Riffs und Melodien ein. Auf der folgenden EP Rest Your Head (2014) zeigten sich die Northeast-Punks experimentierfreudig und brachten neue Elemente in ihre kurzweiligen Songs ein, die durchschnittlich eine Spieldauer von eineinhalb Minuten haben. Der Titeltrack „Rest Your Head“ ist der  bis dato einzige Song der gesamten Bandgeschichte, der mit einer Länge von knapp zweieinhalb Minuten mit dieser Tradition bricht. Dafür sind die sieben einzelnen Tracks perfekt durch den Wechsel zwischen klaren und geshouteten Vocals, trägen Grooves, wie schnellen Drum-Beats und ikonischen Midwest-Melodien ausgefüllt. Ages ist eine Band für Fans von H20, Turnover und Set Your Goals zugleich, die wohl immer ein Geheimtipp bleiben wird. Ist vielleicht auch besser so, da Rest Your Head am besten in einer Stimmung aus Frohsinn und Wehmut zu genießen ist.

Prädikat zur EP: Hardcore-Mix für jede Gefühlslage.


© Beitragsbild: Ages, bandcamp

Mayfield – Careless Love, LP-Review: das Herz bleibt zurück

Der Versuch das Post-Hardcore-Genre zu revolutionieren ist schon oft in die Binsen gegangen. Mayfield aus Ottawa, Kanada, sehen das locker und sind Naturtalente im Zusammenbringen ansonsten konträrer Elemente. Als fehlendes Bindeglied zwischen Architects und Being As An Ocean präsentieren sich die sanften Rowdies als Energiebündel, dass sich selbst durch die eigens produzierte Spannung, die in ihren Songs entsteht mit Elektrizität versorgt. Carless Love (März 2019) ist die erste LP der aufstrebenden Band, die schon auf ihrer EP Hollow Embrace unter Beweis stellte, dass von ihnen zukünftig große Schritte erwartet werden dürfen. Ob sich die Explosivität ihrer Idee eines melodischen Metalmixes auf eine längere Spielzeit übertragen lässt, hat sich nun gezeigt.

Die Antwort ist: Ja. Auf Careless Love haben Mayfield keine Sekunde ungenutzt gelassen, um ihren Punkt klarzumachen. Gegensätze ziehen sich an. Auf farbenprächtige Melodien (Wes Lee) und ein ausgezeichnet ausgeführtes Shouting (Patty Tirrel), dass sowohl Höhen und Tiefen kennt, folgen ein engagierter mal klarer, mal geshouteter Backing-Gesang durch Zach Loates (Gitarre) und Brad Healey (Bass) und ein stets pointiertes Drumming (Zane Knight), welches von einfachen Drum-Rolls über den kreativen Einsatz des Double-Bass bis zu kurzen Blast-Beats in allen Belangen abliefert. In einem Interview erklärte die Band dies bezüglich:

„We collectively have a wide range of music that we listen to so we try to include all influences in the creating process. We don’t try to sound a certain way.“ – (das komplette Interview auf ottawashowbox.com)

Das hört man, denn gebündelt funktionieren diese unterschiedlichen Faktoren am besten. Zum Beispiel beim Einstieg mit „Do You Miss Me?“, wo sich melodiöse und dissonante Gitarrenpassagen die Hände reichen. In den Songs „Recovery“ und „My Heart Gets Left Behind“ sind besonders die Gesangsleistungen von Tirrel und Loates hervorzuheben, die jedem in den Arsch treten, der behauptet harte Musik und klarer Gesang gehören nicht zusammen. „Blossom“ und „Sleep Alone“ liefern der Crowd Refrains, die zum gemeinsamen Grölen einladen und zu keiner Zeit fehl am Platz wirken. Da sind das Interlude „The Missing Piece“, das sich im Gesamtkonzept musikalisch wohlig gut eingliedert und der Song „Blindside“ der durch eine Anlehnung an Mathcore-Riffs überrascht. Mit dem Titelsong „Careless Love“ klingt das Album ruhig aus. Ein passender Abschluss für eine LP, welche die Diversität aus harten und weichen Klängen so darzubieten weiß, wie diese. Loates sagte solarstr1ker.blog über die Motivation im Schreibprozess:

„We set out to write Careless Love with an intention to maintain a theme throughout the record. It’s not necessarily a concept album, but there’s a constant energy that’s carried from start to finish.“

Prädikat zur LP: Ambitionierter Post-Hardcore, der mehr ist als die Summe seiner Teile.


© Beitragsbild: Mayfield, bandcamp

Living With Lions – Island, LP-Review: Gezeitenwelle #3

In englischsprachigen Kulturen heißt es: „Three time’s a charm!“ („Alle guten Dinge sind drei!“). So auch in Kanada, wo die Band Living With Lions um 2007 ihren Ursprung fand. Seitdem sind zwei EPs und drei Alben ins Land gezogen, was beachtlich ist, wenn man sich die Laufbahn der nordamerikanischen Pop-Punk-Musiker zu Gemüte führt. Bei der jüngsten LP Island (September 2018) handelt es sich nicht nur, um die dritte Platte in voller Länge, sondern die dritte Produktion mit einem neuen Frontmann. Nach Matt Postal, dessen Stimme auf Dude Manor und Make Your Mark (2008) zu hören ist und einem prominenten Ersatz durch Stuart Ross (ehemaliger Gitarrist bei Misery Signals, aktuell bei Comeback Kid), der für Holy Shit (2011) angeheuert werden konnte, steht nun Chase Brenneman hinter dem Mikrofonständer, der seit den Gründungstagen einen der Gitarristen-Posten ausfüllte. Auf Island feierte er somit seinen Einstand als Sänger, obwohl er bei den Aufnahmen im Studio mit einem nicht unerheblichen Handicap zu kämpfen hatte.

„Meine gesundheitlichen Probleme sind während der Aufnahmen entstanden. Ich habe mir einen Leistenbruch zugezogen und es hätte uns fast zehn Monate gekostet, bis ich nach meiner Operation wieder fit genug zum Singen gewesen wäre.“ (das komplette Interview unter ox-fanzine.de)

Hut ab vor dieser Leistung, doch sie ist nicht verwunderlich. Living With Lions waren schon immer anders als andere Pop-Punk-Bands. Nicht nur was ihre Attitüde und ihren Zusammenhalt angeht (die erste EP Dude Manor wurde nach einer WG der Gruppe benannt), sondern ihren Sound. Das Rohe ist, was sie ausmacht. Wenn man einen Living With Lions Song hört, denkt man nicht an Highschool-Abschlusspartys, umgedrehte Snapbacks und Batik gefärbte Tank-Tops, sondern Biertrinken im Proberaum, ehrliche, aber schlecht bezahlte Jobs und Typen Anfang 30, die sich das Alltagschaos von der Seele spielen. Brennemans Stimme passt zudem wieder klasse ins Bild, wie es schon bei den Vorgängern Postal und Ross der Fall war, frei von der Leber und ungeschliffen.

Insgesamt klingt Island milder und erwachsener. Eine Entwicklung, die abzusehen war. Das Party-Crasher-Image hatte sich nach Make Your Mark relativ klar verabschiedet. Holy Shit bekam mit Ross klanglich eine ernstere Miene aufgesetzt, ohne den Spaß-Faktor des Musikvideos zu „Honesty, Honestly“ sowie den Tumult, um das Bibeldesign des Album-Covers außer Acht zu lassen.

Island macht die richtige Mischung aus, die vielschichtiger ist als zuvor. Songs, wie „Second Narrows“, „Tidal Waves“ und „On A Rope“ trumpfen mit den vertrauten Punk-Beats und Mitsingmomenten auf, die ohne aufdringlich zu sein im Kopf hängen bleiben. Neben dem nett gestalteten Interlude und dem angenehm dahin plätschernden Track „Night Habits“ fügt sich der Rest der Songs positiv in dieses Klangbild ein. Instrumental mangelt es nicht an einprägsamen Melodien und ordentlichen Riffs. Lediglich als Fan der Band bekommt man an wenigen Stellen des Albums ein düsteres Blink-182-Foreshadowing, da sie soundtechnisch mit einem weicheren Powerpop zu liebäugeln scheinen. Zudem gibt es bei den Lyrics Abzüge in der B-Note. Die sind zwar nicht schlecht und gut umgesetzt, doch drehen sich Song für Song rundum ein und denselben Trennungsschmerz. Inhaltlich war das schon einmal ausgefallener.

„It’s not the pushback, it’s the pull From another ordinary summer I think I finally had enough of this controversy“ – Another Ordinary Summer

Prädikat zur LP: Authentischer Pop-Punk abseits aktueller Trends.


© Beitragsbild: Living With Lions, bandcamp

Birthright – Let Me Down Easy, LP-Review: die Erinnerung an Dich

Aus dem Boden den die US-amerikanische Post-Hardcore-Bewegung The Wave (begründet von den Bands: La Dispute, Make Do And Mend, Defeater, Pianos Become The Teeth und Touché Amoré) Ende der 2000er mit ihrem frischen Sound für neue Generationen bereitete, erhoben sich viele Newcomer (Birds in Row, The Saddest Landscape), die sich in den folgenden Jahren von den experimentellen musikalischen Ansätzen inspirieren ließen. Für diese bestand eine Sehnsucht nach mehr Emotionalität und ehrlichen Gefühlen und weniger modischen Metalcore-Anleihen, mit denen erfolgreiche Szene-Bands wie Atreyu und Escape the Fate Bekanntheit erreichten. Dafür sollte es zurück zu den Wurzeln gehen, die von Vertretern der ersten Stunde, wie At the Drive-In und Drive Like Jehu ausschlugen.

Auf Let Me Down Easy (Juni 2018) ist der Geist dieses Aufschwungs allgegenwärtig. Dahinter stecken die Musiker von Birthright aus Baltimore, Maryland und vermitteln in 10 Songs gekonnt, was The Wave noch heute predigt. Es sind die tiefen gefühlvollen Texte, die harten Schreie, welche durch das Mikrofon hallen und die zärtliche Instrumentalisierung, welche zeigt das Post-Hardcore keine Breakdowns braucht, um weiter im Gespräch zu bleiben. Klassisch geht es auf Let Me Down Easy, um Beziehungsprobleme, all den Schmerz, der sich aus zwischenmenschlichen Erlebnissen ziehen lässt und die Erinnerungen an langsam verblassende, bald schon fremde Gesichter.

„I can hear your call In the distance As the wind blows The entire world Stood still Where is this beauty In my darkest days?“ – Light Of Your Love

Birthright spielen trotz ihrer starken melodiösen Einflüsse und gewohnt alternativen Rhythmen gerade heraus und sind nicht komplett verloren in dem, was sie durch ihre Musik vermitteln wollen. Diesbezüglich können Brücken zu den kanadischen Post-Hardcore-Helden Alexisonfire (vor allem stimmlich erinnern das Shouting und die klaren Gesangsparts an George Pettit und Dallas Green) und dem Melodic-Hardcore-Genre geschlagen werden. Let Me Down Easy ist somit sowohl eine Empfehlung für Veteranen als auch junge Fans der Szene.

Prädikat zur LP: Emotionaler Post-Hardcore, der sich an Stilistiken à la The Wave orientiert.


© Beitragsbild: Birthright, bandcamp

The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Formlessness, EP-Review: vom Gehen und Bleiben

Der Tod ist eine Metapher für die Veränderung, die Geburt ein symbolischer Neuanfang. Dazwischen verläuft der schmale emotionale Grad auf dem sich Formlessness bewegt. Die Macher haben einen Namen, der so lang ist, wie er pathetisch anmutet. The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die (die von hier an als T & I bezeichnet werden) starteten 2009 ihre musikalische Karriere, ohne das Wissen, dass sie sich durch ihren eigenen Stil innerhalb von wenigen Jahren zu einer der bekanntesten Bands  ihrer Szene entwickeln würden. Ihr poetischer Titel passt dennoch ungemein gut zu ihrem Konzept, denn T & I stehen für die Vertonung der großen existenziellen Fragen. Nach einer Demo im Jahre 2010, veröffentlichten sie mit genannter EP noch im selben Jahr ihr erstes professionelles Release. Formlessness erzählt in vier Songs eine Geschichte, in der es um das Erwachen in jungen Jahren geht, der quälenden Entscheidung zwischen gehen und bleiben und dem Moment, in welchem einen die Last nicht mehr so schwer vorkommt und man sich endlos mächtig fühlt, als ob einem nichts was da noch kommt jemals erschüttern könnte. Es folgt eine theatralische Analyse.

Kapitel 1

Jeder kennt das Gefühl dieser Ohnmacht, der Kraftlosigkeit, wenn sich jede Anspannung der Muskeln vergebens anfühlt. So beginnt die Erzählung mit Victim Kin Seek Suit auf dem Boden, wo sie nur so herumliegen, im dunklen und an einen guten Freund denken, der sich längst aus dem Staub gemacht hat [leise Gitarrenklänge im Hintergrund]. Er hat ihnen damit die Augen geöffnet, doch ihr Wille ist schwach, ihre Körper sind das Fleisch, dass sie, wie ein Anker, von neuen Taten abhält. Was wird jetzt aus ihnen? Sie bitten um Licht [plötzlich, ein orchestraler Aufschrei, sowohl Gitarre, Bass, als auch Schlagzeug sind hellwach]. In der Nähe steht ein Apfelbaum, wie ein offener Sarg. Er steht für all die Erlebnisse, all das was war, was es nun zu begraben gilt.

„Where are you and where have you run to? Where are you and why don’t you just come home?“

Kapitel 2

Es ist Zeit zu gehen (Gordon Paul). Etwas Neues ist zu schaffen. Ein Heim findet sich in einem Haus, in dem für alle Platz ist [jazziges Gittarenspiel, entspannter Drum-Beat, unbeschwerter Gesang]. Dieses nächste Kapitel verbindet sie. Schon jetzt ist klar, dass es für immer ein Teil von ihnen sein wird. Sie sind die eigentlichen Wände, der Rest steht ihnen nur im Weg. Es bedarf einer Renovierung. Das Alte muss raus oder verbrannt werden [es herrscht Aufregung, chaotische Synthuntermalung, funkiges Riff, lethargisches Mitsummen wird zu hysterischem Schreien]. Sie haben keine Angst vor dieser Aufgabe, das reden sie sich ein, doch wenn es an der Tür klingelt, dann erschaudern sie. Es liegt Spannung in der Luft, die sie beflügelt. Dieses Haus hat nur darauf gewartet, dass es jemand mit leben füllt.

„We will become everything, we’ll shatter as the doorbell rings“

Kapitel 3

Walnut Street is Dead (Long Live Walnut Street) [Bassline auf der Gitarre] Lang lebe ein Ort der Geborgenheit, der schon immer da war [Ride-Geklimmper auf dem Schlagzeug]. Es ist die Gegend, in der sie aufgewachsen sind und dabei fundamentale Erfahrungen gesammelt haben. Ihr Freund scheint jetzt so weit weg, doch manchmal noch immer die Sehnsucht nach mehr in ihnen zu entfachen. Er hat die sichere Flucht gewählt, dorthin wo ihn niemand kennt, er ein unbeschriebenes Blatt ist. Gut für ihn, doch sie haben sich entschieden zu bleiben. Sie können wieder atmen, da wo das Altbekannte vor ihren Augen vergeht [optimistischer Ausklang, schillernde Gitarren, Schlagzeug begleitend].

„As for us, we’ve figured out exactly how to breathe With vanishing lungs like these“

Kapitel 4

[Helle elektronische Klänge, dann eine Gitarrenwand, Bass und Schlagzeug bekräftigen diese] (Eyjafjallajokull Dance) Das Morgenlicht strahlt durch ein Fenster. Hoffentlich bleibt es noch eine Weile so [Ruhe, atmosphärische Synthpassage]. Alles fühlt sich grade richtig an. Nichts belastet sie. Wieso kann es nicht einfach so bleiben? [melodiöse Gitarren, treibende Taktangabe des Schlagzeugs]. Für einen Tag werden sie Helden sein, doch am Abend werden wieder Zweifel in ihnen wach, gefolgt von den immer wiederkehrenden Fragen. [ein letztes Aufbäumen aller Instrumente, abschließendes Drums-Solo, dann fade-out der Gitarren] Was ist besser? Zu gehen oder zu bleiben?

„Open up the window and let the morning light in I keep holding on to, I keep begging myself Today we are superheroes but tonight we’ll just be tired“

das Ende / der Anfang

Prädikat zur EP: Experimenteller Emo mit viel Gefühl.


© Beitragsbild: The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die, bandcamp

Hearthstone und das Verstehen von Spelunken

Als Kind habe ich diese Orte als unheimlich empfunden, jene für Außenstehende verlassenen Spelunken mit den Spielautomaten. Sie waren für mich ein Indikator für die Zwielichtigkeit einer Gegend. Wer sollte sich darin aufhalten, wenn nicht Schurken und Herumtreiber, die ihr Klimmpergeld loswerden wollten und das Tageslicht scheuten. Vermutlich stank es dort nach Bier und Zigaretten. Weil die zahlende Kundschaft nach Bier und Zigaretten stank und sich niemand bereit erklärte ab und zu irgendwas zu putzen. Zum Beispiel die einarmigen Banditen oder was es sonst an Glücksspielgerätschaften gab. Und was war das für eine Leidenschaft, die Menschen für solche Spiele begeisterte. Münze einwerfen, Knöpfe drücken, Bilder abwarten. 7. Zitrone. Pflaume. Mist, kein Gewinn. Vielleicht war ein anderer Automat spendabler. Münze einwerfen, Knöpfe drücken, Bilder abwarten. Krone. 20. 90. Wieder nichts. Da lobte ich mir meinen Super Mario mit dem ich auf dem Game Boy meine Geschicklichkeit testen, Gegner besiegen und abenteuerliche Level abschließen konnte. Bis zum heutigen Tage habe ich keines dieser Vorstadt-Casinos je von innen gesehen und bin immer noch nicht scharf darauf. Seit ich mich jedoch wieder einmal bei Hearthstone eingeloggt habe, kommt es mir vor, als könnte ich die Faszination für Spielautomaten mit Geldgewinnmöglichkeiten verstehen. Ich stieß nach langer Pause erneut auf Hearthstone, weil ich keine Lust hatte ein Triple-A-Game mit einer riesigen Kampagne und komplizierten Spielmechaniken zu beginnen und verfiel kurzerhand der Mobile-Version des Online-Sammelkartenspieles von Blizzard. Das Gameplay ist einfach, die Prozedur sich zu verbessern simpel für jemanden dem Vorläufer des Genres, wie Yu-Gi-Oh und Magic: The Gathering bekannt sind. Gespielt wird mit einem Helden, der ein Deck aus Monster- und Zauberkarten befehligt. Diese werden durch den Einsatz von Mana beschworen. Das Ziel ist die Vernichtung der Lebenspunkte des Gegners. Duelle werden gegen den Computer oder andere User ausgefochten. Hinzukommen Modi, welche sich durch Storylines und Rätselaufgaben abheben. Passenderweise ist das Setting eine Taverne. Also sowas, wie eine mittelalterliche Spielhölle. Und letztendlich bleibt Hearthstone ein Spiel, von dem man sich ohne einen geistigen Kraftaufwand berieseln lassen kann. Denn es basiert auf dem Papier-Stein-Schere-Prinzip. Papier, das sind die Angriffswerte der Monster. Stein, die Verteidigungswerte. Schere, die Unterstützungseffekte, die das eine oder andere verstärken. Wer cleverer aufgestellt ist, der siegt. Und die richtigen Karten bekommt man nur durchs zocken. Eine Partie. Noch eine. Wieder und wieder. Während der nächste Kontrahent gesucht wird, dreht sich ein klappernder Slot. Wie es in den Spelunken eben üblich ist, bei den klebrigen Automaten. Jetzt sitze ich da, an einem sonnigen Tag. Die Rollladen sind nur um ein Viertel hochgezogen. Battle.net sei Dank kann ich zum Laptop wechseln und spiele nun mit meinem Account auf einem größeren Bildschirm als dem des Smartphones weiter. Es muss zwielichtig aussehen, wie ich da am Esstisch hocke, in der halb verdunkelten Ecke meines Zimmers. Für zwei oder drei Stunden. Wieso steigt mir bei dem Gedanken der Geruch von Bier und Zigaretten in die Nase? Ich drücke die Tasten der Maus und warte auf neue Bilder, die meine Gewinnchancen hoffentlich steigern werden. Magma Rager. Silverback Patriarch. Angry Chicken. Diese Runde ist verloren.


© Beitragsbild: Blizzard Entertainment

Windows96 – One Hundred Mornings, LP-Review: Gute Nacht, Internet

Der digitale Horizont ist wunderschön. In verlorenen ewigen Nächten, in denen eine Reise ohne ein wahrhaftiges Ziel gehaltvoll und bedeutsam sein kann, liegt er brach in der Ferne. Als Wegweiser und Platzhalter, denn diese Gefilde sind endlos. Er dient nur als Kulisse, um den Verstand einer vor ihm wandernden Seele zu beruhigen. Wie die Zeit vergeht, an einem dritten Ort, der alles verspricht und es einhält.

„A setting beyond home and work (…) in which people relax in good company and do so on regular basis“ – aus Third Places nach Ray Oldenburg

Willkommen im Internet. Bleibt für immer. Wer würde dieses Reich wieder verlassen wollen, in dem jeder alles sein kann, alles finden kann, alles fühlen kann, ohne Anstrengungen und in dem keine Schwerkraft herrscht. Wo alle Antworten zu finden sind und niemand alleine sein muss. Der Rausch setzt unbewusst ein. Klick. Ein Daten-Strudel öffnet sich und ein neues Kapitel bahnt sich an. Klick. Es fühlt sich gut an frei zu sein, denn der Sog übt keine Gewalt aus. Er ist bequem, die einwirkenden Kräfte entspannend. Um einen herum ziehen Werbungen vorbei und tropfen leise in das Lichtermeer. Stimmen hallen aus ihren Richtungen. Warme Bariton-Vibrationen enthüllen neue Produkte. Der Konsum ist Teil der Erfahrung. Kühle Getränke, lebendige Communities, der passende Film, Online-Spiele und aktuelle Mode. Jedes Bedürfnis wird befriedigt. Die Flucht vor der Wirklichkeit ist ein künstliches Unterfangen. Nein, sie ist künstlerisch. Und wer der Leidenschaft für ihre Kunst erliegt, sich gar vollkommen fallen lässt, wird möglicherweise nie wieder auf einen Boden der Tatsachen gelangen. Jedes Video, jeder Live-Stream und jeder zum Eintritt zugängliche Chat-Verlauf sind ein neuer Sonnenaufgang in den weiten des World Wide Web, in denen nie Ruhe einkehrt.

„Caligula“ erblüht mit wabernden Synthesizer Klängen, die sich für einen Moment in eine elektronische Orgel-Passage wandeln und eine nahezu zeremonielle Atmosphäre schaffen – doch die Messe ist längst gelesen. Der Körper brauch endlich Schlaf, um sein spirituelles Chache zu säubern. Mit „Visage“ (Track 2) ergibt sich ein Thema, dass durch geisterhafte Hintergrundeffekte ein fundamentales Detox vorbereitet: mal sphärisch („Visions II“), mal verregnet („Bliss“) und hier und da melodiös. Als Fundament des Albums dienen die markanten Beats eines E-Drumsets, die dennoch stets genug Spielraum für interessante Vaporwave-Interpretationen lassen. Das gedimmte futuristische „Mind Mirage“ ist ein passender Ausklang, nachdem „Rituals“ mit einem Hauch Tropicalia noch einmal für positive Energien sorgt.

One Hundred Mornings (Juli 2018) ist die bis dato letzte LP des brasilianischen Musikers Gabriel Eduardo. Ein Weckruf für jene, die ihren Geist zum Download freigegeben haben. Ein beruhigender Alarm, der zu verstehen gibt, dass es Zeit ist sich vom digitalen Horizont abzuwenden.

Prädikat zur LP: Melodischer Chillwave für Nachtschwärmer.


© Beitragsbild: win96, bandcamp

Das reBuy-Siegel: Gebrauchtes mit Auszeichnung?

„Die reBuy reCommerce GmbH betreibt mit http://www.rebuy.de einen Online-Shop für den An- und Verkauf gebrauchter Elektronik- und Medienartikel.“ – www.gruenderszene.de

Mehr ist (abgesehen von meiner Story) bezüglich des hippen, international vertretenen Unternehmens aus Berlin eigentlich nicht zu wissen. reBuy preisen sich selbst seit ein paar Jahren als die neuen Heilsbringer der Gebrauchtwaren-Industrie und machen ein Geschäft aus dem professionellen An- und Verkauf von elektronischen Secondhand-Geräten. Das Ganze funktioniert nach einem Prinzip, das so alt ist, wie der Handel. Ware wird spottbillig eingekauft und teuer weiterverscherbelt. Die Rechtfertigung dafür liest sich erst einmal löblich:

„Als reCommerce-Unternehmen verlängert reBuy den Lebenszyklus von Elektronik- und Medienprodukten und geht verantwortungsvoll mit bestehenden Ressourcen um.“ – www.gruenderszene.de

Und das ist noch nicht alles, denn:

„Dafür hat reBuy einen eigenen Refurbishment-Prozess entwickelt, der Gebrauchtwaren nach vorgegebenen Qualitätsstandards aufwertet.“ – www.gruenderszene.de

Überragend. Die Umwelt profitiert nach Omas und Opas Devise einer nachhaltigen Wiederverwertung jeglicher Haushaltsgegenstände und reBuy macht mit dieser guten Tat sogar Gewinn. Wenn sie jetzt noch irgendwie ihre Käufer mit ins Boot holen könnten, dann wäre die Dreifaltigkeit des guten Kapitalismus perfekt.

Was man reBuy mit Sicherheit nicht vorwerfen kann ist ihr Bestreben durch diesen Refurbishment-Prozess Umsatz generieren zu wollen. Ein absolutes No-Go ist jedoch ihre stark beworbene Rückgabe-Politik, die mit ihrem sogenannten reBuy-Siegel steht und fällt – und ferner das eigentliche Alleinstellungsmerkmal im Rennen mit den Kleinanzeigen ist. Es handelt sich dabei, um einen Sticker, den man auch von anderen Anbietern kennt und welcher nach der funktionalen Prüfung eines Gerätes angebracht wird. Er ist normalerweise an Stellen zu finden, die schwierig zu erreichen sind und gleichzeitig kennzeichnet er den Zugang zu sensiblen Mechaniken. Wird das Siegel gebrochen bzw. durchtrennt verfällt die Garantie des Anbieters, da die Ware bei einer nicht vorgesehenen Nutzungsweise Schaden genommen haben könnte. Das ergibt durchaus Sinn, denn auch der Verkäufer hat ein Recht auf Schutz. Dieser Verfällt für mich jedoch bei mangelnder Transparenz und Opportunismus bei den eigenen Maßstäben.

„Im Online-Shop erhalten Kunden neben einem Festpreisangebot und sofortigem Versand auch die 36-monatige reBuy-Garantie.“ – www.gruenderszene.de

Da ich durch das Fehlen eines ausreichenden Rechtssystems Abstand vom privaten Handel mit gebrauchten Gegenständen genommen habe, hatte mich die reBuy-Garantie als Käufer schnell im Sack. Ich bestellte eine N64-Spielkonsole mit Zubehör und war enttäuscht als diese nach ihrer Ankunft nicht funktionierte. Gott sei Dank würde ich mich jedoch auf die Rückgabe-Garantie eines fairen Betriebes verlassen können. Also dachte ich, denn was ich bekam, war keine Erstattung, sondern den schwarzen Peter.

In einer E-Mail wurde mir mitgeteilt, dass das Gütesiegel durchtrennt worden wäre und mir die Konsole deshalb zurückgeschickt werden würde. Über einen ebenfalls mitgesendeten Bewertungslink äußerte ich meine Verwunderung. Eine weitere E-Mail wiederholte die Angaben der vorherigen und ich wartete somit auf die Retour des N64. Hatte ich die Konsole versehentlich geöffnet? War da irgendwo ein Siegel? Ich erinnerte mich. Klar, da auf dem Modul für die Speichererweiterung klebte ein Sticker. Doch was hatte diese Stelle bitte mit der restlichen Elektronik zu tun?

Die Konsole war wieder da und tatsächlich klebte derselbe Sticker noch immer auf dem Memory Expansion Pack. Unbeschädigt. Und oben darauf ein Weiterer auf dem stand:

„Kein Umtausch bei zerstörtem Siegel!“. Da drüber das reBuy-Logo.

Weshalb wurde der N64 nun nicht zurückgenommen? Ein Telefonat am heutigen Morgen brachte mehr oder weniger Aufschluss. Der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung erklärte mir energisch, dass es sich tatsächlich, um einen Siegelbruch handeln würde, der sich innerhalb des Gerätes zugetragen hatte. Die Konsole musste so gesehen fachmännisch und mit einem hohen Aufwand geöffnet worden seien – dass hätten die Experten vor Ort festgestellt. Mit anderen Worten: Das Gespräch war nach Textbuch beendet. Also dachte er. Ich beharrte jedoch weiter auf meinem Recht. Schließlich klebte das unbeschädigte reBuy-Siegel ja über dem vom Hersteller zum alltäglichen Wechsel vorgesehenen, herausnehmbaren Speichermodul und nicht irgendwo tief im Inneren der Konsole. Die Qualitätssicherung hatte anscheinend fehlgeschlagen, denn er lenkte ein und ich konnte eine hoffentlich letzte Retour zurück an das Unternehmen einleiten. Mal sehen was daraus wird.

Es gibt einige Käufer, die sich im Netz unter dem Suchbegriff „rebuy siegel“ zu dieser Masche in Foren und Kommentaren bereits vor Jahren geäußert haben. Und dass laut und deutlich:

„Es ist unmöglich dass ein eventueller Siegelbruch von mir stammt – entweder gab es den schon vorher oder die versuchen mich zu verarschen. Wie soll ich das aber beweisen?“ – ollekungen, community.ebay.de

„Ich habe größere RAM ricel eingebaut, und nun meinen die, dass die Gewährleistung dadurch erlöschen sei.Ich bin der Meinung ,dadurch dass der RAM nicht im Zusammenhang mit der Grafikkarte steht das nicht gerechtfertigt ist… das 2. Sigel ist unversehrt“ – maximuff13, iszene.com

Ich selbst musste mich nach einem Kleinanzeigen-Geschäft einmal als „der Böse“ sehen, weil jemand nicht mit dem Zustand meiner Ware einverstanden war und er bekam sein Geld legitim zurück. Ein Handel kann mal schiefgehen, doch ein dreistes Geschäftsmodell daraus zu machen, andere wissentlich in die Irre zu führen ist halt einfach nicht cool. reBuy wäre gut beraten, seine Rückgabe-Politik (unser Wort gegen das Ihre) schnellstmöglich anzupassen und seinen qualitativen Ansprüchen gerecht zu werden.


© Beitragsbild: reBuy

Turnover – Peripheral Vision, LP-Review: Hallo Euphorie

Es gibt in diesem Leben so viel zu erreichen, so viel zu tun und einzuhalten. So viel zu verdienen, ohne dass ein Bewusstsein dafür herrscht, wofür es ausgegeben werden soll. So viele Türen, die für uns offen stehen. Hinter jeder von ihnen verbirgt sich ein neuer Weg, der ins Glück und zu Erfolg führen könnte. Doch da ist zu wenig Zeit, um jeder von ihnen eine Chance zu geben. Und es ist leicht den Verstand zu verlieren, wenn einem kein Einhalt durch natürliche Grenzen geboten wird. Wenn alles möglich scheint und gleichzeitig unerreichbar ist. Für ein einfaches Zahnrädchen in einer Maschinerie der Maßlosigkeit, deren Treibstoffe Stress und Druck sind. Ein futuristischer Alptraum, den die Menschen schon jetzt leben. Wer sich angesprochen fühlt, der sollte dranbleiben, denn es gibt ein musikalisches Gegengift für diese Art des modernen Wahnsinns. Der Name: Turnover.

Turnover sind eine Band aus Virginia Beach, Virginia (US), mit einer mehr als interessanten Diskographie. Angefangen als Pop-Punk-Band im Jahre 2009, brachten sie 2011 ihre selbstbetitelte EP auf die Bildfläche, die bereits hörbare Emo-Rock-Einflüsse hatte. Doch damit war ihre Verwandlung noch lange nicht abgeschlossen. Während ihr erstes Album mit dem Namen Magnolia, um 2013 einen ähnlichen Sound innehielt, aber deutlich verträumter anmutete, erschien Mitte 2017 das Dream-Pop-Release Good Nature, dass sich instrumental weiter von ihren Wurzeln entfernt hatte. Innerhalb der inzwischen vergangenen vier Jahre waren Turnover jedoch nicht untätig gewesen. Neben zwei EPs (Blue Dream, Humblest Pleasures), die jeweils als Bindeglieder nach und vor den genannten Veröffentlichungen fungierten, erschien 2015 mit dem Album Peripheral Vision eine Übergangsform, welche die Szene aufhorchen ließ.

Nicht ganz so handzahm, verspielter und mit mehr Biss als der Nachfolger Good Nature konstituierte sich Peripheral Vision als gefeierter Peak der Band. Turnover hatten sich von ihrem eingängigen Punk-Image abgewandt und waren vollkommen beim Shoegazing hängen geblieben. Mit Songs, wie „New Scream“ und „Hello Euphoria“, vervielfältigte sich lyrisch das Blickfeld, dass sich nun nicht länger auf zwischenmenschliche Beziehungen konzentrierte, sondern einen Bezug auf ein Leben abseits von gesellschaftlichen Standards nahm.

„Adolescent dreams gave to adult screams Paranoid that I won’t have all the things they say I need What if I don’t want a pattern on my lawn? All I know is something’s wrong because everyday I’m Craving that new scream …“ – New Scream

Grundsätzlich blieben jedoch das Thema Selbstreflektion und die Empfindungen für nahestehende Menschen das Lebenselixier der poetischen Texte über alltägliche emotionale Zustände. 

„Bass guitarist Dempsey told Billboard about the meaning of this song:“ „Take My Head is about how it could be the best day and you’re surrounded by happy things, but you still want to be pissed off and sit by yourself.“ genius.com

Ohne die Tracklist mit einzubeziehen ist es schwer zu sagen, wo Peripheral Vision beginnt und endet. Die zweite LP Turnovers ist eine homogene Masse aus leichten Rock-Rhythmen und psychodelischen Melodien in den Fußspuren von Slowdive und My Bloody Valentine, welche dem Zuhörer die Augen schließen. Für 11 Songs heißt es, in einem Ozean aus Dingen zu versinken, welche sich in einer Endlosschleife im Kopf abspielen, nach ihrem tieferen Verständnis aufzutauchen und in eine befreite Seele einzuatmen.


© Beitragsbild: Run for Cover Records, Bandcamp