Diarium

08.01.2021, Download Das rege Treiben im Großraumbüro vermochte mich an jenem verheißungsvollen Tage nicht aufzumuntern. Die Arbeit als Teil der Beitragsrealisationsgruppe hatte sich zum Mittelpunkt meines Lebens verlagert und den ursprünglichen Platzhalter, eine nicht unwesentliche Funktion als Familienvater umfassend verdrängt. Ich grämte mich hinsichtlich der Distanz, die sich zwischen mir und meinen Lieben in Gestalt eines Berges zu überprüfender Protokolle aufgebäumt hatte. Die reißerischen Vertrauensbekundungen des Abteilungsleiters, welche er traditionell am Beginn eines jeden Morgenmeetings in robotischer Manier abspulte, hatten mich dazu angetrieben, ein Scheitern abzulehnen, weiterzumachen, zu tippen, zu lochen, abzuheften, abzuzeichnen, zu markieren, zu berichtigen, immerfort und unaufhörlich. Doch ich konnte nicht länger folgen. Mir war, als wäre ich aufgeschreckt, ein Schlafwandler, der beim Namen genannt wurde und die jähe Verbindung mit einem wachen Geist entsetzt anzweifelte. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, wann ich die Firma das letzte Mal verlassen, geschweige denn Nahrung zu mir genommen hatte. Wohingegen mich in den zurückliegenden Wochen die unverhoffte Last einer plötzlichen Ermüdungserscheinung in keinem einzigen Moment heimgesucht hatte, war ich nun kraftlos gebrochen durch die klägliche Anpassung der kognitiven Übertragungsgeschwindigkeit meines Verstandes. Jene verwelkte spezielle Befähigung, Zeit und Raum sowie alle ihnen zugehörigen Dinge spielerisch, ja nahezu mühelos zu organisieren, qualifizierte mich für die Teilnahme an dem womöglich geheimsten Projekt, dass der Technologiekonzern seit der Erforschung des Prototypen 01000001 01110101 01110011 01111010 01100101 01101001 01110100 in Auftrag gegeben hatte. Nachdem der Vorstand öffentlich machte, dass der damalige Forschungsgegenstand von einem eingeschleusten oppositionellen Aktivisten implementiert worden war und keinen Wert für die Vision der Firma hatte, sah die Geschäftsführung eine gefühlte Ewigkeit von einem anschließenden Vorstoß zur Etablierung eines neuen Maßstabes in Sachen Personalmanagement ab. Nichtsdestotrotz wurde die neue Unternehmung unserer aller Vorgesetzten einstimmig angenommen und sie würde ein Ende finden, in wenigen Minuten. Eine E-Mail hatte die Belegschaft in den späten Abendstunden über den nahenden erfolgreichen Abschluss von 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 in Kenntnis gesetzt. Niemand hier konnte genau sagen, worum es sich bei 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 handeln würde. Die Ranghöchsten redeten gelegentlich von einem noch nie da gewesenen Programm, welches jedem Kunden nach seiner Veröffentlichung zur uneingeschränkten Verfügung stehen sollte. Für uns einfache Angestellte ward 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 allerdings geradewegs ein Konglomerat aus binären Systemen, Codenamen und einer Auswahl verschiedener Programmiersprachen verblieben, aus denen sich selbst für ein geschultes Auge keine symbolischen Fragmentierungen ablesen ließen. Das rege Treiben geriet ex abrupto ins Stocken. Aus den eingeübten manuellen Datenverkehrswegen bildeten sich Aneinanderreihungen gespannter Blicke, die sich in Richtung der Wand hinter dem Bereich des Anweisungsdigitalisierungsteams lenkten, welche in Wahrheit ein gigantischer Bildschirm war. Auf ihm zusehen war die simple grafische Darstellung eines leer stehenden Ladebalkens, der den ersten feierlichen Download eines Kunden beschreiben würde. Daneben die Angabe 0 Prozent. Eine selbstbewusst schreitende junge Frau mit einem auffälligen silberfarbenen Headset trat aus den Anordnungen von Mitarbeitenden hervor, positionierte sich vor dem Monitor und ergriff verstärkt durch die Wirkung des einbegriffenen Mikrofons ihrer Sprechgarnitur das Wort. Es war die Vorgesetzte. Sie beglückwünschte die Belegschaft dynamisch, wie gleichermaßen gefasst für ihren Einsatz, welcher 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 möglich gemacht hatte, bevor sie daraufhin übergangslos in einen weiteren Schwall aus formellen Danksagungen transzendierte. Während sie ihren Text fortführte, fiel mir auf, dass sich der Ladebalken längst um dreiviertel gefüllt hatte. Ein Ausbruch von Tagträumerei beflügelte meine Fantasy. Sobald der Kunde das Programm erhalten hätte, würde ein gelungener Ausgang von 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 bestätig werden. Ich würde nach Hause fahren, meine Kinder in die Arme schließen, dann meine Frau und dem Konzern auf unbestimmte Zeit den Rücken kehren, gar nie wieder erscheinen. Als der Transfer die 95 Prozent Marke passierte, wurde das Büro von einem ohrenbetäubenden Zischen erfüllt. Ein Unfall musste sich im Gebäude zugetragen haben. Zumindest dachte ich dergleichen, klammerte mich blass bis zum Schluss an die Vermutung, dass die situativ willkürlich anmutende Katastrophe nichts mit 01000100 01101111 01110111 01101110 01101100 01101111 01100001 01100100 zu tun haben könne. Der Ladebalken strömte weiter seiner Maximierung entgegen und untermalte mit jeder Zuckung rhythmisch das erschütternde Beben, die strahlenden Lichtblitze, das allmähliche Auflösen einer jeden anwesenden Person. Erschrocken legte ich die Hände vor das Gesicht, doch war gezwungen, durch meine durchsichtigen Finger die Vollendung des Downloads mitzuerleben. P.02

01.01.2021, Augen im Schatten Da waren Augen im Schatten. Ein Paar. Wem gehörte es? Sie ging schon mal vor, um den Wagen anzulassen. Sie wollte mich heiraten. Meine Eltern wollten, dass ich sie heirate. Während ihres Antrages hatte ihr Vater die Stirn in Falten gelegt. Auf meinen Wangenknochen bildeten sich Ansammlungen von Schweiß. Sie würde jetzt in die Stadt fahren und dann ein Kleid aussuchen. Die Augen waren noch immer da. Starr und aufmerksam, hell, leuchtend wie fluoreszierendes Licht. Ich konnte sie nicht heiraten. Was? Ein lächerlicher Gedanke. Ganz plötzlich. Quasi aus dem Nichts. Ihre Familie hatte bereits eine Anzahlung für die Festivität geleistet. Es war so beschlossen. Wen kannte ich, der sich an diesem Tag zu dieser Zeit anonym an diesem Ort aufhalten würde? Ich hatte keine Schulden. Schulden waren etwas für Spieler und ich spielte nicht. Ging stets auf nur mal sicher. Im Restaurant an der Ecke bestellte ich die 43. Ein sicheres Gericht. Ehen waren ein Unterfangen für Spieler. Bitte? Wie kindisch von mir. Ich liebte sie. Es gab keinen Grund zur Sorge. Ihr Vater war Rechtsvertreter. Jemand musste uns gefolgt sein. Vielleicht ein Rechtsverächter, gar eine Vagabundin. Der statische Blick schien unwirklich, regungslos, einschüchternd. Es war wie ein Kampf. Eine offene Fehde zwischen mir und dieser Person. Zwei schicksalhafte Gegenpole. Verschwägert durch die ansonsten klaren Sichtverhältnisse eines lauen Sommernachmittags. Ich wurde unruhig. Die geheime Entität musste eine ungewöhnliche Sehhilfe tragen und in die verdunkelte Stelle hinter dem Übergang getreten sein. Die Gläser spiegelten sich dennoch. In der Ferne hörte ich den Motor eines Autos aufheulen. Es wurde mir einmal als lippenstiftrot vorgestellt, doch auch andere Dinge waren rot sowie Blut, die Tinte eines extravaganten Anwaltspatriarchen oder das Höllenfeuer. Ich drückte mir das bestickte Papiertaschentuch an den Kopf, welches die Initialen meiner Zukünftigen neben den meinigen präsentierte. Es war ein unerwartet heißer Tag. Entnervt schnaubte ich jedoch nicht so charakterfest, wie man es von mir ab dem zeremoniell signierten Datum des nächsten Sonntages erwarten würde, mit der Nase. Nur ein Rumtreiber, eine verkannte Handlungsreisende, konnte für solch ein provokantes Gestell Verwendung finden. Ich würde mich zur Wehr setzen. Fremde Leute einfach mir nichts, dir nichts zu verheiraten, ich meine zu verhöhnen, schien gestrig, haltlos, obgleich modisch. Früher oder später würde jemand das Kreuzverhör des gesellschaftlichen Lebens durch einen mutigen Zwischenruf unterbrechen müssen. Für einen Moment verschwanden die Augen. Jener Beobachter, jene Spekulantin, schien bemerkt zu haben, dass ich nun energischen Schrittes auf sie zu trat. Ich verschwendete keine Zeit. Sie würde aufgebracht im Auto auf mich warten. Bei freier Strecke spurtete ich über die im Boden eingelassenen Gleise und baute mich vor der einstig rätselhaften Gestalt auf. Es war eine alte Dame mit einem antiquierten Brillenmodell, sanft in der Mitte ihres Gesichtes haftend. Sie blickte aus dem Kassenhäuschen der Bahnstation, erhob die Hand zu einem unverblümten, doch angebrachten Gruß und sprach mich an, bevor ich einen Ton von mir geben konnte. „Hallo junger Mann, ich habe mich schon gefragt, wann Sie endlich herüberkommen. Hier ist die Fahrkarte, die Sie gestern gebucht haben. Den Zielort habe ich, wie Sie es wollten, zufällig ausgewählt.“ P.01