5 Gründe, aus denen ein Freedom Day eine schlechte Idee ist

Die Corona-Pandemie brachte nicht nur die verheerenden Folgen einer weltweit grassierenden Viruserkrankung nach Deutschland, sondern gleichfalls einen Wahnsinn, der einst den lustig verkorksten KifferInnen komödiantischer Spielfilme und paranoiden Area-51-Fans einschlägiger Internetforen zugeschrieben wurde. Dabei hätte die vergangene Zeit, welche von Ausgangssperren und Kontaktverboten geprägt war, genau den wohligen Anstrich einer verbohrt-stoischen, volkstümlichen Solidarität haben können, den sich die eingefleischten TraditionalistInnen an den abschüssigen Enden des politischen Spektrums so herbeisehnen. Keine Frage: Einfach war das erzwungene Ausharren auf Dauer für niemanden. Insbesondere waren jene betroffen, die schon vor dem Auftreten von COVID-19 daran scheiterten, an der oft propagierten sozialen Gerechtigkeit teilzuhaben. Darunter: Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen. Da macht es Sinn, dass sich nun erst einmal diejenigen belohnen möchten, welche in den letzten Monaten vor allem durch Randale, illegale Dinner-Partys und einer generellen Missachtung der Mindestabstandsregel aufgefallen waren. Doch mal halblang mit dem Shaming der hoffnungslos abgedrifteten Telegramm-Prepper. Laute Advokaten der individuellen Freiheit wie der alte, verschlagene Onkel der deutschen Politik, Wolfgang Kubicki (FDP), machten sich immer wieder für die süffisante Geringschätzung einer auf das Eintreten füreinander sich gründenden Unterstützung stark. Die neue Hirngeburt des regierungskritischen Freiheitskampfes lautet: Freedom Day. Ja, ein Freiheitstag soll es sein. An dem dann plötzlich alles wie von Geisterhand wieder normal ist. Nun gut, was immer normal in den Köpfen von Menschen heißt, die sich einen Computerchip im Arm davon entfernt sehen, Angela Merkel das Frühstück ans Bett bringen zu müssen. Also auf jeden Fall keine Beschränkungen, keine Gs und natürlich keine Masken. Ein ausgelassenes Fest der Umarmungen und Küsse und volltrunkenen Schlägereien vor dem proppenvollen Klub. Nach Dänemark und Schweden und Skandinavien überhaupt sollen endlich die Deutschen ausschreiten dürfen. Warum ein Freedom Day nicht nur wenig charmant daherkommt, sondern ebenso wenig sinnvoll ist, lässt sich an einer Hand aufzählen.

  • Nichts gelernt

Kubickis Freie Demokraten konnten bei der Bundestagswahl 2021 überraschenderweise einen beträchtlichen Anteil an ErstwählerInnen für sich gewinnen. Als überzeugend galten mitunter die Forderungen nach individueller Freiheit in Pandemiezeiten, welche der von Isolation und Bildungsferne traumatisierten Jugend Erlösung versprachen. Dass der Föderalismus der Bundesrepublik jedoch ebenso für Chaos und Unzufriedenheit gesorgt hatte, schien da bereits erfolgreich unter den Tisch gefallen zu sein. Wenn jeder für sich selbst sorgt, dann ist an alle gedacht, – so die Denkweise vereinzelter Landesregierungen. Sie erzeugte selten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit auf Bundesebene und beförderte die Krawallproteste der Querdenker-Szene, die es durch eine polarisierend prominente Inszenierung in der Medienlandschaft leicht hatten, notorische Zweifler wie wirtschaftliche Verlierer für ihre verdrehten Ansichten anzuwerben. So ergab sich ein ausgedehnter Diskurs über die Rechte von denen, die ihre persönliche Freiheit gerne über die aller anderen gestellt wissen würden. Ein pompöser Freedom Day mit Tanz und Gloria würde ihnen nicht nur zustimmen, sondern ein Denkmal setzen, dass eigentlich jenen zusteht, die als Corona in Hochphasen wütete, pflegten, lieferten und Regale einräumten, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für den pöbelnden Rest.

  • Die Schmach der Vergessenen

Mehr als 94.000 Menschen verstarben bis zum jetzigen Zeitpunkt allein in Deutschland an einer Infektion mit COVID-19. Weltweit sind insgesamt mehr als viereinhalb Millionen Todesfälle gemeldet. Nun gibt es zwar solche, die sich nach ihrem Tod anstatt einer Trauerfeier eine wilde Party mit Stroboskop wünschen würden, doch dagegen sprechen in sich mehrere Gründe. Pietätlos wäre eine solche Sause da Unverständnis und Rücksichtslosigkeit vieler, das Infektionsgeschehen maßgeblich beeinflusst haben. Diese feierten bereits ausgelassen, als Privatpartys noch offiziell untersagt waren und erwiesen dem gemeinschaftlichen Aussitzen der Pandemie damit einen Bärendienst. Anständiger wäre es jetzt einen Wandel herbeizuführen, der auf Demut, Sitte und Ordnung beruht. All die Dinge also, die in so manch einem Moment nicht funktioniert haben, beispielsweise als Toilettenpapier und Nudeln geplündert wurden, während NachbarInnen und MitbürgerInnen an ihren Symptomen erlagen, ohne sich von ihrer Familie und ihren FreundInnen verabschieden zu dürfen. Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen dürften sich an einem Freedom Day fragen, was eigentlich gefeiert wird. Das in dieser Zeit lieber Bildmaterial und Empathie für wahntrunkene SpinnerInnen vergeudet wurde, als ihnen ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen?

  • Winter is coming

Die Parteien der Freien Demokraten wie Freien Wähler hatten bereits für den 11. Oktober einen sogenannten Freedom Day gefordert. Dass dies illusorisch war, entspricht nicht nur Meinungen geschätzter ExpertInnen für den derzeitigen Pandemieverlauf, wie des Virologen Prof. Dr, Christian Drosten, Hajo Zeebs vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen und Carsten Watzls, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Ebenso kritisch sehen ein unüberlegtes Drängeln Politiker aus CDU/CSU, SPD und Grünen. Darunter Karl Lauterbach (SPD) und Janosch Dahmen (Grüne), die den euphorischen Vorschlag des Kassenärztechefs Andreas Gassen eindringlich kritisierten, für den 30. Oktober eine umfassende Abschaffung der Maßnahmen einzuleiten.

Aktuell ist nicht ausreichend einzuschätzen, wie die Herbst- und Wintermonate das Infektionsgeschehen beeinflussen werden. Vorsorglich wird mit einer steigenden Gefährdung von ungeimpften Personen gerechnet, die nicht etwa durch eine Herdenimmunität vor dieser vierten Welle geschützt wären. In diesem Fall würden sich jegliche Feierlichkeiten schnell zu einem zynischen Beifall der prekären Lage wandeln. Ein voraussichtliches Ausklingen sieht die Politik derzeit für das Frühjahr 2022 als realistisch.

  • Das F-Wort

Kein Wort ist im Zuge der Pandemie so in Verruf geraten wie das F-Wort – nun gut, hier ist es: Freiheit. Wobei es derzeit wohl angebrachter wäre es ganzheitlich in Großbuchstaben und mit jeweils einer Leerstelle zwischen den Zeichen zu tippen. Noch nie schien unsere holde Freiheit gefährdeter. Speziell nach dem doch gerade eben am Datum des 26. Septembers in freien Wahlen über einen neuen Bundestag entschieden werden durfte. Frechheit! #zwinkersmiley. In irgendeinem Gedankenkonstrukt mag sich wohl jeder gefangen fühlen, dessen eigenes Verständnis von Freiheit erst dort endet, wo das des bzw. der anderen längst geschändet ist. So war es eine Erleichterung zu erfahren, dass der Verfassungsschutz doch irgendwie funktioniert und sich mittlerweile verpflichtet sieht, Terror-Quengler der neuen bürgerliche Mitte vorsichtshalber an die kurze Leine zu nehmen. Wie war das noch einmal bei Spiderman? Mit großer Freiheit kommt große Verantwortung? Da würde vielen hierzulande in Retrospektive eine Nachhilfestunde besser zu Gesicht stehen als eine Abschlussfeier. Sechs. Setzen!

  • Das Ächzen der Erde

Trotz des großen Unheils, dass die haltlose Verbreitung des Virus der Menschheit aufbürdete, gab es erwartbare ProfiteurInnen, die einen Nutzen aus den erschwerten Lebensverhältnissen ziehen konnten. Vorneweg marschierten BesitzerInnen von Supermarkt-Ketten und Streamingdiensten wie Netflix als auch GeschäftsinhaberInnen von Onlineversandgeschäften wie der Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos. Zudem galt das verordnete Exil in den eigenen vier Wänden für Menschen mit sozialen Phobien und artverwandten psychischen Erkrankungen als lindernd. Doch nicht nur den Geldbeuteln weniger kamen die Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen wahrlich entgegen. Die Erde bedankte sich für eine Atempause, in der weniger Abgase, VielfliegerInnen und kapitalistische InvasorInnen der Natur den gewohnt permanenten Stresstest unterzogen. War das ursprüngliche Aufkommen des Virus kein außerirdischer Anschlag gewesen, sondern durch die Gier des Menschen selbst verschuldet. Ob ein Freedom Day die gewonnenen Erkenntnisse über eine dringend notwendige Optimierung des Natur-Mensch-Verhältnisses entsprechend zu würdigen vermöge, ist nicht vorstellbar. Sollten wir uns ernsthaft dafür feiern, unsere eigenen Verbrechen am Planeten Erde und seinen tierischen BewohnerInnen überlebt zu haben?

Quellen:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/corona-auswirkungen-klima-umwelt-emissionen-muell

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Corona-Pandemie-Covid-Experte-warnt-Wir-haben-die-Pandemie-leider-noch-nicht-ueberstanden-id60490606.html?wt_mc=redaktion.escenic-reco.article.desktop.

https://www.tagesschau.de/thema/coronavirus/

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_90892844/corona-freedom-days-in-skandinavien-schuss-kann-nach-hinten-losgehen.html

Dänemark macht die Schotten dicht: eine verdammt heiße EM, Sozialdemokratie für wilde Kerle und die neue gemütliche Härte – kommentiert von Claudia Neumann

Foulspiel! Aber nein, Herr Schiedsrichter, das war doch eben Hygge. Ach so, na, dann bitte her mit dem Videobeweis. Ganz klar! Gemütliche Härte seitens der Dänen. Das Spiel darf unter der sengenden Sonne, welche das Logo der EM 2020 ironischerweise in das korrekte Datum 2021 angeschmolzen hat, unabdingbar barmherzig fortgeführt werden. Während die vom Bundes-Jogi mental eiskaltgestellten Deutschen versuchen, mit ernster Miene die Cooling Breaks durch hinter den Ohrläppchen eingeklemmte Erfrischungsstäbchen zu überbrücken und die italienischen Spieler hilflos auf der mit hausgemachtem Stracciatella-Eis ausgekleideten Ersatzbank festkleben, verschaffen sich die Wikingernachfahren derweil einen taktischen Vorteil durch ihr handwerkliches Geschick und rudern im traditionell errichteten Knorr auf dem Sud der eigenen Mannschaftskameraden erneut Richtung Strafraum des gegnerischen Teams. Wie schön haben es da die eigenen Leute zu Hause, die einen lindernden Hauch der erfreulich frostigen Atmosphäre erhaschen dürfen, die im Rahmen des beliebten Endgettoisierungsprogrammes der einzigen farbenblinden sozialdemokratischen Regierung mit ausgeprägter Links-Rechtsschwäche der Welt ihre befremdlich fremdenfeindliche Betriebstemperatur in der Mitte der Gesellschaft gefunden hat.

Erste Eindrücke unserer Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann, die in der Zwischenzeit von erzkonservativ westeuropäischen Alpha-Männchen über die dänische Grenze gejagt wurde: „Meine Verfolger haben die Seilbagger der SozialdemokratInnen gekapert und hetzen mich unerbittlich durch die Straßen Kopenhagens! Später dann brandheiße Informationen zur lokalen Wohlfühlpolitik der SkandinavierInnen.“

Danke Claudia! Wir kommen auf dich zurück. Wie wunderbar, dass es nun endlich auf der Hand liegt. Die schottischen Fans haben nicht etwa leck geschlagen und werden mithilfe des Serums eines Start-ups aus Dänemark von innen Bier abweisend imprägniert. Es sind die heimischen Grenzen, welche es totalitär abzuriegeln gilt und wer hätte es gedacht, verraten, das die regionalen Sozen doch farblich unterscheiden können, also wer dort hingehört und was zugereist ist. Damit stecken sie die deutschen KollegInnen der SPD locker in die Tasche, wenn es darum geht, die eigenen Werte sagen wir einmal wirtschaftsdienlich zu modernisieren. Wo zweitere dabei hängen geblieben sind, Schröders Erbschaft zu verwalten und die immer noch immer ärmer Seienden mühsam an die immerzu immer reicher Werdenden heranzuführen, hat ihr nordisches Pendant, die Genialität des Systems Best of Both Worlds erkannt. Wieso WählerInnen an die populistischen Debatten der radikalen Randbewohner des politischen Spektrums verlieren, wenn man sich die reißerischsten Streitpunkte einfach aneignen kann und die eigentlichen Inhaber gewillt sind, brav zu kooperieren. Ganz entgegen einem FDP-Motto, welches die Relevanz sehnsüchtige SPD nimmer im Angesicht der nahenden völkischen Bedeutungslosigkeit mit der Kneifzange anzutasten wagen würde. Lieber gar nicht zu regieren, als falsch zu regieren.

Die Socialdemokraterne Frederiksens hingegen merkt an: Wer richtig regieren will, der muss eskalieren. Sozialleistungen für echte Dänen, Abschiedsbriefe für Migranten und lähmende Depressionen für rechtspopulistische Maulhelden, die nicht glauben können, dass ihnen ein roter Block aus geschäftigen Sozialisten die Existenzberechtigung entzieht. Soll es ein Gregor Gysi ruhig versuchen, infrage zu stellen, was eigentlich besser war, bevor die erste Flüchtlingswelle aus Syrien die Dänen erreichte. Und wer genau mehr von was ganz spezifisch hatte. Als habe schon jemals in der Geschichte des Landes ein Däne einen anderen Dänen übers Ohr gehauen. Somit hebt sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen gekonnt die lästige Scham eines Horst Seehofers für die letzten Tage im Amt auf, der sich nun knapp vor der Rente wünschte, er hätte 2011 nie geäußert, sich „bis zur letzten Patrone“ gegen die Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren zu wollen. Da verkratzen keine an Austausch orientierten Protestcamps von MigrantInnen die eiserne Erfolgsgeschichte der angestrebten Bizarrokratie, zu denen sich lediglich ein paar Freaks von Linksaußen gesellen, die merkwürdige Anstalten machen die Gesprächsbereitschaft als Tugend eines wahrhaftigen gesamtgesellschaftlichen Annäherungsprozesses zu sehen. Denn weshalb Geld an eine Sache verschwenden, die man sowieso nie ernsthaft wollte. Reisende soll man nicht aufhalten und jemanden zu vertreiben ist leichter als zu begreifen, dass Integration keine Einbahnstraße ist, bei dem der eine die vollen 100 Prozent gehen soll, wie bei einem furchtbar peinlichen Kuss, der für beide Seiten eine Qual ist. Dass es molliger ist, sich abzuschotten und in Angst vor dem Nachbarn zu leben, sollen Dänemarks Kinder bald abermals lernen. Härte statt Hygge.

Eine stabile Verbindung zu unserer zeitweiligen Auslandskorrespondentin Claudia Neumann besteht jetzt wieder. Claudia, wie ergeht es dir dort drüben?

„Ich bin auf meiner Flucht in den Dreck gestürzt und zu den bisherigen Jägern sind indes dänische Bürger hinzugestoßen, die denken, ich wäre eine syrische Geflüchtete und sozialdemokratisch entschieden haben, dass ich das Land verlassen muss.“

Spitze! Mach dir keine Sorgen, Claudia. Das ist die neue Gemütlichkeit!

Quellen:

https://www.fr.de/meinung/kolumnen/em-21-claudia-neumann-stimme-fraunenfeindlich-fussball-kolumne-90806289.html

https://www.spiegel.de/ausland/fluechtlinge-aus-syrien-in-daenemark-haerte-statt-hygge-a-633f9231-a838-42f1-aa61-00202b9e4bf5

https://www.welt.de/politik/deutschland/article231577309/Abschied-aus-der-Politik-Horst-Seehofer-ueber-seine-politische-Karriere.html

Heidenreich, das verrufene Sternchen und der Hass auf asiatische Menschen: Es muss von Frauen gesprochen werden!

„Meine Herren und Damen, wenn ich als Frau zu Ihnen spreche, so hoffe ich doch, dass recht viele Männer auf meine Worte achten werden. Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin. Es gibt viel mehr Frauen im wahlfähigen Alter als Männer.“

SPD-Politikerin Marie Juchacz, Begründerin der Arbeiterwohlfahrt und erste Frau, die vor Abgeordneten eine Rede hält

Wir alle kennen diesen einen Hollywood-Film, in dem eine junge Frau ihre Leidenschaft für einen Sport oder Beruf entdeckt, der bisher lediglich als reine Männer-Domäne gegolten hat. Im Laufe des Plots überzeugt sie durch einen hingebungsvollen Einsatz und wird als vollwertiger Teil des Teams akzeptiert. Allerdings ist dies noch nicht das Happy End, denn aufgrund ihrer bewusst gewählten bübischen Verkleidung hat noch niemand gerafft, dass Erik in Wahrheit kein kerniger Kerl ist, sondern Erika eine toughe Dame. Die Bombe platzt. Wie kann so was passieren? Eine selbstbewusste Frau sticht eine Bande von talentfreien Typen aus, die sich lieber in ihrem Chauvinismus suhlen, anstatt anständig zu trainieren. Wo es doch klar ist, dass das generische Maskulinum seit jeher eine Befähigung zur Ausübung der Tätigkeit von potenziellen Interessentinnen ausgeschlossen hat. Das Ende ist wie immer zum Kotzen. Damit die Union der eindimensionalen Brüllaffen nicht ihr Gesicht verliert, darf Erika bleiben, weil sie bewiesen hat, dass sie als richtiger Macho taugt und Haare auf den Zähnen mitbringt. Zum krönenden Abschluss gibt es vom Chef noch einen Klaps auf den Arsch, als Gütesiegel versteht sich. Sie ist nun ein richtiger er und somit naturgesetzmäßig absolut qualifiziert. Der Erfolg aktueller Kinoproduktionen nach Schweighöfer und Schweiger verrät, dass solche Unterhaltungsprodukte nicht aus der Zeit gefallen sind, sondern im Hier und Jetzt hoch im Kurs.

Vor diesem Gedankenspiel ist es erschütternd, wenn sich intelligente und wortgewandte Frauen wie der *Linken-Politiker Sarah Wagenknecht und der renommierte *Schriftsteller Elke Heidenreich für eine Gesinnung stark machen, welche die Frau als Opfer patriarchaler Denkstrukturen noch weiter aus unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung verdrängt, als sie es ohnehin schon wird. Die Begründungen für die Ansichten sind so ignorant, dass es einen fassungslos zurücklässt. Wer sich gegen den großen Bruder nicht mit Tritten und Schlägen durchzusetzen weiß, der hat es verdient, wie eine anspruchslose kleine Heulsuse schikaniert zu werden. Im Kampf gegen die belächelte Identitätspolitik ihrer eigenen Partei kommentiert Wagenknecht, dass sie sich in ihrer heutigen Position nicht mehr als Opfer verkaufen würde. Ein Satz, der einem das Blut aus den Augen schießen lässt, wenn man sich die traurige Statistik zu Gemüte führt, welche das Buch Alle drei Tage der Autorinnen Backes und Bettoni behandelt.

Wo keine Probleme gesehen werden, kann es auch keine Lösungen geben. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu ermorden. Jeden dritten Tag gelingt ein solcher Mord. Ja, wir sprechen nicht von Saudi-Arabien oder der Türkei, sondern der europäischen Vorzeigerepublik überragender westlicher Werte. Im Werk geht es um die fortschreitende Degradierung der Frau zum Objekt, die Entwicklung der Gewalt gegen Frauen als strukturelle Gefahr und vermutlich einem der bedeutsamsten Punkte der Art und Weise in der den weiblichen Opfern, denn sie sind Opfer nach geltendem Recht und haben es verdient, als geschädigte Individuen gesehen und gehört zu werden, der schwarze Peter zu geschoben wird. Wie kann es eine Frau wagen, sich von ihrem Mann zu trennen? Da dürfen es ruhig mal mildernde Umstände sein, wenn der Gatte nachträglich die Prügelstrafe verhängt hat (nicht). Doch freilich ist dieses Problem ein globales und keine Verkettung von unglücklichen Umständen. Als ein 21-jähriger junger Mann am 16. März in Atlanta aus purer Verachtung acht Menschen in drei verschiedenen Massagesalons erschießt, sind unter den OPFERN maßgeblich asiatische Frauen vertreten. Der zuständige Polizeisprecher spricht daraufhin von einer Versuchung, die der gläubige Christ eliminieren wollte. Außerdem habe er einen schlechten Tag gehabt. Mutmaßlich ebenso der gerade genannte Mitarbeiter der Polizei, welcher in Anbetracht seiner süffisanten Erklärung des Amoklaufes vom Dienst freigestellt wurde. Der Hass auf Asiat*innen liegt insbesondere tief in der Geschichte der AmerikanerInnen begründet. Der Hass auf Frauen schlägt hingegen tiefere Wurzeln.

Etwas ist diesmal anders. Vielleicht ist es der Umstand, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich zum ersten Mal auf Menschen richtet, die sie sonst übersieht, – weil sie arm sind, weil sie weiblich sind oder weil sie migriert sind. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Vanessa Vu offenbart in ihrem Beitrag für die Zeit, dass der Hass auf Frauen kein Problem einer abgesonderten Mittelschicht und eine besonnen angebrachte Identitätspolitik kein privilegierter Unsinn sind und anderorts dementsprechend gewürdigt werden. Bezeichnend für die Notwendigkeit eines kollektiven Umdenkens sind zudem die Ausführungen Sasha Lobos über die wachsende Frauenfeindlichkeit in den sozialen Medien. Wie Lobo zusammenfasst, ist es essenziell, nicht länger nur über Frauen hinweg zu reden. Es muss von Frauen gesprochen werden. Denn es hilft nur:

Widersprechen, aufklären, wenn nötig und situativ sinnvoll, verbale Gegenangriffe starten. Denn – und das ist leider keine Übertreibung: Frauenhass tötet. – In sozialen Medien wandelt sich das Klima – in Richtung Frauenfeindlichkeit, Sasha Lobo

* Aus Rücksicht auf die Standpunkte von Wagenknecht und Heidenreich werden sie mit dem generischen Maskulinum vorgestellt.

Quellen:

https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-05/antiasiatischer-rassismus-corona-diskriminierung-sexismus-atlanta-marco-polo-geschichte

https://www.deutschlandfunkkultur.de/backes-und-bettoni-alle-drei-tage-dann-hat-er-versucht-mich.1270.de.html?dram:article_id=493609

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-in-sozialen-medien-wandelt-sich-das-klima-in-richtung-frauenfeindlichkeit-a-72e24390-505b-4f02-8283-308c71f7df9d?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.n-tv.de/leute/Heidenreich-Gendern-verhunzt-Sprache-article22594645.html

Die große Hut-Verschwörung: Tagtraum. Realität? Unsinn!

Für einen Moment bin ich nicht gänzlich da. Abgedriftet. Gedanklich auf der Arbeit. Wie komme ich bloß hierher?

Eine Stimme sagt: „Der Hut hat seinen eigenen Willen.“

Wie bitte? Ich drehe mich um. Eine unscheinbar wirkende Person sitzt keine Armlänge weit von mir entfernt in einem futuristisch geformten Sessel, visuell und farblich einer einsamen Steinkoralle ähnlich. Hinter ihr erstreckt sich ein mir sehr wohl bekannter Gang in einem schier unendlichen Ausmaß. Selbst bei genauerem Hinsehen erkenne ich den innehabenden Charakter der wunderlichen Anmerkung nicht. Natürlich, dies ist ein Tagtraum. In Wahrheit ist der Sessel scheußlich.

Ich sage: „Sie tragen keinen Hut.“

Ohne jedes weitere Zutun meinerseits bricht ein Redeschwall die Totenstille in der Begegnungsstätte. Der Hut wäre nicht hier. Er würde eine andere Gesellschaft bevorzugen. Das hieße ausschließlich seine Eigene. Auf der Flucht.

Ich sage: „Der Hut flieht?“

„Unterbrechen Sie nicht. Ist das nicht komisch? Es handelt sich um einen Abhörskandal. Normalerweise hören Hüte Menschen ab. Nicht umgekehrt.“

Während die fremde Seele versucht, einen folgenden Absatz mit einem großen Atemzug freizugeben, löst sie sich in Luft auf. Ich liebe diese Gespräche, weil sie Nonsens sind, aber unschuldig. Basierend auf dem gesundheitlichen Zustand des Gegenübers. Ich höre gerne zu, weil auch ich in meiner eigenen Welt lebe, in der manchmal oben unten ist und hässliche Stühle eine fantastisch ozeanische Gestalt annehmen, wenn ich mich ausgestempelt habe und die Augen schließe. Ich schlendere entspannt ein paar Schritte und genieße skurrile Kunst an den ewig langen Wänden, die meiner Vorstellungskraft zu verdanken ist.

„Der Hut ist nicht hier!“

Ich bin nicht mehr allein.

„Ja, Sie haben es mir erklärt. Wir haben uns noch nicht vorgestellt.“

„Ich habe erklärt und Sie nicht zugehört. Der Abhörskandal.“

Ich sage: „In Ordnung. Keine Namen. Möchten Sie über etwas anderes reden?“

„Es gibt nichts, dass wichtiger ist und jetzt sind sie eingeweiht. Sie sind ein Teil der Geschichte.“

Wie ich bereits angemerkt habe, bin ich ein Sympathisant verrückten Small-Talks, doch an dieser Stelle verpflichtet abzublocken.

„In ihrer Lebensrealität mag es so sein, doch in meiner Wahrnehmung macht dieser Zusammenhang keinen Sinn.“

Das anonyme Individuum wendet sich irritiert von mir ab und setzt zu einem erneuten unbändigen Monolog an. Es geht nun ebenso um andere Kopfbedeckungen, richtige und falsche Frisuren und den Geist von Karl Lagerfeld. Ich gebe mein bestes rational zu argumentieren, Fehler in der Verschwörungsmatrix zu erfragen, aber ich komme nicht durch. Plötzlich steht ein Schuldspruch im Raum. Die Muslime wären verantwortlich für eine drohende Hut-Verknappung. Leider enden diese Konversationen ab und an unangenehm.

Ein Piepton erklingt. Dieses Mal bin ich es, der sich zurückzieht. Heimwärts in die Realität. Ich habe aus Versehen den Touchscreen des Smartphones berührt. Am anderen Ende der Leitung redet noch immer ein Mensch, der mir lieb und teuer ist. Was er sagt, ist mir hingegen weder lieb noch teuer. Nonsens, aber nicht unschuldig. Ich werde es noch glauben, die Pandemie ist ein abgekartetes Ding. Bill Gates unterwerfe uns alle mit seiner Macht. Außerdem machen seine Chemtrails … Es wäre besser, wenn wir jetzt Schluss machen würden.

Das Gespräch ist beendet und ich frage mich, auf wessen Kopf dieser Hut in der Zwischenzeit sein Exil gefunden hat.

Pokémon Go Selfie World Championship 2021: Eskapismus x Gucci x The North Face

Willkommen zurück zum Livestream der ersten offiziellen Pokémon-Go-Selfie-Weltmeisterschaft! Die Stimmung hier im einzigartigen Nationalstadion Tokyos ist trotz der gewissenhaft durchgeführten Pandemieregelungen weiterhin unglaublich. Noch immer an meiner Seite und fleißig bei der Arbeit, das Gesehene für unsere virtuellen Pokémon-Freunde da draußen zusammenzufassen, sitzt mein treuer Begleiter Schiggy. Zur Erinnerung: Parallel berichten wir über alle Ereignisse, Breaking News und sonstigen Informationen rundum dieses fantastische Event in den sozialen Medien. Ihr konntet keines der exklusiven Tickets für den digitalen Zuschauerbereich des Kokuritsu kyōgijō ergattern, doch sehnt euch nach einem regen Austausch mit anderen Pokémon-Fans? Nutzt einfach das virale Hashtag ‚pgoswc2021‘ des Pokémon Go Selfie World Championship 2021 und werdet im Handumdrehen ein Mitglied unserer internationalen Community. Nehmt an AMAs mit unseren Beauty-Expertinnen Rossana und Roselia teil, welche euch über das perfekte Make-up sowie die besten Tipps und Tricks beim Posieren für ein preisverdächtiges Poké-Selfie aufklären. Sichert euch obendrein großartige Preise, bereitgestellt durch unsere diesjährigen Hauptsponsoren Gucci und The North Face. Zu verlosen sind phänomenale Produkte ihrer brandneuen Kollaboration, darunter: extravagante Jacken, Schuhe, Taschen, Rucksäcke, Kleider, Schlafsäcke und Zelte, welche eigens für die Outdoor-Suche nach Pokémon konzipiert wurden. Bei der farblichen Gestaltung orientierten sich die gegensätzlichen Modelinien an den Mustern unterschiedlicher Pflanzen- und Insekten-Typen. Was sagst du Schiggy? Dich stört das große Logo der Modemacher auf den Kleidungsstücken und Campingartikeln? Es fällt zu sehr auf und mindert den Tarneffekt? Aber Schiggy, wenn es anders wäre, würden die Menschen auf den Fotos gar nicht mehr im Mittelpunkt stehen, sondern bloß das ganze Grünzeug um sie herum. Ah! Der Countdown! Bevor wir in wenigen Augenblicken die Übertragung des Spielfeldes wieder aufnehmen, folgt nun eine kurze, aber bedeutende Mitteilung unseres Pokémon-Go-Sicherheitsteams:

Liebe Trainerinnen und Trainer,

bitte achtet wie immer auf eure Umgebung, wenn ihr Pokémon GO spielt, und haltet euch an die Verordnungen von Gesundheitsbehörden. Seid stets aufmerksam, wenn ihr euch während der Nutzung unserer App durch öffentliche Räume bewegt und behaltet den Weg vor euch wie eure Mitmenschen im Auge. Euer Wohlsein ist uns ein wichtiges Anliegen. Viel Spaß beim Verfolgen des PGOSWC 2021!

Innerhalb der letzten Wochen waren Userinnen und User weltweit in furchterregende Unfälle verwickelt worden. So fiel ein Schwede während einer Fabrikbesichtigung in eine riesige Eismaschine, als er die Verfolgung eines flinken Gelatini aufgenommen hatte. In Indien wurde eine unvorsichtige Influencerin nur einen Tag später von einem riesigen Baum begraben, als sie einen Schnappschuss mit einem Grillmak wagte. In diesem Sinne raten wir euch zur Vorsicht und wünschen den beiden eine baldige Genesung. Andererseits, wie heißt es so schön: no risk, no Pokémon. Autsch! Hey Schiggy, du hast mich vor das Knie gestoßen! Oh, sieh nur die nächste Runde beginnt! Der griechische Trainer betritt das Feld, welches sich in ein Waldgebiet transformiert hat. Er wird versuchen, sich mit einem Symvolara zu fotografieren und ist dafür sogar mit der kostspieligen Kollektion Gucci x The North Face ausgestattet. Was ist Schiggy? Du sagst, dass er durch die künstlichen Farben Aufsehen erregt und sich besser der Natur anpassen sollte? Aber Schiggy, als ob … Herr je! Das Symvolara hat ihn entdeckt und baut sich vor ihm auf. Es scheint wütend zu sein und zu einer Psychokinese-Attacke anzusetzen! Ähh! Liebe Fans, wir scheinen vor Ort technische Schwierigkeiten zu erleben und werden uns zurückmelden, sobald wir wieder ein stabiles Signal herstel… *Piiiep*