Das Fundbüro, Juli 2021 – alter, geliehener und brandneuer Emo: Carb On Carb, life, Salvia Palth und mehr …

Ein Blick in die Emo-Kiste bringt wohltuende Klänge zum Vorschein. Außerdem vertraute Melancholie wie ein wenig Schwung und samtiger Balsam für die Seele. Einsamkeit und ein grauer Alltag haben die Beine schwer gemacht und dem Herzen ein trauriges Gesicht aufgemalt. Sonst noch was verloren? Dann bitte zugreifen, die vergrämte Gefühlswelt überraschen, mit Songs über neuen Mut, das Treiben lassen im Moment und ewige, melodiös unterlegte Augenblicke, die einen an den Schultern packen und wissen lassen, dass das Leben gut sein kann, wenn man es lässt. Das Fundbüro hat endlich geöffnet. Holt euch, was ihr vermisst. Zu verteilen sind Brieftaschen, Schlüssel und was Schönes für den mobilen MP3-Player.

Carb On Carb

Yeah-nah, sie sind zurück. Wie schön. Eine neue Single namens Here Comes the Best Bit ist seit dem 10. Juni 2021 über den favorisierten Streaming-Dienst verfügbar. Seit das neuseeländische Duo im Mai 2018 mit ihrer durchweg charmanten und fluffig weichen Power-Pop-LP for ages beglückten, wurde es vorerst still um die junge Band. Ihr neuer Track zeigt, dass gute Dinge nicht einfach vergehen, sondern manchmal für ein ersehntes Comeback ihre Zeit brauchen und langwierige Krisen unbeschadet überdauern können. Unverändert stark und einzigartig schmiegt sich die vertraute Stimme von Sängerin Nicole an die uninspirierten Gehörgänge und weckt den müden Verstand mit empathischen Worten über die Erinnerung an sorglose Rituale mit dem Lieblingsmenschen und ihre Wiederbelebung, die in behutsam gleitenden Riffs und einem treffend stimmungsvollen Drumming einen gütigen Nährboden finden. Welcome Back!

Grass and cement They own you rent / Careless and loud At this late hour

life

Sich dem Material der Post-Emo-Rock-Band life zu widmen ist wie in ein mysteriöses Fotoalbum gesaugt zu werden, welches durch die Eigenwilligkeit eines verschollenen Gepäckstückes den Weg in fremde Hände gefunden hat. Freundschaftlich angenommene Anleihen von Deafhaven und Svalbard konfrontieren schonungslos mit den wehmütig kursiv gestrichenen Einträgen unter eindeutig verschwommenem Bildmaterial, dessen leichter Gelbstich für eine milde Empfängnis der emotional mitteilungsbedürftigen Motive sorgt. Und doch ist klar, was passiert ist an jenem Tag neben diesem Baum, wohin die alte Straße ihre Reisenden führte. Nichts als Schall und Rauch sind sie, die Tearjerker-Challenges der sozialen Medien vor den atemberaubenden ersten zwei Minuten des Tracks you’re the most precious (demo four, November 2020). Eine simple Melodie, ein rudimentärer Rhythmus und doch hat selten etwas so echt gewirkt, dass sich nichts und niemand nach der existenziellen Erscheinungsform des Daseins benennen könnte, außer life selbst. Weitere Highlights des gleichen Releases sind eine intensivere Besinnung auf leisere Töne, die mehr Raum für Interpretationsmöglichkeiten des teils orchestral wirkenden Sounds lässt, gewohnt erbauliche Gang-Vocals, welche der Freimütigkeit eines geübten Knabenchores in nichts nachstehen und dem Spiel mit lärmenden Instrumenten, herbem Krach und gar dem Element der Stille, welche im 20-minütigen Song eleven meisterlich zueinanderfinden. Als sichere Empfehlung hält die komplette Diskografie der Emo-Astronauten stand, doch die aktuelle Nummer vier bietet alles und noch so viel mehr.

Salvia Palth

Da ist diese Person in der Klasse, die nie pünktlich zum Unterricht erscheint, aber dennoch schon vor allen anderen im Raum sitzt. Sichtlich nie zuhört, döst und trotzdem die korrekte Antwort dahin säuselt, wenn der Lehrer ihren Namen aufruft. Schon immer in der Referatsgruppe war, obwohl man sich nur schemenhaft an ihre Teilnahme erinnern kann. Auf Partys im Trubel untergeht und doch am nächsten Morgen auf jedem Foto erscheint. Ein Geist, ein Mythos und daher belächelt, weil sie als AußenseiterIn bemitleidenswert daherkommt, aber eigentlich würde man gerne einmal mit ihr tauschen. Denn sie hat alles gesehen, wie eine stille Sicherheitskamera an der Decke eines Supermarktes, und dabei war sie zudem, aus jedem möglichen Winkel hat sie das Vergangene statisch eingeatmet, in spannungslosen Übergängen – formloser Gestalt. Nicht bedauernswürdig, sondern beneidenswert. Wer spiegelt den festen Griff der Nostalgie am Herzen besser wider als sie und melanchole von salvia palth.

Souvenirs

Slowcore mit einem ordentlichen Punch gab es bereits im Juni 2012 von Souvenirs zu hören. Taking Back Sunday lässt grüßen, aber was sind schon Vergleiche, wenn sich der harte Kick einer Bass-Drum selten so gut in die Bauchgegend gegraben hat. Pointiert karge Texte und Allessagende Basslines stellen den Groove ins Zentrum der EP Tired of Defending You, deren Tracks jeder für sich wie ein einziger Schlussstrich über, unter und mitten durch eine verjährte Beziehung gezogen sind. Schnauze voll! Die Jungs beweisen, dass kompromissloses Schmettern attraktiver als mathematisch ausgeklügelte Feinfühligkeit sein kann. Die Platte Love For the Lack of It, erschienen im Mai, verkauft sich trotz weiterhin durchsetzungsfähigen Trittes in die große Trommel als Reinkarnation Turnovers Peripheral Vision und macht das richtig anständig. Was für Shoegazer und alle, die es werden wollen – und ein tolles Souvenir für den Shoegaze-Partner (ha!).

Like how I don’t even know you ‚cause you don’t know yourself
These mind games you’re playing are affecting my health

Fighting Season

Emo ist mehr als eine Schublade voll mit billigem Eyeliner und Hot-Topic-Klamotten. Eine variable Mentalität, eine ungenügsame Sicht auf das Umfeld, das verzerrte Spiegelbild und Kritik am blinden Optimismus der coolen Kids, die Selbstreflexion gegen Selbstbeweihräucherung eingetauscht haben. Die amerikanischen Pop-Punk-Oldies Better Luck Next Time waren für mich 100 % feinster Emo, seit ich zum ersten Mal ihr Album Start From Skratch anspielte. Flotte wie ausgedehnte Songs über die aufreibende Verzweiflung der wahren Jugendliebe. Im Vordergrund: das Empfinden, nie genug zu sein, die Vergänglichkeit der limitierten Chance auf lebenslanges Glück und Spuren des Verzehrens nach der Aufmerksamkeit der Auserwählten. Fighting Season gehen das Ganze hingegen straightforward an, mit dem notwendigen Touch This Time Next Year plus zusätzlichem Weichmacher Fireworks, um nicht in planloses Gesülze zu verfallen, aber durch empfindsame Vibes zu gefallen und als Allwetterreifen des emotionalen High-School-Rocks einen stabilen Soundtrack zu garantieren.

The Halloweekend

Vier kraftvolle Stimmen und eine Menge Frust an Klampfe, Tasten und Sticks. Midwest-Emo der den Halloween-Festtag zum Aufhänger macht? Come. ON! Im saisonalen Angebot sind extra eingängige Lines über Skelette, Herbstdepressionen und artverwandte Gruselsymbole, die verdammt noch einmal Vermitteln, warum sich das tiefschwarze Loch in der Brust niemals füllen wird. Wir zwei gesichtslosen Kürbisse könnten uns ein Grab teilen, einen rachsüchtigen Candy-Corn-Golem beschwören oder entspannt gemeinsam The Halloweekend jammen. Wieso nicht alles auf einen Streich?

R.I.P ME AND R.I.P EVERYTHING WE USED TO BE AND EVERYTHING WE COULD HAVE BEEN

The Mighty Mighty Bosstones – When God Was Great, LP-Review: Liebesgrüße an die Unvernunft

I’ve never had to – I’d better knock on wood Cause I’m sure it isn’t good And I’m glad I haven’t yet That’s the impression that I get

The Impression That I Get, Let’s Face It (1997)

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Vielzahl an Bands und Solo-Musikern schon in den ersten Tagen der andauernden Corona-Pandemie dazu entschieden hatten, ihre Ansprüche hinsichtlich der freien Ausübung ihres künstlerischen Schaffens runterzufahren und auf ein Konzept aus Konformität und der legitimen Ausbeute digitaler Selbstverwirklichungsoptionen zu setzen. Aus Liveshows mit anderen wurden so gemeinschaftliche Live-Streams, gemeinnützige Compilations und Split-Veröffentlichungen, welche einerseits, dass eigene Überleben durch eingehende Spenden sicherten und zusätzlich Geld für wohltätige Zwecke einbrachten. Für die leeren Klubs, die gestrandeten Roadies und hoffnungslosen Communities, die nun aufgrund der diesbezüglichen Auftrittsverbote brachlagen. Wut auf die Politik, welche unter anderem ihre lokalen kulturellen Szenen von jetzt auf gleich als nicht mehr systemrelevant bewertete, gab es im Zuge des Durchhaltens und Weitermachens ohne Unterlass, doch gleichermaßen ein zerknirschendes Ausmaß an Ungewissheit, welches die Protestgesänge einfacher Bürger auf die Forderungen notwendiger Sozialhilfeleistungen einschränkte. Zu viele Menschen hatten ihre Leben gelassen, auf tragische Art und Weise angehörige verloren und nachhaltig an ihrer Gesundheit eingebüßt, als dass eine daher gegrölte unqualifizierte Meinung Sinn gemacht hätte. Sich an dieser Stelle lieber bedeckt zu halten war nicht nur klug, sondern ersparte der Welt schlichtweg einen weiteren furchtbaren Song, den – würde das ganze Unheil ein baldiges Ende finden – alsbald sowieso niemand mehr ertragen könnte. Ernsthaft. Wer würde schon nach der Pandemie das Bedürfnis entwickeln, jemals wieder auf einem Konzert an die katastrophale Zeit, in der das C-Wort uns allen eine ekelhafte Gänsepelle verpasste, mit einem grauenhaften Ohrwurm erinnert werden zu wollen? Verständlicherweise schossen sich viele Musiker schnell darauf ein, alte Erfolge noch einmal neu für ihre Fans aufzulegen oder unterhaltsame Cover-Versionen der großen Hits ihrer Kollegen zu kreieren. Entertainment pur eben. Kopf aus und genießen.

Noch immer ist der Notstand nicht überwunden und weiterhin sehnen wir uns nach dem einen Soundtrack, der uns den lebensmüden Morgen wie den deprimierenden Feierabend versüßt. Als Genre-Aufrührer und Rebellen mit Punk-Vergangenheit verkündeten Bostons Skacore-Legenden The Mighty Mighty Bosstones Anfang des Monats die Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums When God Was Great, mit ein paar eingängigen, bekanntermaßen tanzbaren Tönen im Schlepptau. Bedauerlicherweise werden diese vom inhaltlichen Konzept der Platte im Keim erstickt. When God Was Great handelt von dem Drang nach Freiheit, Selbstermächtigung und einem nimmermüden Geraune über den Corona-bedingt limitierten Lifestyle, der ganz im Credo der Beastie Boys den Kampf auf das Recht zu feiern, provoziert und dabei die Scheuklappen als modisches Stilmittel heraufbeschwört. Für alles, dass abseits im toten Winkel verkommt.

Die Sehnsucht nach feiern und freier Fahrt

Mit ihrer Nummer 1 Hit-Single The Impression That I Get spielten sich die Hardcore-Punks mit angeschlossener Blaskapelle The Mighty Mighty Bosstones 1997 nicht nur auf die Siegertreppchen internationaler Charts und verewigten sich in den Liederbüchern von Marschkapellen weltweit, sondern schrieben einen Song, der in das Jahr 2021 passt, wie das kitzelnde Teststäbchen am Frontallappen. Für genius.com erklärte Songwriter und Sänger Dickey Barrett, was ihm zum Verfassen des aufmunternden wie melancholischen Textes bewegte. Die Beerdigung des Bruders eines engen Freundes war der Anlass, der ihn dazu brachte, über das sprichwörtliche Klopfen auf Holz, die Erkenntnis, dass er in seinem Leben bis dahin ziemlich viel Schwein hatte und es immer jemandem gibt, dem es noch dreckiger geht als einem selbst zu singen. Da brüllte er stimmlich noch wie Lemmy von Motörhead und Ben Carr swingte auf der Bühne wie ein junger Gott zu einem energiegeladenen Sound, welcher sowohl Hardrocker als auch Freunde des ordinären Radioempfangs begeisterte.

Auf When God Was Great ist von alledem nicht mehr allzu viel übrig, und das wäre okay, wenn es sich musikalisch und lyrisch nicht um einen vermeintlichen Schwanengesang der Gruppe handeln würde. Ein Rezept aus Jammerei, weil heutzutage die Hüfte wehtut, privilegierter Corona-Quengelei und trägen Tracks, die noch die ein oder andere Geschichte auf Lager haben, aber niemanden mehr wirklich auf die Tanzfläche zerren, keine wirklich ausgelassene Stimmung aufkommen lassen und einen passiv-aggressiven Beigeschmack verbreiten, der einen den unangenehmen Streit um die letzte Packung Spaghetti ins Gedächtnis ruft, welcher gerne und längst in Vergessenheit geraten hätte können. Der Song I Don’t Believe In Anything, in welchem Barrett leidig versucht, einen anarchistischen Ansatz als Mittelweg zwischen Regierungsgegnern und Moralaposteln zu etablieren, wirft nicht nur klanglich einen Blick zurück, sondern verweist im Musikvideo auf jenes von The Impression That I Get. Schöne Einsätze der Bläser und ein treibender Chorus machen ihn zum Glanzstück des Albums, was ebenfalls daran liegt, dass der Rest weit dahinter abfällt. Lonely Boy erfreut mit einem unkomplizierten Reggae-Charakter, doch tritt den Zuhörenden so sachte in den Hintern, dass sich kein anhaltendes Gefühl eines plötzlichen Auftriebes einstellen mag. Die Singles The Killing of Georgie (Part III), die ein leidig patriotischer Weckruf an die Bevölkerung der USA ist, jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen und The Final Parade, welche mehrere Gastauftritte berüchtigter Ska-Musiker aufweist und ein Abgesang auf die großen Momente und Errungenschaften der Szene sein soll, sind so kitschig, dass sich eine Angst davor breitmacht, man könnte in Zukunft einmal aufgefordert werden, engagiert mit zu klatschen. Auch die ausgebügelte Produktion von Rancid-Frontmann und Hellcat-Record-Inhaber Tim Armstrong trägt ihren Teil dazu bei. The Truth Hurts ist thematisch ein Revival des Bosstones-Tracks The Rascal King (ebenfalls Let’s Face It, 1997), in welchem ein zwielichtiger Typ besungen wird, der zwar kein feiner Kerl war, aber immer seinen eigenen Weg gegangen ist und sei es drum – denn gerade deshalb kannten sie alle seinen Namen. Es ergibt sich der Anschein, dass Dickey Barrett, welcher sich ab dieser Stelle und im Vergleich zu damals anhört, wie ein spätabendlicher Talk-Show-Moderator, der auf süffisante Art und Weise sein Programm gesanglich für die Zuschauer interpretiert, selbst gerne so ein Halunke wäre. Den Vogel schießt er diesbezüglich durch den unauffälligen Song It Went Well ab, in welchem er ein strapaziöses Zoom-Meeting mit einem Freund besingt, dem er mitteilt, dass er nicht in Angst lebe und sein Gesprächspartner sich äußern dürfe, wie er es für angemessen halte. Jene Person könne sich seiner Freundschaft sicher sein. Genug! Genug von den trotzigen Klagen gegen das aktuelle Heimspiel und die Freiheitshasser, die vielleicht und auch nur vielleicht mit ihrer Vorsicht schlichtweg, dass ein oder andere Krankenbett auf der nächstgelegenen Intensivstation freischaufeln wollen. Zumal von denen, welche es in der Krise am schlimmsten getroffen hat, auf When God Was Great gar nicht erst die Rede ist in den mehr als vagen Parolen von Barrett, die alles und nichts bedeuten können. Auch nicht in den Songs, die ungenannt bleiben, weil sie blass innerhalb des erwähnten Spektrums versanden. Denn die Leute wollen raus aus der Stadt und clubben und auch Klubs müssen überleben. Doch dieses Album wird voraussichtlich nicht mehr dazu beitragen, als das vorbildliche Verhalten der Menschen, die ihre Maske im zwischenmenschlichen Nahverkehr gewissenhaft über der Nase tragen, nachträglich zu belächeln und alberne Fragen aufzuwerfen (Decide, Intro), die derzeit nicht einmal ausgebildete WissenschaftlerInnen mit einhundertprozentiger Sicherheit beantworten können. The Mighty Mighty Bosstones kommt zugute, dass mit einem fähigen Saxofonisten und zusätzlichen Posaunisten alles automatisch etwas positiver klingt. Dann lieber noch einmal auf Holz klopfen, The Impression That I Get in Dauerschleife abfeuern und möglicherweise sogar mit den FreundInnen zusammen via Videoschalte zelebrieren, denn nicht jeder hat gerade den Luxus, diese Chance zu ergreifen.

#TheMightyMightyBosstones #TheImpressionThatIGet #Remastered
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get (Official Music Video)

Easy come, easy go, easycore: an interview with Meet Me In Lavender Town

Yeah, right, let’s all move on with the false certainty that albums like Four Year Strong’s It’s Our Time (2005) and The Wonder Years’ Get Stoked On It! (2007) never happened. With their extra punchy basslines, bouncy breakdown rhythms, and sassy vocal delivery, comforted by spacey keyboard sections that would get you off the ground in no time. Like New Found Glory has always been just another pop-punk band without that guaranteed special ability to make crowds jump at least fifty percent higher than the folks in other, less fun places. No! It´s time to face it. The grand age of easycore might be over and that one band member rocking the synthesizer has disappeared from the scene like the cocoa content in Ferrero’s Nutella over time, but there is neither use nor need in shutting the party down just yet if you can keep it going. Yes, I am talking to YOU. Do not think I cannot see you in front of the screen banging your head, reminiscing Set Your Goals’ smash hit Mutiny! from 2006. Plus, there are always passionate people fighting for a good cause. You simply need to pay attention. Releasing two EPs and a couple of crossover cover songs in 2020, UK digital music composer Dominic G. Coulon alias Meet Me In Lavender Town enchanted with a sound that already was more than a simple compromise to the video game influenced popcore community. In his very own stylistic comfort zone between acts like Sky Eats Airplane and Enter Shikari Coulon showed a promising amount of potential to set the bar for metal associated Nintendo rock once again a little higher. In wake of the recently published debut album, An Inconvenience At Best Meet Me In Lavender Town does not only let the pixelated side of the coin shine brighter than ever before but implements a fresh and addicting wave of emo-pop elements that burst of nostalgia and rub the sleep out of one’s tired eyes alike.

Hi Dominic, thank you so much for taking the time to chat about your project. Your LP is out now – since May 12th, 2021 to be exact. This just happened, in the middle of it all, a time where artists are struggling to keep their heads above the water and stay functional. How are you feeling about that?

Hey, thanks for having me and I hope you are doing well! Honestly, music has been my saving grace throughout the pandemic. I live alone and there are times when I drive home at 5 on a Friday and do not speak until I get to work on Monday morning. At times it is bliss, and at others, it is hell. Making music helps me to control that; gives me a reason to talk to people on my own terms (collaborators, other artists, fans) and something to occupy me. I woke up last night with a song stuck in my head and could not get back to sleep, so I sat and wrote it out, and by the time the sun came up, it was finished. It is distracting and if you are lucky, cathartic.

When I checked in on Bandcamp a while ago and found out that you put your early works on private, not knowing a full album was in the making, I was worried. Excited by the joy I felt experiencing this substantial take on a genre that somehow seemed to rot in a kind of unpleasant meme limbo for a while. Was that part of getting a clear head in the progress of producing an upgraded material?

Well spotted! You have hit the nail on the head. I have only been producing my own music since late 2019, and it has been such a huge learning curve both in writing, performing, and producing/mixing – a lot of it was based on what I felt a nintendocore song should sound like, and not what I felt my songs should sound like. I felt the old material did not best represent where I am at now, so when I started writing this record in December and released the Coffee Breath teaser, I took everything else down. This is what I am proud of, and if nothing else comes of this band, it is what I want to be remembered for.

An Inconvenience At Best takes me back harder than nine out of ten former records that were meant to hold the virtues of pioneering artists of the Myspace era high. The cover, the perfect relation of catchiness to lethargy (“We Speak To The Inventors Of Dogs”), the heavy interludes (‘Connecticutthroat’ and ‘Across The Arid Sea’) – it is all there. Speaking of origins, I would put my hand into the fire, guessing your first EP Dungeoncrawler was mainly inspired by UK post-hardcore reinventors Enter Shikari (in the best way). What was the fundamental vision for your debut like, which has a rather unique feeling to it?

I love the Enter Shikari connection, I had never really thought about it but yeah, I think there was a decent amount of influence from them on the first EP (especially being a synthy post-hardcore band from South England), alongside Bubblegum Octopus. I am glad you are reminded of the Myspace era too because that is exactly the kind of nostalgia I try to capture.

Like all nintendocore, Grand Battle by Monomate was a huge influence on An Inconvenience At Best, especially before I put guitars on it. I got really sick of playing the guitar after being in bands for so many years, so after the first EP, I omitted guitars from everything I did for like, a year. I have a black metal project which I started in lockdown and writing and producing those songs helped me to appreciate the sonic space that the guitar fills, so maybe 2 weeks before the release of An Inconvenience At Best, I recorded some guitar parts and I think it helped me to shape the album into a legitimate easycore record instead of a pure nintendocore nostalgia trip. The focus shifted and legendary bands like Can’t Bear This Party and Chunk! No, Captain Chunk! as well as current bands from my scene like Got Item and Unicorn Hole became my influences. I listen to way more poppy chiptune these days, too, like 🙂 and I have been really into this band Hey, ILY recently, who I found thanks to James from Blind Equation (whose music is some of my favorite in the scene). I wanted the record to be something I would like to listen to and play live now, but would still hold up in a few years, so I focused on melody more than previous releases.

I like the overall upbeat tone and at the same time underachieving vibe a lot. It does not come off as put on or pathetic, but honest and personal.

“Come hell or high water Don’t think of the future” – Hell Or High Water

“After three more days I realized it’s warmer if you close the door After three more days, I thought I might be done for” – If you Close The Door

Please point out a specific verse or song yourself, that hit home emotionally during its recording.

‘Across The Arid Sea,’ while loosely based on a video game, is pretty deep. A lot of the album is about letting the past die, and that song is kind of a reflection on mistakes – ‘is there time for atonement?’ with the undertone of ‘salvation can be found between the stirrup and the ground.’ I guess not many people will pick up on that since the vocals are all screamed. It is a different speed to the rest of the album, it is frantic and anxious, reflecting my own worries about not making the most of life, especially during a time where we couldn’t even leave our homes and I was seeing so many people do great things.

The upbeat, downtrodden tone of the whole album I think just reflects who I am as a person. People in my professional life always tell me how calm and patient I am under pressure when inside I am actually constantly internally screaming. I want others to feel calm and happy and want to spread positive messages that people can crucially still relate to, although I am very self-deprecating in a relatively lighthearted way which makes it often seem like a joke. I am glad it comes across as sincere!

You have been supported by two guest musicians. Eric Krolak can be heard on the song Okay and the venerable Unicorn Hole took part on If We Don’t Learn From History Channel, We’re Doomed To Repeat History Channel. How did you guys come together? Any shoutouts you would like to add in this regard?

When I started to listen to nintendocore again after years away from the scene, Unicorn Hole was one of the first artists I discovered. He did a collaborative EP with Go:Eskimo, who is an old friend of mine, when the new Animal Crossing game came out that caught my attention – his vocals on that sounded killer so I went back and listened to a bunch of his discography and got hyped on nintendocore again. Later we both played in an internet project called The Halloweekend, so I guess we were aware of each other and he was gracious enough to reply to my DM. Eric is one of those hard-working guys who have such a professional approach to music, and he came onto my radar only recently – he does all these super emotional, stripped-back covers on YouTube which are thoughtfully produced, and the outcome is breathtaking. I respect his hustle so much. I wrote Okay, like, the day before I released the album, and messaged him probably around 6 pm – by 8, I had his vocals in my DAW, and they were flawless. I appreciate that work ethic.

The only other shoutout I have is for Laurence Crow, who did that beautiful artwork that you have already mentioned. We go way back, both having played in local bands as teenagers and he has now established himself as like, a legend of artwork in the pop-punk community here. He has such a distinct and vibrant style which fits so perfectly. It was an honor to have him on board.

Meet Me In Lavender Town, the name gives it away, is also a tribute to your love for video games. Also, the cover of An Inconvenience At Best is like a messy shrine of easter eggs with a giant Link sitting enthroned in its center. I love the Nintendo Game Boy indefinitely. So, I understand. Surprisingly, your playlist is mostly self-referential and not a random bulk of nerd-ish references, one would anticipate which I think is charming. Was that a conscious decision?

Totally, I love retro video games and the aesthetic, and while I littered previous releases with references to video games (I am pretty sure every song on Earthcaller was about a different video game), AIAB was very much focused on real-life experiences with occasional hints at fantasy references. ‘Geek Chic’ is a really obvious ode to RPGs, and ‘Transcend Credits’ is about playing DnD, but all of these songs really focus around approaching mental health and relationships under the veil of nostalgia or escapism or fun pop culture references – the references are there but they’re definitely a secondary thing, and I certainly didn’t want it to be like “well, this is the Zelda song, and this is the Metroid song, and this is a song about Kirby or whatever.” That has been done. ‘Okay’ is about Parks and Recreation, which I have been re-watching. I do like to hide little pop culture references in my lyrics, and there are at least a few that I have not mentioned so far, so I will be very impressed if anyone can spot one!

What is your go-to artifact of gaming and what might be an upcoming pop cultural theme, that fans will possibly encounter sooner or later, in an MMILT track?

I am not much of a gamer these days, and I think most of my contemporaries in the NXC scene would be ashamed, but I have put in more hours on Skyrim than any other game, for sure – I have a couple of Game Boys, but they are used solely for making music. I like cute little dungeon crawlers that remind me of the Legend of Zelda, and I have been playing Crypt of the Necrodancer so much recently. There has been at least one Zelda reference on each release I have done so far! I would love to do a concept release fixated around one game and have been trying to think about how an Ecco the Dolphin themed EP might sound…

I have this very distinct memory of being on a school trip a decade ago, browsing through a music magazine inside the bus, and reading an interview with the infamous keyboard player Josh Lyford, explaining why he is leaving Four Year Strong. My reaction was instant: “No way! That sucks!” Seeing them live before, witnessing how very much he completed the show. Like Ben Carr dancing for The Mighty Mighty Bosstones. Rise or Die Trying (2007) would not have been the same influential record without him. Predictably the release following his departure was … okay. You have overcome the transformation from straight-up nintendocore of the demo days to a way more developed songwriting in the power-pop vein so well. Of what further importance is and will be the experimental bit composing to you and your project?

I was exactly the same when Josh left Four Year Strong – Rise or Die Trying is one of my favorite records of all time, and I don’t think they ever surpassed its legendary status.

I try to keep things fresh. I think I have always shied away from verse/chorus composition and even where there are obvious choruses on this record, I tend to avoid too much repetition. It is not really a conscious decision though at this point. I would like to experiment with different synths – I have recently started using hardware and I am excited to explore that on the next record. I still do not think I have found the peak of my sound, so I guess I will just keep trying to make a record that sounds perfect in my ears.

Traditionally the artist is ending the interview. Please let the internet know, what needs to be known conclusively about Meet Me In Lavender Town and what might be up next.

Um, the new album is pretty good, and it’s on Spotify, Apple Music, Bandcamp, etc., and I’m working on remastering a selection of the old demos and songs that didn’t make the album. I am gonna try to play some live shows when it is viable, and I might make some physical media to accompany the release, but the lovely thing about kind of regressing to a Myspace state of mind is how casual everything is. I will take it as it comes.

Gulag – Subservient Consanguinity, LP-Review: eiskalte Todesmarsch-Atmo aus Südamerika

Ein eisiger Wind wehte am 23. Mai 2018 aus dem gut beheizten Campinas, São Paulo. Verantwortlich für die frostige Brise war das Debüt der brasilianischen Blackened-Tech-Death-Jungs der Band Gulag, welche ihrem Namen alle Ehre machten und auf ihrem ersten Album Subservient Consanguinity eine Auswahl erlesener Zutaten getroffen hatten, um eine erbarmungslos unterkühlte Atmosphäre als Endprodukt in Aussicht zu stellen. Obwohl ihnen der Abschied aus dem Untergrund trotz dieser erfolgversprechenden Anzeichen verwehrt blieb, hätte sich jener Absprung nicht unverdient zugetragen. So gab es für Death-Metal-Fans jeglichen Temperamentes viel am bitterkalten Riff-Bombardement mit finsterer Miene zu lieben. Allem voran einen progressiven Touch, welcher das spielstarke Terror-Trio um den Sänger und Gitarristen André Neil (Infamous Glory, ex-Laconist, ex-Chainsword) von anderen OSDM-FreischwimmerInnen abhob und durch cleveres Songwriting anhaltend taufrisch konservierte. Nach einem unscheinbaren Split-Release mit dem Titel Consanguineous Fury, nur wenige Monate nach der Gründung im Jahr 2013, gab es für eine längere Zeit ausgenommen eines Besetzungsumbruches, welcher im Engagement der Musiker Juliano Bernardes am Bass und Paulo Mercadante (Spell Forest, ex-Evokers, ex-Life Is a Lie) an den Drums mündete, nichts Neues von der spirituell sowjetischen Extreme-Metal-Front zu vermelden. Umso schöner fiel verständlicherweise das große gefrierfertige Wiederhören aus. Während Gulag aktuell die Produktion ihrer 2021 kommenden EP Mors Omnia Solvit anteasern, ist es deshalb höchste Zeit, noch einmal zu erwähnen, warum Subservient Consanguinity eine Menge Unterhaltung mit sich brachte, ohne an den Faktoren Erfindungsreichtum und verklausuliertem Gore-Gewusel einzusparen.

Harter Tobak. Bleibt im Kopf.

Der Todesmarsch beginnt in Siebenmeilenstiefeln. Gehetzt und gepeinigt von einem kräftigem melodischen Geschrammel, geht es nicht nur turbulent, sondern ebenso dynamisch mit dem Track Hopeless Inevitability in die erste Etappe. Ansprechend stampfende Riffs und flotte Blast-Rhythmen werden hier nicht einfach runtergerockt. Immer wieder ereignen sich schnieke Stop-and-go-Momente, welche dem monotonen Voranpreschen der scharf getakteten Double-Bass-Schläge attraktiv Einhalt gebieten und es druckvoll weiterziehen lassen. Dazwischen tritt eindringlich platziertes Sweep-Picking auf, um spannende Irritationen zu erzeugen und das Gefühl einer unmittelbaren Entwicklung des musikalisch implizierten Leidensdruckes zu mehren. Leprosarium folgt auf schweren und wund gelaufenen Beinen. Geschwärzter Brutal Death Metal ist die Krücke der Wahl, auf jene sich nun gestützt wird. Frontmann Neil lässt außerdem hören, wie tief er gehen kann und wagt sich mit animalischem Grind-Gegurgel unerschrocken in Abgründe, die sonst nur von John Gallagher (Dying Fetus) bewohnt werden. Apathischer gibt sich Mountains of Melting Flesh im Midtempo-Trott zu erkennen. Eintönigkeit ist jedoch nicht auszumachen, da sowohl muntere Akkorde wie smarte Licks der Gitarristen einen Hauch Hoffnung durch das nervenzerreibende Schmettern schicken. Bodenständig, aber schwungvoll verweist Holodomorian Inebriation noch einmal ausgedehnter auf den technischen Stil der Band. Notiert werden darf, dass dieser stoisch und traditionsbewusst nicht weniger zum nackenbasierten Heavy-Metal-Schunkeln anregt. Mehr alarmierendes Sweeping zur Aufschreckung ermüdeter Läufer raunt prominent vertreten durch Plurals of the Void. Das ist bitternötig, da der Song ansonsten kein Karacho verspricht. Ein nettes Zwischenspiel von Bassist Bernardes und Schlagzeuger Mercadante eilt zur Hilfe, vertieft allerdings den Stellenwert eines erweiterten Interludes des Stückes. Necrogeny vergnügt durch einen anfänglichen Breakdown und versucht sich danach wieder an eine indessen verblasste vollwertige Leistungsfähigkeit heranzukämpfen. So richtig gelingt dies jedoch erst auf dem Title-Track Subservient Consanguinity, dem die notwendige Zeit gegönnt wurde, um ein geschmackvolles Best-of der Vorzüge des finsteren Spektrums Gulags in sich zu vereinen. The Cry of Duga3 verbrieft das Fortschreiten der trostlosen Wanderung in Form einer prägnanten, akustisch weltentrückten Traurigkeit.

Nach einer mehrfachen Erkundung der Playlist ist klar, dass Subservient Consanguinity durchaus an Eindruck verliert. Viel melodiöse Kosmetik sorgt über weite Strecken für mehr Unterhaltung, schafft es jedoch nicht ausreichend von den schöpferischen Ruhepausen des Albums abzulenken, die mal mehr und mal weniger lethargisch durchhängen. Um einen markanten Einspruch handelt es sich abgesehen davon dennoch. Gerade weil sich Gulag trauen in der Old-School-Einöde, hier und da ein fetziges Pflänzchen sprießen zu lassen, bewahren sich die Songs nicht nur in sich selbst gekehrt einen eigenen Geist und sind dementsprechend phonetisch konstruktiv voneinander unterscheidbar. Gulags Debüt ist ein anregender Wohlfühlblizzard für Fans von Amon Amarth, Misery Index und Devourment.

Remnants of the Fallen – All the Wounded and Broken, LP-Review: Metalcore nach Spectors Geschmack

Oft gescholten und gern verschrien als Modeabteilung mit angelernter Musiksubkultur, hat Metalcore einen faden Beigeschmack für jene, die ihre lange Matte, welche lässig auf einer mit Patches überladenen Battle Jacket thront, als normative Visitenkarte für wahre Kultschwestern wie -hart gesottene Brüder extremer Radaumusik begreifen. Röhrenjeans, Breakdowns und klarer Gesang? All diese Dinge gehören auf die Zielscheibe eitler Vorurteile aus Angst es könnte auf deren Basis tatsächlich mal was mit Kante rumkommen, dass sogar den Backcrowd-Headbangern gefällt, die sich Vorbands am liebsten kopfschüttelnd beim ewig gleichen Fachsimpeln über Namen zu Gemüte führen, die längst aufgrund von mangelnder Experimentierfreude eingepackt haben. Arm dran ist demnach definitiv, wer nicht vom Eintopf des Vortages ablassen kann und seit November 2020 jeglichen Happen des Zweitalbums All The Wounded And Broken der Südkoreaner Remnants of the Fallen verschmähte. Wandlungsfähigen Vorzeige-Metalcore, dessen satter Klang dem anrüchigen Schöpfer der Wall of Sound Phil Spector († 16. Januar 2021) persönlich zu Lebzeiten ein Freudentränchen abgerungen hätte, gab es für die mutigen Genießer, welche gegen eine Kostprobe des gereiften Crossover-Sounds nichts einzuwenden hatten.

Theatralisches Shredding im Story-Mode

Erste Veröffentlichungen wie die EP Perpetual Immaturity (2012) und die vier Jahre später folgende LP Shadow Walk gaben deutliche Hinweise auf die musikalischen Inspirationen der seit 2009 aktiven ost-asiatischen Formation um Sänger Park Yong-bin. Die Nähe zu autoritativen Institutionen wie den US-amerikanischen Gruppen August Burns Red, Killswitch Engage oder den Australiern Parkway Drive war unüberhörbar und omnipräsent anhand des Songwritings ablesbar. Das Konzept der jungen Band klang jedoch bereits damals nicht schonungslos abgegriffen. Frisch und unbekümmert im Abgang zahlte sich das prominente Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten aus, welches sich im pompösen Langstrecken-Shredding ihrer Tracks, die durchschnittlich an der beachtlichen Fünf-Minuten-Marke kratzten, widerspiegelte, nie aufhörte, an Wucht zu verlieren und sehnsüchtig einen Blick über den Tellerrand hinauszuwerfen. Ein Potenzial triefte da aus jeder gespielten Note, einem vielfältigen Drumming wie einer bodenständigen Vocal-Performance aus der Mid-Range-Sektion, sich mit dem nächsten großen Wurf endgültig aus dem Spektrum der westlichen Vorbilder zu verabschieden.

All The Wounded And Broken entpuppte sich als dieser erhoffte Befreiungsschlag. Flügelfrei und mit breiter Brust haben Remnants of the Fallen ein Werk geschaffen, dass nach mehr klingt als einer Ansammlung abgehakter Soundtracks – einer für die Moshpit (check), einer fürs Hardrock-Radio (check) und einer, der als Ballade durchgeht (check). Was anderswo durch ein opulentes Cover oder eine kosmetische Akt-Einteilung der Tracks angetäuscht wird, ist hier durch bloßes Können möglich. Das Bild eines atmosphärischen großen Ganzen geht auf und vereint die einzelnen Songs zu einer dynamischen Erzählung. Wehe denen, die es wagen, diese nach Spotify-Methodik Blindlinks zu verhackstücken. Nach einem gefühlvollen Einstieg mit dem Intro Frozen Ember, dass durch ein herzerweichend stimmungsvolles Solo begleitet wird, welches jeder öden 80er-Schnulze einen Oscar garantiert hätte, ist eine prickelnde Neugierde auf das, was da wohl noch kommen mag gesichert – und meine Damen und Herren kommt da was. Hel (feat. Kyuho Esprit von Madmans Esprit) ist der Titel des Songs, der sich anschließt und keinen Zweifel daran offenbart, dass Remnants of the Fallen die Genre-Newcomer sind, welchen über ihre Landesgrenzen hinaus das Scheinwerferlicht der Stunde zusteht. Ein wilder Mix aus Metalcore-Riffs, harmonischen Black-Metal-Sphären und Nähmaschinen-artigen Blast Beats des Schlagzeugers Jong-Yeon föhnen einem ratzekahl die Haare vom Kopf. Hier und da fügt ein rhythmischer Breakdown ordentlich Schmackes hinzu, bis es wieder ruhelos weiter geht und ein neuer Morgen graut. Stetig erscheinen im Hintergrund diese himmlischen Melodien, ein Thema, welches sich fortan konsequent durch das komplette Album ziehen soll, die wie ein glühend heißer Sonnenstrahl, immerwährend und unaufhörlich durch die düstere Wolkendecke brechen, welche Park am Mikrofon mit melancholischen Dichtungen heraufbeschwört.

Die Diversität des Releases zeigt sich an jenen Stellen, an denen sich unter der einzigartig schimmernden Fassade vertraute Muster bemerkbar machen und sich an mitunter typischen Elementen der eigenen Szene bedient wird. So überrascht der Song Face(s) mit dem Einsatz verträumter Keyboard-Passagen und gleichermaßen einem gesanglichen Post-Hardcore-Ansatz, der zwar ausdrucksstark daherkommt, doch grundsätzlich kalter Kaffee im Metalcore-Kosmos ist. Die Single-Auskopplung Hate and Carrion überzeugt durch ein angenehmes Tempo bei einer stattlichen Länge von knapp sechs Minuten, dass nicht an einer Verspieltheit einbüßt, die in stillen Augenblicken den nötigen Raum zum Aufatmen findet. Träger, aber dafür druckvoller wirken hingegen die Songs Earth Eater und Writer Unknown, die einen Hauch Melodic-Death-Metal auf ihren Schwingen tragen. Ein Bestandteil, dass davon zeugt, sind die teilweise eingeflüsterten Lyrics, welche an den frühen Stil des In-Flames-Sängers Anders Fridén erinnern. Herkömmliche Metalcore-Charakteristiken zeigen sich verstärkt im Zuge von Deathlike Silence (feat. JungMato) und Disordered (feat. Wav of Eighteen April). Chaotisch und flott sind die vorsätzlich ein bisschen weniger schwergewichtig, lockern allerdings gegen Ende das wehmütige Kolorit des umfassenden Gesamteindrucks Remnants of the Fallens erwachsener Herangehensweise an das Genre auf. Generation Sin schlägt zum Abschluss noch einmal die rasanten wie scharfen Töne von Hel an, bevor Future Without All The Wounded And Broken elegisch dahinschwinden lässt.

Der Effekt einer Wall of Sound wird in erster Linie durch das theatralische Shredding der Gitarrenfront im Story-Mode hervorgerufen, welches Remnants of the Fallen von den blank polierten Popcore-Produktionen ihrer Metalcore-Kollegen abhebt. Durchwachsene Momente ergeben sich, wenn sie von dieser Technik abweichen und sich auf mittelmäßiges Chugging ohne Rückhalt einer imposanten Inszenierung versteifen. Frontmann Park liefert als heiserer Geschichtenerzähler einiges ab, doch funktioniert am besten im Duett mit illustren Vokalisten und dem Backgroundgesang der anderen Bandmitglieder, die seiner kernigen Tough-Guy-Attitüde durch beißende Höhen eine essenzielle Bedeutsamkeit verleihen. Keiner dieser Abstriche in der B-Note mindert jedoch die Errungenschaft mit All The Wounded And Broken eine der besten Metalcore-Platten der letzten Jahre geschaffen zu haben.

Hot Graves – Haunted Graves, EP-Review: durch die Nacht mit dem Teufel

„I have the beast beast on my side I’ve got to go out tonite Time to take take a dark ride The tombs are in my sight“ – Hot Graves by Midnight

D-Beat. Deaththrash. Black `n` Roll. Die Florida-Männer Hot Graves haben das Potenzial, zum umstrittenen Mittelpunkt angestrengter Diskussionen in puncto Genre-Zugehörigkeit zu werden. Verdient könnte man sagen, denn ihr Sound haut nicht nur ordentlich rein, sondern bietet einen auffallend frischen Mix extremer Punkrock-Abwandlungen. Im Zuge dessen lassen sie vom klassischen Hardcore bis zu höllischen Black-Metal-Exzessen keine Schublade ungeöffnet, um den Zeugen ihrer kriminell verführerischen Würdigungen des Vermächtnisses von Discharge und Konsorten ihren leidenschaftlichen Standpunkt klarzumachen: „Hate us with all your might, or love us in the night.“ Doch es genügen keine schlichten Exkurse in die multiplen Schiebefächer radikaler Musik. Nein! Die komplette Kommode muss dran glauben. Verdammter IKEA-Rotz! Sie zeigen, was Schweden sonst noch zu bieten hat und bedienen sich dabei ausgiebig an den Lehren der alten Weisen wie Anti Cimex und Wolfbrigade. Mit ihrer EP Haunted Graves (Februar 2020) lieferten die flexiblen Leichenfledderer ein neues Lebenszeichen, welches sich eine Nachbesprechung durch das Vertrauen auf gewohnte Stärken und die Etablierung neuer Dynamiken redlich verdient hat.

Okkulter Punkrock aus dem Sunshine State

Dass Hot Graves nicht vergessen haben, wo sie herkommen, beweisen sie in vier höllischen Tracks, von denen einer (Rotted) als aufgemöbeltes Remake vertreten ist. Der erschien ursprünglich auf ihrem Debüt Knights In White Phosphorus. Der Fahrplan damals: Black-Metal mit temporeichen Thrash-Anleihen. Ein authentisch angestaubtes Klangbild und garstig verzerrte Gitarren machten den Charme aus und vervollständigten die liebliche Akustik eines verschimmelten Bunker-Proberaumes unter dem rebellischen Gekeife des Gitarristen und Sängers Myk Colby. 2013 folgte die FASHION VICTIM EP, auf welcher sich die nachtversessenen Kalifornier eine Auszeit von großen Visionen für eine kurze Lobpreisung in Sachen D-Beat gönnten und eine Faust voll knackigem Parolen-Punk ablieferten. LP Nummer zwei Magnificent Death schloss 2015 musikalisch an ihr Erstlingswerk an, doch erweckte den Anschein, als ob die schwarzhumorigen US-Amerikaner dieses Mal mit angezogener Handbremse hantierten. Die Blaupause hatte sich nicht verändert, doch führte zu einem Death-Doom-lastigen Konzept, welches abgeschmirgelt und glatter produziert eine aufgeräumte Linie zog – vergleichbar mit dem Album The March (2008) der Metalcore-Gruppe Unearth, das durch den engagierten Adam Dutkiewicz (Killswitch Engage, Serpentine Dominion) einen ähnlichen Effekt erhielt.

Destruction Derby auf dem Friedhof

Rückblickend auf die Diskografie Hot Graves sorgen aktuell zwei Faktoren für einen Kickstart vitalisierender Anreize. Einerseits veredelten in der Zwischenzeit zwei neue Bandmitglieder die kompakte Formation um die Gründungsmitglieder Colby und Bassist Hutchens. So übernahm Jamie Stewart (The Absence, Disevered, Party Time) die Position als Frontmann am Mikrofon, begleitet von John Mamo (PYRE [US], No Fraud, Party Time), welcher fortan als Schlagzeuger fungierte. Außerdem wirkt es in retrospektive wie ein kluger Schachzug, sich nicht wiederholt dem Schreiben eines Releases in voller Länge gewidmet zu haben. Obwohl ihr Output allgemein als geschmackssicher bezeichnet werden darf, krankten die Alben der Band besonders hintenraus an einer zu üppigen Playlist, deren Tracks sich durch ein grundsätzlich qualitatives Songwriting auszeichneten, doch spätestens im letzten Drittel zu wenige kreative Lichtblicke boten. Auf Haunted Graves ist dieses Problem Vergangenheit. Obgleich der D-Beat wie bisher als roter Faden funktioniert, wird jede Sekunde Song effizient ausgefüllt und durch interessante Riff-Kombinationen zu einem antreibenden Circle-Pit-Aufruf. Los geht es mit dem Title-Track Haunted Graves, der anstachelnde Melodic-Hardcore-Vibes versprüht und durch seine positiv bestialische Grundstimmung zu zerstörerischen Stockcar-Rennen auf archaischen Begräbnisstätten einlädt. Sewage Communion beginnt mit einem Schwung Blast Beats und zieht danach weiter polternd an. Hot Graves stehen hier endlich wieder auf dem Gaspedal und unterbrechen ihre Raserei lediglich für atmosphärische Breakdowns, welche der ansonsten hohen Geschwindigkeit Stabilität geben. Der dritte Track im Bunde Ruination Supremacy ballert gleichermaßen aus allen Rohren. Ein Highlight sind hier die Vocals Stewarts, der seine Fähigkeit darbietet, fließend von tiefen Death-Metal-Growls zu fürchterlichem Kreischen überzugehen. Rückendeckung erfährt er parallel durch das tatkräftige Gebrüll von Kollege Colby, welcher sich gleichermaßen die Lunge aus dem Hals schreit und den verbalen Krawall-Pegel durch die Decke schießen lässt. Die modernisierte Version des Tracks Rotted rundet die EP angemessen ab. Erwähnt werden muss an dieser Stelle das omnipräsent mitreißende Drumming Mamos, welcher dem Muppet Animal alleinig durch seinen kämpferischen Trommelstil ein Schleudertrauma verpassen könnte. Lyrisch geht es noch immer um die befreiende Kraft des Satanismus, die Liebe zur astronomischen Dämmerung und den wunderbaren Unfug, der nach Einbruch der Dunkelheit auf der To-do-Liste der teuflisch rockenden Kalifornier steht. Hot Graves Haunted Graves EP (Corrupted Flesh Records) ist somit eine konsequente Weiterentwicklung ihres ohnehin begeisternden Spagates aus Punk-Gratwanderungen und eine absolute Empfehlung für all jene, die ihren Lärm blutrot und grimmig mögen.

Brutal Technical Death Metal: 7 Bands für den leichten Einstieg

Als das Internet in den Köpfen der Menschen noch endlos weit schien und nicht vor dem lichten Horizont eines sozialen Mediums endete, war es erstaunlich, einem Musiker beiwohnen zu dürfen, der sein Instrument grandios beherrschte. „Wir hatten ja nichts.“ Keine Live-Konzerte auf YouTube, keine TikTok-Online-Kurse für Anfänger an der Gitarre, dem Bass oder den Drums und erst recht keine Instagram-Videos unserer liebsten Idole, die uns persönlich ihre eigens entwickelten Trainingsmethoden und Techniken in Slow-Motion vermittelten. Die Erschließung des World Wide Web hat Musikfans ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, ihrer Leidenschaft nachzugehen, doch gleichermaßen den Thrill und die Magie zu Tode rationalisiert, welche uns einst überkamen, wenn wir das erste Mal einen neuartigen Sound wahrnahmen und uns fragten: „Wie zur Hölle funktioniert das und wie kann ich es Nachmachen?“ Die Antwort finden wir heutzutage oft genug wie alle anderen Lösungen in einer App. Es gibt jedoch ein wohltönendes Genre, das so getrieben ist und unzähmbar, so zerstörerisch und formenreich zugleich, dass es trostlosen Seelen auf der Suche nach einem akustischen Abenteuer dieses besondere Gefühl einer aufregenden Ahnungslosigkeit wie naiven Glückseligkeit zurückbringt. Das heißt, wenn es von echten Fachkräften ausgeübt wird. Necrophageist lassen grüßen. Diese sieben Bands sind moderne Vertreter des Brutal Technical Death Metal und stehen mit beiden Beinen fest in den Gräbern ihrer Urahnen.

Brain Drill

An einer Band, die einst von dem E-Bass-Großmeister und langjährigen Mitglied der Death-Metal-Legenden Cannibal Corpse Alex Webster mit den Worten „pretty fucking sick“ beschrieben wurde, ist natürlich etwas dran. Vermutlich schmeichelte Webster die unverkennbare Ähnlichkeit Brain Drills Interpretation ihrer extremen Auslegung des Genres, denn sie liefern in einer gleichwertig karikaturistischen Art und Weise ab, was technischen Death-Metal grundsätzlich ausmacht. Hektische Riffs, panisches Sweep Picking, welches sich über jeden Track ergießt, wie ein halber Liter zuckersüßes Frosting über einen einzigen Cupcake und rasendes Typewriter-Drumming, dass sich ihres Namens würdig, wie ein kreischender Gehirnbohrer in den Verstand der Zuhörenden fräst. Gelauscht wird ebenso für Steve Rathjens monströse wie messerscharfe gutturale Bekenntnisse. Diesbezüglich begegnen viele Metal-Fans den phonetisch furchteinflößenden Amerikanern kritisch mit einer unverhohlenen Hassliebe. Von allem ist da ein bisschen zu viel und deshalb bleibt insgesamt zu wenig Raum für Substanz, doch eins ist klar. Für eine erste umwerfende Dosis Brutal Technical Death Metal bieten sich die kalifornischen Audio-Metzger gerade deshalb wunderbar an. Zu empfehlen ist dafür ihr bodenständiges Debüt Apocalyptic Feasting aus dem Jahr 2008.

First Fragment

Ein bedrohliches Image und Klangvielfalt schließen sich nicht gegenseitig aus. Die Kanadier First Fragment aus Québec verbinden Old School Death Metal mit neoklassischen Elementen und kreieren eine stimmungsvolle Atmosphäre, welche eine notwendige Härte durch einen intensiven Doppelbass-Einsatz und progressives Shredding erhält. Ihr musikalisches Angebot erinnert charakteristisch stark an die Tugenden der italienischen Death-Metal-Band Fleshgod Apocalypse, legt jedoch weitaus weniger Wert auf eine symphonische Inszenierung ihres ausgeklügelten Stils. Hymnische Melodien und exotische Flamenco-Rhythmen vermischen sich hier mit einem missmutig säuselnden Bass, der sich wunderbar im geordneten Durcheinander behauptet. Ferner sorgen ruhige instrumentale Passagen für einen angenehmen Kontrast zu einer Vorliebe für exzentrische Soli und extravagante Drum-Beats. Der passende Anspieltipp ist das von Kritikern gelobte Album Dasein (2018), auf dem eine Handvoll geschätzter Gastmusiker zum Erfolg des gelungenen Tech-Death-Einstandes beitrugen. Darunter: Christian Münzner (Spawn Of Possession, Alkaloid, ex-Necrophagist/Obscura), Mathieu Marcotte (Augury, Humanoid), Malcolm Pugh (Inferi, A Loathing Requiem, Diskreet) und Collin McGee (Elderoth).

Viraemia

Wie es sich für einen Insider-Favoriten gehört, trumpften Arizonas Viraemia 2009 unerwartet stark mit einer selbstbetitelten EP auf, nur um kurz darauf wieder unauffällig von der Bildfläche zu verschwinden. Während sie soundtechnisch in ein Gore-lastiges Highspeed-Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren Genre-Kollegen Brain Drill aus Kalifornien gingen, zeigten sie ausreichend Alleinstellungsmerkmale auf, um eine friedliche Koexistenz zu garantieren. Als ihre Markenzeichen galten ein unnachahmliches Bassspiel seitens ihres talentierten Groove-Spezialisten Scott Plummer († 2019), welcher unter anderem für die gelegentliche Nutzung eines 10-seitigen Gitarren-Modelles bekannt war und durch seine prominente Verwendung komplexer arpeggierter Akkorde einen großen Anteil daran hatte, dem pathologisch sterilen Death-Metal-Rezept der jungen Band Leben einzuhauchen. Signifikant war darüber hinaus der tiefschürfende Gesangsstil des Frontmanns Tony Martinez, welcher insbesondere die Etablierung von Pig Squeals zelebrierte. Nach einem langen Hiatus meldeten sich Viraemia erfreulicherweise im August 2019 in Bestform mit einer Single namens Glioblastoma zurück, welche zudem als Bestätigung eines aktiven Schreibprozesses gewertet wurde.

Beneath the Massacre

Die Natur des Death Metal ist die Rebellion gegen Gott und die Welt, aber meistens ist es Gott. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Bands versuchen, sich in Superlativen zu überbieten und auszuzeichnen. Beneath the Massacre liefern hingegen die absolute Blaupause und bieten nicht mehr und nicht weniger, als was das Herz eines Tech-Metalheads begehrt. Melodisch atonales Sweep-Picking, schnelle Blast Beats und gutturale Vocals, die alleinig durch die Bewegung ihres Schalles Knochen in ihre Einzelteile zerbrechen. 2004 gegründet und seitdem angeführt von Sänger Elliot Desgagnés erreichten die ebenfalls aus Québec stammenden Kanadier Beneath the Massacre im Laufe ihrer Karriere eine Fangemeinschaft über die Grenzen ihrer Nische hinaus. Dieser Umstand wurde vor allem durch Auftritte mit Formationen aus der Death- und Metalcore-Szene (As Blood Runs Black, Bleeding Through etc.), der Teilnahme an Events wie der Summer Slaughter Tour und einer Neigung zu Breakdown-artigen Songstrukturen begünstigt. In diesem Sinne sind Beneath the Massacre durch ihre schnörkellosen Brutal-Death-Metal-Anleihen nicht weit von dem entfernt, was schon die altehrwürdigen Mitbegründer der New Yorker Szene Suffocation predigten und versprechen solide Death-Metal- Unterhaltung, welche ohne hochtrabende Experimente auskommt. Interessenten testen das erneut herzerquickend kompromisslose vierte Studioalbum Fearmonger, das erst im Februar letzten Jahres veröffentlicht wurde.

Defeated Sanity

Technisch versiert und bitterböse im Abgang kommen die deutschen Defeated Sanity bereits seit 1994 daher und produzieren mit einem grollenden Beben unter kryptischem Gurgeln eine brachiale wie verspielte Version eines Brutal Technical Death Metal. Aus einem knurrenden Bass, dem tonnenschweren gemächlichen Anschlägen der E-Gitarren-Fraktion bis zu den lässig jazzigen Schlagzeugrhythmen ergibt sich ein progressives Hörerlebnis für jene, deren Playlist noch nicht durchdringend genug vor teuflisch fermentierten Riffs trieft. Kein Wunder, dass Christian Münzner in der Vergangenheit auch hier längst einmal mitmischte. Die Diskografie der mittlerweile in Berlin ansässigen DM-Truppe ist eine sichere Bank. Angespielt werden darf jedoch explizit ihre LP Disposal Of The Dead // Dharmata (2016), deren zweite Hälfte als Hommage an die Prog-Größen Cynic verstanden werden kann.

Wormed

being wormed; a state of mind that a human being experiences when dwelling inside a universe and the accompanied feeling that comes with not being able to escape from it. Like a worm (human) inside of an intestine (universe).metal-archives.com

1998 formierten sich Wormed in ihrer Heimat Madrid, Spanien, um eine intergalaktische Variation des Death-Metal zu konstruieren, die genauso viele Fragen aufwirft, wie sie stellt. In den Texten des Gründungsmitgliedes und Frontmannes Phlegeton geht es um die Themen Astronomie, Astrophysik, Bewusstseinsspaltung, Science-Fiction, Biologie und die menschliche Evolution. Stephen Hawking trifft auf temporeiche Blast Beats und fantastisch kehlige Ergüsse, welche sich zwischen der Imitation eines Weltraum-Ungeheuers und irdischen Tierlauten einfinden. Durch atmosphärische Riffs entsteht die Illusion, mit voller Geschwindigkeit in ein unheimliches Schwarzes Loch zu starten, aus dem nebenbei mysteriöse Hilferufe das Board-Radio crashen. Wer noch keine Urlaubspläne hat, zieht sich irgendwo ein Ticket für das 2013er-Release Exodromos und verbringt erholsame Ferien im düsteren Hyperspace.

Archspire

Es überrascht, dass die Vancouverianer Archspire bereits 2011 auf ihrem Album All Shall Align jegliche Erfolgsfaktoren zusammenbrachten, die erst sechs Jahre später für ihren verdienten Durchbruch verantwortlich sein sollten. Schnelligkeit und Preziosität machen ihr Death-Metal-Verständnis aus. Die beeindruckende Darbietung der Lyrics Oli Peters sind vergleichbar mit der des für seine Rapidität berüchtigten Rappers Eminem und folglich eine Besonderheit, welche Unterstützung in den akzentuierten Dynamiken der Gitarristen Dean Lamb und Tobi Morelli finden. Nicht minder imposant: Das außerirdisch erscheinende Drumming des Schlagzeugers Spencer Prewett erklimmt mitunter einen Wert von 350 Beats pro Minute. Wer Technical-Death-Metal in seiner Gesamtheit begreifen will, kommt nicht an ihrem Album Relentless Mutation (2017) vorbei.

The Arson Choir – Invisible Monsters, EP-Review: Dillinger im Anschlag und Wut im Bauch

Mit ihrem sechsten und letzten Album Dissociation setzten die Mathcore-Legenden The Dillinger Escape Plan 2016 einen erinnerungswürdigen Schlussstrich unter eine tadellose Diskografie, welche das Genre prägte, wie kaum eine andere. Schwermütig blickten LiebhaberInnen chaotischer Riffeinlagen und Panikakkorde zu dieser Zeit in die Zukunft. Wer würde die Überschall-Matadore ersetzen können und für den Nachschub einer angemessen wohltuenden Mischung aus misstönendem Ohrenfutter sorgen? Doch war jegliche Besorgnis unbegründet. Gab es doch Blogs wie Mathcore Index, welche die Bereitschaft vieler junger Künstler zusicherten, die versucht waren, das fundamentale Erbe anzutreten. Außerdem waren da noch die ewigen Götter der geräuschvollen Unordnung Converge. Ein Schelm, dessen wehklagendes Herz bei der schieren Erwähnung ihres Namens keine Linderung erfahren würde. Die Kalifornier The Arson Choir lieferten Ende vorigen Jahres mit ihrer zweiten EP Invisible Monsters vier energiegeladene Tracks, welche Dillinger-Fans zum Schwelgen in Erinnerungen einladen und gleichfalls eine starke Duftnote in ihrer rumorenden Szene hinterlassen.

Moshpit zum mitnehmen

Es mutet plakativ an, einen bestimmten Sound einer einzigen Band zuzuschreiben, doch es ist, wie ist. Bereits wenige Sekunden im ersten Song ‚The Chemical Curse‘ versunken macht sich innerlich ein Grinsen breit, welches die Worte ‚Milk Lizard‘ auf den Lippen trägt. Es ist die bloße Energie, das vertraute Jaulen der Gitarren, welches in akzentuiert hämmernde Riffs übergeht, nur um in surrealen Melodien zu münden, die einen aufspringen lassen, um irgendwas umzureißen, umzustoßen, anzugehen, an der Bushaltestelle, im Vorlesungssaal, daheim am Esstisch, während der Rest der Familie mit offenen Mündern zusieht. Nicht weniger energetisch und zu jederzeit stilsicher begleiten Del Castillo und Kincaid die Gitarren-Sektion am Bass und hinter dem Schlagzeug. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die knappe Handvoll Tracks lediglich nuanciert in ihrem Aufbau und ihren divergierenden Dynamiken. Da ist beispielhaft diese wunderbare Stelle in ‚Revenge, My Love‘, in denen eine dringlich vorgetragene Textpassage einen Breakdown einläutet, der leicht als intensiver Höhepunkt der EP ausgemacht werden kann. Grund dafür ist maßgeblich die emotionale wie furiose Lyrik, welche den ikonischen Opfern rassistischer Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten gewidmet ist.

„Black boys and girls / shouldn’t live in fear / When they see a pig in the rear view mirror“

Invisible Monsters wirkt wie aus einem Guss und das ist gut so. Mit einer stramm bemessenen Länge von neun Minuten liefert The Arson Choir die Essenz einer gesamten Hardcore-Show in einem mundgerechten Happen, der nichts vermissen lässt. Penegar macht seine Sache stimmlich ausgezeichnet und stet Greg Puciato in der Darbietung heiserer Shouts und bärbeißigen Knurrens in nichts nach. Im Angesicht des gebündelten Potenzials, welches The Arson Choir ausstrahlen, ist allerdings klar, dass da noch was geht, insbesondere in puncto Klangvielfalt. Machen sie es den großen Instanzen der Vergangenheit nach und trauen sich fortan den Schritt aus ihrer Komfortzone zu, wird der Mathcore schon bald einen neuen Platzhirsch zu verbuchen haben. In diesem Sinne kann ihre erste EP Trophy Nation als Anhaltspunkt dienen, die sich noch abweichend an einem Post-Hardcore-Sound der 2000er bediente, doch aufgrund ihrer abwechslungsreichen Elemente eine Menge zu bieten hatte und nachdrücklich zu empfehlen ist.

A soundtrack to a terrible year: 10 great music projects and releases of 2020

What a car crash of a moment in time this is. What little hope there has been brought to us in the unlikely progression of 2020. What is there left to say, except fingers crossed to the turn of the year? 2021 could be better and is just around the corner. Allegedly waiting for us, swinging a baseball bat. So, let´s shine some light on the horror we have all dragged ourselves through during the past ominous sequence of seasons and hope for the best. While governments all over the world failed in personal union to support their people financially, especially the weakest economic forces like small businesses and freelancing artists fought with a maximum of creative measures against the impending death of the passionate labor of love securing their livelihood. In this spirit, the music scene came up with lots of heart-warming ideas to pierce through the confused sorrow and suffering, not the least by supporting crew members, charitable actions, and naturally funding their survival. Late to the party, but walking in confident, this is solarstr1ker.blog’s list featuring 10 great music projects under the radar, which provided us with inspirational works throughout this staggering period.

Ghost Park

As this selection of honorable artists is not hierarchically structured, it shall not affect the reader that Ghost Park might be the most welcome find the author has to report, meaning vastly transcending beyond the recent time, being a true gem of experimental music undertaking. Described as inspired by absurdist literature, precisionist art, and the brutalist architecture of New York City Ghost Park introduced a new series named Framework amid July, focused on manipulated recordings of piano sessions, which was continued in September with another release. The few presented tracks per volume deliver monstrous orchestral undertones, visualizing the overbearing aura of the urban gorge in the mind of the listener, intimidating and comforting alike. It´s easy to draw a line from here to 2020’s municipal blight. Conclusively the Framework series is a pleasant addition to Ghost Park’s discography, yet not comparable to the immense quality and skills in shapeshifting genres between ambient soundscapes and indie rock proven with the preceding full-length outputs.

Potion

For all the ones who would like to experience the ghost of a person, that died on the world’s most thrilling rollercoaster fronting a band mixing jazzy math guitars and rock operatic passages linked with blast beat after blast beat rhythm set to full-automatic fire, my oh my, California’s Potion got you covered. After a bunch of released tracks in 2019 and a split with Those Darn Gnomes in July of this year, their latest EP Cemetary does not reinvent the already established and lovely irritating extreme expressionism but manifests its amenities with an increased grade of production and better songwriting forming Potion’s madness to an enjoyable kind of noise terror. Long story short, Cemetary is the definitive musical perception of our feelings regarding 2020.

Vansire

The word mellow might have been invented to characterize the following project titled Live from the Decorah Farmers Market, recorded by Minnesota’s dream-pop duo Vansire right on the spot. While most artists decided to produce and perform at their homes and other strongholds of isolation in an exemplary manner, Vansire chose to take it outside, while they could and entertained clueless passersby with a brilliant live gig, two instruments at a time, offering a selection of previously released songs. Where Vansire’s flamboyant studio releases lack rough edges, nothing is missing here. The overall sound quality is so rich in-depth and approachable on these tracks, that it’s predestined to calm people down. If someone requires a sedating effect, let singer Josh Augustine’s voice take care of it.

Mikazuki BIGWAVE

This spotlight goes out to the cute beats champion of Yokohama, Japan. Yes, the one and only ミカヅキBIGWAVE, the grandmaster of future funk production, unique upbeat arrangements, and putting the Kawaii into danceable electronic grooves. With two full-length albums, an ep in between and two singles promoting an upcoming LP Mikazuki released an unbelievable mass of energetic tracks, yet diverse in their style and delivery. Moreover, it´s not only this specific achievement attained alongside the challenges that have occurred and limited the agency of artists qualifying especially 海辺のSENTIMENTAL as a noteworthy release. 2020 left the world thirsty, hungry, and pleading for relief from stress. Something entertaining, funny, and lighthearted to free our burdened souls from a great big pile of built-up negativity. One can arguably dislike the omnipresent anime fanservice this project is based on as a whole, but it´s simply impossible to deny the uplifting vibes, motivational vocal performances, and liberating lust for life it is standing for. If there is an annual award for orchestrating good times this year‘s winner is Mikazuki BIGWAVE.

The Casket Lottery

Ensuing the past returns of classic emo rock bands like Mineral (2019, One Day When We Are Young) and The Get Up Kids (2019, Problems) another well-known and respected group of the scene made a comeback in 2020. With Short Songs For End Times, The Casket Lottery released their fifth full-length record in early November. While the rawness, instrumental progressiveness, and emotional ferocity of influential releases like Moving Mountains and Survival Is For Cowards has declined over time and the experimental appeal of 2012’s Real Fear seemingly was a singular occurrence, their newest LP embraces a straightforward and mature alternative rock sound, relying on renowned strengths like the charismatic vocals of singer and guitarist Nathan Ellis and a very present bass empowering the easy to grasp and authentically lethargic songwriting. Short Songs For End Times is a record to sing along and cry out to, empathetic, but poised enough to get you through an extra month of sticking it out.

Spiritbox

Female-fronted powerhouse Spiritbox, hailing from Vancouver, Canada, is popular for its explosive combination of spheric djent elements and hard-hitting metalcore topped by Courtney LaPlante’s (ex I Wrestled A Bear Once) breathtaking ability to fluently switch between her beautiful singing voice and devilish screams. Following a significant collection of singles in 2019 they released three stand-alone songs evenly distributed with the passing of 2020 including the very successful track Holy Roller offering a mix of electronic samples and massive breakdown-ridden rhythms. In that respect, the trios uprising isn´t a coincidence, it’s based on sheer talent and a fresh understanding of modern metal. The message is clear: People who like heavy music won´t be getting around Spiritbox any longer. And that´s the bottom line.

2077

The events that affected 2020 got us to take a look into the future and question what is yet to come. Concerning this matter the eagerly anticipated AAA video game Cyberpunk 2077 couldn’t please everyone with its fashionable, yet enforced superficial definition of a dystopian science-fiction scenario and its abrasive flashy citizens. Cyberpunk, Violence, and Speed inspired grindcore project 2077’s debut release Cybernetic Dreams published the first of March however proclaimed an intriguing counter draft that should heal the wounds of those disappointed. Dirty, desperate, and agonizing, completed with ailing vocals that range between extreme coughing and black metal like death rattling 2077 grinds in the vein of nerve-wracking paragons like Gridlink, but gets it done to create an alluring atmosphere at the same time by sacrificing a bit of rapidity for the integration of wailing melodic riffs. Is the spawning of 2077 in 2020 a bad omen? As it seems we´ll find out in about half a century.

livingwithnathan

Some songs simply need to make a comeback one way or the other. For that reason married emo/hardcore duo livingwithnathan released a new version of their track, We’ll See You Tomorrow, which was planned to be part of a compilation that never came together. Originally descending from 2018’s heart-wrenching EP Grief, which deals with the loss of a dearly loved one and offered a bewitching mix of melodic rock and harsh shouting, 2020’s take comes off with a more punk-ish and distorted sound. A short, but precious musical work, that is reminding us, how painful and haunting it can be to bid farewell, just now in times of a worldwide pandemic, condemning people to die and let go without the chance to say goodbye.

Cloacal Kiss / Wax Vessel

Mentioning comebacks there is no way to not bring up this year’s phenomenal releases enabled by Wax Vessel, an independent record label, committed to limited run vinyl pressings of remastered legendary math- and grindcore music (with no compromise!). So, one is advised to act quickly and check out some of the 27 classic albums, that WV granted us within 2020, like Cloacal Kiss’s Easter containing high-quality noise assaults on your ears, from the tight instrumental production to an unbelievable extreme vocal performance.

Army of Freshmen

There could not be a better swan song to this year than Promise provided by the pop-punk veterans Army of Freshmen in late March. After two decades of spreading fun on stages all around the world, not being averse to dive into the realms of melancholy, when it had to be done, AOF came up with three new singles following their latest LP Happy To Be A Live in 2012, beginning with 2019’s Well May Her World Go Round. Compared to Everything Is Beautiful released in February of this year Promise is declaring an equally optimistic mindset, battered by the hardships of it all, but willing to push back against the odds, getting us in the right mood to leave 2020 behind:

the same way they buried you

is the same way, they buried me too

ever after, this disaster

we’ll still be here

I promise you, I promise you

I promise you, I promise you

I promise you, I promise you

Promise by Army of Freshmen