Ages – Rest Your Head, EP: verbrannte Erde

Ob es Kisten voller Vinylplatten oder die Weiten des Internets sind, als Musik-Fan ein Juwel auszubuddeln ist eine Angelegenheit, die mit glücklichen und wehmütigen Gefühlen einhergeht. Glücklich, weil ein guter Musikfund eines der besten Dinge ist, die es auf dieser Welt gibt. Wehmütig, weil man sich fragt, wieso der Menschheit gute Musik oft aufgrund von schwieriger Vermarktung vorenthalten wird. Ages Rest Your Head ist ein solches Juwel. Über die Band ist nicht viel bekannt. Heimatstadt: Cleveland, Ohio, US. Mitglieder: Carson, Connor, Erik, Cern. Genre: Hardgazepunk? Ja, bei der Definierung ihrer musikalischen Ausrichtung ist Fantasie gefragt, da die Jungs eine interessante Mischung aus Hardcore, Shoegaze und Pop-Punk spielen. Ihre erste und einzige LP Sleep On It (2011) konzentrierte sich noch weitgehend auf das Erstere, aber brachte schon eine saftige Emo-Note durch melancholische Riffs und Melodien ein. Auf der folgenden EP Rest Your Head (2014) zeigten sich die Northeast-Punks experimentierfreudig und brachten neue Elemente in ihre kurzgehaltenen Songs ein, die durchschnittlich eine Spieldauer von eineinhalb Minuten haben. Der Titeltrack „Rest Your Head“ ist der einzige Song der gesamten Bandgeschichte, der mit einer Länge von knapp zweieinhalb Minuten mit dieser Tradition bricht. Dafür sind die sieben einzelnen Tracks perfekt durch den Wechsel zwischen klaren und geshouteten Vocals, trägen Grooves, wie schnellen Drum-Beats und ikonischen Midwest-Melodien ausgefüllt. Ages ist eine Band für Fans von H20, Turnover und Set Your Goals zugleich, die wohl immer ein Geheimtipp bleiben wird. Ist vielleicht auch besser so, da Rest Your Head am besten in einer Stimmung aus Frohsinn und Wehmut zu genießen ist.

Prädikat zur EP: Hardcore-Mix für jede Gefühlslage.


© Beitragsbild: Ages, bandcamp

Mayfield – Careless Love, LP: Herz bleibt zurück

Wenn es um Musik geht, die auf Hardcore-Punk basiert, ist es ein Risiko mit Gegensätzen zu spielen. Mayfield aus Ottawa, Kanada, ist es egal was wer in seiner oder ihrer Definition eines Genres brauch und sind Naturtalente im Zusammenbringen ansonsten konträrer Elemente. Als fehlendes Bindeglied zwischen Architects und Being As An Ocean präsentieren sich die sanften Rowdies als Energiebündel, dass sich selbst durch die eigens produzierte Spannung, die in ihren Songs entsteht mit Elektrizität versorgt. Carless Love (März 2019) ist die erste LP der aufstrebenden Band, die schon auf ihrer EP Hollow Embrace unter Beweis stellte, dass von ihnen zukünftig große Schritte erwartet werden dürfen. Ob sich die Explosivität ihrer Idee eines melodischen Hardcores auf eine längere Spielzeit übertragen lässt, hat sich nun gezeigt.

Die Antwort ist: ja. Auf Careless Love haben Mayfield keine Sekunde ungenutzt gelassen, um ihren Punkt klarzumachen. Gegensätze ziehen sich an. Auf farbenprächtige Melodien (Wes Lee) und ein ausgezeichnet ausgeführtes Shouting (Patty Tirrel), dass sowohl Höhen und Tiefen kennt, folgt engagierter mal klarer, mal geshouteter Backing-Gesang durch Zach Loates (Gitarre) und Brad Healey (Bass) und ein stets pointiertes Drumming (Zane Knight), welches von einfachen Drum-Rolls über den kreativen Einsatz des Double-Bass bis zu kurzen Blast-Beats in allen Belangen abliefert. In einem Interview erklärte die Band dies bezüglich:

„We collectively have a wide range of music that we listen to so we try to include all influences in the creating process. We don’t try to sound a certain way.“ – (das komplette Interview auf ottawashowbox.com)

Und das hört man, denn gebündelt funktionieren diese unterschiedlichen Faktoren am besten. Zum Beispiel beim Einstieg mit „Do You Miss Me?“, wo sich melodiöse und dissonante Gitarrenpassagen die Hände reichen. In den Songs „Recovery“ und „My Heart Gets Left Behind“ sind besonders die Gesangsleistungen von Tirrel und Loates hervorzuheben, die jedem in den Arsch treten, der behauptet Hardcore und klarer Gesang gehören nicht zusammen. „Blossom“ und „Sleep Alone“ liefen der Crowd Refrains, die zum gemeinsamen Grölen einladen und zu keiner Zeit fehl am Platz wirken. Da sind das Interlude „The Missing Piece“, das sich im Gesamtkonzept musikalisch wohlig gut eingliedert und der Song „Blindside“ der durch eine Anlehnung an Mathcore-Riffs überrascht. Mit dem Titelsong „Careless Love“ klingt das Album ruhig aus. Ein passender Abschluss für eine LP, welche die Diversität aus harten und weichen Klängen so darzubieten weiß, wie diese. Loates sagte solarstr1ker.blog über die Motivation im Schreibprozess:

„We set out to write Careless Love with an intention to maintain a theme throughout the record. It’s not necessarily a concept album, but there’s a constant energy that’s carried from start to finish.“

Prädikat zur LP: Ambitionierter Metalcore, der mehr ist als die Summe seiner Teile.


© Beitragsbild: Mayfield, bandcamp

Birthright – Let Me Down Easy, LP: Erinnerung an Dich

Aus dem Boden den die US-amerikanische Post-Hardcore-Bewegung The Wave (begründet von den Bands: La Dispute, Make Do And Mend, Defeater, Pianos Become The Teeth und Touché Amoré) Ende der 2000er mit ihrem frischen Sound für neue Generationen bereitete, erhoben sich viele Newcomer (Birds in Row, The Saddest Landscape), die sich in den folgenden Jahren von den experimentellen musikalischen Ansätzen inspirieren ließen. Für diese bestand eine Sehnsucht nach mehr Emotionalität und ehrlichen Gefühlen und weniger modischen Metalcore-Anleihen, mit denen erfolgreiche Szene-Bands wie Atreyu und Escape the Fate Bekanntheit erreichten. Dafür sollte es zurück zu den Wurzeln gehen, die von Vertretern der ersten Stunde, wie At the Drive-In und Drive Like Jehu ausschlugen.

Auf Let Me Down Easy (Juni 2018) ist der Geist dieses Aufschwungs allgegenwärtig. Dahinter stecken die Musiker von Birthright aus Baltimore, Maryland und vermitteln in 10 Songs gekonnt, was The Wave noch heute predigt. Es sind die tiefen gefühlvollen Texte, die harten Schreie, welche durch das Mikrofon hallen und die zärtliche Instrumentalisierung, welche zeigt das Post-Hardcore keine Breakdowns braucht, um weiter im Gespräch zu bleiben. Klassisch geht es auf Let Me Down Easy, um Beziehungsprobleme, all den Schmerz, der sich aus zwischenmenschlichen Erlebnissen ziehen lässt und die Erinnerungen an langsam verblassende, bald schon fremde Gesichter.

„I can hear your call In the distance As the wind blows The entire world Stood still Where is this beauty In my darkest days?“ – Light Of Your Love

Birthright spielen trotz ihrer starken melodiösen Einflüsse und gewohnt alternativen Rhythmen gerade heraus und sind nicht komplett verloren in dem, was sie durch ihre Musik vermitteln wollen. Diesbezüglich können Brücken zu den kanadischen Post-Hardcore-Helden Alexisonfire (vor allem stimmlich erinnern das Shouting und die klaren Gesangsparts an George Pettit und Dallas Green) und dem Melodic-Hardcore-Genre geschlagen werden. Let Me Down Easy ist somit sowohl eine Empfehlung für Veteranen als auch junge Fans der Szene.

Prädikat zur LP: Emotionaler Post-Hardcore, der sich an Stilistiken à la The Wave orientiert.


© Beitragsbild: Birthright, bandcamp

Windows96 – One Hundred Mornings, LP: Gute Nacht, Internet.

Der digitale Horizont ist wunderschön. In verlorenen ewigen Nächten in denen eine Reise ohne ein wahrhaftiges Ziel gehaltvoll und bedeutsam sein kann, liegt er brach in der Ferne. Als Wegweiser und Platzhalter. Denn diese Gefilde sind endlos. Er dient nur als Kulisse, um den Verstand einer vor ihm wandernden Seele zu beruhigen. Wie die Zeit vergeht, an einem dritten Ort, der alles verspricht und es einhält.

„A setting beyond home and work (…) in which people relax in good company and do so on regular basis“ – aus Third Places nach Ray Oldenburg

Willkommen im Internet. Bleibt für immer. Wer würde dieses Reich wieder verlassen wollen, in dem jeder alles sein kann, alles finden kann, alles fühlen kann, ohne Anstrengungen und in dem keine Schwerkraft herrscht. Wo alle Antworten zu finden sind und niemand alleine sein muss. Der Rausch setzt unbewusst ein. Klick. Ein Daten-Strudel öffnet sich und ein neues Kapitel bahnt sich an. Klick. Es fühlt sich gut an frei zu sein. Denn der Sog übt keine Gewalt aus. Er ist bequem, die einwirkenden Kräfte entspannend. Um einen herum ziehen Werbungen vorbei und tropfen leise in das Lichtermeer. Stimmen hallen aus ihren Richtungen. Warme Bariton-Vibrationen enthüllen neue Produkte. Der Konsum ist Teil der Erfahrung. Kühle Getränke, lebendige Communities, der passende Film, Online-Spiele und aktuelle Mode. Jedes Bedürfnis wird befriedigt. Die Flucht vor der Wirklichkeit ist ein künstliches Unterfangen. Nein, sie ist künstlerisch. Und wer der Leidenschaft für ihre Kunst erliegt, sich gar vollkommen fallen lässt, wird möglicherweise nie wieder auf einen Boden der Tatsachen gelangen. Jedes Video, jeder Live-Stream und jeder zum Eintritt zugängliche Chat-Verlauf sind ein neuer Sonnenaufgang in den weiten des World Wide Web, in denen nie Ruhe einkehrt.

„Caligula“ erblüht mit wabernden Synthesizer Klängen, die sich für einen Moment in eine elektronische Orgel-Passage wandeln und eine nahezu zeremonielle Atmosphäre schaffen – doch die Messe ist längst gelesen. Der Körper brauch endlich Schlaf, um sein spirituelles Chache zu säubern. Mit „Visage“ (Track 2) ergibt sich ein Thema, dass durch geisterhafte Hintergrundeffekte den weiteren Exorzismus vorbereitet: mal sphärisch („Visions II“), mal verregnet („Bliss“) und hier und da melodiös. Als Fundament des Albums dienen durchweg die markanten Beats eines E-Drumsets, die dennoch stets genug Spielraum für interessante Vaporwave-Interpretationen lassen. Das gedimmte futuristische „Mind Mirage“ ist ein passender Ausklang, nachdem „Rituals“ mit einem Hauch Tropicalia noch einmal für positive Energien sorgt.

One Hundred Mornings (Juli 2018) ist die bis dato letzte LP des brasilianischen Musikers Gabriel Eduardo. Ein Weckruf für jene, die ihren Geist zum Download freigegeben haben. Ein beruhigender Alarm, der zu verstehen gibt, dass es Zeit ist sich vom digitalen Horizont abzuwenden.

Prädikat zur LP: Melodischer Chillwave für Nachtschwärmer.


© Beitragsbild: win96, bandcamp

Turnover – Peripheral Vision, LP: Hallo Euphorie

Es gibt in diesem Leben so viel zu erreichen, so viel zu tun und einzuhalten. So viel zu verdienen, ohne dass ein Bewusstsein dafür herrscht, wofür es ausgegeben werden soll. So viele Türen, die für uns offen stehen und hinter jeder von ihnen verbirgt sich ein neuer Weg, der ins Glück und zu Erfolg führen könnte. Doch da ist zu wenig Zeit, um jeder von ihnen eine Chance zu geben. Und es ist so leicht den Verstand zu verlieren, wenn einem kein Einhalt durch natürliche Grenzen geboten wird. Wenn alles möglich scheint und gleichzeitig unerreichbar ist. Für ein einfaches Zahnrädchen in einer Maschinerie der Maßlosigkeit, deren Treibstoffe Stress und Druck sind. Ein futuristischer Alptraum, den die Menschen schon jetzt leben. Wer sich angesprochen fühlt, der sollte dranbleiben, denn es gibt ein musikalisches Gegengift für diese Art des modernen Wahnsinns. Der Name: Turnover.

Turnover ist eine Band aus Virginia Beach, Virginia (US), die im Laufe ihrer Geschichte eine interessante Entwicklung durchmachte. Angefangen als Pop-Punk-Band im Jahre 2009, brachten sie 2011 ihre selbstbetitelte EP auf die Bildfläche, die bereits hörbare Emo-Rock-Einflüsse hatte. Doch damit war ihre Verwandlung noch lange nicht abgeschlossen. Während ihr erstes Album mit dem Namen Magnolia, um 2013 weiterhin einen härteren Sound innehielt, aber bereits deutlich verträumter anmutete, erschien Mitte 2017 das Dream-Pop-Release Good Nature, dass sich instrumental deutlich von ihren Wurzeln entfernt hatte. Innerhalb der inzwischen vergangenen vier Jahre waren Turnover jedoch nicht untätig gewesen. Neben zwei EPs (Blue Dream, Humblest Pleasures), die jeweils als Bindeglieder nach und vor den genannten Veröffentlichungen fungierten, erschien 2015 mit dem Album Peripheral Vision eine unvergessliche evolutionäre Übergangsform.

Noch nicht ganz so handzahm, verspielter und mit mehr Biss als der Nachfolger Good Nature konstituierte sich Peripheral Vision als allgemein gefeierter Peak der Band. Turnover hatten sich längst von ihrem eingängigen Punk-Image abgewandt und waren nun vollkommen beim Shoegazing hängen geblieben. Mit Songs, wie „New Scream“ und „Hello Euphoria“, vervielfältigte sich auch lyrisch das Blickfeld, dass sich nun nicht länger ausschließlich auf zwischenmenschliche Beziehungen konzentrierte, sondern einen deutlichen Bezug auf ein Leben abseits des gesellschaftlichen Standards nahm.

„Adolescent dreams gave to adult screams
Paranoid that I won’t have all the things they say I need
What if I don’t want a pattern on my lawn?
All I know is something’s wrong because everyday I’m

Craving that new scream …“

– New Scream

Grundsätzlich blieb jedoch das Verhältnis zu anderen das Lebenselixier der poetischen Texte über emotionale Zustände und insbesondere die Empfindungen für nahestehende Menschen.

„Bass guitarist Dempsey told Billboard about the meaning of this song:“ „Take My Head is about how it could be the best day and you’re surrounded by happy things, but you still want to be pissed off and sit by yourself.“ genius.com

Ohne die Tracklist mit einzubeziehen ist es schwer zu sagen, wo Peripheral Vision beginnt und endet. Die zweite LP Turnovers ist eine homogene Masse aus leichten Rock-Rhythmen und psychodelischen Melodien in den Fußspuren von Slowdive und My Bloody Valentine, welche einem die Augen schließen. Für 11 Songs heißt es dann in einem Ozean aus den Dingen zu versinken, die einem nachts den Schlaf rauben, um nach ihrem tieferen Verständnis wieder aufzutauchen und in eine befreite Seele einzuatmen.


© Beitragsbild: Run for Cover Records, Bandcamp

Carlton – Carlton [Deluxe Edition], EP: Schnellkurs in Unbeschwertheit

Der Tanz: ein Heiligtum. Die Persona: eine Legende. Die Kunstfigur Carlton Banks ist TV-Junkies als quirlige Nebenrolle aus der 90er-Jahre-Hit-Sitcom Der Prinz von Bel-Air bekannt. Einst verkörpert von Alfonso Ribeiro erreichte sie einen Kultstatus, der Will Smiths unerschütterliches Standing als einer der gefragtesten Newcomer auf den Fernsehbildschirmen gekonnt zu neutralisieren wusste. Sein schelmischer Oberlippenbart, das verschmitzte Lächeln und seine leidenschaftlich zugeknöpfte Attitüde brachten einen eigenen Stil zu Tage, der sich in Verbindung mit seiner Affinität zu Ausbrüchen maximaler Unbeschwertheit zu einem noch nie dagewesenen Combo-Breaker entwickelte.

Somit war die Entrüstung legitim als sich der Publisher Epic Games unangekündigt an der verkörperlichten Aura des Meisters in Form seiner eigens kreierten Moves bediente. Dieser Fauxpas war keine Frage der Gerechtigkeit, die ferner nicht geltend gemacht werden konnte, sondern eine des Anstandes. Doch dort wo Platz für Gleichgültigkeit ist, gibt es auch immer Horte der Wertschätzung. Ein weitgehend anonymer Internetmusiker widmete dem Namen Carlton bereits vor einiger Zeit ein ganzes Projekt inklusive eines homonymischen Mini-Albums. Vor kurzem erschien mit der Deluxe Edition eine Erweiterung des bisherigen Releases. Carlton von Carlton ist ein Schnellkurs für Unbeschwertheit. Eine Einführung in die Lehren des fortschrittlichen Dampfablassens.

Auch Sie können sich in Sekundenschnelle ohne jegliche Vorkenntnisse von alltäglichem Stress, der Wahrung einer vorbildlichen Etikette und den Sorgen über eine ungewisse Zukunft befreien. Ich bin Carlton und zeigen Ihnen, wie es geht.

Solche oder so ähnliche Worte, hallen einem durch den Kopf, während der Song „Competition“ das Album in Old-School-Hip-Hop-Manier einläutet. Folgend liefert „Soda Pop“ mit leichten Funk-Beats den Soundtrack für entlastende Dehnübungen. Der Track „Bel-Air Groove“ bringt durch den Einsatz von schillernden Blasinstrumenten mehr Klasse ins Spiel, da man sein Gemüt stets für plötzlich anstehende Abendveranstaltungen wappnen sollte. Soll es doch ein ausgedehnter Spaziergang sein? Oder gar ein entspannender Tag am Strand? Zu „Cruise Control“ lassen sich die Muskeln im Nu in Wallung bringen und eingeklempte Nerven problemlos lösen. Der Abschluss erfolgt durch zwei aufbereitete Klassiker. „Carlton (Remastered)“ bietet Raum für eine lockere Atmosphäre und Zeit in sich zu gehen, bevor „Fresh (Remastered)“ den eigenen Geist unaufdringlich, jedoch genesen zurück in eine Welt der Verantwortung und Haltung entlässt. Bis einem zum Abschied ein kleiner werdendes Echo sagt:

Es war mir wieder eine große Freude. Ich bin Carlton, ihr Coach für Ausdruckstanz und mentale Balance. Bleiben Sie unbeschwert und bis zum nächsten Mal.

Prädikat zur EP: Tanzbarer Future-Funk, der einfach gute Laune macht.


© Beitragsbild: Carlton & Cloud Vault, bandcamp

Tiny Moving Parts – For the Sake of Brevity / Fish Bowl, Single: Mutter Natur ruft wieder

Tiny Moving Parts ist eine dieser Bands, die immer und immer wieder denselben Song veröffentlichen könnten, ohne damit auf die Nase zu fallen. Seit ihrem Debütalbum Waves Rise, Waves Recede… (2008) hat das Trio auf eine Mischung aus Math-Rock, Midwest-Emo und Pop-Punk gesetzt, die sich um das stets präsente Tapping von Gitarrist und Frontmann Dylan Mattheisen schmiegt. Ein perfektes Rezept, denn dieser Mix hört nie auf Spaß zu machen. Anfang des Jahres, am 16.01.2019, erschien zur Freude vieler Fans eine neue 2-Track-Single mit dem Titel For the Sake of Brevity / Fish Bowl. Darin enthalten sind die gleichnamigen Songs, die mit For the Sake of Brevity sogar ein Stück enthalten, dass TMP bereits als Opener auf ihrer 2010er EP Moving To Antartica verwendeten. Reiner Zufall ist das jedoch nicht, da ihr neuer Track „Fish Bowl“ thematisch genau dort anschließt, wo Moving To Antarctica als Gesamtkonzept aufhörte. Einerseits geht es um den Klimawandel und seine verheerenden Folgen für die Tierwelt. Andererseits gibt sich ein großes Sinnbild zu erkennen, dass eine persönliche Angst vor einer extremen Veränderung und dem richtigen Umgang mit ihr aufzeigt.

„I’ll hold you until your lungs start breaking Piece by piece we are fading away Into a new place Into a new space Where ever it may be, it’s forever you and me There are mammoths in the Atlantic But we’ll never know until we go swimming“ – Fish Bowl

Musikalisch ist so ziemlich alles beim Alten geblieben. Das funkelnde Gitarrenspiel, die akzentuierten Bass-Parts und das jazzige Drumming klingen so frisch, wie eh und je. Anders als auf ihrem Werk von 2010 kommt „For the Sake of Brevity“ allerdings in einem audio-technisch hochwertigeren Gewand daher. Dadurch geht leider ein wenig Lo-fi-Charme verloren, doch das ist verzeihbar. Denn obwohl Tiny Moving Parts mit steigendem Erfolg auf glattere Produktionen setzten, haben sie nie ihr gewisses Etwas eingebüßt. For the Sake of Brevity / Fish Bowl ist ein erfreuliches Release, um mit der kompakten Familien-Formation aus dem Mittleren Westen Amerikas warm zu werden und die Wartezeit auf eine neue LP durchzustehen. Während die Stimmung in der ersten Hälfte der Single sowohl lyrisch als auch klanglich melancholisch ist, versprüht „Fish Bowl“ Hoffnung auf ein Happy End. Damit hat sich auch am Motto der Band nichts geändert: Egal wie lange es regnet, am Ende wird alles gut.

Prädikat zur Single: Sehnsüchtiger Midwest-Emo für zwischendurch.


© Beitragsbild: Tiny Moving Parts, bandcamp

Firewatch Original Score, Videospiel-Soundtrack: Klänge der Einsamkeit

Campo Santos Indie-Debüt Firewatch entlässt den Spieler in eine spannende Kurzgeschichte, die von Eskapismus und dem Verhältnis zwischen Mensch und Einsamkeit handelt. Der Komponist, Designer und Schreiber Chris Remo steuerte einen essenziellen Soundtrack bei, der das Spielerlebnis deutlich mitbestimmte.

Auf in die Wildnis

Firewatch beginnt mit einer interaktiven Offenlegung der Hintergrundgeschichte des Protagonisten Henry. Nachdem bei seiner Frau Julia bereits im mittleren Alter eine sich stetig verschlimmernde Alzheimererkrankung festgestellt wird und er sich der alleinigen Pflege seiner Ehepartnerin nicht mehr gewachsen sieht, entscheidet er sich letztendlich die Hilfe seiner Schwiegereltern anzunehmen. Julia lebt von nun an bei ihrer Familie in Australien. Um aus seinem alten, verlorenen Leben zu entfliehen, beschließt Henry eine Stelle als Feuerwächter im Shoshone National Forest anzunehmen. Nach einem langen Hike durch die Wildnis erreicht er spät in der Nacht sein neues Heim, einen Aussichtsturm inmitten der geschützten Wälder Wyomings. Erledigt nimmt er einen überraschenden Funkspruch entgegen. Es ist seine neue Vorgesetzte Delilah, die ihm von nun an in der ungewohnten Umgebung per Walky-Talky zur Seite stehen wird. Auf Henry wartet jedoch kein Urlaub im Grünen. Denn was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß ist, dass diese Abgeschiedenheit sowohl Geheimnisse als auch Gefahren birgt.

Chris Remo

Allround-Talent Chris Remo kennen Super Nerds vom amerikanischen Szene-Podcast Idle Thumbs oder sogar noch aus seiner Zeit als Unterhaltungsjournalist. Als Musiker wurde er beispielsweise durch seinen viralen Comedy-Hit „Space Asshole“ (2014) bekannt, der sich auf das Spiel Red Faction: Guerilla bezieht. Neben seiner Tätigkeit als Schreiber und Designer in der Videospiele-Industrie arbeitete er jedoch bereits seit 2009 an einigen ernsthaften Kompositionen für erfolgreiche Titel, wie Drawn To Life und Gone Home. Insbesondere der Sound von Gone Homes OST wies zum ersten Mal eine eindeutige Handschrift von Remo auf, irgendwie sphärisch, und doch so vertraut. Eine Manifestierung der eigenen Gefühlswelt, welche sich in Erscheinung eines Klangbildes auf alles projiziert, dass einen umgibt.

Firewatch Original Score vereint viele Elemente, die Remo bereits in früheren Projekten etabliert hatte. So lassen sich hörbare Parallelen zwischen den Tracks „Prologue“ (Firewatch) und „Default Friends/ Ship Date“ (Gone Home) und „Stay in Your Tower and Watch“ (Firewatch) und „Dink´s Song (Fare Thee Well)“ aus dem Filmsoundtrack zu Inside Llewyn Davis feststellen, auf welchem er seine Qualitäten als Singer-Songwriter mit Country- und Folk-Anleihen unter Beweis stellte. An dieser Stelle sei auch der akustische Song „Ol`Shoshone“ erwähnt, welcher in Firewatch als Achievement zu finden ist und zudem von Remo eingesungen wurde. Ohne seinen einfühlsamen und zugleich spannenden OST wäre die Spielerfahrung, die ich während meines ersten Walkthroughs durch den Shoshone National Forest erleben durfte, nicht dieselbe gewesen. Dort wo sowohl die Charaktere als auch die Umstände zu viele oder zu wenige Fragen aufwarfen, sorgten die aufeinander aufbauenden synthetischen Beats und volkstümlichen Gitarrenklänge für die nötige emotionale Tiefe. Sie waren für mich der Leim, der die atemberaubende Kulisse des Naturparks und den Plot rundum die zwischenmenschlichen Beziehungen der teilnehmenden Figuren zusammenführte.

Klänge der Einsamkeit

Firewatch ist ein Spiel, dass verstanden werden will. Verweigert man sich dieser Tatsache ist die Gefahr groß, sich auf der Sinnsuche Henrys früher oder später zu langweilen oder sich im Dialog mit seinem Pendant Delilah, um die sehr gut inszenierte Atmosphäre zu bringen. Denn auch wenn sich das Spiel auf den ersten Blick, um den Austausch der beiden dreht, sollte die Funktion zu schweigen in einem Walkthrough unbedingt einmal ausgereizt werden. Der OST Chris Remos erleichtert dem Spieler dabei das Eintauchen in die Welt von Campo Santos von Kritikern gelobten Debüts ungemein.


© Beitragsbild: Campo Santo