Todd Philipps Joker, Take #2: zur falschen Zeit am falschen Ort

Am 10. Oktober 2019 startete Todd Philipps düstere Realo-Darstellung des manisch kichernden Batman-Schurken in den deutschen Kinos. Wenige Tage später saß ich in einer Vorstellung und war überwältigt von der kompromisslosen Handhabung der fantasievollen Thematik. In erster Linie lag dies an der mittlerweile Oscar prämierten Performance von Star-Akteur Joaquin Phoenix. Wie wunderbar verloren und giftig zugleich hauchte er der Silhouette des geisteskranken Unterschichtlers eine tragische Niedergestimmtheit ein, dessen schmerzerfüllter Blick ein so fantastischer Spiegel aller Ungeliebten, Vergessenen und Abgelehnten im Saal war. Damals fühlte ich mich angesprochen, heute um einiges wohler und klüger. Es ist nie leicht, sich einzugestehen, die Nerven verloren zu haben, wo wir uns so nah an der Wahrheit wägten. In diesem Augenblick hatte ich bereits mehrere Monate nicht mit meinem Vater gesprochen. Hasserfüllt und misstrauisch schüttelte ich einen emotionalen Cocktail, der mich eigentlich für den leichtfertigen Genuss dieses Filmes disqualifizierte. Ja, der ganze symbolische Schund kam mir gerade recht. Die Unbeholfenheit Flecks in sozialen Begegnungen, die eigens gewählte Einsamkeit aufgrund eines schwindenden Selbstwertgefühls, dass brodelnde Inferno im Bauch, dessen Transformation in klare Gedanken nicht mehr gelingt. Ich gierte danach den weinenden Clown zu sehen, die kalte Schulter einer verrohten Gesellschaft, die Alternativlosigkeit zum absoluten Chaos, die Kugel in Franklin und die Kugel in Wayne. Ja. Weiter. MEHR! … Stopp.

Runter mit dem Make-Up

And I have by me, for my comfort, two strange white flowers – shrivelled now, and brown and flat and brittle – to witness that even when mind and strength had gone, gratitude and tenderness still lived on in the heart of man.

The Time Machine, H. G. Wells

Rückblickend sehe ich mich vor dem Laptop, wie ich ein ätzendes Plädoyer gegen „die da oben“ verfasse und es als Review betitele. Es fehlt nur noch die Kosmetik im Gesicht, doch sinnbildlich wetze ich die Zähne hinter dem roten Clownsmund. Ich fordere Empathie vom Feuilleton ein, das Joker längst als furchtbar nihilistisches Machwerk enttarnt hat und sage einen Aufstand eines gleichgeschalteten Mobs voraus, der jene angehen wird, die weiterhin mit Arroganz auf die Benachteiligten und Schwachen herunterreden werden. Die Überzeugung, einen anständigen Beitrag abgeliefert zu haben, der insbesondere meine linksliberale Gesinnung untermauert, soll noch eine gute Weile andauern. Nun weiß ich es besser. Dieser Text sagte eines mit ziemlicher Sicherheit aus, und zwar, dass Selbstachtung leider noch immer nicht zu meinen Stärken zählt. Die ursprüngliche Bedeutung des Ausdruckes Make-up beschreibt den Prozess des Kompensierens, Ausgleichens, Vervollständigens und ich hatte in jener Phase einiges wettzumachen. Es hat keine Legitimität, bei anderen auf mehr Verständnis zu pochen, wenn wir uns persönlich für nicht würdig erachten. Der Zeitpunkt, an dem wir erkennen, dass wir einen respektvollen Umgang verdient haben, darf ferner nicht der sein, an dem wir Vergeltung üben, sondern von der Schminke ablassen und die Kunde nach außen tragen. Zärtlichkeit ist, was uns retten kann. Doch nur jene können dies verstehen, die in ihrem Leben bereits erfahren haben, was es bedeutet, umsichtig behandelt worden zu sein. Daher ist Todd Philipps Ansatz kein grundsätzlich verquerer Versuch zu veranschaulichen, was geschieht, wenn wir es nicht Schaffen von einem System ablassen zu können, dass Schwäche mit der Kürzung von Sozialleistungen bestraft und Rücksichtslosigkeit mit kostengünstigen Steuersätzen belohnt. Im Angesicht gesellschaftlicher Ungerechtigkeit darf sowohl gekämpft als auch geweint werden. Einen Wandel werden wir jedoch nur herbeiführen, wenn wir uns nicht zuerst selbst kleinmachen und unseren Glauben an ein respektvolles Miteinander mit einer schadenfrohen Fratze übermalen.

Gregg Hoffmanns Dead Silence, Film-Review: Mut zum Kitsch

Ein Wort. Und du bist tot. Bei dem Untertitel kann erfahrene Horrorfilm-Vertilgende wahrlich die Angst vor einer baldigen Sprachlosigkeit überkommen. Gerade dann, wenn schon zu Beginn des Filmes eine mysteriöse Inschrift aus dem Lexikon der wunderlichen Kleinkunst verkündet, dass das Thema der heutigen Lagerfeuergeschichte Ventriloquismus lautet. Nein, dabei handelt es sich nicht um eine abscheuliche Technik, welche mordlustigen EinzelgängerInnen die leichtfertige Enthauptung eines Opfers im träge rumeiernden Deckenventilator der Studierendenverbindung erlaubt. Ja, mit diesem Ausdruck ist die hohe Kunst des Bauchredens gemeint. „Uff. Etwa das mit den Puppen, die sich mit ihrem Schöpfer darüber streiten, wer von ihnen das letzte Wort haben darf?“. Ja, genau d… „Schon wieder Puppen als Element des Grauens?“ Ja, aber e… „Die Sache ist doch seit Chucky durch und außerdem…“ Arrrgh! Ja, in Dead Silence (2007) geht es um die menschenähnlichen hölzernen Modelle, die einen immer im Dunkeln so böse aus dem Schrank heraus angestarrt haben, wenn wir bei Oma übernachteten. Doch auf Regisseur James Wan (Saw, Insidious) war auch dieses Mal verlass, denn dieser vergangene Puppenspuk weiß sich selbst im aktuellen Mischmasch aus Netflix, episodischen Schreckensformaten und dem daneben vermodernden Haufen von Paranormal-Activity-Klonen wacker zu behaupten.

Geisterbahn Deluxe

„Beware the stare of Mary Shaw. She had no children only dolls. And if you see her in your dreams, be sure you never, ever scream.“

Eine abgeschmackte Kleinstadt-Legende treibt Jamie nach dem rätselhaften Tod seiner Ehefrau zurück in seine Heimat. Ein tödlicher Fluch, so heißt es, liegt auf Ravens Fair. Seit Jahrzehnten finden die Söhne und Töchter der geheimnisumwobenen Gegend ihr unheilvolles Ende durch den rachsüchtigen Geist der Bauchrednerin Mary Shaw. Eine merkwürdige Puppe, welche kurz vor der Tat auf der Türschwelle seiner Wohnung in einem nicht adressierten Paket auftauchte, bekräftigt seinen Verdacht und wird sich im Laufe der ungewöhnlichen Ermittlungen als ein unheilvolles Artefakt entlarven. Vor diesem Hintergrund teilen die furchterregend kitschigen Jahrmarktattraktionen und Dead Silence eine innige Leidenschaft für abgeschmackte Schockeffekte aus der Konservendose. Angefangen beim klassischen, plötzlich abgespielten Schreckmoment über einen okkulten 0815-Soundtrack, der keinen Zweifel daran lässt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, bis hin zu einem eingestaubten Setting, das so authentisch wirkt wie das Schloss des Disneyland Paris. Allerdings macht es den Anschein, als ob sich die Macher genau darüber im Klaren waren und wenn nicht, dann hatten sie ein gutes Händchen dabei, mit Altbekanntem in die Offensive zu gehen.

Wo die Z-Ware der Horror-Produktionen bereits nach wenigen Minuten über ihre eigenen Vorsätze stolpert, schafft es Dead Silence spielerisch eine gerade Linie zu fahren und aufgrund eines angenehmen Erzähltempos keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Abfolge der einzelnen Kapitel, wie die Beweggründe der einzelnen Figuren, sich der Handlung anzuschließen, basieren auf einem einfachen Ansatz. Diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln. Keine weiteren Fragen! Überraschenderweise tut diese Herangehensweise noch immer erfrischend gut und lässt die Unzulänglichkeiten der Story in Schall und Rauch aufgehen. Die übernatürlichen Gegenspieler werden im direkten Vergleich zu Wans späteren unheimlichen Wegbegleiterinnen wie der Nonne und der Puppe Annabelle audiovisuell ansprechend dargestellt, zudem lebendiger eingeführt und sorgen somit für eine schaurige Atmosphäre, die von ihren speziellen Eigenschaften angetrieben wird. Vor allem in Bezug auf letztgenannte Kreation fragt man sich, warum es trotz des Zusammenhangs zur Conjuring-Serie, wie selbstverständlich abermals eine besessene Puppe sein durfte, da jedes der 101 versinnbildlichten Kinder Shaws unabhängig von dessen jeweiliger Screen-Time mehr Charisma aufbringt als diese eine dämonische und zum Sterben öde Marionette. Das Schauspiel der menschlichen Besetzung kann als zweckdienlich bezeichnet werden. Totalausfälle sucht der Kritiker jedoch vergeblich. Vom ängstlichen Bestatter Henry bis zum unterkühlten Vater Jamies sind die Nebencharaktere angenehm ausdrucksstark in ihren blassen Rollen zu genießen. Insbesondere Donnie Wahlberg macht seine Sache als sarkastischer Arschloch-Detective fantastisch und bringt eine Komik in das Geschehen ein, die einen Wiederschauwert massiv begünstigt. Ravens Fair gewinnt ferner als verlassener provinzieller Austragungsort den Stephen-King-Gedächtnispreis und geht wie der Rest des Filmes optisch in bester Fluch-der-Karibik-Methode als überzeichnetes Fantasy-Produkt auf.

Dead Silence ist als Gesamterlebnis kurzlebig und geradeheraus in seiner Mission, unterhaltsamen Popcorn-Horror zum Vorglühen der Halloween-Fete beizusteuern. Das Siegel Trash ist andererseits nicht zutreffend. Nachzutragen ist, dass das Budget von 20 Millionen US-Dollar in die falschen Kanäle geflossen sein muss, da die Einflussbereiche der Finanzen auf der Leinwand nur durchwachsen in Erscheinung treten. Hatte James Wan während der Fertigung seines Kassenschlagers Saw aus 1,2 Millionen US-Dollar inszenatorisch doch so viel mehr rausgeholt.

Alex Burunovas Enter The Anime: Tokyo, Netflix und der Kult der müden Geister

An einem Bahnsteig beginnt unsere Reise, die uns den Eintritt in das Reich der japanischen Animationsfilme gewähren soll. Begleitet von weichen Lofi-HipHop-Beats tauchen wir in ein klassisches Alltagsszenario Tokyos ein. Es ist die Fahrt mit der U-Bahn, welche nach Burunova, womöglich am besten ein Gefühl für die Mentalität der Japaner wiedergibt. Ordnung, Höflichkeit und ein zurückhaltendes Wesen sind hier erwünscht. Wir akklimatisieren uns und schon ist es um uns geschehen. Wir sind ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht, während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt. Wir können die überwältigende Bilderflut, die uns in Japans bekanntester Metropole erwarten wird, nur erahnen. Denn bis dato befindet sich unser Tour-Guide noch im amerikanischen Los Angeles. Alex Burunova stellt sich uns als Filmemacherin vor, die erst mit der Anime-Umsetzung der berühmten Videospiel-Reihe Castlevania (Netflix, 2017) so richtig auf den Geschmack gekommen ist. Beauftragt von Netflix stellt sie sich in ihrer Kultur-Dokumentation Enter The Anime der Frage, was die Essenz des japanischen Zeichentricks ist und welche Bedeutung sie für die Japaner hat. Am Ende dieses Abenteuers werden jene befriedet sein, die sich eine knappe Stunde knalligen Fan-Service und Instagram-Lifestyle versprochen haben, solange das Popcorn reicht. Enthusiasten, die eine tief greifende Erfahrung erwarten, welche einen eindringlichen Blick in das Seelenleben der Anime-Schöpfer ermöglicht, seien daher vorgewarnt. Und dennoch ist Burunovas Reportage einen Blick wert, da sie erahnen lässt, dass da noch mehr ist, irgendwo zwischen den demütigen Zeilen der Protagonisten, dem epileptischen Werbematerial für einen Tagesausflug nach Tokyo und der Ausstellung einer Corporate Culture, die Personalmanagern bei Google und Konsorten die Augen feucht werden lässt.

Bunt, laut und getrieben

Noch immer stecken wir in Los Angeles fest, aber lernen dafür den ersten Macher kennen, der sich uns nicht etwa als Creator, sondern Zeitreisender ausweist. Es ist der Produzent des Castlevania-Anime höchstpersönlich, Adi Shankar, dessen leicht aufgekratzte und sympathisch durchgeknallte Art sich schon bald als Foreshadowing herausstellen wird. Denn Anime bedeutet, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, nicht nur Kreativität am Rande des Limits, sondern ein leidenschaftliches Engagement für alles Andersartige. Nach einer kurzen Abhandlung seines rasanten Aufstiegs vom talentierten Fan-Fiction-Initiatoren zum professionellen Netflix-Kinematographen kommen wir endlich in Tokyo an und treffen überraschenderweise auf einen weiteren Gaijin der japanischen Zeichentrick-Industrie. Lesean Thomas, der sich selbst als Fremdkörper in Japan betrachtet, produziert dort die Bewegtbild-Umsetzung seines Comics Cannon Busters und zeichnet uns ein Bild des Anime als ‚trans genre medium‘, welches sowohl die Möglichkeiten bietet, unterschiedliche Stilrichtungen als auch verschiedene Kulturen miteinander zu vereinen. Dies ist ein interessanter und progressiver Ansatz, welcher nicht der Letzte sein wird, den wir in der kommenden Dreiviertelstunde aufnehmen werden, doch ist er gleichermaßen ein wichtiger Hinweis auf die differierenden Blickwinkel, welcher aufzeigt, inwiefern die westlichen und östlichen Sichtweisen auf das Thema Anime voneinander abweichen. Leider wird diese Erkenntnis nicht weiter aufgegriffen, wie so mancher leise Nebenton, der Alex Burunovas Berichterstattung mehr Tiefe hätte verleihen können. Doch wir können ihr weder den Vorwurf machen, eine schlechte Filmemacherin zu sein, noch die eigentliche Zielsetzung aus den Augen verloren zu haben – Netflix als Geldgeber zufriedenzustellen. Enter The Anime ist bunt, laut und getrieben, als wäre jegliche Verringerung des anhaltenden Tempos unwürdig, um die Diversität der japanischen Popkultur zu proklamieren und unterhält als surrealer Trip, der mit dynamischen Blenden und atmosphärischen Soundeffekten eine aufregende Achterbahnfahrt darstellt. Die trotz alledem in energetisch anmutenden Interviewsequenzen und Außenaufnahmen erreichten ruhigen Momente verleihen dem Gesamtbild keine besondere Dramatik, doch sorgen hier und da für eine Wohlfühlstimmung, welche an geeigneten Stellen den Druck rausnimmt, damit wir das Erlebte für einen Augenblick einziehen lassen können. Doch es ist nicht die poppige Inszenierung allein, die uns bei der Stange hält. Ein Füllhorn an Begegnungen, gekoppelt an zahlreiche Making-of-Situationen mit monumentalen Persönlichkeiten der Anime-Szene Japans, unterbricht die teils anstrengende Effekthascherei für informative Stellungnahmen und Erzählungen jener Expert:innen.

Eskapismus vs. Establishment

Enter The Anime wird im folgenden Verlauf weder optisch noch inhaltlich langweilig, doch verpasst es Alex Burunova dem Anime als mysteriösem Patienten den korrekten Zahn zu ziehen. Während sie umherstreift und gelegentlich bedauert, nicht den richtigen Anhalt zu finden, um die Essenz der japanischen Animationskunst ein für alle Mal ersichtlich zu machen, ist klar, dass es nie dazu kommen wird. Denn jegliche Filme und Serien, die Platz in ihrer dicht besiedelten einstündigen Dokumentation finden, sind, wie sollte es anders sein, Eigenproduktionen von Netflix oder haben einen direkten Bezug zu jeweils mindestens einer Produktion, die aktuell beim Streaming-Riesen zu sehen ist. Unter anderem sind im Gespräch: die Anime-Produzenten Kōzō Morishita (Saint Seiya, Dragonball Z), Rarecho (Aggretsuko) und Rui Kuroki (B: The Beginning, Kill Bill: Vol. 1), sowie die Regisseure Masahito Kobayashi (Rilakkuma und Kaoru), Yukio Takahashi (7Seeds), Toshiki Hirano (Baki, Magic Kaito) und Shinji Aramaki (Ultraman, Ghost in the Shell SAC_2045), um nur ein paar wenige Namen der vertretenen Repräsentanten zu nennen. Geplauscht wird über ikonische Szenen und Besonderheiten des vorgestellten Anime, die uns verdienterweise anfixen. Tatsächlich wird ebenso über die Schattenseiten des Business gesprochen wie die ermüdenden Arbeitsintervalle und einstige Berufswünsche, die nichts mit Anime zutun hatten. So wird in vielen Teilsätzen bemerkbar, dass die Tätigkeit als Anime-Creator ein Segen und ein Fluch gleichermaßen zu sein scheint. Die meisten dieser Aussagen werden sogar von Burunova selbst angestoßen, doch verkommt ihre investigative Arbeit, welche ab und an den Finger in die Wunde legt, hinter ihrem Plädoyer für eine Corporate Culture, die den Versprechen der Start-ups und Großkonzerne unserer Zeit Blindlinks ins offene Messer läuft. Animes zu produzieren, sinniert sie, steht für das eingehen von Risiken, mutig seinen eigenen Weg zu gehen, Akzeptanz und Inspiration in ruhigen Momenten zu finden (Google-Hauptquartier, wärme schon einmal das Bällebad vor, meine Kreativität ist bereit, dafür in dir aufzublühen, um dann während eines 20-Stunden-Crunge vor dem Rechner vollkommen einzugehen!). Ja, bezeichnend ist gerade ihr Schlusswort, das die DNA des Anime endgültig entschlüsselt haben will. Was ist Anime? Das ist keine Frage nach dem ‚Was?‘ oder ‚Wer?‘. Es ist die Erkenntnis, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein und als Individuum in ihm zu verschwinden. Wow! Dieses Statement zergeht auf der Zunge wie ein angewärmtes Stück Butter, doch hinterlässt es einen wahrhaft bitteren Nachgeschmack. Wir spulen noch einmal zurück und befinden uns wieder in der U-Bahn. Wir sind hier ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht. Gemeint ist eine veraltete japanische Lebensphilosophie, welche sich um Ehre, Stolz und die Wahrung des eigenen Gesichtes dreht, selbst unter einer unmenschlichen Arbeitsbelastung und dabei stets zu einer Stabilisierung des großen Ganzen verpflichtet. Während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt, läuft Burunova in die Falle einer modernen Unternehmenskultur, in der ein Obstkorb als Köder fungiert und uns einredet, dass wir nun im Gegensatz zu damaligen autoritären Hierarchie-Modellen als Individuum unsere eigenen Ziele erreichen, unsere Arbeitszeiten selbst bestimmen und endlich einen Sinn in unserem Tun auffinden können. Work-Life-Balance! Feel-Good-Management! Corporate Identity! Denn wer brauch schon eine eigene! Das da immer noch ein ominöses großes Ganzes ist, dem wir uns mit der Unterzeichnung unseres Arbeitsvertrages anschließen, wird heute schlichtweg verschwiegen. Doch verschwinden wir nicht mit ihm, sondern erhalten das Phantom mit unserer 24/7-Gegenwart in den arbeitnehmerfreundlichen Büros inklusive Yogabereich am Leben. Wenn Rarecho und seine Mitarbeiterin Yeti nur an ein paar hinreichende Stunden Schlaf denken können, wenn sie auf das Thema Freizeit angesprochen werden, Kuroki davon berichtet, dass er keine Zeit für ein Mittagessen hatte, weil es nicht in seinen Tagesplan passt oder Morishita, der außerdem im Vorstand des japanischen Disney-Pendants Toei Animation sitzt, gleich mehrmals damit zitiert wird, dass er nichts als ein Klumpen Stress ist, wenn er einen neuen Anime inszeniert, dann sind dies keine Loblieder auf eine zu glorifizierende Aufopferungsbereitschaft, sondern die Mahnmale einer vom Kapitalismus gezeichneten Industrie. Das viele der teilnehmenden Kreateure offen damit umgehen, eigentlich nie ihren jetzigen Job angestrebt zu haben, überrascht nur, wenn wir uns Burunovas vollmundige Phrasendrescherei zu Herzen nehmen, die all die Beschwerlichkeiten dieser Berufung vollkommen verklärt. Ein Funfact dieser Doku ist, dass in Japan mehr Manga als Toilettenpapier produziert werden, was jedoch den ernüchternden Hintergrund hat, dass es eine Überproduktion gibt und die hart erarbeiteten Endprodukte, die sich nicht als populär auszeichnen können, als Wegwerfprodukte angesehen werden. Das die japanische Animationsfilm- und Manga-Industrie seit Jahren eine düstere Dunkelziffer schreibt, die begangene Selbstmorde aufgrund der hohen Arbeitsbelastung insbesondere unter jungen und unerfahrenen Künstlern abdeckt, ist etwas, das vonseiten der Unternehmen nur allzu gerne totgeschwiegen wird. Leider wird dieser Zielgruppe auch in Enter The Anime keine Beachtung geschenkt. Während die US-Künstler Shankar und Thomas den Anime noch als expressionistischen Spielplatz wirken lassen, spiegelt sich in den ausgewählten Netflix-Produktionen ein Kampf zwischen einem Eskapismus und den gesellschaftlichen Konventionen, dem Establishment wider. Burunova berichtet diesbezüglich an einem Punkt von der Begeisterung für Kawaii, der Faszination für das Niedliche, welche sich bereits in den 1960er Jahren als Subkultur entwickelte und Schüler dazu antrieb, sich gegen die unnachgiebige Erwachsenenwelt aufzulehnen. Rarecho spricht in Bezug auf seinen Anime Aggretsuko in dem es um eine gestresste Büroangestellte geht, die ihre Vorliebe für Death Metal zum Abbau ihres Kummers entdeckt, davon, wie Abnormalitäten die Menschen von ihrer eigenen Banalität befreien können. Er erklärt uns damit gleichermaßen die skurrilen Ausflüchte in das Extreme, beispielsweise wenn es in anderen Animes immer wieder um Männer mit überdimensionalen muskelbepackten Körpern geht, wie in Seiji Kishis Kengan Ashura in denen jene für die Interessen der einflussreichsten Geschäftsführer Japans in den Kampf ziehen. In Enter The Anime lernen wir die Stars der Anime-Szene zwischen den Zeilen als Kult der müden Geister kennen, deren bröckelnde Fassaden nicht gänzlich von Burunovas ausgewählten Filtern überstrichen werden können. Sie sagt, dass sich das gestrige Japan und die progressiven Elemente des Anime gegenseitig befeuern, doch dies ist eine grobe Fehleinschätzung. Ein ausbeuterisches System ist nicht besser, nur weil es in neuen Gewändern daherkommt. Anime ist ein Aufbegehren gegen die anti-humanistischen Strukturen unserer Welt, die in den Abfalleimer der Geschichte gehören.

Michael Barretts Temple, Film-Review: wirrer Horror nach Wendler Art

[SPOILERWARNUNG; aber ist eigentlich auch egal.]

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich manchmal blendende Vorzeichen für ein geplantes Projekt und ein fürchterliches Endprodukt widersprechen können. Michael Barretts Film-Debüt in der Position des Regisseurs namens Temple kam bereits um 2017 heraus, doch liefert dieser Umstand bedauerlicherweise keinerlei Erklärung für einen Film, der trotz gewisser kinematografischer Qualitäten weder die Spur eines roten Fadens erkennen lässt, noch Charaktere vorweisen kann, die wirken, als wären sie ein Teil in ein und derselben Story. Mitten im Geschehen, verwundert und orientierungslos den merkwürdig aneinandergereihten Mosaikstücken der Handlung folgend, wünscht sich der Zuschauer etwas Banales, wie das Erscheinungsdatum würde Anhaltspunkte für den Wahnsinn geben, welcher sich einem in Form von beziehungslosen Akteuren bzw. Kreaturen und ihrem gelegentlichen Aufeinandertreffen anbiedert. Es stellt sich somit die Frage, was schief laufen konnte, obwohl ein anständiges Budget von 3,4 Millionen US-Dollar zur Verfügung stand, zudem eine US-amerikanisch-japanische Zusammenarbeit authentische Drehbedingungen auf dem ostasiatischen Inselstaat sicherstellte und sowohl der prämierte Kameramann Barrett (Kiss Kiss Bang Bang, Ted) als auch der mitwirkende Schreiber Simon Barrett (You’re Next, Blair Witch) [verwandt oder doch nur Namensvetter] gemeinsam über das notwendige Maß an Erfahrung verfügten, um einen zumindest erträglichen Mix aus altbekannten J-Horror-Elementen zu kreieren. Doch weit gefehlt, denn Temple ist zum Schaudern wunderlich, ja gerade eben gruselig in seiner Kunst allem einen unbeständigen Touch zu verleihen, der den Zeugen dieser forciert-ungewollten Mittelmäßigkeit am eigenen Urteilsvermögen zweifeln lässt. Es macht sich ein unangenehmes Bauchgefühl breit, dass nur vergleichbar mit der Wirkung einer Telegram-Ansprache Michael Wendlers ist, in der er berichtet, dass keine Normalität mehr herrscht und nur eine Flucht in die in Corona versinkenden Vereinigten Staaten jetzt noch Sinn macht, wo sich die Bundesregierung mit ihren Anti-Pandemie-Maßnahmen gegen uns alle verschworen hat und die Tilgung seiner Schulden noch im vorigen Augenblick nur eine schlechte RTL-Show entfernt zu sein und ihm ein verträgliches Leben mit gesunden menschlichen und geschäftlichen Kontakten zu ermöglichen schien. Gefasel Ende. Schwindelgefühl an. Doch eins nach dem anderen, denn ein Bezug zum Film soll schließlich gleichfalls gezogen sein.

Handlung, Fallstricke, Befremdlichkeit

Kate ist das Abziehbild einer jungen, attraktiven Studentin, die sich für vergleichende Religionswissenschaften interessiert, da dies eine passende Kausalität zum betitelten Tempel-Ausflug ist. Weil ihr Freund Chris, der ziemlich schräg daher kommt, aber ein gutes Herz hat, nebstdem seinen Bruder bei einem schrecklichen Unfall verlor, arrangiert sie einen Trip nach Japan, um ihm ein erfrischendes Abenteuer zu bieten. Überraschenderweise lädt sie ebenfalls ihren festen Womanizer-Freund James ein, der sie ab ihrem Wiedersehen in der Eingangshalle ihres Hotels in Tokyo in regelmäßigen Abständen befummeln wird und Chris zum dritten Rad degradiert, dass während des folgenden Bummels durch Japans aufregende Hauptstadt, wie in Trance durch eine Kamera starrend, konfus durch die Gegend rollt. Doch Chris spricht passabel japanisch und ist deswegen irgendwie nützlich auf einer Reise, die eigentlich seiner mentalen Verfassung zugutekommen sollte. Blah, Blah, Blah, Kate findet ein mysteriöses Buch in einem Ramschladen, vor dem sie die Verkäuferin warnt, aber Chris wird später zurückkommen, weil der kleine Geisterjunge es ihm in Abwesenheit der Besitzerin verscherbelt. Was? Kleiner Geisterjunge? Ja, ist egal, weiter im Kontext. Die drei Machen sich auf dem Weg zum Dorf, über dem der Tempel liegt, weil der Barmann, den Chris zufällig kennenlernte, dort geboren wurde und ihm eine Wegbeschreibung aufgemalt hat. Sie erscheinen also später im Dorf und die letzte Handvoll Bewohner so: „Och ne Amerikaner.“ Aber die alte Frau, bei welcher der Geisterjunge wohnt und die sich um ihn kümmert, ist ganz nett und lässt die nervenden Touris in ihrem traditionellen Heim übernachten und nein, der Geisterjunge hat eigentlich nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit dem Schrein, aber musste ja kurz in Tokyo erscheinen, um Chris das Buch anzudrehen. Also wirklich alle wissen, dass er tot ist, außer die drei Amerikaner (oder Briten, ich habe verdrängt, ob das erwähnt wird). Sie lassen sich also vom kleinen Geisterjungen zum Schrein führen, nach einer semi-gespenstischen Nacht, in der das verrückteste Chris war, der Kate und James beim Geschlechtsverkehr filmt und sich vom sensiblen Einzelgänger zum unangenehmen Freak steigert – und einen Dämon oder so was sieht, aber das hat er auch schon in Tokyo, wegen der Aura des Buches. Ach so, in Tokyo waren Chris und James zwischendurch in einer Disco, in der James seine wahre Natur zeigt, als er eine Japanerin auf der Tanzfläche betatscht. Anstatt einzuschreiten oder Kate mit diesem Wissen zu konfrontieren, selbst nicht, als sie Chris vom heimlichen Schwangerschaftsabbruch von James‘ ungeborenen Baby erzählt, von dem James nichts weiß, filmt er die Szene nur so für sich – was soll das alles, was sind das nur für Typen? Okay, nun sind wir schon beim Tempel, der Geisterjunge ist bereits nach Hause gegangen, weil er da sein muss, bevor es Dunkel wird. Chris hat sich ein Bein gebrochen und James wird von der Fuchsgöttin getötet, um die es auch in dem Buch geht, sie bewacht nämlich den Tempel. Eigentlich spukt es dort aber wegen einer Gruppe von Kindern, die anno Feuerzeug von dem Mönch des Tempels umgebracht wurde, der daraufhin von einem wütenden Mob umgebracht wurde, aber sich die Freddy-Krueger-Nummer gespart hat und ist einfach tot geblieben. Chris wird jetzt von den toten Kindern im Tempel angegriffen, während sich Kate in der Miene verläuft, die James beim Pinkeln gefunden hat. Ach ja, aber eigentlich sind das alles Erinnerungen von Zombie-Chris, der von einem Professor über die Ereignisse befragt wird und bei seiner Flucht den Übersetzer umbringt, während der kleine Geisterjunge draußen auf dem Flur auf ihn wartet. Das ist das Ende und man hofft einfach, dass Chris Flucht keinen Anlass für eine Fortsetzung bietet, also so wie bei Michael Wendlers Flucht nach Amerika. Da der Film nur 78 Minuten misst, fragt man sich dann noch einmal, wo hinein das ganz ordentliche Budget geflossen sein soll. Außerdem habe ich jetzt sowohl Bock auf als auch Mitleid mit Japan. Sumimasen, Leute! Review Ende. Schwindelgefühl bleibt.

Michael Barretts Temple ist zurzeit auf Netflix streambar – oder besser nicht.

„Egal.“ – Michael Wendler

Eli Roths Hostel: Kapitalismus in freier Wildbahn

[SPOILERWARNUNG!]

“Growth for the sake of growth is the ideology of the cancer cell.”
― Edward Abbey, The Journey Home: Some Words in Defense of the American West

Brutal, ehrlich und verkannt. Eli Roths Torture Porn Hostel begeisterte Mitte der 2000er viele Fans des Horror-Genres als Kotzkino par excellence. Doch wer den Streifen um die ekelerregenden Machenschaften der osteuropäischen Schlepperbande Elite Hunting Club aufmerksam verfolgte, konnte einen weitaus interessanteren Film erfahren als jene, die ausschließlich für die ausufernden Folterszenen an der Kinokasse eingecheckt hatten. Ja, der Regisseure selbst, bekannt als Star-Akteur aus den Tarantino-Blockbustern Inglourious Basterds und Death Proof, wusste wohl selbst nicht genau um das Potenzial seines Werkes, als er seinem noch eben erwähnten Freund Quentin die Idee dazu bei ein paar Schmetterlingszügen in seinem Pool pitchte. Dieser war begeistert und stellte seine Persona als Produzent in Aussicht. Vielleicht hatte er eine Ahnung, dass Hostel letztendlich mehr sein könnte als die stumpfe Kübelvorlage, für die er nach seiner Ausstrahlung weitläufig gehalten wurde. Vermutlich hatte ihm schlichtweg Roths blutiges Filmdebüt Cabin Fever (2002) imponiert, welches diesem critically acclaimed Vorschusslorbeeren sicherte. Mit einem namhaften Geldgeber und einer großen Leidenschaft für Schmerzensschreie im Gepäck konnte nun eigentlich nichts mehr schiefgehen … oder?

Ein Abgrund weltlicher Genüsse

Die beiden US-Amerikaner Paxton (Jay Hernández) und Josh (Derek Richardson) haben den Isländer Olí (Eyþór Guðjónsson) bei einem Eurotrip kennengelernt. Was sie eint, ist jedoch nicht das Interesse am kulturellen Angebot, sondern die Befriedigung ihrer Gier nach sexueller Erleichterung und einem ausgelassenen Drogenkonsum. Am Ende einer durchzechten Nacht im Rotlichtmilieu Amsterdams geraten sie durch Zufall an einen jungen Mann, der ihnen von einem Ort in Europa berichtet, der vor attraktiven Frauen strotzt, welche sich nach Männern mit einem exotischen Akzent sehnen. Die drei naiven, aber nicht weniger rüpelhaften Chaoten machen sich gedankenlos und frohlockend auf den Weg nach Bratislava, der vermeintlich paradiesischen Hauptstadt der Slowakei. Vor den Toren der Stadt angekommen, erwartet sie ein ernüchterndes Bild. Die Umgebung ist altertümlich, nahezu sichtlich staubbedeckt, so auch die zur Verfügung stehende Übernachtungsmöglichkeit für Backpacker. Angekommen im Hostel scheint sich das Blatt für die westlichen Touristen jedoch zu wenden. Zwei hübsche junge Frauen flirten mit Paxton und Josh bei der Ankunft in ihrem Zimmer und auch Olí lernt schnell eine Begleitung kennen, die gemeinsam mit dem Rest der Gruppe die folgenden Nächte in einer nahe gelegenen Diskothek verbringen wird. Die Gerüchte scheinen war zu sein, denn Natalya und Svetlana lassen keine Chance ungenutzt, um die sorglosen Sextouristen gefügig zu machen. Ja, sie geben ihnen sogar Drogen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Doch das blinde Vertrauen soll sich blitzartig rechen. Erst verschwindet Olí, dann auch noch Josh. Paxton erhält mysteriöse Hinweise auf ihren Verbleib und wird in den folgenden Kapiteln der Geschichte herausfinden, dass die jungen Frauen unter einer Decke mit einer grausamen kriminellen Organisation namens „Elite Hunting Club“ stecken. Diese entführt Ausländer, um sie an reiche Bieter zu verkaufen, welche damit das Recht für Mord und Totschlag an den jeweiligen Personen erwerben. In einem verlassenen Industriegebiet werden ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in denen Folterwerkzeuge bereitliegen und bullige Wachleute für die Fixierung der sedierten Urlauber sorgen.

Kapitalismuskritik > Gore

An das Erscheinungsjahr 2005 und die damit einhergehende Wahrnehmung erinnere ich mich nur noch dunkel. Viel zu jung war ich ohnehin für so eine Schlachthausvorstellung. Möglicherweise bin ich aus einem PTBS ähnlichen Zustand heraus später Vegetarier geworden. Denn ein paar Szenen schwebten unscharf in meinem Gedächtnis umher, als mich Netflix Ende letzter Woche endlich soweit hatte und ich mich Eli Roths Folterparade Hostel mit schwachem Magen auf ein Neues stellte. Das dieser Typ einmal als Privatvergnügen einen Geisterbahn-Klub eröffnen sollte, hätte man glatt an Hand von Hostel erahnen können. Der Zuschauer wird im Laufe der Handlung mehrmals an verschiedenen Folterräumen per Kameraschwenk vorbeigeführt. Schauen Sie links: ein enthaupteter Torso. Schauen Sie rechts: ein zugenähtes Opfer. Doch die explizite Darstellung schlimm zugerichteter Körper täuscht über die wirkungsvolle Inszenierung physischer Gewalt hinweg. Ich habe schon jeglichen Gruselschund auf der Leinwand gesehen und mühelos ertragen, doch bei den Folterszenen der Hauptdarsteller wurde mir ernsthaft übel. In diesem Sinne lieferte Roth die volle Punktzahl an Würgereflex fördernden und perversen Gewaltfantasien ab. Wirklich interessant wird es allerdings erst dort, wo die Metzgerei für einen Moment stoppt und die Kapitalismuskritik in einer vielfältigen Art und Weise ihren Einsatz hat.

So begegnet das noch vollzählige Trio während der Zugfahrt auf dem Weg in die Slowakei einem sich merkwürdig verhaltenden Reisenden, der Josh später noch einmal als blutrünstiger Schlächter gegenübertreten soll. Dieser isst einen Hähnchensalat mit den Händen und erzählt, dass er sich so verbunden mit dem für ihn gestorbenen Tier fühlt. Naturverbundenheit ist ein prominentes Thema im Film. Um genau zu sein, ist es die Frage: Wie natürlich ist der Kapitalismus? Denn alle teilnehmenden Charaktere dieser Szene, also sowohl Paxton, Josh und Olí, als auch Joshs zukünftiger Schlächter, haben sich auf den Weg gemacht, um dafür bezahlen zu dürfen, ihre animalischen Gelüste fernab der Zivilisation und ihrer heimischen Verpflichtungen zu befriedigen. Olí und der verdächtige Fremde zeigen sich gegenseitig Bilder ihrer Töchter. Für einen Augenblick teilen sie das Bedürfnis nach einem Stück authentischem Lebensgefühl abseits des gesellschaftlichen Systems. Sinngemäß fragt er Josh, was sein Verlangen sei, und wird unterbrochen, als er ihm dabei auf den Oberschenkel fasst. Natürlich ist die grundlegende Frage in dieser Situation, was er tun würde, um sich wieder frei zu fühlen.

Wer trägt das Preisschild? (Du bist!)

Die größte Kritikwelle an Eli Roths cineastischem Blutbad stammte nicht etwa von snobistischen Filmanalysierenden, sondern lokalen Politikern Tschechiens (der eigentliche Drehort) und der Slowakei. Beleidigt hätte er Länder und Bewohner mit seiner rohen und fremdenfeindlichen Darstellung der beiden Nationen. Roth witzelte daraufhin, dass Amerikaner so wenig Ahnung von Geografie hätten, dass sie weder von der Existenz Tschechiens noch von jener der Slowakei wissen würden. Es wäre ihm nicht um eine abwertende Interpretation gegangen. Aufklärung gibt diesbezüglich der Plot, welcher hauptsächlich aufgrund seiner zweckdienlichen Geschehnisse und vermeintlicher Albernheiten in die Mangel genommen wurde.

So ist festzuhalten, dass tatsächlich niemand in diesem Film gut wegkommt. Die westlichen Touristen sind zu dumm und respektlos, um zu verstehen, dass eigentlich sie diejenigen sind, die das Preisschild auf dem Rücken tragen und nicht die als einfache Leute dargestellten Einheimischen, welche auf die ausländische Kaufkraft angewiesen sind. Nicht weniger schmeichelhaft agiert die osteuropäische Bevölkerung berechnend und gefühlskalt, die erkannt hat, dass auch im Kapitalismus das Recht des Stärkeren gilt, eben genauso wie im Königreich der Tiere. Ja, wirklich, die ganze Stadt ist eingeweiht und beteiligt an der blutrünstigen Ausbeutung der Anreisenden. Gelegentlich tritt eine Bande von Kindern auf, die Paxton nur ziehen lassen, wenn er ihnen Geld gibt. Dabei handeln sie nicht wie ungebildete Burschen, sondern unterkühlte Geschäftsmänner und halten sich an die geschäftlichen Abmachungen. Selbst als sie Paxton gegen die Bezahlung einer großen Tüte Kaugummi die Flucht auf eine besonders selbstgefährdende Weise ermöglichen, obwohl sie ihn einfach hätte verraten können. Auch der Raubtierkapitalismus lebt eben von verbindlichen Verträgen. Eine wunderbare Szene, die treffsicher zeigt, wie willkürlich das Preisschild das Produkt wechselt, ergibt sich zwischen Paxton und Natalya. Als er realisiert, dass sie ihn geradewegs in die Falle geführt hat, beschimpft er sie (frei rezitiert), als eine hinterlistige Schlampe. Daraufhin lacht sie und sagt zu ihm: Ich werde für dich viel Geld bekommen. Jetzt bist du meine Schlampe. Der Kapitalismus frisst seine eigenen Kinder – weltweit. Er macht vor keiner Grenze halt und zeigt seine Fratze dort wo er wächst, in den niederträchtigsten Zügen. So muss der Osten akzeptieren, dass auch er im Angesicht einer umfassenden Kapitalismuskritik keine gute Figur macht.

Zu gut für die Tonne

Eli Roths Hostel ist ein sowohl sehenswerter als auch empfehlenswerter Horrorfilm für all jene, die Blut nicht nur sehen, sondern auch schmecken können und problemlos Beistand leisten, wenn sich der Partner nach einer kräftigen Sause übergeben muss. Zudem schafft Hostel durch seine ungeschönte Brutalität einen Spagat zu Michael Hanekes Funny Games, der aussagt, dass die Metzelei, so wie wir sie uns eigentlich wünschen, wenn wir Lust auf einen Gruselstreifen haben, per Vergrößerungsglas à la Eli Roth kein bisschen Spaß macht, sondern einfach nur zum Kotzen ist. Leider sieht man Hostel gerade heute an, dass sich das Budget bei sparsamen 4,8 Millionen US-Dollar einpendelte. Dafür erreichte er durch das Einspielergebnis von 20 Millionen US-Dollar am ersten Wochenende den ersten Platz der US-amerikanischen Kino-Charts. Aufgrund seiner beißenden Kapitalismuskritik nebst schwer verdaulichen Splatter-Momenten und einem passend skurrilen Ausklang ist Hostel noch immer qualitativer Trash, aber aus dem gleichen Grund viel zu gut für die Tonne.

Prinzessin Mononoke: Zeichentrick, Gewalt und Krankheit

In seinem Werk Prinzessin Mononoke (1997) bewerkstelligte es der japanische Filmemacher Hayao Miyazaki, die Thematiken Gewalt und Krankheit ungeschönt in seine cineastische Erzählung über die Koexistenz von Mensch und Natur einzubinden. Es war ein kühner Schritt, an dem es nach den Ansichten des Altmeisters kein Vorbeikommen gab.

Aktie Menschenleben

Wie bei einer Aktie steht und fällt der Wert eines Menschenlebens mit den bestimmenden Faktoren. In diesem Fall: der Beschaffenheit des Lebensraumes und des sozialen Umfeldes. Die Geschichte von Prinzessin Mononoke spielt zurzeit der Muromachi-Periode (1336 bis 1573), die sich mit der sogenannten Zeit der streitenden Reiche (ab 1477) überschneidet. Letztere war durch ein Jahrhundert eines kriegerischen Zustandes geprägt, in dem es keine Zentrale Ordnung auf nationaler Ebene gab. Es handelt sich also beim Setting um die Blütezeit des japanischen Mittelalters. Einen Moment in der Geschichte der Menschheit, welcher von Armut und Gewalt geprägt war. Bereits zu Beginn der Geschichte wird der Hauptcharakter Prinz Ashitaka in brutale Kämpfe verwickelt. Nachdem er aus seinem Heimatdorf verstoßen worden ist, trifft er nach nur wenigen Meilen auf ein Dorf, dass von feindlichen Soldaten geplündert wird. Sowohl die verteidigenden Männer als auch die fliehenden Frauen werden ermordet. Die Visualisierung des Schlachtens ist drastisch. Die Angreifer kennen kein Erbarmen. Ashitaki wird entdeckt und verfolgt, als er von der Szenerie entfliehen will. Dabei enthauptet er in Gegenwehr einen Soldaten mit dem Schuss eines Pfeiles. Noch heute gilt diese Darstellung von Gewalt für einen Zeichentrickfilm als extrem, doch dafür besteht keine Notwendigkeit. Der Regisseur selbst erklärte seine Entscheidung folgendermaßen:

„Wenn es einen Kampf gibt, ist es unausweichlich, dass Blut fließt, und das darzustellen, können wir nicht vermeiden.“ – Hayao Miyazaki

Im Mittelalter hatte ein Menschenleben nur den Schatten des Wertes einer heutigen Existenz. Das heißt, in den wohl meisten Regionen unserer Welt, die sich bis nicht verändert hat, dort, wo wahre Armut herrscht und hinter vorgehaltener Hand das Recht des Stärkeren gilt. Jungen Erwachsenen das Märchen eines nicht barbarischen Aktes des Tötens vorzugaukeln, wäre vermutlich das größere Übel gewesen.

Die Todgeweihten

Zu dieser Zeit hatte ein Mensch jedoch nicht nur grausame Überfälle, sondern gleichwohl unbekannte und nicht heilbare Krankheiten zu befürchten. In der Muromachi-Periode hieß eine von den besorgniserregendsten Erkrankungen Lepra. Die als Hansen-Krankheit (entdeckt durch den Norweger Gerhard Armauer Hansen) verbreitete chronische Infektionskrankheit wurde schon im 9. Jahrhundert in Dokumenten der japanischen Regierung beschrieben:

„Es wird durch einen Parasiten verursacht, der fünf Organe des Körpers frisst. Die Augenbrauen und Wimpern lösen sich ab und die Nase ist deformiert. Die Krankheit bringt Heiserkeit und erfordert Amputationen der Finger und Zehen. Schlafen Sie nicht mit den Patienten, da die Krankheit auf andere Personen übertragbar ist.“ – Ryounogige

Menschen, die sichtbar von Lepra infiziert waren, galten fortan als Ausgestoßene, die nicht länger innerhalb der Gesellschaft geduldet wurden. Sie lebten gezwungenermaßen an Orten außerhalb von Dörfern und Städten unter ihresgleichen. Symptome der Krankheit waren und sind das Absterben der Nerven, die Verstopfung  der Gefäße von Arterien und Venen durch die Verdickung des Blutes und der Verlust des Gefühles für Kälte, Wärme und Schmerz. Dadurch sollte sich später der Mythos entwickeln, dass Menschen Teile ihres Körpers durch die Erkrankung abstoßen würden. In Wahrheit verletzten sie sich, ohne es zu bemerken, wodurch sich ihre Wunden im späteren Verlauf verschlimmerten. Heute ist Lepra als nur schwer durch Tröpfchenbildung übertragbares und zudem heilbares Leiden bekannt. Gründe für eine Infektion sind Ausnahmezustände wie ein langjähriger Kontakt zu einem infizierten Menschen oder Tier, eine unachtsame Hygiene und Mangelernährung.

Im Film trifft der junge Prinz Ashitaki auf vermummte Menschen, die in einer abgelegenen Werkstatt der Festung Tatara Gewehre bauen. Manche von ihnen scheinen Stümpfe zu haben, wo ihre Gliedmaßen enden sollten. Einer von ihnen spricht nur mit schwacher Stimme. Sein Gesicht ist komplett verbunden. Obwohl sie im Inneren der Stadt leben, existieren sie getrennt vom Rest des Volkes, doch ihnen wird Beachtung geschenkt, zuweilen von der Herrscherin persönlich, Lady Eboshi.

Für viele Fans war es lange Zeit ein Rätsel, worum es sich genau bei dem Zustand der Charaktere handeln würde. Anfang dieses Jahres sprach der Regisseur offen über den Hintergrund der beschriebenen Szene. Durch eigene Erfahrungswerte mit einen befreundeten Lepra-Patienten bewegt, erinnerte Hayao Miyazaki in Tokyo am 27. Januar 2019 mit einen Gedenk-Vortrag an die Hansen-Krankheit und ihre Opfer als Teil der japanischen Geschichte. Diesbezüglich äußerte er sich zu Prinzessin Mononoke, wie folgt:

„… also zeichnete ich nicht nur Samurai-Krieger und Bauern, sondern auch Menschen, die aus der Geschichte verschwunden waren oder diskriminiert wurden.“ – Das ganze Interview ist via asahi.com abrufbar.

Eine Frage des Kontextes

Hayao Miyazakis konsequente Inszenierung schwieriger Themen wie Gewalt, Krankheit und Tod in seinem preisgekrönten Werk Prinzessin Mononoke sind zu loben. Diese funktionieren im bunten Zeichentrickmärchen trotz ihrer Härte oder Komplexität aufgrund ihrer nachvollziehbaren, wie liebevoll gestalteten Einbindung in den zeitlichen Kontext und geben dem Gesamtbild eine authentische Note.

Es kam aus der Sneak Preview #1: Asghar Farhadis Offenes Geheimnis

Todos lo saben (frei übersetzt: Alle wissen es) ist das erste spanischsprachige Werk des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, der außerdem das zugrunde liegende Skript verfasste. Bei den Dreharbeiten stand dem versierten Cineasten eine prominente Auswahl an fähigen Akteuren zur Verfügung. Zum sechsten Mal spielen hier Penélope Cruz und Javier Bardem zusammen vor der Kamera. Außerdem Teil der Hauptbesetzung: Ricardo Darín, der seinen großen Durchbruch 2000 mit der argentinischen Komödie Nine Queens feierte. In der deutschen Fassung lautet der Filmtitel Offenes Geheimnis. Mit seiner Geschichte um einen Elefanten im Raum versucht Farhadi den Spagat zwischen sozialkritischen Beobachtungen, multilateralem Kammerspiel und aufreibendem Thriller.

Familienzusammenkunft mit Folgen

Ein Uhrwerk. Es scheint alt zu sein. Schwergängig setzt es sich in Bewegung. Die Kamera richtet sich auf das dazugehörige Ziffernblatt. Es ist kaputt. Eine Taube fliegt durch eine zerbrochene Stelle nach draußen. Vermutlich handelt es sich im Ganzen um einen Kirchturm. Szenenwechsel. Close-up auf ein paar Hände. Eine Person zerschneidet Zeitungsartikel, auf denen Bilder von Kindern zu sehen sind. Szenenwechsel. Wir lernen Penélope Cruz in der Rolle von Laura kennen, die in einem Auto mit ihrem kleinen Sohn, ihrer jugendlichen Tochter und ihrer Schwester Anna anreist. Annas Hochzeit im spanischen Heimatdorf ist der Anlass für eine große Zusammenkunft ihrer Verwandtschaft sowie jener ihres Bräutigams. Laura ist vor Jahren mit ihrem Ehemann nach Argentinien ausgewandert. Dieser ist nicht zugegen. Während die Trauung vorbereitet wird, treffen die Familienmitglieder in den folgenden Aufnahmen aufeinander. Auch Lauras Jugendliebe Paco, verkörpert von Javier Bardem, ist zu Gast. Die Vermählung wird schnell abgehandelt. Im Laufe der anschließenden Feier ist Lauras Tochter Irene unpässlich. Sie verlässt in Begleitung ihrer Mutter das Geschehen, um sich in ihr Bett zu legen. Als diese noch einmal nach ihr sehen will, ist Irene verschwunden. Für alle Beteiligten beginnt eine dramatische Suche, die neben Hinweisen auf ihren Verbleib schwerwiegende Zerwürfnisse zwischen den Angehörigen ans Licht bringt.

Drama und Irrwege

Offenes Geheimnis präsentiert sich als Kriminalgeschichte, die eine spanische Familie zwischen glücklichen Augenblicken und abgründigen Intrigen zeigt. Das Verschwinden von Irene, dargestellt von Carla Campra, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Thematik erinnert zuweilen an den vorangegangenen Genre-Erfolg Prisoners (2013) und grenzt sich im Wesentlichen durch sein Reisekatalog konformes Setting einer iberischen Provinz und der dargebotenen Lebensrealität ihrer Bewohner ab. Asghar Farhadi ermöglicht die Etablierung einer undurchsichtigen Spannung, welche von einer ruhigen Grundstimmung getragen wird. Darauf basierend gelingt es Farhadi leider nicht, den Zuschauenden die nötige Konzentration für seinen Mix aus Programmkino mit Hollywood-Glimmer abzuringen. Letztendlich bekommt ein jeder die Chance, ein bisschen von dem in Todos lo saben zu sehen, was er oder sie sehen will. Im Rennen um eine Gesellschaftskritik, Aufregung und der Hoffnung auf ein Happy End gewinnt auf diese Weise die Akzeptanz, das Geld und Politik nicht als empfehlenswerte Gesprächsthemen für ein seliges Beisammensein taugen. Trotz dessen ist das neue Werk von Asghar Farhadi eine lohnende Offerte für Hobbykriminalisten. Die kulturellen Aspekte des katalanischen Familienlebens werden unbestreitbar beschaulich inszeniert und erwecken eine sehenswerte Lebendigkeit der Schauplätze und Charaktere. Wer sich insbesondere an dem Element der Aufarbeitung eines spannenden Entführungsfalles verzehren kann und eine Schwäche für internationales Bewegtbild-Theater hat, dass mit Vorliebe außerhalb der Kulisse New York Citys stattfindet, wird sich an dem Unterhaltungswert Asghar Farhadis neuem Film Offenes Geheimnis durchaus erfreuen.

  • Für Fans von: Prisoners, Cruz und Bardem, Familien-Dramen
  • Regisseur: Asghar Farhadi
  • FSK: 12
  • Jahr: 2018
  • Länge: 2 Std. 12 Min.
  • Genre: Thriller/ Drama