Prinzessin Mononoke: Zeichentrick, Gewalt und Krankheit

In einem seiner Meisterstücke mit dem Namen Prinzessin Mononoke (1997) bewerkstelligte es der japanische Filmemacher Hayao Miyazaki, zur Überraschung vieler Kritiker, die Thematiken Gewalt und Krankheit sinnvoll in seine cineastische Erzählung über die Koexistenz von Mensch und Natur einzubinden. Dies war ein mutiger Schritt im Zeichentrickgeschäft, an dem es nach den Ansichten des Regisseurs kein Vorbeikommen gab.

Aktie: Menschenleben

Genau wie bei einer Aktie steht und fällt der Wert eines Menschenlebens mit den bestimmenden Faktoren. In diesem Fall: der Beschaffenheit des Lebensraumes und des sozialen Umfeldes. Die Geschichte von Prinzessin Mononoke spielt zurzeit der Muromachi-Periode (1336 bis 1573), die sich mit der sogenannten Zeit der streitenden Reiche (ab 1477) überschneidet. Letztere war durch ein Jahrhundert eines kriegerischen Zustandes geprägt, in dem es keine Zentrale Ordnung auf nationaler Ebene gab. Es handelt sich also beim Setting, um die Blütezeit des japanischen Mittelalters. Einen Moment in der Geschichte der Menschheit, welcher von Armut und Gewalt geprägt war. Bereits zu Beginn der Geschichte wird der Hauptcharakter Prinz Ashitaka in brutale Kämpfe verwickelt. Nachdem er aus seinem Heimatdorf verstoßen wurde, trifft er nach nur wenigen Meilen auf ein Dorf, dass von feindlichen Soldaten geplündert wird. Sowohl die verteidigenden Männer als auch die fliehenden Frauen werden ermordet. Die Visualisierung des Schadens ist drastisch. Körperteile werden abgetrennt. Die Angreifer kennen kein Erbarmen. Ashitaki wird entdeckt und verfolgt, als er von der Szenerie entfliehen will. Dabei enthauptet er zur Selbstverteidung einen Soldaten mit dem Schuss eines Pfeiles. Man könnte noch heute darüber sprechen, dass dies schockierende Darstellungen von Gewalt für einen Zeichentrickfilm sind, doch dafür besteht keine Notwendigkeit. Der Regisseur selbst erklärte seine Entscheidung treffend.

„Wenn es einen Kampf gibt, ist es unausweichlich, dass Blut fließt, und das darzustellen, können wir nicht vermeiden.“ – Hayao Miyazaki

Ein absolut logischer Gedankengang. Im Mittelalter hatte ein Menschenleben nur den Schatten des Wertes einer heutigen Existenz. Das bedeutet: in den meisten Regionen unserer Welt. Noch heute gibt es nahezu täglich ähnliche Vorfälle, nur eben nicht in den Industrieländern, sondern dort wo noch wahre Armut herrscht und hinter vorgehaltener Hand das Recht des Stärkeren gilt. Jungen Erwachsenen das Märchen eines nicht barbarischen Akt des Tötens vorzugaukeln wäre hingegen vermessen gewesen.

Die Todgeweihten

Zu dieser Zeit hatte ein Mensch jedoch nicht nur grausame Überfälle, sondern gleichwohl unbekannte und nicht heilbare Krankheiten zu befürchten. In der Muromachi-Periode hieß eine von den besorgniserregendsten Erkrankungen Lepra. Die auch als Hansen-Krankheit (entdeckt durch den Norweger Gerhard Armauer Hansen) verbreitete chronische Infektionskrankheit wurde schon im 9. Jahrhundert folgendermaßen in Dokumenten der japanischen Regierung beschrieben:

„Es wird durch einen Parasiten verursacht, der fünf Organe des Körpers frisst. Die Augenbrauen und Wimpern lösen sich ab und die Nase ist deformiert. Die Krankheit bringt Heiserkeit und erfordert Amputationen der Finger und Zehen. Schlafen Sie nicht mit den Patienten, da die Krankheit auf andere Personen übertragbar ist.“ – Ryounogige

Menschen, die sichtbar von Lepra infiziert waren, galten fortan als Ausgestoßene, die nicht länger innerhalb der Gesellschaft geduldet wurden. Sie lebten somit gezwungenermaßen an Orten außerhalb von Dörfern und Städten unter ihresgleichen. Symptome der Krankheit waren und sind das Absterben der Nerven, die Verstopfung  der Gefäße von Arterien und Venen durch die Verdickung des Blutes und der Verlust des Gefühles für Kälte, Wärme und Schmerz. Dadurch sollte sich später der Mythos entwickeln, dass Menschen Teile ihres Körpers durch die Erkrankung abstoßen würden. In Wahrheit verletzten sie sich, ohne es zu bemerken, wodurch sich ihre Wunden im späteren Verlauf verschlimmerten. Heute ist Lepra als nur schwer durch Tröpfchenbildung übertragbare und zudem heilbare Krankheit bekannt. Gründe für eine Infektion sind Ausnahmezustände, wie: Ein langjähriger Kontakt zu einem infizierten Menschen oder Tier, grenzwertige Hygiene und Mangelernährung.

Im Film trifft der junge Prinz Ashitaki auf vermummte Menschen, die in einer abgelegenen Werkstatt der Festung Tatara Gewehre bauen. Manche von ihnen scheinen Stümpfe zu haben, wo ihre Gliedmaßen enden sollten. Einer von ihnen spricht nur mit schwacher Stimme und ist an sein Bett gefesselt. Sein gesundheitlicher Zustand ist ernst. Obwohl sie im Inneren der Stadt leben, existieren sie getrennt vom Rest des Volkes, doch ihnen wird Beachtung geschenkt, selbst von der Herrscherin Lady Eboshi persönlich.

Für viele Fans war es lange Zeit ein Rätsel, worum es sich genau bei dem Zustand der Charaktere handelte. Anfang dieses Jahres lüftete der Regisseur das Geheimnis. Durch persönliche Erfahrungswerte mit einen befreundeten Lepra-Patienten bewegt, erinnerte Hayao Miyazaki in Tokyo am 27. Januar 2019 mit einen Gedenk-Vortrag an die Hansen-Krankheit und ihre Opfer als Teil der japanischen Geschichte. Diesbezüglich äußerte er sich zu Prinzessin Mononoke, wie folgt:

„Miyazaki sagte, er wollte eine zeitliche Periode frei gestalten“ … „also zeichnete ich nicht nur Samurai-Krieger und Bauern, sondern auch Menschen, die aus der Geschichte verschwunden waren oder diskriminiert wurden.“– (das ganze Interview unter asahi.com)

Eine Frage des Kontextes

Hayao Miyazakis mutige und konsequente Inszenierungen schwieriger Themen, wie Gewalt, Krankheit und auch Tod in seinem preisgekrönten Werk Prinzessin Mononoke sind zu loben. Diese funktionieren im bunten Zeichentrickmärchen trotz ihrer Härte oder Komplexität aufgrund der nachvollziehbaren Einbindung in den zeitlichen Kontext und hinterlassen eine authentische Note.


© Beitragsbild: Studio Ghibli

Death Parade und die kostbare Lifebar eines Nerds

Als Fan und Konsument von Dingen, die gemeinhin als Nerd-Kram gehandelt werden (dazu gehören Serien, Filme, Spiele und mehr) schaue ich nicht selten ernüchtert auf die Uhr.

„Mal eben stolze zweieinhalb Stunden für diesen Film verpfändet. Dabei war, dass höchstens ne 3 von 10.“        

„In dieses Game habe ich bereits fast einen ganzen Wochentag investiert?? Eigentlich wollte ich nur mal ins Intro schauen.“

Auch die Lebenszeit eines Nerds ist kostbar und manchmal geben einem Unterhaltungsprodukte, wie zum Beispiel Videospiele, nicht so viel zurück, wie man sich von ihnen erwartet hat. Die vierte Folge der Anime-Serie Death Parade mit dem Titel „Death Arcade“ spricht eine Warnung darüber aus, ab wann der Aufenthalt in digitalen Welten zu einer gefährlichen Wanderung durch die Wüste werden kann.

Arcade des Todes

Death Parade handelt von einem Jenseits in dem die Verstorbenen nach ihrem Tod nicht an einer Himmelsforte, sondern in einer von vielen an ein Nachtclub-Image angelehnten Bars ankommen. Diese Etablissements werden jeweils von einem sogenannten Schiedsrichter betrieben, der sich seinen Gästen im Outfit eines Barkeepers zu erkennen gibt. Von ihm oder ihr wird im Laufe eines zufällig ausgewählten Spieles entscheiden, welcher der beiden teilnehmenden Kontrahenten wiedergeboren werden darf und wessen spiritueller Geist für immer verloren ist. Dabei geht es nicht, um einen Endstand. Entschieden wird anhand der Fairness und Verhaltensweisen mit denen die Spieler vorgehen. Die Story verfolgt diesbezüglich die Arbeit von Decim, dessen Lokalität Quindecim und dem Auftreten einer schwarzhaarigen Unbekannten. Zu Beginn des Anime erwacht diese außerplanmäßig und ohne Erinnerungen im mysteriösen Fegefeuer und steht ihm von dort an als Gehilfin zur Seite.

In besagter Episode #4 erscheinen zwei neue Seelen am Eingang der Bar. Es sind die TV-Persönlichkeit und Mutter Misaki Tachibana sowie der junge Nerd Yousuke Tateishi. Wie es üblich ist haben auch sie keine Erinnerungen an ihr vergangenes Leben und wissen nicht, dass sie soeben das Jenseits erreicht haben. Unter Protest stellen sie sich dem erwählten „Battle for Life“, einem Arcade-Prügelspiel für zwei Personen. Gespielt wird mit den eigenen Ebenbildern. Nach zwei bzw. drei Runden entscheidet sich ein Sieger.

Was nach und nach durch Rückblenden verdeutlicht wird ist, dass Beide keine einfachen Leben hinter sich gelassen haben und auf tragische Art umgekommen sind. Seit ihrer Jugend wurde Misaki von ihren männlichen Partnern misshandelt und blieb irgendwann mit der Erziehung von fünf Kindern alleingelassen zurück. Als sie durch die Rolle in einer Fernsehsendung neuen Mut schöpft, doch durch ihre herablassende und kalte Persönlichkeit aneckt, wird sie im Streit von ihrer Managerin ermordet. Yousuke hingegen stand noch am Anfang seines Lebens. Als seine Mutter seinen Vater und ihn in jungen Jahren verlässt und ihren Sohn dabei als wertlos darstellt, fällt er in ein tiefes Loch. Obwohl sein Vater eine neue Frau findet, die für ihn eine gute Ersatzmutter darstellen will versinkt er immer weiter in seinen Videospielen, in der Hoffnung so sein emotionales Missempfinden aufarbeiten zu können. Eines Tages wird er mit einem Game Over konfrontiert und nimmt sich aus Verzweiflung das Leben.

Durch zwischenzeitige Sabotagen seitens Decims werden die Teilnehmer nacheinander auf die Probe gestellt. Misaki verliert die Fassung und greift ihren Rivalen Yousuke körperlich an worauf dieser kurzzeitig ausscheidet. Später wird sie sich entschuldigen. Am Ende des Battle for Life steht ein Unentschieden. Beide sind untröstlich, doch Decim deutet an, dass es keinen wahren Verlierer gibt. Somit nehmen sie bereitwillig ihre Aufzüge ins Ungewisse.

Der Anime Death Parade hält trotz seines fantasievollen Universums die Inszenierungen vieler aufreibender Einzelschicksale bereit. Die Figur des Yousuke bleibt jedoch für mich ein erinnerungswürdiges Mahnmal an jeden Nerd. Videospiele und artverwandte Dinge sollten nicht pauschal verteufelt werden. Sie halten jedoch eine Gefahr für jene bereit, die sich zu viel von ihnen versprechen oder sich schlichtweg in ihnen verlieren.


Da dieser Beitrag das Thema Selbstmord nicht rein fiktiv behandelt, fühle ich mich Verantwortlich die Website der www.telefonseelsorge.de anzugeben. Weitere Informationen sind dort schnell abrufbar!

© Beitragsbild: Madhouse