Remnants of the Fallen – All the Wounded and Broken, LP-Review: Metalcore nach Spectors Geschmack

Oft gescholten und gern verschrien als Modeabteilung mit angelernter Musiksubkultur, hat Metalcore einen faden Beigeschmack für jene, die ihre lange Matte, welche lässig auf einer mit Patches überladenen Battle Jacket thront, als normative Visitenkarte für wahre Kultschwestern wie -hart gesottene Brüder extremer Radaumusik begreifen. Röhrenjeans, Breakdowns und klarer Gesang? All diese Dinge gehören auf die Zielscheibe eitler Vorurteile aus Angst es könnte auf deren Basis tatsächlich mal was mit Kante rumkommen, dass sogar den Backcrowd-Headbangern gefällt, die sich Vorbands am liebsten kopfschüttelnd beim ewig gleichen Fachsimpeln über Namen zu Gemüte führen, die längst aufgrund von mangelnder Experimentierfreude eingepackt haben. Arm dran ist demnach definitiv, wer nicht vom Eintopf des Vortages ablassen kann und seit November 2020 jeglichen Happen des Zweitalbums All The Wounded And Broken der Südkoreaner Remnants of the Fallen verschmähte. Wandlungsfähigen Vorzeige-Metalcore, dessen satter Klang dem anrüchigen Schöpfer der Wall of Sound Phil Spector († 16. Januar 2021) persönlich zu Lebzeiten ein Freudentränchen abgerungen hätte, gab es für die mutigen Genießer, welche gegen eine Kostprobe des gereiften Crossover-Sounds nichts einzuwenden hatten.

Theatralisches Shredding im Story-Mode

Erste Veröffentlichungen wie die EP Perpetual Immaturity (2012) und die vier Jahre später folgende LP Shadow Walk gaben deutliche Hinweise auf die musikalischen Inspirationen der seit 2009 aktiven ost-asiatischen Formation um Sänger Park Yong-bin. Die Nähe zu autoritativen Institutionen wie den US-amerikanischen Gruppen August Burns Red, Killswitch Engage oder den Australiern Parkway Drive war unüberhörbar und omnipräsent anhand des Songwritings ablesbar. Das Konzept der jungen Band klang jedoch bereits damals nicht schonungslos abgegriffen. Frisch und unbekümmert im Abgang zahlte sich das prominente Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten aus, welches sich im pompösen Langstrecken-Shredding ihrer Tracks, die durchschnittlich an der beachtlichen Fünf-Minuten-Marke kratzten, widerspiegelte, nie aufhörte, an Wucht zu verlieren und sehnsüchtig einen Blick über den Tellerrand hinauszuwerfen. Ein Potenzial triefte da aus jeder gespielten Note, einem vielfältigen Drumming wie einer bodenständigen Vocal-Performance aus der Mid-Range-Sektion, sich mit dem nächsten großen Wurf endgültig aus dem Spektrum der westlichen Vorbilder zu verabschieden.

All The Wounded And Broken entpuppte sich als dieser erhoffte Befreiungsschlag. Flügelfrei und mit breiter Brust haben Remnants of the Fallen ein Werk geschaffen, dass nach mehr klingt als einer Ansammlung abgehakter Soundtracks – einer für die Moshpit (check), einer fürs Hardrock-Radio (check) und einer, der als Ballade durchgeht (check). Was anderswo durch ein opulentes Cover oder eine kosmetische Akt-Einteilung der Tracks angetäuscht wird, ist hier durch bloßes Können möglich. Das Bild eines atmosphärischen großen Ganzen geht auf und vereint die einzelnen Songs zu einer dynamischen Erzählung. Wehe denen, die es wagen, diese nach Spotify-Methodik Blindlinks zu verhackstücken. Nach einem gefühlvollen Einstieg mit dem Intro Frozen Ember, dass durch ein herzerweichend stimmungsvolles Solo begleitet wird, welches jeder öden 80er-Schnulze einen Oscar garantiert hätte, ist eine prickelnde Neugierde auf das, was da wohl noch kommen mag gesichert – und meine Damen und Herren kommt da was. Hel (feat. Kyuho Esprit von Madmans Esprit) ist der Titel des Songs, der sich anschließt und keinen Zweifel daran offenbart, dass Remnants of the Fallen die Genre-Newcomer sind, welchen über ihre Landesgrenzen hinaus das Scheinwerferlicht der Stunde zusteht. Ein wilder Mix aus Metalcore-Riffs, harmonischen Black-Metal-Sphären und Nähmaschinen-artigen Blast Beats des Schlagzeugers Jong-Yeon föhnen einem ratzekahl die Haare vom Kopf. Hier und da fügt ein rhythmischer Breakdown ordentlich Schmackes hinzu, bis es wieder ruhelos weiter geht und ein neuer Morgen graut. Stetig erscheinen im Hintergrund diese himmlischen Melodien, ein Thema, welches sich fortan konsequent durch das komplette Album ziehen soll, die wie ein glühend heißer Sonnenstrahl, immerwährend und unaufhörlich durch die düstere Wolkendecke brechen, welche Park am Mikrofon mit melancholischen Dichtungen heraufbeschwört.

Die Diversität des Releases zeigt sich an jenen Stellen, an denen sich unter der einzigartig schimmernden Fassade vertraute Muster bemerkbar machen und sich an mitunter typischen Elementen der eigenen Szene bedient wird. So überrascht der Song Face(s) mit dem Einsatz verträumter Keyboard-Passagen und gleichermaßen einem gesanglichen Post-Hardcore-Ansatz, der zwar ausdrucksstark daherkommt, doch grundsätzlich kalter Kaffee im Metalcore-Kosmos ist. Die Single-Auskopplung Hate and Carrion überzeugt durch ein angenehmes Tempo bei einer stattlichen Länge von knapp sechs Minuten, dass nicht an einer Verspieltheit einbüßt, die in stillen Augenblicken den nötigen Raum zum Aufatmen findet. Träger, aber dafür druckvoller wirken hingegen die Songs Earth Eater und Writer Unknown, die einen Hauch Melodic-Death-Metal auf ihren Schwingen tragen. Ein Bestandteil, dass davon zeugt, sind die teilweise eingeflüsterten Lyrics, welche an den frühen Stil des In-Flames-Sängers Anders Fridén erinnern. Herkömmliche Metalcore-Charakteristiken zeigen sich verstärkt im Zuge von Deathlike Silence (feat. JungMato) und Disordered (feat. Wav of Eighteen April). Chaotisch und flott sind die vorsätzlich ein bisschen weniger schwergewichtig, lockern allerdings gegen Ende das wehmütige Kolorit des umfassenden Gesamteindrucks Remnants of the Fallens erwachsener Herangehensweise an das Genre auf. Generation Sin schlägt zum Abschluss noch einmal die rasanten wie scharfen Töne von Hel an, bevor Future Without All The Wounded And Broken elegisch dahinschwinden lässt.

Der Effekt einer Wall of Sound wird in erster Linie durch das theatralische Shredding der Gitarrenfront im Story-Mode hervorgerufen, welches Remnants of the Fallen von den blank polierten Popcore-Produktionen ihrer Metalcore-Kollegen abhebt. Durchwachsene Momente ergeben sich, wenn sie von dieser Technik abweichen und sich auf mittelmäßiges Chugging ohne Rückhalt einer imposanten Inszenierung versteifen. Frontmann Park liefert als heiserer Geschichtenerzähler einiges ab, doch funktioniert am besten im Duett mit illustren Vokalisten und dem Backgroundgesang der anderen Bandmitglieder, die seiner kernigen Tough-Guy-Attitüde durch beißende Höhen eine essenzielle Bedeutsamkeit verleihen. Keiner dieser Abstriche in der B-Note mindert jedoch die Errungenschaft mit All The Wounded And Broken eine der besten Metalcore-Platten der letzten Jahre geschaffen zu haben.

Hot Graves – Haunted Graves, EP-Review: durch die Nacht mit dem Teufel

„I have the beast beast on my side I’ve got to go out tonite Time to take take a dark ride The tombs are in my sight“ – Hot Graves by Midnight

D-Beat. Deaththrash. Black `n` Roll. Die Florida-Männer Hot Graves haben das Potenzial, zum umstrittenen Mittelpunkt angestrengter Diskussionen in puncto Genre-Zugehörigkeit zu werden. Verdient könnte man sagen, denn ihr Sound haut nicht nur ordentlich rein, sondern bietet einen auffallend frischen Mix extremer Punkrock-Abwandlungen. Im Zuge dessen lassen sie vom klassischen Hardcore bis zu höllischen Black-Metal-Exzessen keine Schublade ungeöffnet, um den Zeugen ihrer kriminell verführerischen Würdigungen des Vermächtnisses von Discharge und Konsorten ihren leidenschaftlichen Standpunkt klarzumachen: „Hate us with all your might, or love us in the night.“ Doch es genügen keine schlichten Exkurse in die multiplen Schiebefächer radikaler Musik. Nein! Die komplette Kommode muss dran glauben. Verdammter IKEA-Rotz! Sie zeigen, was Schweden sonst noch zu bieten hat und bedienen sich dabei ausgiebig an den Lehren der alten Weisen wie Anti Cimex und Wolfbrigade. Mit ihrer EP Haunted Graves (Februar 2020) lieferten die flexiblen Leichenfledderer ein neues Lebenszeichen, welches sich eine Nachbesprechung durch das Vertrauen auf gewohnte Stärken und die Etablierung neuer Dynamiken redlich verdient hat.

Okkulter Punkrock aus dem Sunshine State

Dass Hot Graves nicht vergessen haben, wo sie herkommen, beweisen sie in vier höllischen Tracks, von denen einer (Rotted) als aufgemöbeltes Remake vertreten ist. Der erschien ursprünglich auf ihrem Debüt Knights In White Phosphorus. Der Fahrplan damals: Black-Metal mit temporeichen Thrash-Anleihen. Ein authentisch angestaubtes Klangbild und garstig verzerrte Gitarren machten den Charme aus und vervollständigten die liebliche Akustik eines verschimmelten Bunker-Proberaumes unter dem rebellischen Gekeife des Gitarristen und Sängers Myk Colby. 2013 folgte die FASHION VICTIM EP, auf welcher sich die nachtversessenen Kalifornier eine Auszeit von großen Visionen für eine kurze Lobpreisung in Sachen D-Beat gönnten und eine Faust voll knackigem Parolen-Punk ablieferten. LP Nummer zwei Magnificent Death schloss 2015 musikalisch an ihr Erstlingswerk an, doch erweckte den Anschein, als ob die schwarzhumorigen US-Amerikaner dieses Mal mit angezogener Handbremse hantierten. Die Blaupause hatte sich nicht verändert, doch führte zu einem Death-Doom-lastigen Konzept, welches abgeschmirgelt und glatter produziert eine aufgeräumte Linie zog – vergleichbar mit dem Album The March (2008) der Metalcore-Gruppe Unearth, das durch den engagierten Adam Dutkiewicz (Killswitch Engage, Serpentine Dominion) einen ähnlichen Effekt erhielt.

Destruction Derby auf dem Friedhof

Rückblickend auf die Diskografie Hot Graves sorgen aktuell zwei Faktoren für einen Kickstart vitalisierender Anreize. Einerseits veredelten in der Zwischenzeit zwei neue Bandmitglieder die kompakte Formation um die Gründungsmitglieder Colby und Bassist Hutchens. So übernahm Jamie Stewart (The Absence, Disevered, Party Time) die Position als Frontmann am Mikrofon, begleitet von John Mamo (PYRE [US], No Fraud, Party Time), welcher fortan als Schlagzeuger fungierte. Außerdem wirkt es in retrospektive wie ein kluger Schachzug, sich nicht wiederholt dem Schreiben eines Releases in voller Länge gewidmet zu haben. Obwohl ihr Output allgemein als geschmackssicher bezeichnet werden darf, krankten die Alben der Band besonders hintenraus an einer zu üppigen Playlist, deren Tracks sich durch ein grundsätzlich qualitatives Songwriting auszeichneten, doch spätestens im letzten Drittel zu wenige kreative Lichtblicke boten. Auf Haunted Graves ist dieses Problem Vergangenheit. Obgleich der D-Beat wie bisher als roter Faden funktioniert, wird jede Sekunde Song effizient ausgefüllt und durch interessante Riff-Kombinationen zu einem antreibenden Circle-Pit-Aufruf. Los geht es mit dem Title-Track Haunted Graves, der anstachelnde Melodic-Hardcore-Vibes versprüht und durch seine positiv bestialische Grundstimmung zu zerstörerischen Stockcar-Rennen auf archaischen Begräbnisstätten einlädt. Sewage Communion beginnt mit einem Schwung Blast Beats und zieht danach weiter polternd an. Hot Graves stehen hier endlich wieder auf dem Gaspedal und unterbrechen ihre Raserei lediglich für atmosphärische Breakdowns, welche der ansonsten hohen Geschwindigkeit Stabilität geben. Der dritte Track im Bunde Ruination Supremacy ballert gleichermaßen aus allen Rohren. Ein Highlight sind hier die Vocals Stewarts, der seine Fähigkeit darbietet, fließend von tiefen Death-Metal-Growls zu fürchterlichem Kreischen überzugehen. Rückendeckung erfährt er parallel durch das tatkräftige Gebrüll von Kollege Colby, welcher sich gleichermaßen die Lunge aus dem Hals schreit und den verbalen Krawall-Pegel durch die Decke schießen lässt. Die modernisierte Version des Tracks Rotted rundet die EP angemessen ab. Erwähnt werden muss an dieser Stelle das omnipräsent mitreißende Drumming Mamos, welcher dem Muppet Animal alleinig durch seinen kämpferischen Trommelstil ein Schleudertrauma verpassen könnte. Lyrisch geht es noch immer um die befreiende Kraft des Satanismus, die Liebe zur astronomischen Dämmerung und den wunderbaren Unfug, der nach Einbruch der Dunkelheit auf der To-do-Liste der teuflisch rockenden Kalifornier steht. Hot Graves Haunted Graves EP (Corrupted Flesh Records) ist somit eine konsequente Weiterentwicklung ihres ohnehin begeisternden Spagates aus Punk-Gratwanderungen und eine absolute Empfehlung für all jene, die ihren Lärm blutrot und grimmig mögen.

Brutal Technical Death Metal: 7 Bands für den leichten Einstieg

Als das Internet in den Köpfen der Menschen noch endlos weit schien und nicht vor dem lichten Horizont eines sozialen Mediums endete, war es erstaunlich, einem Musiker beiwohnen zu dürfen, der sein Instrument grandios beherrschte. „Wir hatten ja nichts.“ Keine Live-Konzerte auf YouTube, keine TikTok-Online-Kurse für Anfänger an der Gitarre, dem Bass oder den Drums und erst recht keine Instagram-Videos unserer liebsten Idole, die uns persönlich ihre eigens entwickelten Trainingsmethoden und Techniken in Slow-Motion vermittelten. Die Erschließung des World Wide Web hat Musikfans ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, ihrer Leidenschaft nachzugehen, doch gleichermaßen den Thrill und die Magie zu Tode rationalisiert, welche uns einst überkamen, wenn wir das erste Mal einen neuartigen Sound wahrnahmen und uns fragten: „Wie zur Hölle funktioniert das und wie kann ich es Nachmachen?“ Die Antwort finden wir heutzutage oft genug wie alle anderen Lösungen in einer App. Es gibt jedoch ein wohltönendes Genre, das so getrieben ist und unzähmbar, so zerstörerisch und formenreich zugleich, dass es trostlosen Seelen auf der Suche nach einem akustischen Abenteuer dieses besondere Gefühl einer aufregenden Ahnungslosigkeit wie naiven Glückseligkeit zurückbringt. Das heißt, wenn es von echten Fachkräften ausgeübt wird. Necrophageist lassen grüßen. Diese sieben Bands sind moderne Vertreter des Brutal Technical Death Metal und stehen mit beiden Beinen fest in den Gräbern ihrer Urahnen.

Brain Drill

An einer Band, die einst von dem E-Bass-Großmeister und langjährigen Mitglied der Death-Metal-Legenden Cannibal Corpse Alex Webster mit den Worten „pretty fucking sick“ beschrieben wurde, ist natürlich etwas dran. Vermutlich schmeichelte Webster die unverkennbare Ähnlichkeit Brain Drills Interpretation ihrer extremen Auslegung des Genres, denn sie liefern in einer gleichwertig karikaturistischen Art und Weise ab, was technischen Death-Metal grundsätzlich ausmacht. Hektische Riffs, panisches Sweep Picking, welches sich über jeden Track ergießt, wie ein halber Liter zuckersüßes Frosting über einen einzigen Cupcake und rasendes Typewriter-Drumming, dass sich ihres Namens würdig, wie ein kreischender Gehirnbohrer in den Verstand der Zuhörenden fräst. Gelauscht wird ebenso für Steve Rathjens monströse wie messerscharfe gutturale Bekenntnisse. Diesbezüglich begegnen viele Metal-Fans den phonetisch furchteinflößenden Amerikanern kritisch mit einer unverhohlenen Hassliebe. Von allem ist da ein bisschen zu viel und deshalb bleibt insgesamt zu wenig Raum für Substanz, doch eins ist klar. Für eine erste umwerfende Dosis Brutal Technical Death Metal bieten sich die kalifornischen Audio-Metzger gerade deshalb wunderbar an. Zu empfehlen ist dafür ihr bodenständiges Debüt Apocalyptic Feasting aus dem Jahr 2008.

First Fragment

Ein bedrohliches Image und Klangvielfalt schließen sich nicht gegenseitig aus. Die Kanadier First Fragment aus Québec verbinden Old School Death Metal mit neoklassischen Elementen und kreieren eine stimmungsvolle Atmosphäre, welche eine notwendige Härte durch einen intensiven Doppelbass-Einsatz und progressives Shredding erhält. Ihr musikalisches Angebot erinnert charakteristisch stark an die Tugenden der italienischen Death-Metal-Band Fleshgod Apocalypse, legt jedoch weitaus weniger Wert auf eine symphonische Inszenierung ihres ausgeklügelten Stils. Hymnische Melodien und exotische Flamenco-Rhythmen vermischen sich hier mit einem missmutig säuselnden Bass, der sich wunderbar im geordneten Durcheinander behauptet. Ferner sorgen ruhige instrumentale Passagen für einen angenehmen Kontrast zu einer Vorliebe für exzentrische Soli und extravagante Drum-Beats. Der passende Anspieltipp ist das von Kritikern gelobte Album Dasein (2018), auf dem eine Handvoll geschätzter Gastmusiker zum Erfolg des gelungenen Tech-Death-Einstandes beitrugen. Darunter: Christian Münzner (Spawn Of Possession, Alkaloid, ex-Necrophagist/Obscura), Mathieu Marcotte (Augury, Humanoid), Malcolm Pugh (Inferi, A Loathing Requiem, Diskreet) und Collin McGee (Elderoth).

Viraemia

Wie es sich für einen Insider-Favoriten gehört, trumpften Arizonas Viraemia 2009 unerwartet stark mit einer selbstbetitelten EP auf, nur um kurz darauf wieder unauffällig von der Bildfläche zu verschwinden. Während sie soundtechnisch in ein Gore-lastiges Highspeed-Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren Genre-Kollegen Brain Drill aus Kalifornien gingen, zeigten sie ausreichend Alleinstellungsmerkmale auf, um eine friedliche Koexistenz zu garantieren. Als ihre Markenzeichen galten ein unnachahmliches Bassspiel seitens ihres talentierten Groove-Spezialisten Scott Plummer († 2019), welcher unter anderem für die gelegentliche Nutzung eines 10-seitigen Gitarren-Modelles bekannt war und durch seine prominente Verwendung komplexer arpeggierter Akkorde einen großen Anteil daran hatte, dem pathologisch sterilen Death-Metal-Rezept der jungen Band Leben einzuhauchen. Signifikant war darüber hinaus der tiefschürfende Gesangsstil des Frontmanns Tony Martinez, welcher insbesondere die Etablierung von Pig Squeals zelebrierte. Nach einem langen Hiatus meldeten sich Viraemia erfreulicherweise im August 2019 in Bestform mit einer Single namens Glioblastoma zurück, welche zudem als Bestätigung eines aktiven Schreibprozesses gewertet wurde.

Beneath the Massacre

Die Natur des Death Metal ist die Rebellion gegen Gott und die Welt, aber meistens ist es Gott. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Bands versuchen, sich in Superlativen zu überbieten und auszuzeichnen. Beneath the Massacre liefern hingegen die absolute Blaupause und bieten nicht mehr und nicht weniger, als was das Herz eines Tech-Metalheads begehrt. Melodisch atonales Sweep-Picking, schnelle Blast Beats und gutturale Vocals, die alleinig durch die Bewegung ihres Schalles Knochen in ihre Einzelteile zerbrechen. 2004 gegründet und seitdem angeführt von Sänger Elliot Desgagnés erreichten die ebenfalls aus Québec stammenden Kanadier Beneath the Massacre im Laufe ihrer Karriere eine Fangemeinschaft über die Grenzen ihrer Nische hinaus. Dieser Umstand wurde vor allem durch Auftritte mit Formationen aus der Death- und Metalcore-Szene (As Blood Runs Black, Bleeding Through etc.), der Teilnahme an Events wie der Summer Slaughter Tour und einer Neigung zu Breakdown-artigen Songstrukturen begünstigt. In diesem Sinne sind Beneath the Massacre durch ihre schnörkellosen Brutal-Death-Metal-Anleihen nicht weit von dem entfernt, was schon die altehrwürdigen Mitbegründer der New Yorker Szene Suffocation predigten und versprechen solide Death-Metal- Unterhaltung, welche ohne hochtrabende Experimente auskommt. Interessenten testen das erneut herzerquickend kompromisslose vierte Studioalbum Fearmonger, das erst im Februar letzten Jahres veröffentlicht wurde.

Defeated Sanity

Technisch versiert und bitterböse im Abgang kommen die deutschen Defeated Sanity bereits seit 1994 daher und produzieren mit einem grollenden Beben unter kryptischem Gurgeln eine brachiale wie verspielte Version eines Brutal Technical Death Metal. Aus einem knurrenden Bass, dem tonnenschweren gemächlichen Anschlägen der E-Gitarren-Fraktion bis zu den lässig jazzigen Schlagzeugrhythmen ergibt sich ein progressives Hörerlebnis für jene, deren Playlist noch nicht durchdringend genug vor teuflisch fermentierten Riffs trieft. Kein Wunder, dass Christian Münzner in der Vergangenheit auch hier längst einmal mitmischte. Die Diskografie der mittlerweile in Berlin ansässigen DM-Truppe ist eine sichere Bank. Angespielt werden darf jedoch explizit ihre LP Disposal Of The Dead // Dharmata (2016), deren zweite Hälfte als Hommage an die Prog-Größen Cynic verstanden werden kann.

Wormed

being wormed; a state of mind that a human being experiences when dwelling inside a universe and the accompanied feeling that comes with not being able to escape from it. Like a worm (human) inside of an intestine (universe).metal-archives.com

1998 formierten sich Wormed in ihrer Heimat Madrid, Spanien, um eine intergalaktische Variation des Death-Metal zu konstruieren, die genauso viele Fragen aufwirft, wie sie stellt. In den Texten des Gründungsmitgliedes und Frontmannes Phlegeton geht es um die Themen Astronomie, Astrophysik, Bewusstseinsspaltung, Science-Fiction, Biologie und die menschliche Evolution. Stephen Hawking trifft auf temporeiche Blast Beats und fantastisch kehlige Ergüsse, welche sich zwischen der Imitation eines Weltraum-Ungeheuers und irdischen Tierlauten einfinden. Durch atmosphärische Riffs entsteht die Illusion, mit voller Geschwindigkeit in ein unheimliches Schwarzes Loch zu starten, aus dem nebenbei mysteriöse Hilferufe das Board-Radio crashen. Wer noch keine Urlaubspläne hat, zieht sich irgendwo ein Ticket für das 2013er-Release Exodromos und verbringt erholsame Ferien im düsteren Hyperspace.

Archspire

Es überrascht, dass die Vancouverianer Archspire bereits 2011 auf ihrem Album All Shall Align jegliche Erfolgsfaktoren zusammenbrachten, die erst sechs Jahre später für ihren verdienten Durchbruch verantwortlich sein sollten. Schnelligkeit und Preziosität machen ihr Death-Metal-Verständnis aus. Die beeindruckende Darbietung der Lyrics Oli Peters sind vergleichbar mit der des für seine Rapidität berüchtigten Rappers Eminem und folglich eine Besonderheit, welche Unterstützung in den akzentuierten Dynamiken der Gitarristen Dean Lamb und Tobi Morelli finden. Nicht minder imposant: Das außerirdisch erscheinende Drumming des Schlagzeugers Spencer Prewett erklimmt mitunter einen Wert von 350 Beats pro Minute. Wer Technical-Death-Metal in seiner Gesamtheit begreifen will, kommt nicht an ihrem Album Relentless Mutation (2017) vorbei.

Todd Philipps Joker, Take #2: zur falschen Zeit am falschen Ort

And I have by me, for my comfort, two strange white flowers – shrivelled now, and brown and flat and brittle – to witness that even when mind and strength had gone, gratitude and tenderness still lived on in the heart of man. – The Time Machine, H. G. Wells

Am 10. Oktober 2019 startete Todd Philipps düstere Realo-Darstellung des manisch kichernden Batman-Schurken in den deutschen Kinos. Wenige Tage später saß ich in einer Vorstellung und war überwältigt von der kompromisslosen Handhabung der fantasievollen Thematik. In erster Linie lag dies an der mittlerweile Oscar prämierten Performance von Star-Akteur Joaquin Phoenix. Wie wunderbar verloren und giftig zugleich hauchte er der Silhouette des geisteskranken Unterschichtlers eine tragische Niedergestimmtheit ein, dessen schmerzerfüllter Blick ein so fantastischer Spiegel aller Ungeliebten, Vergessenen und Abgelehnten im Saal war. Damals fühlte ich mich angesprochen, heute um einiges wohler und klüger. Es ist nie leicht, sich einzugestehen, die Nerven verloren zu haben, wo wir uns so nah an der Wahrheit wägten. In diesem Augenblick hatte ich den Kontakt zu meinem Ziehvater bereits seit einer längeren Zeit abgebrochen (Gott sei Dank, doch leicht war es nicht gewesen). Hasserfüllt und misstrauisch schüttelte ich einen emotionalen Cocktail, der mich eigentlich für den leichtfertigen Genuss dieses Filmes disqualifizierte. Ja, der ganze symbolische Schund kam mir gerade recht. Die Unbeholfenheit Flecks in sozialen Begegnungen, die eigens gewählte Einsamkeit aufgrund eines schwindenden Selbstwertgefühls, dass brodelnde Inferno im Bauch, dessen Transformation in klare Gedanken nicht mehr gelingt. Ich gierte danach den weinenden Clown zu sehen, die kalte Schulter einer verrohten Gesellschaft, die Alternativlosigkeit zum absoluten Chaos, die Kugel in Franklin und die Kugel in Wayne. Ja. Weiter. MEHR! … Stopp.

Runter mit dem Make-Up

Rückblickend sehe ich mich vor dem Laptop, wie ich ein ätzendes Plädoyer gegen „die da oben“ verfasse und es als Review betitele. Es fehlt nur noch die Kosmetik im Gesicht, doch sinnbildlich wetze ich die Zähne hinter dem roten Clownsmund. Ich fordere Empathie vom Feuilleton ein, das Joker längst als furchtbar nihilistisches Machwerk enttarnt hat und sage einen Aufstand eines gleichgeschalteten Mobs voraus, der jene angehen wird, die weiterhin mit Arroganz auf die Benachteiligten und Schwachen herunterreden werden. Die Überzeugung, einen anständigen Beitrag abgeliefert zu haben, der insbesondere meine linksliberale Gesinnung untermauert, soll noch eine gute Weile andauern. Nun weiß ich es besser. Dieser Text sagte eines mit ziemlicher Sicherheit aus, und zwar, dass Selbstachtung leider noch immer nicht zu meinen Stärken zählt. Die ursprüngliche Bedeutung des Ausdruckes Make-up beschreibt den Prozess des Kompensierens, Ausgleichens, Vervollständigens und ich hatte in jener Phase einiges wettzumachen. Es hat keine Legitimität, bei anderen auf mehr Verständnis zu pochen, wenn wir uns persönlich für nicht würdig erachten. Der Zeitpunkt, an dem wir erkennen, dass wir einen respektvollen Umgang verdient haben, darf ferner nicht der sein, an dem wir Vergeltung üben, sondern von der Schminke ablassen und die Kunde nach außen tragen. Zärtlichkeit ist, was uns retten kann. Doch nur jene können dies verstehen, die in ihrem Leben bereits erfahren haben, was es bedeutet, umsichtig behandelt worden zu sein. Daher ist Todd Philipps Ansatz kein grundsätzlich verquerer Versuch zu veranschaulichen, was geschieht, wenn wir es nicht Schaffen von einem System ablassen zu können, dass Schwäche mit der Kürzung von Sozialleistungen bestraft und Rücksichtslosigkeit mit kostengünstigen Steuersätzen belohnt. Im Angesicht gesellschaftlicher Ungerechtigkeit darf sowohl gekämpft als auch geweint werden. Einen Wandel werden wir jedoch nur herbeiführen, wenn wir uns nicht zuerst selbst kleinmachen und unseren Glauben an ein respektvolles Miteinander mit einer schadenfrohen Fratze übermalen.

Die große Hut-Verschwörung: Tagtraum. Realität? Unsinn!

Für einen Moment bin ich nicht gänzlich da. Abgedriftet. Gedanklich auf der Arbeit. Wie komme ich bloß hierher?

Eine Stimme sagt: „Der Hut hat seinen eigenen Willen.“

Wie bitte? Ich drehe mich um. Eine unscheinbar wirkende Person sitzt keine Armlänge weit von mir entfernt in einem futuristisch geformten Sessel, visuell und farblich einer einsamen Steinkoralle ähnlich. Hinter ihr erstreckt sich ein mir sehr wohl bekannter Gang in einem schier unendlichen Ausmaß. Selbst bei genauerem Hinsehen erkenne ich den innehabenden Charakter der wunderlichen Anmerkung nicht. Natürlich, dies ist ein Tagtraum. In Wahrheit ist der Sessel scheußlich.

Ich sage: „Sie tragen keinen Hut.“

Ohne jedes weitere Zutun meinerseits bricht ein Redeschwall die Totenstille in der Begegnungsstätte. Der Hut wäre nicht hier. Er würde eine andere Gesellschaft bevorzugen. Das hieße ausschließlich seine Eigene. Auf der Flucht.

Ich sage: „Der Hut flieht?“

„Unterbrechen Sie nicht. Ist das nicht komisch? Es handelt sich um einen Abhörskandal. Normalerweise hören Hüte Menschen ab. Nicht umgekehrt.“

Während die fremde Seele versucht, einen folgenden Absatz mit einem großen Atemzug freizugeben, löst sie sich in Luft auf. Ich liebe diese Gespräche, weil sie Nonsens sind, aber unschuldig. Basierend auf dem gesundheitlichen Zustand des Gegenübers. Ich höre gerne zu, weil auch ich in meiner eigenen Welt lebe, in der manchmal oben unten ist und hässliche Stühle eine fantastisch ozeanische Gestalt annehmen, wenn ich mich ausgestempelt habe und die Augen schließe. Ich schlendere entspannt ein paar Schritte und genieße skurrile Kunst an den ewig langen Wänden, die meiner Vorstellungskraft zu verdanken ist.

„Der Hut ist nicht hier!“

Ich bin nicht mehr allein.

„Ja, Sie haben es mir erklärt. Wir haben uns noch nicht vorgestellt.“

„Ich habe erklärt und Sie nicht zugehört. Der Abhörskandal.“

Ich sage: „In Ordnung. Keine Namen. Möchten Sie über etwas anderes reden?“

„Es gibt nichts, dass wichtiger ist und jetzt sind sie eingeweiht. Sie sind ein Teil der Geschichte.“

Wie ich bereits angemerkt habe, bin ich ein Sympathisant verrückten Small-Talks, doch an dieser Stelle verpflichtet abzublocken.

„In ihrer Lebensrealität mag es so sein, doch in meiner Wahrnehmung macht dieser Zusammenhang keinen Sinn.“

Das anonyme Individuum wendet sich irritiert von mir ab und setzt zu einem erneuten unbändigen Monolog an. Es geht nun ebenso um andere Kopfbedeckungen, richtige und falsche Frisuren und den Geist von Karl Lagerfeld. Ich gebe mein bestes rational zu argumentieren, Fehler in der Verschwörungsmatrix zu erfragen, aber ich komme nicht durch. Plötzlich steht ein Schuldspruch im Raum. Die Muslime wären verantwortlich für eine drohende Hut-Verknappung. Leider enden diese Konversationen ab und an unangenehm.

Ein Piepton erklingt. Dieses Mal bin ich es, der sich zurückzieht. Heimwärts in die Realität. Ich habe aus Versehen den Touchscreen des Smartphones berührt. Am anderen Ende der Leitung redet noch immer ein Mensch, der mir lieb und teuer ist. Was er sagt, ist mir hingegen weder lieb noch teuer. Nonsens, aber nicht unschuldig. Ich werde es noch glauben, die Pandemie ist ein abgekartetes Ding. Bill Gates unterwerfe uns alle mit seiner Macht. Außerdem machen seine Chemtrails … Es wäre besser, wenn wir jetzt Schluss machen würden.

Das Gespräch ist beendet und ich frage mich, auf wessen Kopf dieser Hut in der Zwischenzeit sein Exil gefunden hat.

Gregg Hoffmanns Dead Silence, Film-Review: Mut zum Kitsch

Ein Wort. Und du bist tot. Bei dem Untertitel kann erfahrene Horrorfilm-Vertilgende wahrlich die Angst vor einer baldigen Sprachlosigkeit überkommen. Gerade dann, wenn schon zu Beginn des Filmes eine mysteriöse Inschrift aus dem Lexikon der wunderlichen Kleinkunst verkündet, dass das Thema der heutigen Lagerfeuergeschichte Ventriloquismus lautet. Nein, dabei handelt es sich nicht um eine abscheuliche Technik, welche mordlustigen EinzelgängerInnen die leichtfertige Enthauptung eines Opfers im träge rumeiernden Deckenventilator der Studierendenverbindung erlaubt. Ja, mit diesem Ausdruck ist die hohe Kunst des Bauchredens gemeint. „Uff. Etwa das mit den Puppen, die sich mit ihrem Schöpfer darüber streiten, wer von ihnen das letzte Wort haben darf?“. Ja, genau d… „Schon wieder Puppen als Element des Grauens?“ Ja, aber e… „Die Sache ist doch seit Chucky durch und außerdem…“ Arrrgh! Ja, in Dead Silence (2007) geht es um die menschenähnlichen hölzernen Modelle, die einen immer im Dunkeln so böse aus dem Schrank heraus angestarrt haben, wenn wir bei Oma übernachteten. Doch auf Regisseur James Wan (Saw, Insidious) war auch dieses Mal verlass, denn dieser vergangene Puppenspuk weiß sich selbst im aktuellen Mischmasch aus Netflix, episodischen Schreckensformaten und dem daneben vermodernden Haufen von Paranormal-Activity-Klonen wacker zu behaupten.

Geisterbahn Deluxe

„Beware the stare of Mary Shaw. She had no children only dolls. And if you see her in your dreams, be sure you never, ever scream.“

Eine abgeschmackte Kleinstadt-Legende treibt Jamie nach dem rätselhaften Tod seiner Ehefrau zurück in seine Heimat. Ein tödlicher Fluch, so heißt es, liegt auf Ravens Fair. Seit Jahrzehnten finden die Söhne und Töchter der geheimnisumwobenen Gegend ihr unheilvolles Ende durch den rachsüchtigen Geist der Bauchrednerin Mary Shaw. Eine merkwürdige Puppe, welche kurz vor der Tat auf der Türschwelle seiner Wohnung in einem nicht adressierten Paket auftauchte, bekräftigt seinen Verdacht und wird sich im Laufe der ungewöhnlichen Ermittlungen als ein unheilvolles Artefakt entlarven. Vor diesem Hintergrund teilen die furchterregend kitschigen Jahrmarktattraktionen und Dead Silence eine innige Leidenschaft für abgeschmackte Schockeffekte aus der Konservendose. Angefangen beim klassischen, plötzlich abgespielten Schreckmoment über einen okkulten 0815-Soundtrack, der keinen Zweifel daran lässt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, bis hin zu einem eingestaubten Setting, das so authentisch wirkt wie das Schloss des Disneyland Paris. Allerdings macht es den Anschein, als ob sich die Macher genau darüber im Klaren waren und wenn nicht, dann hatten sie ein gutes Händchen dabei, mit Altbekanntem in die Offensive zu gehen.

Wo die Z-Ware der Horror-Produktionen bereits nach wenigen Minuten über ihre eigenen Vorsätze stolpert, schafft es Dead Silence spielerisch eine gerade Linie zu fahren und aufgrund eines angenehmen Erzähltempos keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Abfolge der einzelnen Kapitel, wie die Beweggründe der einzelnen Figuren, sich der Handlung anzuschließen, basieren auf einem einfachen Ansatz. Diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln. Keine weiteren Fragen! Überraschenderweise tut diese Herangehensweise noch immer erfrischend gut und lässt die Unzulänglichkeiten der Story in Schall und Rauch aufgehen. Die übernatürlichen Gegenspieler werden im direkten Vergleich zu Wans späteren unheimlichen Wegbegleiterinnen wie der Nonne und der Puppe Annabelle audiovisuell ansprechend dargestellt, zudem lebendiger eingeführt und sorgen somit für eine schaurige Atmosphäre, die von ihren speziellen Eigenschaften angetrieben wird. Vor allem in Bezug auf letztgenannte Kreation fragt man sich, warum es trotz des Zusammenhangs zur Conjuring-Serie, wie selbstverständlich abermals eine besessene Puppe sein durfte, da jedes der 101 versinnbildlichten Kinder Shaws unabhängig von dessen jeweiliger Screen-Time mehr Charisma aufbringt als diese eine dämonische und zum Sterben öde Marionette. Das Schauspiel der menschlichen Besetzung kann als zweckdienlich bezeichnet werden. Totalausfälle sucht der Kritiker jedoch vergeblich. Vom ängstlichen Bestatter Henry bis zum unterkühlten Vater Jamies sind die Nebencharaktere angenehm ausdrucksstark in ihren blassen Rollen zu genießen. Insbesondere Donnie Wahlberg macht seine Sache als sarkastischer Arschloch-Detective fantastisch und bringt eine Komik in das Geschehen ein, die einen Wiederschauwert massiv begünstigt. Ravens Fair gewinnt ferner als verlassener provinzieller Austragungsort den Stephen-King-Gedächtnispreis und geht wie der Rest des Filmes optisch in bester Fluch-der-Karibik-Methode als überzeichnetes Fantasy-Produkt auf.

Dead Silence ist als Gesamterlebnis kurzlebig und geradeheraus in seiner Mission, unterhaltsamen Popcorn-Horror zum Vorglühen der Halloween-Fete beizusteuern. Das Siegel Trash ist andererseits nicht zutreffend. Nachzutragen ist, dass das Budget von 20 Millionen US-Dollar in die falschen Kanäle geflossen sein muss, da die Einflussbereiche der Finanzen auf der Leinwand nur durchwachsen in Erscheinung treten. Hatte James Wan während der Fertigung seines Kassenschlagers Saw aus 1,2 Millionen US-Dollar inszenatorisch doch so viel mehr rausgeholt.

FCB und Sat.1 sind sich einig: Lufen und Flick tauschen ihre Jobs

Dieser Wechsel ist fix! Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen wird überraschend Hans-Dieter Flick in seiner Cheftrainer-Position des Fußball-Erstligisten FC Bayern München beerben. Jener wird im Austausch Lufens Platz als festes Teammitglied im Frühstücksfernsehen des beliebten deutschen Privatsenders einnehmen. Damit kommt der Rekordmeister einem potenziellen Rose-Terzic-Deal seiner Bundesliga-Kontrahenten Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach in Sachen PR gekonnt zuvor und schafft es erneut, die Aufmerksamkeit öffentlichkeitswirksam auf sich zu ziehen. Ein doppeltes Zerwürfnis war dem Sensationsgeschäft vorausgegangen. Während Flick aufgrund sozial begründeter Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Umganges mit den Corona-Maßnahmen seitens des Vereines aus eigenen Stücken seinen Rücktritt in einem internen Schreiben angekündigt hatte, informierte Lufen ihre Fans per Instagram-Video über ihr drohendes Ausscheiden aus dem Morgenshow-Ensemble. Sie sprach von kreativen Differenzen als Auslöser für den nahenden Bruch. Dass ein Transferhammer aus dem geteilten Leid des ungleichen Paares entstehen konnte, ist alleinig dem Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern München AG, Karl-Heinz Rummenigge, zu verdanken. Nach dem gestrigen Sieg der Klub-WM in Katar äußerte sich der ehemalige Weltklassestürmer ausführlich in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz zu der Verpflichtung Lufens, wie dem damit einhergehenden Abgang Flicks.

Das Besteste was wir hätten machen können!“

Es wäre Zeit gewesen. Das hätte Hansi selbst gespürt. So begann Rummenigge die PK in wohlwollendem Ton mit Bezug auf die baldige Ex-Personalie Flick. Für das Presse-Event hatten die Verantwortlichen sich einstimmig auf die Mannschaftskabine der Bestia Negra geeinigt. In der schmalen Runde aus fünfzig namhaften Journalisten, zu denen ebenfalls aus dem Ausland angereiste Medienvertreter zählten, waren medizinische Mund- und Nasenschutzmodelle optional. Schließlich sei man hier „Dahoam“, witzelte der Vorsitzende keck. Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger, Champions-League-Sieger, doppelter Supercup-Sieger und jetzt Vereinsweltmeister, das sei alles schön und gut, doch reiche noch nicht. Erstens müsse das von nun an so weitergehen und zweitens werde der FC Bayern in Zukunft durchsetzungsfähiger auftreten. Flick würde sich nicht in der Lage sehen, diesen Weg zu 100 Prozent mitgehen zu können. Skrupel könne man sich auf diesem Niveau nicht erlauben.

Rummenigge stellte diesbezüglich Folgendes heraus: „Da harrt eine Truppe von professionellen Berufsfußballern mal eine Nacht lang einfach so auf dem Rollfeld aus, um auf die Starterlaubnis zu warten. Das sind keine Pfadfinder, die Jungs verkümmern seelisch in so einer Situation. Da muss dann halt auch mal die Bundeswehr aktiv werden dürfen, um uns schnellstmöglich auszuhelfen. Marlene hat Verständnis für so was. Ich glaube, in ein paar Jahren werden wir auf diese Situation zurückblicken und uns alle besinnen. Die Lufen bei den Bayern. Das Besteste was wir hätten machen können!“ Ehrenpräsident Uli Hoeneß bekräftigte in einem später erfolgten Radiointerview diese Ansicht und fügte hinzu: „Der Hans hat die richtige Entscheidung getroffen. Im Fernsehgarten ist er gut aufgehoben und wird dort ein stückweit den deutschen Fußball repräsentieren. Das ist eine wichtige Geschichte.“

Auf ein Heißgetränk mit Lauterbach

Der erfahrene Fußballlehrer Hans-Dieter Flick hatte sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über die dekadente Weltanschauung der Führungsriege des FC Bayern München geäußert. Insbesondere die fragwürdige Umsetzung der vorgeschriebenen Pandemie-Maßnahmen erregte seinen Unmut. Er freue sich nun auf seinen neuen Job und darauf, das Thema ernsthaft angehen zu können. Es hätte bereits ein Telefonat mit Karl Lauterbach gegeben. Der würde dann mal auf einen Kaffee und zum Torwandschießen vorbeikommen. Auch Lufen wäre dazu eingeladen. Diese hätte jedoch bereits abgesagt. Es wäre Apokalypse, was Flick da anprangern würde. Die Wissenschaft und die VirologInnen hätten zu viel Macht in dieser Angelegenheit der Profifußball hingegen zu wenig Mitspracherecht. Dem FC Bayern München ein Fehlverhalten zuzuschreiben wäre eine schwierige Modellrechnung. Als Cheftrainerin werde sie die Geschehnisse mit einer größeren Handlungsfreiheit aufarbeiten und die Gesamtproblematik hinreichend erörtern.

Teilen macht Spaß und Klicks: Wer ist der echte Dr. Phil?

Ein guter Mensch muss tun, was ein guter Mensch tun muss / Luxus und Ruhm, rumlutschen bis zum Schluss – Gute Menschen, OK Kid

Am 12. Dezember 2006 ereignete sich ein obskurer Moment im US-amerikanischen Fernsehen zwischen Trash-Regisseur Ty Beeson und Entertainer Phillip McGraw, der nachhaltig in die Annalen der Internetgeschichte eingehen sollte. Schauplatz war das Set McGraws beliebter Unterhaltungssendung Dr. Phil, welche einen bunten Mix aus Talk-Show, Familientherapie und anderweitiger psychologischer Beratung darstellt und aktuell noch immer fortgeführt wird. Die 19. Staffel ist derzeit auf CBS zusehen. Die Sendung existiert seit September 2002. Ein wahrer TV-Dino also, dieser mediale Nervenklempner, ja das ist er unbestreitbar, doch ein gleichwohl kontrovers diskutierter Charakter, dessen blank poliertes Image als leutseliger Medien-Onkel all die abgedrehten Jahre nicht ohne ein paar mächtige Schrammen überstand. So fasste The Miscellany News, Studentenzeitschrift des Vassar College und eine der ältesten nationalen Institutionen ihrer Art in einem investigativen Artikel im Februar 2019 die gesammelten Vergehen McGraws zusammen. Neben seiner fiktiven Identität als Doktor, der mittlerweile ohne Zulassung eine inhaltslose Küchenpsychologie betreiben würde, galt als prominentester Anklagepunkt der oft beklagte Missbrauch seiner Gäste. McGraw geriet im Laufe seiner Karriere des Öfteren in die Kritik, weil er TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Maßnahmen unter Druck gesetzt hatte, vermeintlich aus dem Grund, sie vor laufender Kamera zum Gespött seines Publikums machen zu können.

Auch Teilnehmer Ty Beeson hatte geplant, McGraw mit ähnlichen Anschuldigungen zu konfrontieren und unternahm einen seiner Persona würdigen Versuch. Geladen war er, um Stellung zu einem von ihm produzierten Independent-Film der Bumfights-Reihe zu beziehen, für den er und seine Helfer Obdachlose mit Geld und Alkohol bestachen, um gegeneinander zu kämpfen bzw. erniedrigende Aufgaben zu erfüllen. Schon die ursprünglichen Bumfights-Macher erlangten durch den Vertrieb des ersten Teiles einen traurigen Weltruhm. Der Verkauf von Kopien des Trash-Streifens machte sie zu Millionären. Auch Beeson wurde durch die Veröffentlichung eines zweiten Teiles nach eigener Angabe reich. Er habe mehrere Millionen Dollar mit dem Bumfights-Konzept verdient und sei nicht überrascht bezüglich seines Erfolges. Es sei eine kranke Welt. Seine Zielgruppe würde sich für die Dokumentation von Gewalttaten an Obdachlosen interessieren, welche er lediglich zum Arbeiten animieren würde. Für den geschulten Moderator war klar, wer in diesem Standoff der Buhmann sein würde, zu Recht, das darf gesagt sein, doch verlief seine angedachte Verurteilung Beesons nicht wie erwartet. Beeson betrat die Bühne in voller Dr.-Phil-Montur inklusive rasierter Halbglatze und warf dem Fernsehpsychologen mit unerwartetem Trotz Heuchelei vor, als dieser bereits angestrengt versuchte, seinen ungeliebten Doppelgänger aus dem Rampenlicht entfernen zu lassen. Während das Publikum den Abgang Beesons mit Applaus für den fassungslosen Host begleitete, erntete McGraw vornehmlich Spottnach dem Bekanntwerden des Vorfalls und seiner Weiterverbreitung im Internet. In Kommentarbereichen von Blogs und Video-Plattformen stellten sich viele User entgegen seiner verachtenswerten Taten auf die Seite Beesons und bestärkten den Vorwurf der Unaufrichtigkeit McGraws, insbesondere in Bezug auf seine eigenen Verfehlungen. Beeson warf damit eine Frage auf, die so alt ist, wie die Bibel und konträr zum Ekel-Effekt der Bumfights-Inszenierungen wirkte. Inwiefern ist es legitim, mit guten Taten hausieren zu gehen?

MrBeast, Philanthrop und Trendsetter

Wohnungslose Menschen sollten weit über den Einflussbereich McGraws und Ty Beesons hinaus eine krude Faszination für Selbstdarsteller beibehalten, die das Internet als Plattform für ihre aufopferungsvollen Taten entdeckt hatten. Was war es doch für eine unangenehme Mutation medial ausgeschlachteter Wohlfahrtsbekundungen als sogenannte Kultur schaffende Web-Kreateure durch die Straßen zogen und Not leidende Fremde mit Happy Meals der Fast-Food-Kette McDonalds versorgten. Eine klare Win-win-Situation für alle Beteiligten. So konnten hilfsbedürftige Gestalten ihre Sorgen für einen Augenblick bei dem Verzehr eines matschigen Cheeseburgers vergessen, während ihnen nach Aufmerksamkeit geifernde Influencer eine Kamera ins Gesicht hielten. Philanthropismus im digitalen Zeitalter, wie wunderbar. Dass sich aus dieser Modeerscheinung ein regelrechter Sport entwickeln würde, war abzusehen. Bevorzugt auf YouTube häuften sich mit der Zeit Bewegtbildbeiträge, welche amtliche Schenkungen großer Geldbeträge und luxuriöser Wertgegenstände als Prämisse einer neuen Gattung der Unterhaltung manifestierten. Kunstfiguren wie der seit 2012 unter dem Tag MrBeast aktive YouTube-Star Jimmy Donaldson erkannten den Heißhunger der Massen auf eine Zelebrierung des sorglosen Umgangs mit werbefinanzierten Unsummen.

Während er seinen Einstand als ernst zu nehmende Medienpersönlichkeit noch mit übermäßig langen Stunts feierte, innerhalb derer er sich sinnlos scheinenden Herausforderungen wie einem knapp zweitägigen Zählen bis 100000 und dem Drehen eines Fidget Spinners für 24 Stunden stellte, bezahlt er heute andere mit unwirklich scheinenden Beträgen dafür, die Rolle der Jahrmarkt-Attraktion einzunehmen. Fünfstellige Preise gibt es da schon einmal für ein bloßes Armdrücken gegen jemanden aus seiner Entourage, das kurzweilige Halten eines Klimmzuges und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Doch gerade hier wird klar, dass es nicht darum geht, dass Teilen Spaß macht, sondern Klicks es nicht wichtig ist, ob ein Fan letztendlich in einem neuen Haus wohnt, sondern das Unternehmen im Schatten MrBeasts, welches die teure Bleibe in Wahrheit finanziert hat, von dieser Kooperation profitiert. Obgleich Donaldson für seine großzügigen Aktionen von seiner Community als bedeutendster Menschenfreund seiner Generation gefeiert wird und mit gleichermaßen surrealen Spendenaktionen Aufsehen erregte, gibt es Stimmen im Netz, die ihn für sein Standing als exzentrischer Samariter schelten, zuletzt unter dem Hashtag ‚EatTheRich‘ (fresst die Reichen). Es scheint somit weder auszureichen noch vernünftig zu sein, der anfänglich aufgekommenen Frage nachzugehen, inwiefern eine öffentliche Darstellung der eigenen Rechtschaffenheit sinnig ist, sondern vielleicht eher, was einen wahrhaftigen Humanisten ausmacht. Scherzhaft merkten Beobachter des Dr.-Phil-Vorfalls zu jener Zeit an, dass sie nicht sagen könnten, ob nun McGraw oder tatsächlich Beeson die Bühne verlassen hätte. Wer war der echte Dr. Phil und wer ist es heute? McGraw, Beeson oder etwa doch MrBeast?

Die Lösung des Falles

Es ist zu differenzieren, doch ein Tatverdacht hat sich bestätigt. Im Zuge der Ermittlungen ist klar geworden, dass niemand der beteiligten den Status eines wahren Menschenliebhabers verdient hat. Denn wer nur zur Ausübung von Nächstenliebe schreitet, wenn er an ihr mitverdient, sollte den Heiligenschein lieber nicht zu hoch hängen. Ein Philanthrop brüstet sich nicht mit Millioneneinnahmen aus billigen Filmchen, in denen Obdachlose missbraucht werden, hofft nicht auf Ruhm durch eine forciert negative Herrichtung psychisch kranker Menschen oder hat es nötig, andere zu Werbekomparsen zu degradieren. Letzteres ist schlichtweg die Aufgabe eines Kapitalisten. Im schlimmsten Fall ereignet sich eine neue Wendung und im Spiegel steht da plötzlich Dr. Phil vor uns, wenn wir selbstsüchtig handeln, wo wir uns als Gönner präsentieren. Zu den Basisanforderungen für das Ideal eines Philanthropen gehören folglich ein Mindestmaß an Selbstreflexion und Ehrlichkeit, eine Gier nach Luxus und Ruhm hingegen nicht.

Quellen:

https://www.businessinsider.com/mrbeast-youtube-jimmy-donaldson-net-worth-life-career-challenges-teamtrees-2019-11?r=DE&IR=T#mrbeast-was-born-as-jimmy-donaldson-on-may-7-1998-1

https://miscellanynews.org/2019/02/20/opinions/dr-phil-peddles-lies-manipulates-guests-for-tv-fame/

The Arson Choir – Invisible Monsters, EP-Review: Dillinger im Anschlag und Wut im Bauch

Mit ihrem sechsten und letzten Album Dissociation setzten die Mathcore-Legenden The Dillinger Escape Plan 2016 einen erinnerungswürdigen Schlussstrich unter eine tadellose Diskografie, welche das Genre prägte, wie kaum eine andere. Schwermütig blickten LiebhaberInnen chaotischer Riffeinlagen und Panikakkorde zu dieser Zeit in die Zukunft. Wer würde die Überschall-Matadore ersetzen können und für den Nachschub einer angemessen wohltuenden Mischung aus misstönendem Ohrenfutter sorgen? Doch war jegliche Besorgnis unbegründet. Gab es doch Blogs wie Mathcore Index, welche die Bereitschaft vieler junger Künstler zusicherten, die versucht waren, das fundamentale Erbe anzutreten. Außerdem waren da noch die ewigen Götter der geräuschvollen Unordnung Converge. Ein Schelm, dessen wehklagendes Herz bei der schieren Erwähnung ihres Namens keine Linderung erfahren würde. Die Kalifornier The Arson Choir lieferten Ende vorigen Jahres mit ihrer zweiten EP Invisible Monsters vier energiegeladene Tracks, welche Dillinger-Fans zum Schwelgen in Erinnerungen einladen und gleichfalls eine starke Duftnote in ihrer rumorenden Szene hinterlassen.

Moshpit zum mitnehmen

Es mutet plakativ an, einen bestimmten Sound einer einzigen Band zuzuschreiben, doch es ist, wie ist. Bereits wenige Sekunden im ersten Song ‚The Chemical Curse‘ versunken macht sich innerlich ein Grinsen breit, welches die Worte ‚Milk Lizard‘ auf den Lippen trägt. Es ist die bloße Energie, das vertraute Jaulen der Gitarren, welches in akzentuiert hämmernde Riffs übergeht, nur um in surrealen Melodien zu münden, die einen aufspringen lassen, um irgendwas umzureißen, umzustoßen, anzugehen, an der Bushaltestelle, im Vorlesungssaal, daheim am Esstisch, während der Rest der Familie mit offenen Mündern zusieht. Nicht weniger energetisch und zu jederzeit stilsicher begleiten Del Castillo und Kincaid die Gitarren-Sektion am Bass und hinter dem Schlagzeug. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die knappe Handvoll Tracks lediglich nuanciert in ihrem Aufbau und ihren divergierenden Dynamiken. Da ist beispielhaft diese wunderbare Stelle in ‚Revenge, My Love‘, in denen eine dringlich vorgetragene Textpassage einen Breakdown einläutet, der leicht als intensiver Höhepunkt der EP ausgemacht werden kann. Grund dafür ist maßgeblich die emotionale wie furiose Lyrik, welche den ikonischen Opfern rassistischer Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten gewidmet ist.

„Black boys and girls / shouldn’t live in fear / When they see a pig in the rear view mirror“

Invisible Monsters wirkt wie aus einem Guss und das ist gut so. Mit einer stramm bemessenen Länge von neun Minuten liefert The Arson Choir die Essenz einer gesamten Hardcore-Show in einem mundgerechten Happen, der nichts vermissen lässt. Penegar macht seine Sache stimmlich ausgezeichnet und stet Greg Puciato in der Darbietung heiserer Shouts und bärbeißigen Knurrens in nichts nach. Im Angesicht des gebündelten Potenzials, welches The Arson Choir ausstrahlen, ist allerdings klar, dass da noch was geht, insbesondere in puncto Klangvielfalt. Machen sie es den großen Instanzen der Vergangenheit nach und trauen sich fortan den Schritt aus ihrer Komfortzone zu, wird der Mathcore schon bald einen neuen Platzhirsch zu verbuchen haben. In diesem Sinne kann ihre erste EP Trophy Nation als Anhaltspunkt dienen, die sich noch abweichend an einem Post-Hardcore-Sound der 2000er bediente, doch aufgrund ihrer abwechslungsreichen Elemente eine Menge zu bieten hatte und nachdrücklich zu empfehlen ist.