5 Gründe, aus denen ein Freedom Day eine schlechte Idee ist

Die Corona-Pandemie brachte nicht nur die verheerenden Folgen einer weltweit grassierenden Viruserkrankung nach Deutschland, sondern gleichfalls einen Wahnsinn, der einst den lustig verkorksten KifferInnen komödiantischer Spielfilme und paranoiden Area-51-Fans einschlägiger Internetforen zugeschrieben wurde. Dabei hätte die vergangene Zeit, welche von Ausgangssperren und Kontaktverboten geprägt war, genau den wohligen Anstrich einer verbohrt-stoischen, volkstümlichen Solidarität haben können, den sich die eingefleischten TraditionalistInnen an den abschüssigen Enden des politischen Spektrums so herbeisehnen. Keine Frage: Einfach war das erzwungene Ausharren auf Dauer für niemanden. Insbesondere waren jene betroffen, die schon vor dem Auftreten von COVID-19 daran scheiterten, an der oft propagierten sozialen Gerechtigkeit teilzuhaben. Darunter: Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen. Da macht es Sinn, dass sich nun erst einmal diejenigen belohnen möchten, welche in den letzten Monaten vor allem durch Randale, illegale Dinner-Partys und einer generellen Missachtung der Mindestabstandsregel aufgefallen waren. Doch mal halblang mit dem Shaming der hoffnungslos abgedrifteten Telegramm-Prepper. Laute Advokaten der individuellen Freiheit wie der alte, verschlagene Onkel der deutschen Politik, Wolfgang Kubicki (FDP), machten sich immer wieder für die süffisante Geringschätzung einer auf das Eintreten füreinander sich gründenden Unterstützung stark. Die neue Hirngeburt des regierungskritischen Freiheitskampfes lautet: Freedom Day. Ja, ein Freiheitstag soll es sein. An dem dann plötzlich alles wie von Geisterhand wieder normal ist. Nun gut, was immer normal in den Köpfen von Menschen heißt, die sich einen Computerchip im Arm davon entfernt sehen, Angela Merkel das Frühstück ans Bett bringen zu müssen. Also auf jeden Fall keine Beschränkungen, keine Gs und natürlich keine Masken. Ein ausgelassenes Fest der Umarmungen und Küsse und volltrunkenen Schlägereien vor dem proppenvollen Klub. Nach Dänemark und Schweden und Skandinavien überhaupt sollen endlich die Deutschen ausschreiten dürfen. Warum ein Freedom Day nicht nur wenig charmant daherkommt, sondern ebenso wenig sinnvoll ist, lässt sich an einer Hand aufzählen.

  • Nichts gelernt

Kubickis Freie Demokraten konnten bei der Bundestagswahl 2021 überraschenderweise einen beträchtlichen Anteil an ErstwählerInnen für sich gewinnen. Als überzeugend galten mitunter die Forderungen nach individueller Freiheit in Pandemiezeiten, welche der von Isolation und Bildungsferne traumatisierten Jugend Erlösung versprachen. Dass der Föderalismus der Bundesrepublik jedoch ebenso für Chaos und Unzufriedenheit gesorgt hatte, schien da bereits erfolgreich unter den Tisch gefallen zu sein. Wenn jeder für sich selbst sorgt, dann ist an alle gedacht, – so die Denkweise vereinzelter Landesregierungen. Sie erzeugte selten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit auf Bundesebene und beförderte die Krawallproteste der Querdenker-Szene, die es durch eine polarisierend prominente Inszenierung in der Medienlandschaft leicht hatten, notorische Zweifler wie wirtschaftliche Verlierer für ihre verdrehten Ansichten anzuwerben. So ergab sich ein ausgedehnter Diskurs über die Rechte von denen, die ihre persönliche Freiheit gerne über die aller anderen gestellt wissen würden. Ein pompöser Freedom Day mit Tanz und Gloria würde ihnen nicht nur zustimmen, sondern ein Denkmal setzen, dass eigentlich jenen zusteht, die als Corona in Hochphasen wütete, pflegten, lieferten und Regale einräumten, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für den pöbelnden Rest.

  • Die Schmach der Vergessenen

Mehr als 94.000 Menschen verstarben bis zum jetzigen Zeitpunkt allein in Deutschland an einer Infektion mit COVID-19. Weltweit sind insgesamt mehr als viereinhalb Millionen Todesfälle gemeldet. Nun gibt es zwar solche, die sich nach ihrem Tod anstatt einer Trauerfeier eine wilde Party mit Stroboskop wünschen würden, doch dagegen sprechen in sich mehrere Gründe. Pietätlos wäre eine solche Sause da Unverständnis und Rücksichtslosigkeit vieler, das Infektionsgeschehen maßgeblich beeinflusst haben. Diese feierten bereits ausgelassen, als Privatpartys noch offiziell untersagt waren und erwiesen dem gemeinschaftlichen Aussitzen der Pandemie damit einen Bärendienst. Anständiger wäre es jetzt einen Wandel herbeizuführen, der auf Demut, Sitte und Ordnung beruht. All die Dinge also, die in so manch einem Moment nicht funktioniert haben, beispielsweise als Toilettenpapier und Nudeln geplündert wurden, während NachbarInnen und MitbürgerInnen an ihren Symptomen erlagen, ohne sich von ihrer Familie und ihren FreundInnen verabschieden zu dürfen. Kinder, Obdachlose, Menschen, die mit einer Behinderung leben und vorerkrankte Risikogruppen dürften sich an einem Freedom Day fragen, was eigentlich gefeiert wird. Das in dieser Zeit lieber Bildmaterial und Empathie für wahntrunkene SpinnerInnen vergeudet wurde, als ihnen ein wenig Aufmerksamkeit zu widmen?

  • Winter is coming

Die Parteien der Freien Demokraten wie Freien Wähler hatten bereits für den 11. Oktober einen sogenannten Freedom Day gefordert. Dass dies illusorisch war, entspricht nicht nur Meinungen geschätzter ExpertInnen für den derzeitigen Pandemieverlauf, wie des Virologen Prof. Dr, Christian Drosten, Hajo Zeebs vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen und Carsten Watzls, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Ebenso kritisch sehen ein unüberlegtes Drängeln Politiker aus CDU/CSU, SPD und Grünen. Darunter Karl Lauterbach (SPD) und Janosch Dahmen (Grüne), die den euphorischen Vorschlag des Kassenärztechefs Andreas Gassen eindringlich kritisierten, für den 30. Oktober eine umfassende Abschaffung der Maßnahmen einzuleiten.

Aktuell ist nicht ausreichend einzuschätzen, wie die Herbst- und Wintermonate das Infektionsgeschehen beeinflussen werden. Vorsorglich wird mit einer steigenden Gefährdung von ungeimpften Personen gerechnet, die nicht etwa durch eine Herdenimmunität vor dieser vierten Welle geschützt wären. In diesem Fall würden sich jegliche Feierlichkeiten schnell zu einem zynischen Beifall der prekären Lage wandeln. Ein voraussichtliches Ausklingen sieht die Politik derzeit für das Frühjahr 2022 als realistisch.

  • Das F-Wort

Kein Wort ist im Zuge der Pandemie so in Verruf geraten wie das F-Wort – nun gut, hier ist es: Freiheit. Wobei es derzeit wohl angebrachter wäre es ganzheitlich in Großbuchstaben und mit jeweils einer Leerstelle zwischen den Zeichen zu tippen. Noch nie schien unsere holde Freiheit gefährdeter. Speziell nach dem doch gerade eben am Datum des 26. Septembers in freien Wahlen über einen neuen Bundestag entschieden werden durfte. Frechheit! #zwinkersmiley. In irgendeinem Gedankenkonstrukt mag sich wohl jeder gefangen fühlen, dessen eigenes Verständnis von Freiheit erst dort endet, wo das des bzw. der anderen längst geschändet ist. So war es eine Erleichterung zu erfahren, dass der Verfassungsschutz doch irgendwie funktioniert und sich mittlerweile verpflichtet sieht, Terror-Quengler der neuen bürgerliche Mitte vorsichtshalber an die kurze Leine zu nehmen. Wie war das noch einmal bei Spiderman? Mit großer Freiheit kommt große Verantwortung? Da würde vielen hierzulande in Retrospektive eine Nachhilfestunde besser zu Gesicht stehen als eine Abschlussfeier. Sechs. Setzen!

  • Das Ächzen der Erde

Trotz des großen Unheils, dass die haltlose Verbreitung des Virus der Menschheit aufbürdete, gab es erwartbare ProfiteurInnen, die einen Nutzen aus den erschwerten Lebensverhältnissen ziehen konnten. Vorneweg marschierten BesitzerInnen von Supermarkt-Ketten und Streamingdiensten wie Netflix als auch GeschäftsinhaberInnen von Onlineversandgeschäften wie der Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos. Zudem galt das verordnete Exil in den eigenen vier Wänden für Menschen mit sozialen Phobien und artverwandten psychischen Erkrankungen als lindernd. Doch nicht nur den Geldbeuteln weniger kamen die Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen wahrlich entgegen. Die Erde bedankte sich für eine Atempause, in der weniger Abgase, VielfliegerInnen und kapitalistische InvasorInnen der Natur den gewohnt permanenten Stresstest unterzogen. War das ursprüngliche Aufkommen des Virus kein außerirdischer Anschlag gewesen, sondern durch die Gier des Menschen selbst verschuldet. Ob ein Freedom Day die gewonnenen Erkenntnisse über eine dringend notwendige Optimierung des Natur-Mensch-Verhältnisses entsprechend zu würdigen vermöge, ist nicht vorstellbar. Sollten wir uns ernsthaft dafür feiern, unsere eigenen Verbrechen am Planeten Erde und seinen tierischen BewohnerInnen überlebt zu haben?

Quellen:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/corona-auswirkungen-klima-umwelt-emissionen-muell

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Corona-Pandemie-Covid-Experte-warnt-Wir-haben-die-Pandemie-leider-noch-nicht-ueberstanden-id60490606.html?wt_mc=redaktion.escenic-reco.article.desktop.

https://www.tagesschau.de/thema/coronavirus/

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_90892844/corona-freedom-days-in-skandinavien-schuss-kann-nach-hinten-losgehen.html