Das Fundbüro, Juli 2021 – alter, geliehener und brandneuer Emo: Carb On Carb, life, Salvia Palth und mehr …

Ein Blick in die Emo-Kiste bringt wohltuende Klänge zum Vorschein. Außerdem vertraute Melancholie wie ein wenig Schwung und samtiger Balsam für die Seele. Einsamkeit und ein grauer Alltag haben die Beine schwer gemacht und dem Herzen ein trauriges Gesicht aufgemalt. Sonst noch was verloren? Dann bitte zugreifen, die vergrämte Gefühlswelt überraschen, mit Songs über neuen Mut, das Treiben lassen im Moment und ewige, melodiös unterlegte Augenblicke, die einen an den Schultern packen und wissen lassen, dass das Leben gut sein kann, wenn man es lässt. Das Fundbüro hat endlich geöffnet. Holt euch, was ihr vermisst. Zu verteilen sind Brieftaschen, Schlüssel und was Schönes für den mobilen MP3-Player.

Carb On Carb

Yeah-nah, sie sind zurück. Wie schön. Eine neue Single namens Here Comes the Best Bit ist seit dem 10. Juni 2021 über den favorisierten Streaming-Dienst verfügbar. Seit das neuseeländische Duo im Mai 2018 mit ihrer durchweg charmanten und fluffig weichen Power-Pop-LP for ages beglückten, wurde es vorerst still um die junge Band. Ihr neuer Track zeigt, dass gute Dinge nicht einfach vergehen, sondern manchmal für ein ersehntes Comeback ihre Zeit brauchen und langwierige Krisen unbeschadet überdauern können. Unverändert stark und einzigartig schmiegt sich die vertraute Stimme von Sängerin Nicole an die uninspirierten Gehörgänge und weckt den müden Verstand mit empathischen Worten über die Erinnerung an sorglose Rituale mit dem Lieblingsmenschen und ihre Wiederbelebung, die in behutsam gleitenden Riffs und einem treffend stimmungsvollen Drumming einen gütigen Nährboden finden. Welcome Back!

Grass and cement They own you rent / Careless and loud At this late hour

life

Sich dem Material der Post-Emo-Rock-Band life zu widmen ist wie in ein mysteriöses Fotoalbum gesaugt zu werden, welches durch die Eigenwilligkeit eines verschollenen Gepäckstückes den Weg in fremde Hände gefunden hat. Freundschaftlich angenommene Anleihen von Deafhaven und Svalbard konfrontieren schonungslos mit den wehmütig kursiv gestrichenen Einträgen unter eindeutig verschwommenem Bildmaterial, dessen leichter Gelbstich für eine milde Empfängnis der emotional mitteilungsbedürftigen Motive sorgt. Und doch ist klar, was passiert ist an jenem Tag neben diesem Baum, wohin die alte Straße ihre Reisenden führte. Nichts als Schall und Rauch sind sie, die Tearjerker-Challenges der sozialen Medien vor den atemberaubenden ersten zwei Minuten des Tracks you’re the most precious (demo four, November 2020). Eine simple Melodie, ein rudimentärer Rhythmus und doch hat selten etwas so echt gewirkt, dass sich nichts und niemand nach der existenziellen Erscheinungsform des Daseins benennen könnte, außer life selbst. Weitere Highlights des gleichen Releases sind eine intensivere Besinnung auf leisere Töne, die mehr Raum für Interpretationsmöglichkeiten des teils orchestral wirkenden Sounds lässt, gewohnt erbauliche Gang-Vocals, welche der Freimütigkeit eines geübten Knabenchores in nichts nachstehen und dem Spiel mit lärmenden Instrumenten, herbem Krach und gar dem Element der Stille, welche im 20-minütigen Song eleven meisterlich zueinanderfinden. Als sichere Empfehlung hält die komplette Diskografie der Emo-Astronauten stand, doch die aktuelle Nummer vier bietet alles und noch so viel mehr.

Salvia Palth

Da ist diese Person in der Klasse, die nie pünktlich zum Unterricht erscheint, aber dennoch schon vor allen anderen im Raum sitzt. Sichtlich nie zuhört, döst und trotzdem die korrekte Antwort dahin säuselt, wenn der Lehrer ihren Namen aufruft. Schon immer in der Referatsgruppe war, obwohl man sich nur schemenhaft an ihre Teilnahme erinnern kann. Auf Partys im Trubel untergeht und doch am nächsten Morgen auf jedem Foto erscheint. Ein Geist, ein Mythos und daher belächelt, weil sie als AußenseiterIn bemitleidenswert daherkommt, aber eigentlich würde man gerne einmal mit ihr tauschen. Denn sie hat alles gesehen, wie eine stille Sicherheitskamera an der Decke eines Supermarktes, und dabei war sie zudem, aus jedem möglichen Winkel hat sie das Vergangene statisch eingeatmet, in spannungslosen Übergängen – formloser Gestalt. Nicht bedauernswürdig, sondern beneidenswert. Wer spiegelt den festen Griff der Nostalgie am Herzen besser wider als sie und melanchole von salvia palth.

Souvenirs

Slowcore mit einem ordentlichen Punch gab es bereits im Juni 2012 von Souvenirs zu hören. Taking Back Sunday lässt grüßen, aber was sind schon Vergleiche, wenn sich der harte Kick einer Bass-Drum selten so gut in die Bauchgegend gegraben hat. Pointiert karge Texte und Allessagende Basslines stellen den Groove ins Zentrum der EP Tired of Defending You, deren Tracks jeder für sich wie ein einziger Schlussstrich über, unter und mitten durch eine verjährte Beziehung gezogen sind. Schnauze voll! Die Jungs beweisen, dass kompromissloses Schmettern attraktiver als mathematisch ausgeklügelte Feinfühligkeit sein kann. Die Platte Love For the Lack of It, erschienen im Mai, verkauft sich trotz weiterhin durchsetzungsfähigen Trittes in die große Trommel als Reinkarnation Turnovers Peripheral Vision und macht das richtig anständig. Was für Shoegazer und alle, die es werden wollen – und ein tolles Souvenir für den Shoegaze-Partner (ha!).

Like how I don’t even know you ‚cause you don’t know yourself
These mind games you’re playing are affecting my health

Fighting Season

Emo ist mehr als eine Schublade voll mit billigem Eyeliner und Hot-Topic-Klamotten. Eine variable Mentalität, eine ungenügsame Sicht auf das Umfeld, das verzerrte Spiegelbild und Kritik am blinden Optimismus der coolen Kids, die Selbstreflexion gegen Selbstbeweihräucherung eingetauscht haben. Die amerikanischen Pop-Punk-Oldies Better Luck Next Time waren für mich 100 % feinster Emo, seit ich zum ersten Mal ihr Album Start From Skratch anspielte. Flotte wie ausgedehnte Songs über die aufreibende Verzweiflung der wahren Jugendliebe. Im Vordergrund: das Empfinden, nie genug zu sein, die Vergänglichkeit der limitierten Chance auf lebenslanges Glück und Spuren des Verzehrens nach der Aufmerksamkeit der Auserwählten. Fighting Season gehen das Ganze hingegen straightforward an, mit dem notwendigen Touch This Time Next Year plus zusätzlichem Weichmacher Fireworks, um nicht in planloses Gesülze zu verfallen, aber durch empfindsame Vibes zu gefallen und als Allwetterreifen des emotionalen High-School-Rocks einen stabilen Soundtrack zu garantieren.

The Halloweekend

Vier kraftvolle Stimmen und eine Menge Frust an Klampfe, Tasten und Sticks. Midwest-Emo der den Halloween-Festtag zum Aufhänger macht? Come. ON! Im saisonalen Angebot sind extra eingängige Lines über Skelette, Herbstdepressionen und artverwandte Gruselsymbole, die verdammt noch einmal Vermitteln, warum sich das tiefschwarze Loch in der Brust niemals füllen wird. Wir zwei gesichtslosen Kürbisse könnten uns ein Grab teilen, einen rachsüchtigen Candy-Corn-Golem beschwören oder entspannt gemeinsam The Halloweekend jammen. Wieso nicht alles auf einen Streich?

R.I.P ME AND R.I.P EVERYTHING WE USED TO BE AND EVERYTHING WE COULD HAVE BEEN