Musik

The Mighty Mighty Bosstones – When God Was Great, LP-Review: Liebesgrüße an die Unvernunft

I’ve never had to – I’d better knock on wood Cause I’m sure it isn’t good And I’m glad I haven’t yet That’s the impression that I get

The Impression That I Get, Let’s Face It (1997)

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Vielzahl an Bands und Solo-Musikern schon in den ersten Tagen der andauernden Corona-Pandemie dazu entschieden hatten, ihre Ansprüche hinsichtlich der freien Ausübung ihres künstlerischen Schaffens runterzufahren und auf ein Konzept aus Konformität und der legitimen Ausbeute digitaler Selbstverwirklichungsoptionen zu setzen. Aus Liveshows mit anderen wurden so gemeinschaftliche Live-Streams, gemeinnützige Compilations und Split-Veröffentlichungen, welche einerseits, dass eigene Überleben durch eingehende Spenden sicherten und zusätzlich Geld für wohltätige Zwecke einbrachten. Für die leeren Klubs, die gestrandeten Roadies und hoffnungslosen Communities, die nun aufgrund der diesbezüglichen Auftrittsverbote brachlagen. Wut auf die Politik, welche unter anderem ihre lokalen kulturellen Szenen von jetzt auf gleich als nicht mehr systemrelevant bewertete, gab es im Zuge des Durchhaltens und Weitermachens ohne Unterlass, doch gleichermaßen ein zerknirschendes Ausmaß an Ungewissheit, welches die Protestgesänge einfacher Bürger auf die Forderungen notwendiger Sozialhilfeleistungen einschränkte. Zu viele Menschen hatten ihre Leben gelassen, auf tragische Art und Weise angehörige verloren und nachhaltig an ihrer Gesundheit eingebüßt, als dass eine daher gegrölte unqualifizierte Meinung Sinn gemacht hätte. Sich an dieser Stelle lieber bedeckt zu halten war nicht nur klug, sondern ersparte der Welt schlichtweg einen weiteren furchtbaren Song, den – würde das ganze Unheil ein baldiges Ende finden – alsbald sowieso niemand mehr ertragen könnte. Ernsthaft. Wer würde schon nach der Pandemie das Bedürfnis entwickeln, jemals wieder auf einem Konzert an die katastrophale Zeit, in der das C-Wort uns allen eine ekelhafte Gänsepelle verpasste, mit einem grauenhaften Ohrwurm erinnert werden zu wollen? Verständlicherweise schossen sich viele Musiker schnell darauf ein, alte Erfolge noch einmal neu für ihre Fans aufzulegen oder unterhaltsame Cover-Versionen der großen Hits ihrer Kollegen zu kreieren. Entertainment pur eben. Kopf aus und genießen.

Noch immer ist der Notstand nicht überwunden und weiterhin sehnen wir uns nach dem einen Soundtrack, der uns den lebensmüden Morgen wie den deprimierenden Feierabend versüßt. Als Genre-Aufrührer und Rebellen mit Punk-Vergangenheit verkündeten Bostons Skacore-Legenden The Mighty Mighty Bosstones Anfang des Monats die Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums When God Was Great, mit ein paar eingängigen, bekanntermaßen tanzbaren Tönen im Schlepptau. Bedauerlicherweise werden diese vom inhaltlichen Konzept der Platte im Keim erstickt. When God Was Great handelt von dem Drang nach Freiheit, Selbstermächtigung und einem nimmermüden Geraune über den Corona-bedingt limitierten Lifestyle, der ganz im Credo der Beastie Boys den Kampf auf das Recht zu feiern, provoziert und dabei die Scheuklappen als modisches Stilmittel heraufbeschwört. Für alles, dass abseits im toten Winkel verkommt.

Die Sehnsucht nach feiern und freier Fahrt

Mit ihrer Nummer 1 Hit-Single The Impression That I Get spielten sich die Hardcore-Punks mit angeschlossener Blaskapelle The Mighty Mighty Bosstones 1997 nicht nur auf die Siegertreppchen internationaler Charts und verewigten sich in den Liederbüchern von Marschkapellen weltweit, sondern schrieben einen Song, der in das Jahr 2021 passt, wie das kitzelnde Teststäbchen am Frontallappen. Für genius.com erklärte Songwriter und Sänger Dickey Barrett, was ihm zum Verfassen des aufmunternden wie melancholischen Textes bewegte. Die Beerdigung des Bruders eines engen Freundes war der Anlass, der ihn dazu brachte, über das sprichwörtliche Klopfen auf Holz, die Erkenntnis, dass er in seinem Leben bis dahin ziemlich viel Schwein hatte und es immer jemandem gibt, dem es noch dreckiger geht als einem selbst zu singen. Da brüllte er stimmlich noch wie Lemmy von Motörhead und Ben Carr swingte auf der Bühne wie ein junger Gott zu einem energiegeladenen Sound, welcher sowohl Hardrocker als auch Freunde des ordinären Radioempfangs begeisterte.

Auf When God Was Great ist von alledem nicht mehr allzu viel übrig, und das wäre okay, wenn es sich musikalisch und lyrisch nicht um einen vermeintlichen Schwanengesang der Gruppe handeln würde. Ein Rezept aus Jammerei, weil heutzutage die Hüfte wehtut, privilegierter Corona-Quengelei und trägen Tracks, die noch die ein oder andere Geschichte auf Lager haben, aber niemanden mehr wirklich auf die Tanzfläche zerren, keine wirklich ausgelassene Stimmung aufkommen lassen und einen passiv-aggressiven Beigeschmack verbreiten, der einen den unangenehmen Streit um die letzte Packung Spaghetti ins Gedächtnis ruft, welcher gerne und längst in Vergessenheit geraten hätte können. Der Song I Don’t Believe In Anything, in welchem Barrett leidig versucht, einen anarchistischen Ansatz als Mittelweg zwischen Regierungsgegnern und Moralaposteln zu etablieren, wirft nicht nur klanglich einen Blick zurück, sondern verweist im Musikvideo auf jenes von The Impression That I Get. Schöne Einsätze der Bläser und ein treibender Chorus machen ihn zum Glanzstück des Albums, was ebenfalls daran liegt, dass der Rest weit dahinter abfällt. Lonely Boy erfreut mit einem unkomplizierten Reggae-Charakter, doch tritt den Zuhörenden so sachte in den Hintern, dass sich kein anhaltendes Gefühl eines plötzlichen Auftriebes einstellen mag. Die Singles The Killing of Georgie (Part III), die ein leidig patriotischer Weckruf an die Bevölkerung der USA ist, jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen und The Final Parade, welche mehrere Gastauftritte berüchtigter Ska-Musiker aufweist und ein Abgesang auf die großen Momente und Errungenschaften der Szene sein soll, sind so kitschig, dass sich eine Angst davor breitmacht, man könnte in Zukunft einmal aufgefordert werden, engagiert mit zu klatschen. Auch die ausgebügelte Produktion von Rancid-Frontmann und Hellcat-Record-Inhaber Tim Armstrong trägt ihren Teil dazu bei. The Truth Hurts ist thematisch ein Revival des Bosstones-Tracks The Rascal King (ebenfalls Let’s Face It, 1997), in welchem ein zwielichtiger Typ besungen wird, der zwar kein feiner Kerl war, aber immer seinen eigenen Weg gegangen ist und sei es drum – denn gerade deshalb kannten sie alle seinen Namen. Es ergibt sich der Anschein, dass Dickey Barrett, welcher sich ab dieser Stelle und im Vergleich zu damals anhört, wie ein spätabendlicher Talk-Show-Moderator, der auf süffisante Art und Weise sein Programm gesanglich für die Zuschauer interpretiert, selbst gerne so ein Halunke wäre. Den Vogel schießt er diesbezüglich durch den unauffälligen Song It Went Well ab, in welchem er ein strapaziöses Zoom-Meeting mit einem Freund besingt, dem er mitteilt, dass er nicht in Angst lebe und sein Gesprächspartner sich äußern dürfe, wie er es für angemessen halte. Jene Person könne sich seiner Freundschaft sicher sein. Genug! Genug von den trotzigen Klagen gegen das aktuelle Heimspiel und die Freiheitshasser, die vielleicht und auch nur vielleicht mit ihrer Vorsicht schlichtweg, dass ein oder andere Krankenbett auf der nächstgelegenen Intensivstation freischaufeln wollen. Zumal von denen, welche es in der Krise am schlimmsten getroffen hat, auf When God Was Great gar nicht erst die Rede ist in den mehr als vagen Parolen von Barrett, die alles und nichts bedeuten können. Auch nicht in den Songs, die ungenannt bleiben, weil sie blass innerhalb des erwähnten Spektrums versanden. Denn die Leute wollen raus aus der Stadt und clubben und auch Klubs müssen überleben. Doch dieses Album wird voraussichtlich nicht mehr dazu beitragen, als das vorbildliche Verhalten der Menschen, die ihre Maske im zwischenmenschlichen Nahverkehr gewissenhaft über der Nase tragen, nachträglich zu belächeln und alberne Fragen aufzuwerfen (Decide, Intro), die derzeit nicht einmal ausgebildete WissenschaftlerInnen mit einhundertprozentiger Sicherheit beantworten können. The Mighty Mighty Bosstones kommt zugute, dass mit einem fähigen Saxofonisten und zusätzlichen Posaunisten alles automatisch etwas positiver klingt. Dann lieber noch einmal auf Holz klopfen, The Impression That I Get in Dauerschleife abfeuern und möglicherweise sogar mit den FreundInnen zusammen via Videoschalte zelebrieren, denn nicht jeder hat gerade den Luxus, diese Chance zu ergreifen.

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The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get (Official Music Video)
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