„Die wollen doch nur protestieren!“: eine neue bürgerliche Mitte und ihre Haltung

„Politik ist der Kampf um die rechte Ordnung.“ – Otto Suhr (1950)

Konfrontiert mit aktuellem Bewegtbildmaterial von der Karnevalsfront der regierungskritischen Wuttouristen, auch Querdenker-Szene genannt, ist es schwer, von der Hand zu weisen. Die Versessenheit durch die Befeuerung von ziellosen Ausschreitungen die eigens durchgebrannten Gemüter der Republik zu befrieden, hat längst französische Ausmaße angenommen. Schallender Beifall ist jenen sicher, welche die Verdächtigungen über die wahren Strippenzieher hinter Virus und viraler bevölkerungsfeindlicher Medienmache endlich einmal aussprechen. Das Kinderblut in der morgendlichen Kaffeetasse von Hillary Clinton, akribisch abgezapft von Tech-Terrorist Bill Gates, der nahezu nebensächlich die verheerende Entstehung einer globalen Pandemie bewerkstelligte und das alles komfortabel abgewickelt vom Hauptquartier der elitären Superbösewichte: Gesundheitsminister Jens Spahns kürzlich erdreisteter und vollständig mit Vitamin B betriebener Berliner Nobelhütte.

Das Ich im Querdenken

Wer wagt es, diesen bewegten Massen Einhalt zu gebieten? Den Grundgesetz-Gondolieres und Ruderinnen, George-Orwell-Verstehenden und in Regenbogenfahnen gewickelten Thor-Steinar-Modells, heute gekleidet in luftigen Oberteilen einer historischen Friedensbewegung, die nur das beste für dieses Land und ihre Mitmenschen einfordern. „Die wollen doch nur protestieren!“ So lautet die einfühlsame Beschwerde an linksgrün-versiffte Radikale, welche es riskieren, die, verglichen mit der Eroberung des Weißen Hauses ihrer amerikanischen Genossen des rechtschaffenen Zornes, schambehaftete Stürmung des Bundestages im Angesicht schäumender Münder als möglicherweise überspitzt zu betiteln. Doch es ist genug. Um es mit den Worten des neuen US-Präsidenten Joe Biden zu sagen, welcher sich vor kurzer Zeit zu einem erneuten Attentat durch Waffengewalt in South Colorado und einer diesbezüglichen Erwirkung strengerer Gesetze äußerte: „Enough, enough, enough.“ Wer nicht begreift, dass die Einschränkung persönlicher Freiheiten zur Sicherung eines friedlichen Miteinanders beiträgt, der sollte noch einmal im Kindergarten anfangen und sich dort belehren lassen. Oder beim ADAC. Du darfst die Straßen dieses Staates nutzen, sofern Du dich im Auto anschnallst. Ohne geht es nicht und außerdem ist es zu Deinem Besten. Danke Volvo für die Erfindung des Dreipunkt-Sicherheitsgurtes. Doch bei einer medizinischen Maske, wie sie in asiatischen Lebensräumen aus Respekt gegenüber den Mitmenschen zur häuslichen Grundausstattung gehört, ist der Spaß vorbei und erst recht bei einer Ausgangssperre, die das gesellige aufeinander Hocken im stickigen Kulturgut Partykeller verhindert. „DDR-DIKTATUR!“ Wer so etwas brüllt, hat die bürgerliche Mitte verlassen oder gar neu erfunden.

Guerilla-Gartenzwerge im Anmarsch

Nach Gauck fordert nun Wagenknecht das Reden mit Rechten ein. Entschuldigung. Denen, die dazwischengeraten sind. So heißt es nun richtig, wenn man sich an Initiativen wie #allesdichtmachen orientiert. Doch der Welpenschutz ist Geschichte. Todeslisten deutscher PolitikerInnen, körperliche Gewalt gegen JournalistInnen und Reichskriegsflaggen vor dem Parlamentsgebäude. Orwell fand in seinem dieser Tage oft zitiertem Buch 1984 die Worte: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei, vier ergibt.“ Doch mit rationalem Verhalten haben die Taten der Protestierenden, welche selbst für den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor dem Einfluss der Alternative für Deutschland in das Extrem einer potenziellen „Corona-RAF“ fallen, nichts mehr zu tun. Nun wurde bekannt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Personen und Teile der Querdenker-Bewegung beobachtet. Der 1964 in Dresden geborene Schauspieler und öffentlich in Kritik geratene #allesdichtmachen-Initiator Jan Josef Liefers sagte hinsichtlich der Unruhen: „Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten.“ Jenen, die sich jedoch lediglich um die psychische Gesundheit ihrer Liebsten sorgen, die grausige Tapete daheim nicht mehr ertragen und die Rückkehr des wöchentlichen Streuselkuchenessens an Omas Küchentisch herbeisehnen, sei angeraten, sich an den Krawallen des verfassungsfeindlichen Pulkes nicht zu beteiligen und sich anderweitig den Frust von der Seele abzuarbeiten. Ansonsten könnten die Festanstellung, die weiße Weste des anständigen Bürgertums und die Anerkennung im Freundeskreis bald in Gefahr sein – und dieses Mal zu Recht.

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/die-gefahr-einer-terrorzelle-besteht-extremismusforscher-beunruhigt-ueber-wachsende-gewaltbereitschaft-bei-querdenkern/27140028.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.spiegel.de/kultur/allesdichtmachen-jan-josef-liefers-verteidigt-aktion-ulrike-folkerts-raeumt-fehler-ein-a-87bdb82e-1fe5-492d-a68b-e74f12c33335

https://www.welt.de/politik/deutschland/article224044124/Corona-und-Sicherheit-Markus-Soeder-warnt-vor-einer-Corona-RAF.html