Generation beleidigt: Wie ihr Alten es euch mit der Jugend verscherzt

Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Twitch, Instagram und Twitter haben eure teuren Nachkommen gefressen. Die werden den Teufel tun und sie einfach wieder ausspucken. Es gibt kein Entkommen, solange ihre UserInnen keine Anstalten machen, sich eigenständig aus ihren Kommentarbereichen und virtuellen Sehnsuchtskonstrukten zu befreien. Warum auch? In den ätzenden Spiegelkabinetten der Selbstvermarktung ist es heute zu finden, das Abenteuer, welches damals von den Eltern angestoßen und mit jenen bestritten wurde, die ebenfalls von ihren Erziehungsberechtigten vor die Tür gesetzt worden waren. „Wird sich schon ein Gestrüpp finden, dass euch als Piratenschiff dient“. Oder was auch immer. Aber das war einmal. Dieser Ort heißt jetzt Internet. Da gibt es ausreichend großartige Angebote, anders gesagt gute Gründe in Hülle und Fülle, um nach dem Schulabschluss nicht das Haus verlassen zu müssen. Uni kostet halt, das destruktive BAföG-Amt kann uns mal gerne haben und 24/7 zu streamen vernebelt einem schöner die Rübe, als angestrengt Wirtschaftspolitik zu pauken. Da holt uns eure gepriesene Berufsausbildung nicht aus dem Scheinwerferlicht der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie hervor. Wieso sollten wir es in Erwägung ziehen, uns die nächsten 30 Jahre für einen Betrieb kaputtzumachen, um uns kurz vor einer Rente, die ziemlich sicher nicht mehr existieren wird, wenn wir einmal am Stock gehen werden, aus dem Job mobben zu lassen und plötzlich auf zufällig enthaltene Flaschen in städtischen Abfalleimern angewiesen zu sein. In der Gaming-Szene nennt sich das Random Encounter. Per Crowdfunding lassen wir uns daher lieber das Leben mit Spenden finanzieren, wenn wir eine coole Idee für einen Podcast haben. Außerdem sind wir politisch aktiv in grünen Bewegungen, antifaschistischen Aktionen, etablieren neue Parteien und versuchen die aschgraue Festung der Kommunikationsproblematiken, den Bundestag, in neue Farben zu kleiden. Zugegebenermaßen ist nicht jeder unserer Ansätze und revolutionären Vorstöße pures Gold. Mit ausgestreckten Zeigefingern befinden wir uns im alltäglichen gesellschaftlichen Durcheinander auf der Jagd nach Nazis und mit dieser übertriebenen Bezeichnung meinen wir leider häufig nicht nur rechtsradikale BürgerInnen, sondern jene, die das Gendersternchen mit Argwohn betrachten, nur wissen, wie man sich auf der Straße durch die Nacht bringt und Marx nicht gelesen haben, Eier kaufen, für die möglicherweise Küken geschreddert wurden und über 90-jährige alte weiße, sich pflichtbewusst heterosexuell verhaltene Männer, in deren Kindheit auf Transsexuellsein die Todesstrafe stand.

Doch wir nehmen an, dass ihr es zu eurer Zeit besser gemacht habt. Ihr angestammten CDU/CSU-WählerInnen, scheinheiligen Facebook-Süchtigen und StayFriends-Emos. Ihr, die kopfschüttelnd über uns lacht, weil wir andere Träume und Bedürfnisse haben. Ihr, die das Raunen durch die Eckkneipe sendet, weil schon wieder ein Dunkelhäutiger in die Herren-Nationalmannschaft berufen wurde, der nicht mit dem Sandmännchen aufgewachsen ist, sondern im Dreck, in einem Entwicklungsland, dessen erbärmlicher Zustand von uns Wessis (und damit sind alle Deutschen gemeint) auf irgendeine Art und Weise und sei sie noch so geringfügig gefördert wurde. Ihr, die euch tatsächlich darüber wundert, dass die Zukunft anders aussieht, komplexer und vielfältiger ist, als es die Vergangenheit je sein konnte. Also überlegt vorher, ob es wirklich Nonsens ist, wenn eure Tochter sich danach erkundigt, wo die gekaufte Jeans hergestellt wurde. Euer ständig textender Sohn ein hoffnungsloser Taugenichts ist, weil er mit einem Zeitgeist konfrontiert wird, der jene mit einem unglaublichen Druck belastet, welche sich den sozialen Medien kritisch gegenüberstellen. Ihr, die nicht immer unrecht mit dem habt, was ihr sagt. Vielleicht finden wir dann zusammen einen Weg, auf dem wir voneinander lernen können.