Musik

Gulag – Subservient Consanguinity, LP-Review: eiskalte Todesmarsch-Atmo aus Südamerika

Ein eisiger Wind wehte am 23. Mai 2018 aus dem gut beheizten Campinas, São Paulo. Verantwortlich für die frostige Brise war das Debüt der brasilianischen Blackened-Tech-Death-Jungs der Band Gulag, welche ihrem Namen alle Ehre machten und auf ihrem ersten Album Subservient Consanguinity eine Auswahl erlesener Zutaten getroffen hatten, um eine erbarmungslos unterkühlte Atmosphäre als Endprodukt in Aussicht zu stellen. Obwohl ihnen der Abschied aus dem Untergrund trotz dieser erfolgversprechenden Anzeichen verwehrt blieb, hätte sich jener Absprung nicht unverdient zugetragen. So gab es für Death-Metal-Fans jeglichen Temperamentes viel am bitterkalten Riff-Bombardement mit finsterer Miene zu lieben. Allem voran einen progressiven Touch, welcher das spielstarke Terror-Trio um den Sänger und Gitarristen André Neil (Infamous Glory, ex-Laconist, ex-Chainsword) von anderen OSDM-FreischwimmerInnen abhob und durch cleveres Songwriting anhaltend taufrisch konservierte. Nach einem unscheinbaren Split-Release mit dem Titel Consanguineous Fury, nur wenige Monate nach der Gründung im Jahr 2013, gab es für eine längere Zeit ausgenommen eines Besetzungsumbruches, welcher im Engagement der Musiker Juliano Bernardes am Bass und Paulo Mercadante (Spell Forest, ex-Evokers, ex-Life Is a Lie) an den Drums mündete, nichts Neues von der spirituell sowjetischen Extreme-Metal-Front zu vermelden. Umso schöner fiel verständlicherweise das große gefrierfertige Wiederhören aus. Während Gulag aktuell die Produktion ihrer 2021 kommenden EP Mors Omnia Solvit anteasern, ist es deshalb höchste Zeit, noch einmal zu erwähnen, warum Subservient Consanguinity eine Menge Unterhaltung mit sich brachte, ohne an den Faktoren Erfindungsreichtum und verklausuliertem Gore-Gewusel einzusparen.

Harter Tobak. Bleibt im Kopf.

Der Todesmarsch beginnt in Siebenmeilenstiefeln. Gehetzt und gepeinigt von einem kräftigem melodischen Geschrammel, geht es nicht nur turbulent, sondern ebenso dynamisch mit dem Track Hopeless Inevitability in die erste Etappe. Ansprechend stampfende Riffs und flotte Blast-Rhythmen werden hier nicht einfach runtergerockt. Immer wieder ereignen sich schnieke Stop-and-go-Momente, welche dem monotonen Voranpreschen der scharf getakteten Double-Bass-Schläge attraktiv Einhalt gebieten und es druckvoll weiterziehen lassen. Dazwischen tritt eindringlich platziertes Sweep-Picking auf, um spannende Irritationen zu erzeugen und das Gefühl einer unmittelbaren Entwicklung des musikalisch implizierten Leidensdruckes zu mehren. Leprosarium folgt auf schweren und wund gelaufenen Beinen. Geschwärzter Brutal Death Metal ist die Krücke der Wahl, auf jene sich nun gestützt wird. Frontmann Neil lässt außerdem hören, wie tief er gehen kann und wagt sich mit animalischem Grind-Gegurgel unerschrocken in Abgründe, die sonst nur von John Gallagher (Dying Fetus) bewohnt werden. Apathischer gibt sich Mountains of Melting Flesh im Midtempo-Trott zu erkennen. Eintönigkeit ist jedoch nicht auszumachen, da sowohl muntere Akkorde wie smarte Licks der Gitarristen einen Hauch Hoffnung durch das nervenzerreibende Schmettern schicken. Bodenständig, aber schwungvoll verweist Holodomorian Inebriation noch einmal ausgedehnter auf den technischen Stil der Band. Notiert werden darf, dass dieser stoisch und traditionsbewusst nicht weniger zum nackenbasierten Heavy-Metal-Schunkeln anregt. Mehr alarmierendes Sweeping zur Aufschreckung ermüdeter Läufer raunt prominent vertreten durch Plurals of the Void. Das ist bitternötig, da der Song ansonsten kein Karacho verspricht. Ein nettes Zwischenspiel von Bassist Bernardes und Schlagzeuger Mercadante eilt zur Hilfe, vertieft allerdings den Stellenwert eines erweiterten Interludes des Stückes. Necrogeny vergnügt durch einen anfänglichen Breakdown und versucht sich danach wieder an eine indessen verblasste vollwertige Leistungsfähigkeit heranzukämpfen. So richtig gelingt dies jedoch erst auf dem Title-Track Subservient Consanguinity, dem die notwendige Zeit gegönnt wurde, um ein geschmackvolles Best-of der Vorzüge des finsteren Spektrums Gulags in sich zu vereinen. The Cry of Duga3 verbrieft das Fortschreiten der trostlosen Wanderung in Form einer prägnanten, akustisch weltentrückten Traurigkeit.

Nach einer mehrfachen Erkundung der Playlist ist klar, dass Subservient Consanguinity durchaus an Eindruck verliert. Viel melodiöse Kosmetik sorgt über weite Strecken für mehr Unterhaltung, schafft es jedoch nicht ausreichend von den schöpferischen Ruhepausen des Albums abzulenken, die mal mehr und mal weniger lethargisch durchhängen. Um einen markanten Einspruch handelt es sich abgesehen davon dennoch. Gerade weil sich Gulag trauen in der Old-School-Einöde, hier und da ein fetziges Pflänzchen sprießen zu lassen, bewahren sich die Songs nicht nur in sich selbst gekehrt einen eigenen Geist und sind dementsprechend phonetisch konstruktiv voneinander unterscheidbar. Gulags Debüt ist ein anregender Wohlfühlblizzard für Fans von Amon Amarth, Misery Index und Devourment.

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