Musik

Remnants of the Fallen – All the Wounded and Broken, LP-Review: Metalcore nach Spectors Geschmack

Oft gescholten und gern verschrien als Modeabteilung mit angelernter Musiksubkultur, hat Metalcore einen faden Beigeschmack für jene, die ihre lange Matte, welche lässig auf einer mit Patches überladenen Battle Jacket thront, als normative Visitenkarte für wahre Kultschwestern wie -hart gesottene Brüder extremer Radaumusik begreifen. Röhrenjeans, Breakdowns und klarer Gesang? All diese Dinge gehören auf die Zielscheibe eitler Vorurteile aus Angst es könnte auf deren Basis tatsächlich mal was mit Kante rumkommen, dass sogar den Backcrowd-Headbangern gefällt, die sich Vorbands am liebsten kopfschüttelnd beim ewig gleichen Fachsimpeln über Namen zu Gemüte führen, die längst aufgrund von mangelnder Experimentierfreude eingepackt haben. Arm dran ist demnach definitiv, wer nicht vom Eintopf des Vortages ablassen kann und seit November 2020 jeglichen Happen des Zweitalbums All The Wounded And Broken der Südkoreaner Remnants of the Fallen verschmähte. Wandlungsfähigen Vorzeige-Metalcore, dessen satter Klang dem anrüchigen Schöpfer der Wall of Sound Phil Spector († 16. Januar 2021) persönlich zu Lebzeiten ein Freudentränchen abgerungen hätte, gab es für die mutigen Genießer, welche gegen eine Kostprobe des gereiften Crossover-Sounds nichts einzuwenden hatten.

Theatralisches Shredding im Story-Mode

Erste Veröffentlichungen wie die EP Perpetual Immaturity (2012) und die vier Jahre später folgende LP Shadow Walk gaben deutliche Hinweise auf die musikalischen Inspirationen der seit 2009 aktiven ost-asiatischen Formation um Sänger Park Yong-bin. Die Nähe zu autoritativen Institutionen wie den US-amerikanischen Gruppen August Burns Red, Killswitch Engage oder den Australiern Parkway Drive war unüberhörbar und omnipräsent anhand des Songwritings ablesbar. Das Konzept der jungen Band klang jedoch bereits damals nicht schonungslos abgegriffen. Frisch und unbekümmert im Abgang zahlte sich das prominente Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten aus, welches sich im pompösen Langstrecken-Shredding ihrer Tracks, die durchschnittlich an der beachtlichen Fünf-Minuten-Marke kratzten, widerspiegelte, nie aufhörte, an Wucht zu verlieren und sehnsüchtig einen Blick über den Tellerrand hinauszuwerfen. Ein Potenzial triefte da aus jeder gespielten Note, einem vielfältigen Drumming wie einer bodenständigen Vocal-Performance aus der Mid-Range-Sektion, sich mit dem nächsten großen Wurf endgültig aus dem Spektrum der westlichen Vorbilder zu verabschieden.

All The Wounded And Broken entpuppte sich als dieser erhoffte Befreiungsschlag. Flügelfrei und mit breiter Brust haben Remnants of the Fallen ein Werk geschaffen, dass nach mehr klingt als einer Ansammlung abgehakter Soundtracks – einer für die Moshpit (check), einer fürs Hardrock-Radio (check) und einer, der als Ballade durchgeht (check). Was anderswo durch ein opulentes Cover oder eine kosmetische Akt-Einteilung der Tracks angetäuscht wird, ist hier durch bloßes Können möglich. Das Bild eines atmosphärischen großen Ganzen geht auf und vereint die einzelnen Songs zu einer dynamischen Erzählung. Wehe denen, die es wagen, diese nach Spotify-Methodik Blindlinks zu verhackstücken. Nach einem gefühlvollen Einstieg mit dem Intro Frozen Ember, dass durch ein herzerweichend stimmungsvolles Solo begleitet wird, welches jeder öden 80er-Schnulze einen Oscar garantiert hätte, ist eine prickelnde Neugierde auf das, was da wohl noch kommen mag gesichert – und meine Damen und Herren kommt da was. Hel (feat. Kyuho Esprit von Madmans Esprit) ist der Titel des Songs, der sich anschließt und keinen Zweifel daran offenbart, dass Remnants of the Fallen die Genre-Newcomer sind, welchen über ihre Landesgrenzen hinaus das Scheinwerferlicht der Stunde zusteht. Ein wilder Mix aus Metalcore-Riffs, harmonischen Black-Metal-Sphären und Nähmaschinen-artigen Blast Beats des Schlagzeugers Jong-Yeon föhnen einem ratzekahl die Haare vom Kopf. Hier und da fügt ein rhythmischer Breakdown ordentlich Schmackes hinzu, bis es wieder ruhelos weiter geht und ein neuer Morgen graut. Stetig erscheinen im Hintergrund diese himmlischen Melodien, ein Thema, welches sich fortan konsequent durch das komplette Album ziehen soll, die wie ein glühend heißer Sonnenstrahl, immerwährend und unaufhörlich durch die düstere Wolkendecke brechen, welche Park am Mikrofon mit melancholischen Dichtungen heraufbeschwört.

Die Diversität des Releases zeigt sich an jenen Stellen, an denen sich unter der einzigartig schimmernden Fassade vertraute Muster bemerkbar machen und sich an mitunter typischen Elementen der eigenen Szene bedient wird. So überrascht der Song Face(s) mit dem Einsatz verträumter Keyboard-Passagen und gleichermaßen einem gesanglichen Post-Hardcore-Ansatz, der zwar ausdrucksstark daherkommt, doch grundsätzlich kalter Kaffee im Metalcore-Kosmos ist. Die Single-Auskopplung Hate and Carrion überzeugt durch ein angenehmes Tempo bei einer stattlichen Länge von knapp sechs Minuten, dass nicht an einer Verspieltheit einbüßt, die in stillen Augenblicken den nötigen Raum zum Aufatmen findet. Träger, aber dafür druckvoller wirken hingegen die Songs Earth Eater und Writer Unknown, die einen Hauch Melodic-Death-Metal auf ihren Schwingen tragen. Ein Bestandteil, dass davon zeugt, sind die teilweise eingeflüsterten Lyrics, welche an den frühen Stil des In-Flames-Sängers Anders Fridén erinnern. Herkömmliche Metalcore-Charakteristiken zeigen sich verstärkt im Zuge von Deathlike Silence (feat. JungMato) und Disordered (feat. Wav of Eighteen April). Chaotisch und flott sind die vorsätzlich ein bisschen weniger schwergewichtig, lockern allerdings gegen Ende das wehmütige Kolorit des umfassenden Gesamteindrucks Remnants of the Fallens erwachsener Herangehensweise an das Genre auf. Generation Sin schlägt zum Abschluss noch einmal die rasanten wie scharfen Töne von Hel an, bevor Future Without All The Wounded And Broken elegisch dahinschwinden lässt.

Der Effekt einer Wall of Sound wird in erster Linie durch das theatralische Shredding der Gitarrenfront im Story-Mode hervorgerufen, welches Remnants of the Fallen von den blank polierten Popcore-Produktionen ihrer Metalcore-Kollegen abhebt. Durchwachsene Momente ergeben sich, wenn sie von dieser Technik abweichen und sich auf mittelmäßiges Chugging ohne Rückhalt einer imposanten Inszenierung versteifen. Frontmann Park liefert als heiserer Geschichtenerzähler einiges ab, doch funktioniert am besten im Duett mit illustren Vokalisten und dem Backgroundgesang der anderen Bandmitglieder, die seiner kernigen Tough-Guy-Attitüde durch beißende Höhen eine essenzielle Bedeutsamkeit verleihen. Keiner dieser Abstriche in der B-Note mindert jedoch die Errungenschaft mit All The Wounded And Broken eine der besten Metalcore-Platten der letzten Jahre geschaffen zu haben.

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