Hot Graves – Haunted Graves, EP-Review: durch die Nacht mit dem Teufel

„I have the beast beast on my side I’ve got to go out tonite Time to take take a dark ride The tombs are in my sight“ – Hot Graves by Midnight

D-Beat. Deaththrash. Black `n` Roll. Die Florida-Männer Hot Graves haben das Potenzial, zum umstrittenen Mittelpunkt angestrengter Diskussionen in puncto Genre-Zugehörigkeit zu werden. Verdient könnte man sagen, denn ihr Sound haut nicht nur ordentlich rein, sondern bietet einen auffallend frischen Mix extremer Punkrock-Abwandlungen. Im Zuge dessen lassen sie vom klassischen Hardcore bis zu höllischen Black-Metal-Exzessen keine Schublade ungeöffnet, um den Zeugen ihrer kriminell verführerischen Würdigungen des Vermächtnisses von Discharge und Konsorten ihren leidenschaftlichen Standpunkt klarzumachen: „Hate us with all your might, or love us in the night.“ Doch es genügen keine schlichten Exkurse in die multiplen Schiebefächer radikaler Musik. Nein! Die komplette Kommode muss dran glauben. Verdammter IKEA-Rotz! Sie zeigen, was Schweden sonst noch zu bieten hat und bedienen sich dabei ausgiebig an den Lehren der alten Weisen wie Anti Cimex und Wolfbrigade. Mit ihrer EP Haunted Graves (Februar 2020) lieferten die flexiblen Leichenfledderer ein neues Lebenszeichen, welches sich eine Nachbesprechung durch das Vertrauen auf gewohnte Stärken und die Etablierung neuer Dynamiken redlich verdient hat.

Okkulter Punkrock aus dem Sunshine State

Dass Hot Graves nicht vergessen haben, wo sie herkommen, beweisen sie in vier höllischen Tracks, von denen einer (Rotted) als aufgemöbeltes Remake vertreten ist. Der erschien ursprünglich auf ihrem Debüt Knights In White Phosphorus. Der Fahrplan damals: Black-Metal mit temporeichen Thrash-Anleihen. Ein authentisch angestaubtes Klangbild und garstig verzerrte Gitarren machten den Charme aus und vervollständigten die liebliche Akustik eines verschimmelten Bunker-Proberaumes unter dem rebellischen Gekeife des Gitarristen und Sängers Myk Colby. 2013 folgte die FASHION VICTIM EP, auf welcher sich die nachtversessenen Kalifornier eine Auszeit von großen Visionen für eine kurze Lobpreisung in Sachen D-Beat gönnten und eine Faust voll knackigem Parolen-Punk ablieferten. LP Nummer zwei Magnificent Death schloss 2015 musikalisch an ihr Erstlingswerk an, doch erweckte den Anschein, als ob die schwarzhumorigen US-Amerikaner dieses Mal mit angezogener Handbremse hantierten. Die Blaupause hatte sich nicht verändert, doch führte zu einem Death-Doom-lastigen Konzept, welches abgeschmirgelt und glatter produziert eine aufgeräumte Linie zog – vergleichbar mit dem Album The March (2008) der Metalcore-Gruppe Unearth, das durch den engagierten Adam Dutkiewicz (Killswitch Engage, Serpentine Dominion) einen ähnlichen Effekt erhielt.

Destruction Derby auf dem Friedhof

Rückblickend auf die Diskografie Hot Graves sorgen aktuell zwei Faktoren für einen Kickstart vitalisierender Anreize. Einerseits veredelten in der Zwischenzeit zwei neue Bandmitglieder die kompakte Formation um die Gründungsmitglieder Colby und Bassist Hutchens. So übernahm Jamie Stewart (The Absence, Disevered, Party Time) die Position als Frontmann am Mikrofon, begleitet von John Mamo (PYRE [US], No Fraud, Party Time), welcher fortan als Schlagzeuger fungierte. Außerdem wirkt es in retrospektive wie ein kluger Schachzug, sich nicht wiederholt dem Schreiben eines Releases in voller Länge gewidmet zu haben. Obwohl ihr Output allgemein als geschmackssicher bezeichnet werden darf, krankten die Alben der Band besonders hintenraus an einer zu üppigen Playlist, deren Tracks sich durch ein grundsätzlich qualitatives Songwriting auszeichneten, doch spätestens im letzten Drittel zu wenige kreative Lichtblicke boten. Auf Haunted Graves ist dieses Problem Vergangenheit. Obgleich der D-Beat wie bisher als roter Faden funktioniert, wird jede Sekunde Song effizient ausgefüllt und durch interessante Riff-Kombinationen zu einem antreibenden Circle-Pit-Aufruf. Los geht es mit dem Title-Track Haunted Graves, der anstachelnde Melodic-Hardcore-Vibes versprüht und durch seine positiv bestialische Grundstimmung zu zerstörerischen Stockcar-Rennen auf archaischen Begräbnisstätten einlädt. Sewage Communion beginnt mit einem Schwung Blast Beats und zieht danach weiter polternd an. Hot Graves stehen hier endlich wieder auf dem Gaspedal und unterbrechen ihre Raserei lediglich für atmosphärische Breakdowns, welche der ansonsten hohen Geschwindigkeit Stabilität geben. Der dritte Track im Bunde Ruination Supremacy ballert gleichermaßen aus allen Rohren. Ein Highlight sind hier die Vocals Stewarts, der seine Fähigkeit darbietet, fließend von tiefen Death-Metal-Growls zu fürchterlichem Kreischen überzugehen. Rückendeckung erfährt er parallel durch das tatkräftige Gebrüll von Kollege Colby, welcher sich gleichermaßen die Lunge aus dem Hals schreit und den verbalen Krawall-Pegel durch die Decke schießen lässt. Die modernisierte Version des Tracks Rotted rundet die EP angemessen ab. Erwähnt werden muss an dieser Stelle das omnipräsent mitreißende Drumming Mamos, welcher dem Muppet Animal alleinig durch seinen kämpferischen Trommelstil ein Schleudertrauma verpassen könnte. Lyrisch geht es noch immer um die befreiende Kraft des Satanismus, die Liebe zur astronomischen Dämmerung und den wunderbaren Unfug, der nach Einbruch der Dunkelheit auf der To-do-Liste der teuflisch rockenden Kalifornier steht. Hot Graves Haunted Graves EP ist somit eine konsequente Weiterentwicklung ihres ohnehin begeisternden Spagates aus Punk-Gratwanderungen und eine absolute Empfehlung für all jene, die ihren Lärm blutrot und grimmig mögen.