Brutal Technical Death Metal: 7 Bands für den leichten Einstieg

Als das Internet in den Köpfen der Menschen noch endlos weit schien und nicht vor dem lichten Horizont eines sozialen Mediums endete, war es erstaunlich, einem Musiker beiwohnen zu dürfen, der sein Instrument grandios beherrschte. „Wir hatten ja nichts.“ Keine Live-Konzerte auf YouTube, keine TikTok-Online-Kurse für Anfänger an der Gitarre, dem Bass oder den Drums und erst recht keine Instagram-Videos unserer liebsten Idole, die uns persönlich ihre eigens entwickelten Trainingsmethoden und Techniken in Slow-Motion vermittelten. Die Erschließung des World Wide Web hat Musikfans ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, ihrer Leidenschaft nachzugehen, doch gleichermaßen den Thrill und die Magie zu Tode rationalisiert, welche uns einst überkamen, wenn wir das erste Mal einen neuartigen Sound wahrnahmen und uns fragten: „Wie zur Hölle funktioniert das und wie kann ich es Nachmachen?“ Die Antwort finden wir heutzutage oft genug wie alle anderen Lösungen in einer App. Es gibt jedoch ein wohltönendes Genre, das so getrieben ist und unzähmbar, so zerstörerisch und formenreich zugleich, dass es trostlosen Seelen auf der Suche nach einem akustischen Abenteuer dieses besondere Gefühl einer aufregenden Ahnungslosigkeit wie naiven Glückseligkeit zurückbringt. Das heißt, wenn es von echten Fachkräften ausgeübt wird. Necrophageist lassen grüßen. Diese sieben Bands sind moderne Vertreter des Brutal Technical Death Metal und stehen mit beiden Beinen fest in den Gräbern ihrer Urahnen.

Brain Drill

An einer Band, die einst von dem E-Bass-Großmeister und langjährigen Mitglied der Death-Metal-Legenden Cannibal Corpse Alex Webster mit den Worten „pretty fucking sick“ beschrieben wurde, ist natürlich etwas dran. Vermutlich schmeichelte Webster die unverkennbare Ähnlichkeit Brain Drills Interpretation ihrer extremen Auslegung des Genres, denn sie liefern in einer gleichwertig karikaturistischen Art und Weise ab, was technischen Death-Metal grundsätzlich ausmacht. Hektische Riffs, panisches Sweep Picking, welches sich über jeden Track ergießt, wie ein halber Liter zuckersüßes Frosting über einen einzigen Cupcake und rasendes Typewriter-Drumming, dass sich ihres Namens würdig, wie ein kreischender Gehirnbohrer in den Verstand der Zuhörenden fräst. Gelauscht wird ebenso für Steve Rathjens monströse wie messerscharfe gutturale Bekenntnisse. Diesbezüglich begegnen viele Metal-Fans den phonetisch furchteinflößenden Amerikanern kritisch mit einer unverhohlenen Hassliebe. Von allem ist da ein bisschen zu viel und deshalb bleibt insgesamt zu wenig Raum für Substanz, doch eins ist klar. Für eine erste umwerfende Dosis Brutal Technical Death Metal bieten sich die kalifornischen Audio-Metzger gerade deshalb wunderbar an. Zu empfehlen ist dafür ihr bodenständiges Debüt Apocalyptic Feasting aus dem Jahr 2008.

First Fragment

Ein bedrohliches Image und Klangvielfalt schließen sich nicht gegenseitig aus. Die Kanadier First Fragment aus Québec verbinden Old School Death Metal mit neoklassischen Elementen und kreieren eine stimmungsvolle Atmosphäre, welche eine notwendige Härte durch einen intensiven Doppelbass-Einsatz und progressives Shredding erhält. Ihr musikalisches Angebot erinnert charakteristisch stark an die Tugenden der italienischen Death-Metal-Band Fleshgod Apocalypse, legt jedoch weitaus weniger Wert auf eine symphonische Inszenierung ihres ausgeklügelten Stils. Hymnische Melodien und exotische Flamenco-Rhythmen vermischen sich hier mit einem missmutig säuselnden Bass, der sich wunderbar im geordneten Durcheinander behauptet. Ferner sorgen ruhige instrumentale Passagen für einen angenehmen Kontrast zu einer Vorliebe für exzentrische Soli und extravagante Drum-Beats. Der passende Anspieltipp ist das von Kritikern gelobte Album Dasein (2018), auf dem eine Handvoll geschätzter Gastmusiker zum Erfolg des gelungenen Tech-Death-Einstandes beitrugen. Darunter: Christian Münzner (Spawn Of Possession, Alkaloid, ex-Necrophagist/Obscura), Mathieu Marcotte (Augury, Humanoid), Malcolm Pugh (Inferi, A Loathing Requiem, Diskreet) und Collin McGee (Elderoth).

Viraemia

Wie es sich für einen Insider-Favoriten gehört, trumpften Arizonas Viraemia 2009 unerwartet stark mit einer selbstbetitelten EP auf, nur um kurz darauf wieder unauffällig von der Bildfläche zu verschwinden. Während sie soundtechnisch in ein Gore-lastiges Highspeed-Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren Genre-Kollegen Brain Drill aus Kalifornien gingen, zeigten sie ausreichend Alleinstellungsmerkmale auf, um eine friedliche Koexistenz zu garantieren. Als ihre Markenzeichen galten ein unnachahmliches Bassspiel seitens ihres talentierten Groove-Spezialisten Scott Plummer († 2019), welcher unter anderem für die gelegentliche Nutzung eines 10-seitigen Gitarren-Modelles bekannt war und durch seine prominente Verwendung komplexer arpeggierter Akkorde einen großen Anteil daran hatte, dem pathologisch sterilen Death-Metal-Rezept der jungen Band Leben einzuhauchen. Signifikant war darüber hinaus der tiefschürfende Gesangsstil des Frontmanns Tony Martinez, welcher insbesondere die Etablierung von Pig Squeals zelebrierte. Nach einem langen Hiatus meldeten sich Viraemia erfreulicherweise im August 2019 in Bestform mit einer Single namens Glioblastoma zurück, welche zudem als Bestätigung eines aktiven Schreibprozesses gewertet wurde.

Beneath the Massacre

Die Natur des Death Metal ist die Rebellion gegen Gott und die Welt, aber meistens ist es Gott. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Bands versuchen, sich in Superlativen zu überbieten und auszuzeichnen. Beneath the Massacre liefern hingegen die absolute Blaupause und bieten nicht mehr und nicht weniger, als was das Herz eines Tech-Metalheads begehrt. Melodisch atonales Sweep-Picking, schnelle Blast Beats und gutturale Vocals, die alleinig durch die Bewegung ihres Schalles Knochen in ihre Einzelteile zerbrechen. 2004 gegründet und seitdem angeführt von Sänger Elliot Desgagnés erreichten die ebenfalls aus Québec stammenden Kanadier Beneath the Massacre im Laufe ihrer Karriere eine Fangemeinschaft über die Grenzen ihrer Nische hinaus. Dieser Umstand wurde vor allem durch Auftritte mit Formationen aus der Death- und Metalcore-Szene (As Blood Runs Black, Bleeding Through etc.), der Teilnahme an Events wie der Summer Slaughter Tour und einer Neigung zu Breakdown-artigen Songstrukturen begünstigt. In diesem Sinne sind Beneath the Massacre durch ihre schnörkellosen Brutal-Death-Metal-Anleihen nicht weit von dem entfernt, was schon die altehrwürdigen Mitbegründer der New Yorker Szene Suffocation predigten und versprechen solide Death-Metal- Unterhaltung, welche ohne hochtrabende Experimente auskommt. Interessenten testen das erneut herzerquickend kompromisslose vierte Studioalbum Fearmonger, das erst im Februar letzten Jahres veröffentlicht wurde.

Defeated Sanity

Technisch versiert und bitterböse im Abgang kommen die deutschen Defeated Sanity bereits seit 1994 daher und produzieren mit einem grollenden Beben unter kryptischem Gurgeln eine brachiale wie verspielte Version eines Brutal Technical Death Metal. Aus einem knurrenden Bass, dem tonnenschweren gemächlichen Anschlägen der E-Gitarren-Fraktion bis zu den lässig jazzigen Schlagzeugrhythmen ergibt sich ein progressives Hörerlebnis für jene, deren Playlist noch nicht durchdringend genug vor teuflisch fermentierten Riffs trieft. Kein Wunder, dass Christian Münzner in der Vergangenheit auch hier längst einmal mitmischte. Die Diskografie der mittlerweile in Berlin ansässigen DM-Truppe ist eine sichere Bank. Angespielt werden darf jedoch explizit ihre LP Disposal Of The Dead // Dharmata (2016), deren zweite Hälfte als Hommage an die Prog-Größen Cynic verstanden werden kann.

Wormed

being wormed; a state of mind that a human being experiences when dwelling inside a universe and the accompanied feeling that comes with not being able to escape from it. Like a worm (human) inside of an intestine (universe).metal-archives.com

1998 formierten sich Wormed in ihrer Heimat Madrid, Spanien, um eine intergalaktische Variation des Death-Metal zu konstruieren, die genauso viele Fragen aufwirft, wie sie stellt. In den Texten des Gründungsmitgliedes und Frontmannes Phlegeton geht es um die Themen Astronomie, Astrophysik, Bewusstseinsspaltung, Science-Fiction, Biologie und die menschliche Evolution. Stephen Hawking trifft auf temporeiche Blast Beats und fantastisch kehlige Ergüsse, welche sich zwischen der Imitation eines Weltraum-Ungeheuers und irdischen Tierlauten einfinden. Durch atmosphärische Riffs entsteht die Illusion, mit voller Geschwindigkeit in ein unheimliches Schwarzes Loch zu starten, aus dem nebenbei mysteriöse Hilferufe das Board-Radio crashen. Wer noch keine Urlaubspläne hat, zieht sich irgendwo ein Ticket für das 2013er-Release Exodromos und verbringt erholsame Ferien im düsteren Hyperspace.

Archspire

Es überrascht, dass die Vancouverianer Archspire bereits 2011 auf ihrem Album All Shall Align jegliche Erfolgsfaktoren zusammenbrachten, die erst sechs Jahre später für ihren verdienten Durchbruch verantwortlich sein sollten. Schnelligkeit und Preziosität machen ihr Death-Metal-Verständnis aus. Die beeindruckende Darbietung der Lyrics Oli Peters sind vergleichbar mit der des für seine Rapidität berüchtigten Rappers Eminem und folglich eine Besonderheit, welche Unterstützung in den akzentuierten Dynamiken der Gitarristen Dean Lamb und Tobi Morelli finden. Nicht minder imposant: Das außerirdisch erscheinende Drumming des Schlagzeugers Spencer Prewett erklimmt mitunter einen Wert von 350 Beats pro Minute. Wer Technical-Death-Metal in seiner Gesamtheit begreifen will, kommt nicht an ihrem Album Relentless Mutation (2017) vorbei.