Todd Philipps Joker, Take #2: zur falschen Zeit am falschen Ort

And I have by me, for my comfort, two strange white flowers – shrivelled now, and brown and flat and brittle – to witness that even when mind and strength had gone, gratitude and tenderness still lived on in the heart of man. – The Time Machine, H. G. Wells

Am 10. Oktober 2019 startete Todd Philipps düstere Realo-Darstellung des manisch kichernden Batman-Schurken in den deutschen Kinos. Wenige Tage später saß ich in einer Vorstellung und war überwältigt von der kompromisslosen Handhabung der fantasievollen Thematik. In erster Linie lag dies an der mittlerweile Oscar prämierten Performance von Star-Akteur Joaquin Phoenix. Wie wunderbar verloren und giftig zugleich hauchte er der Silhouette des geisteskranken Unterschichtlers eine tragische Niedergestimmtheit ein, dessen schmerzerfüllter Blick ein so fantastischer Spiegel aller Ungeliebten, Vergessenen und Abgelehnten im Saal war. Damals fühlte ich mich angesprochen, heute um einiges wohler und klüger. Es ist nie leicht, sich einzugestehen, die Nerven verloren zu haben, wo wir uns so nah an der Wahrheit wägten. In diesem Augenblick hatte ich den Kontakt zu meinem Ziehvater bereits seit einer längeren Zeit abgebrochen (Gott sei Dank, doch leicht war es nicht gewesen). Hasserfüllt und misstrauisch schüttelte ich einen emotionalen Cocktail, der mich eigentlich für den leichtfertigen Genuss dieses Filmes disqualifizierte. Ja, der ganze symbolische Schund kam mir gerade recht. Die Unbeholfenheit Flecks in sozialen Begegnungen, die eigens gewählte Einsamkeit aufgrund eines schwindenden Selbstwertgefühls, dass brodelnde Inferno im Bauch, dessen Transformation in klare Gedanken nicht mehr gelingt. Ich gierte danach den weinenden Clown zu sehen, die kalte Schulter einer verrohten Gesellschaft, die Alternativlosigkeit zum absoluten Chaos, die Kugel in Franklin und die Kugel in Wayne. Ja. Weiter. MEHR! … Stopp.

Runter mit dem Make-Up

Rückblickend sehe ich mich vor dem Laptop, wie ich ein ätzendes Plädoyer gegen „die da oben“ verfasse und es als Review betitele. Es fehlt nur noch die Kosmetik im Gesicht, doch sinnbildlich wetze ich die Zähne hinter dem roten Clownsmund. Ich fordere Empathie vom Feuilleton ein, das Joker längst als furchtbar nihilistisches Machwerk enttarnt hat und sage einen Aufstand eines gleichgeschalteten Mobs voraus, der jene angehen wird, die weiterhin mit Arroganz auf die Benachteiligten und Schwachen herunterreden werden. Die Überzeugung, einen anständigen Beitrag abgeliefert zu haben, der insbesondere meine linksliberale Gesinnung untermauert, soll noch eine gute Weile andauern. Nun weiß ich es besser. Dieser Text sagte eines mit ziemlicher Sicherheit aus, und zwar, dass Selbstachtung leider noch immer nicht zu meinen Stärken zählt. Die ursprüngliche Bedeutung des Ausdruckes Make-up beschreibt den Prozess des Kompensierens, Ausgleichens, Vervollständigens und ich hatte in jener Phase einiges wettzumachen. Es hat keine Legitimität, bei anderen auf mehr Verständnis zu pochen, wenn wir uns persönlich für nicht würdig erachten. Der Zeitpunkt, an dem wir erkennen, dass wir einen respektvollen Umgang verdient haben, darf ferner nicht der sein, an dem wir Vergeltung üben, sondern von der Schminke ablassen und die Kunde nach außen tragen. Zärtlichkeit ist, was uns retten kann. Doch nur jene können dies verstehen, die in ihrem Leben bereits erfahren haben, was es bedeutet, umsichtig behandelt worden zu sein. Daher ist Todd Philipps Ansatz kein grundsätzlich verquerer Versuch zu veranschaulichen, was geschieht, wenn wir es nicht Schaffen von einem System ablassen zu können, dass Schwäche mit der Kürzung von Sozialleistungen bestraft und Rücksichtslosigkeit mit kostengünstigen Steuersätzen belohnt. Im Angesicht gesellschaftlicher Ungerechtigkeit darf sowohl gekämpft als auch geweint werden. Einen Wandel werden wir jedoch nur herbeiführen, wenn wir uns nicht zuerst selbst kleinmachen und unseren Glauben an ein respektvolles Miteinander mit einer schadenfrohen Fratze übermalen.