Die große Hut-Verschwörung: Tagtraum. Realität? Unsinn!

Für einen Moment bin ich nicht gänzlich da. Abgedriftet. Gedanklich auf der Arbeit. Wie komme ich bloß hierher?

Eine Stimme sagt: „Der Hut hat seinen eigenen Willen.“

Wie bitte? Ich drehe mich um. Eine unscheinbar wirkende Person sitzt keine Armlänge weit von mir entfernt in einem futuristisch geformten Sessel, visuell und farblich einer einsamen Steinkoralle ähnlich. Hinter ihr erstreckt sich ein mir sehr wohl bekannter Gang in einem schier unendlichen Ausmaß. Selbst bei genauerem Hinsehen erkenne ich den innehabenden Charakter der wunderlichen Anmerkung nicht. Natürlich, dies ist ein Tagtraum. In Wahrheit ist der Sessel scheußlich.

Ich sage: „Sie tragen keinen Hut.“

Ohne jedes weitere Zutun meinerseits bricht ein Redeschwall die Totenstille in der Begegnungsstätte. Der Hut wäre nicht hier. Er würde eine andere Gesellschaft bevorzugen. Das hieße ausschließlich seine Eigene. Auf der Flucht.

Ich sage: „Der Hut flieht?“

„Unterbrechen Sie nicht. Ist das nicht komisch? Es handelt sich um einen Abhörskandal. Normalerweise hören Hüte Menschen ab. Nicht umgekehrt.“

Während die fremde Seele versucht, einen folgenden Absatz mit einem großen Atemzug freizugeben, löst sie sich in Luft auf. Ich liebe diese Gespräche, weil sie Nonsens sind, aber unschuldig. Basierend auf dem gesundheitlichen Zustand des Gegenübers. Ich höre gerne zu, weil auch ich in meiner eigenen Welt lebe, in der manchmal oben unten ist und hässliche Stühle eine fantastisch ozeanische Gestalt annehmen, wenn ich mich ausgestempelt habe und die Augen schließe. Ich schlendere entspannt ein paar Schritte und genieße skurrile Kunst an den ewig langen Wänden, die meiner Vorstellungskraft zu verdanken ist.

„Der Hut ist nicht hier!“

Ich bin nicht mehr allein.

„Ja, Sie haben es mir erklärt. Wir haben uns noch nicht vorgestellt.“

„Ich habe erklärt und Sie nicht zugehört. Der Abhörskandal.“

Ich sage: „In Ordnung. Keine Namen. Möchten Sie über etwas anderes reden?“

„Es gibt nichts, dass wichtiger ist und jetzt sind sie eingeweiht. Sie sind ein Teil der Geschichte.“

Wie ich bereits angemerkt habe, bin ich ein Sympathisant verrückten Small-Talks, doch an dieser Stelle verpflichtet abzublocken.

„In ihrer Lebensrealität mag es so sein, doch in meiner Wahrnehmung macht dieser Zusammenhang keinen Sinn.“

Das anonyme Individuum wendet sich irritiert von mir ab und setzt zu einem erneuten unbändigen Monolog an. Es geht nun ebenso um andere Kopfbedeckungen, richtige und falsche Frisuren und den Geist von Karl Lagerfeld. Ich gebe mein bestes rational zu argumentieren, Fehler in der Verschwörungsmatrix zu erfragen, aber ich komme nicht durch. Plötzlich steht ein Schuldspruch im Raum. Die Muslime wären verantwortlich für eine drohende Hut-Verknappung. Leider enden diese Konversationen ab und an unangenehm.

Ein Piepton erklingt. Dieses Mal bin ich es, der sich zurückzieht. Heimwärts in die Realität. Ich habe aus Versehen den Touchscreen des Smartphones berührt. Am anderen Ende der Leitung redet noch immer ein Mensch, der mir lieb und teuer ist. Was er sagt, ist mir hingegen weder lieb noch teuer. Nonsens, aber nicht unschuldig. Ich werde es noch glauben, die Pandemie ist ein abgekartetes Ding. Bill Gates unterwerfe uns alle mit seiner Macht. Außerdem machen seine Chemtrails … Es wäre besser, wenn wir jetzt Schluss machen würden.

Das Gespräch ist beendet und ich frage mich, auf wessen Kopf dieser Hut in der Zwischenzeit sein Exil gefunden hat.