Gregg Hoffmanns Dead Silence, Film-Review: Mut zum Kitsch

Ein Wort. Und du bist tot. Bei dem Untertitel kann einem erfahrenen Horrorfilm-Vertilger wahrlich die Angst vor einer baldigen Sprachlosigkeit überkommen. Gerade dann, wenn schon zu Beginn des Filmes eine mysteriöse Inschrift aus dem Lexikon der wunderlichen Kleinkunst verkündet, dass das Thema der heutigen Lagerfeuergeschichte Ventriloquismus lautet. Nein, dabei handelt es sich nicht um eine abscheuliche Technik, welche mordlustigen EinzelgängerInnen die leichtfertige Enthauptung eines Opfers im träge rumeiernden Deckenventilator der Studierendenverbindung erlaubt. Ja, mit diesem Ausdruck ist die hohe Kunst des Bauchredens gemeint. „Uff. Etwa das mit den Puppen, die sich mit ihrem Schöpfer darüber streiten, wer von ihnen das letzte Wort haben darf?“. Ja, genau d… „Schon wieder Puppen als Element des Grauens?“ Ja, aber e… „Die Sache ist doch seit Chucky durch und außerdem…“ Arrrgh! Ja, in Dead Silence (2007) geht es um die menschenähnlichen hölzernen Modelle, die einen immer im Dunkeln so böse aus dem Schrank heraus angestarrt haben, wenn wir bei Oma übernachteten. Doch auf Regisseur James Wan (Saw, Insidious) war auch dieses Mal verlass, denn dieser vergangene Puppenspuk weiß sich selbst im aktuellen Mischmasch aus Netflix, episodischen Schreckensformaten und dem daneben vermodernden Haufen von Paranormal-Activity-Klonen wacker zu behaupten.

Geisterbahn Deluxe

„Beware the stare of Mary Shaw. She had no children only dolls. And if you see her in your dreams, be sure you never, ever scream.“

Eine abgeschmackte Kleinstadt-Legende treibt Jamie nach dem rätselhaften Tod seiner Ehefrau zurück in seine Heimat. Ein tödlicher Fluch, so heißt es, liegt auf Ravens Fair. Seit Jahrzehnten finden die Söhne und Töchter der geheimnisumwobenen Gegend ihr unheilvolles Ende durch den rachsüchtigen Geist der Bauchrednerin Mary Shaw. Eine merkwürdige Puppe, welche kurz vor der Tat auf der Türschwelle seiner Wohnung in einem nicht adressierten Paket auftauchte, bekräftigt seinen Verdacht und wird sich im Laufe der ungewöhnlichen Ermittlungen als ein unheilvolles Artefakt entlarven. Vor diesem Hintergrund teilen die furchterregend kitschigen Jahrmarktattraktionen und Dead Silence eine innige Leidenschaft für abgeschmackte Schockeffekte aus der Konservendose. Angefangen beim klassischen, plötzlich abgespielten Schreckmoment über einen okkulten 0815-Soundtrack, der keinen Zweifel daran lässt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, bis hin zu einem eingestaubten Setting, das so authentisch wirkt wie das Schloss des Disneyland Paris. Allerdings macht es den Anschein, als ob sich die Macher genau darüber im Klaren waren und wenn nicht, dann hatten sie ein gutes Händchen dabei, mit Altbekanntem in die Offensive zu gehen.

Wo die Z-Ware der Horror-Produktionen bereits nach wenigen Minuten über ihre eigenen Vorsätze stolpert, schafft es Dead Silence spielerisch eine gerade Linie zu fahren und aufgrund eines angenehmen Erzähltempos keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Abfolge der einzelnen Kapitel, wie die Beweggründe der einzelnen Figuren, sich der Handlung anzuschließen, basieren auf einem einfachen Ansatz. Diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln. Keine weiteren Fragen! Überraschenderweise tut diese Herangehensweise noch immer erfrischend gut und lässt die Unzulänglichkeiten der Story in Schall und Rauch aufgehen. Die übernatürlichen Gegenspieler werden im direkten Vergleich zu Wans späteren unheimlichen Wegbegleiterinnen wie der Nonne und der Puppe Annabelle audiovisuell ansprechend dargestellt, zudem lebendiger eingeführt und sorgen somit für eine schaurige Atmosphäre, die von ihren speziellen Eigenschaften angetrieben wird. Vor allem in Bezug auf letztgenannte Kreation fragt man sich, warum es trotz des Zusammenhangs zur Conjuring-Serie, wie selbstverständlich abermals eine besessene Puppe sein durfte, da jedes der 101 versinnbildlichten Kinder Shaws unabhängig von dessen jeweiliger Screen-Time mehr Charisma aufbringt als diese eine dämonische und zum Sterben öde Marionette. Das Schauspiel der menschlichen Besetzung kann als zweckdienlich bezeichnet werden. Totalausfälle sucht der Kritiker jedoch vergeblich. Vom ängstlichen Bestatter Henry bis zum unterkühlten Vater Jamies sind die Nebencharaktere angenehm ausdrucksstark in ihren blassen Rollen zu genießen. Insbesondere Donnie Wahlberg macht seine Sache als sarkastischer Arschloch-Detective fantastisch und bringt eine Komik in das Geschehen ein, die einen Wiederschauwert massiv begünstigt. Ravens Fair gewinnt ferner als verlassener provinzieller Austragungsort den Stephen-King-Gedächtnispreis und geht wie der Rest des Filmes optisch in bester Fluch-der-Karibik-Methode als überzeichnetes Fantasy-Produkt auf.

Dead Silence ist als Gesamterlebnis kurzlebig und geradeheraus in seiner Mission, unterhaltsamen Popcorn-Horror zum Vorglühen der Halloween-Fete beizusteuern. Das Siegel Trash ist andererseits nicht zutreffend. Nachzutragen ist, dass das Budget von 20 Millionen US-Dollar in die falschen Kanäle geflossen sein muss, da die Einflussbereiche der Finanzen auf der Leinwand nur durchwachsen in Erscheinung treten. Hatte James Wan während der Fertigung seines Kassenschlagers Saw aus 1,2 Millionen US-Dollar inszenatorisch doch so viel mehr rausgeholt.