Allgemein Internet Soziales

Teilen macht Spaß und Klicks: Wer ist der echte Dr. Phil?

Ein guter Mensch muss tun, was ein guter Mensch tun muss / Luxus und Ruhm, rumlutschen bis zum Schluss – Gute Menschen, OK Kid

Am 12. Dezember 2006 ereignete sich ein obskurer Moment im US-amerikanischen Fernsehen zwischen Trash-Regisseur Ty Beeson und Entertainer Phillip McGraw, der nachhaltig in die Annalen der Internetgeschichte eingehen sollte. Schauplatz war das Set McGraws beliebter Unterhaltungssendung Dr. Phil, welche einen bunten Mix aus Talk-Show, Familientherapie und anderweitiger psychologischer Beratung darstellt und aktuell noch immer fortgeführt wird. Die 19. Staffel ist derzeit auf CBS zusehen. Die Sendung existiert seit September 2002. Ein wahrer TV-Dino also, dieser mediale Nervenklempner, ja das ist er unbestreitbar, doch ein gleichwohl kontrovers diskutierter Charakter, dessen blank poliertes Image als leutseliger Medien-Onkel all die abgedrehten Jahre nicht ohne ein paar mächtige Schrammen überstand. So fasste The Miscellany News, Studentenzeitschrift des Vassar College und eine der ältesten nationalen Institutionen ihrer Art in einem investigativen Artikel im Februar 2019 die gesammelten Vergehen McGraws zusammen. Neben seiner fiktiven Identität als Doktor, der mittlerweile ohne Zulassung eine inhaltslose Küchenpsychologie betreiben würde, galt als prominentester Anklagepunkt der oft beklagte Missbrauch seiner Gäste. McGraw geriet im Laufe seiner Karriere des Öfteren in die Kritik, weil er TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Maßnahmen unter Druck gesetzt hatte, vermeintlich aus dem Grund, sie vor laufender Kamera zum Gespött seines Publikums machen zu können.

Auch Teilnehmer Ty Beeson hatte geplant, McGraw mit ähnlichen Anschuldigungen zu konfrontieren und unternahm einen seiner Persona würdigen Versuch. Geladen war er, um Stellung zu einem von ihm produzierten Independent-Film der Bumfights-Reihe zu beziehen, für den er und seine Helfer Obdachlose mit Geld und Alkohol bestachen, um gegeneinander zu kämpfen bzw. erniedrigende Aufgaben zu erfüllen. Schon die ursprünglichen Bumfights-Macher erlangten durch den Vertrieb des ersten Teiles einen traurigen Weltruhm. Der Verkauf von Kopien des Trash-Streifens machte sie zu Millionären. Auch Beeson wurde durch die Veröffentlichung eines zweiten Teiles nach eigener Angabe reich. Er habe mehrere Millionen Dollar mit dem Bumfights-Konzept verdient und sei nicht überrascht bezüglich seines Erfolges. Es sei eine kranke Welt. Seine Zielgruppe würde sich für die Dokumentation von Gewalttaten an Obdachlosen interessieren, welche er lediglich zum Arbeiten animieren würde. Für den geschulten Moderator war klar, wer in diesem Standoff der Buhmann sein würde, zu Recht, das darf gesagt sein, doch verlief seine angedachte Verurteilung Beesons nicht wie erwartet. Beeson betrat die Bühne in voller Dr.-Phil-Montur inklusive rasierter Halbglatze und warf dem Fernsehpsychologen mit unerwartetem Trotz Heuchelei vor, als dieser bereits angestrengt versuchte, seinen ungeliebten Doppelgänger aus dem Rampenlicht entfernen zu lassen. Während das Publikum den Abgang Beesons mit Applaus für den fassungslosen Host begleitete, erntete McGraw vornehmlich Spottnach dem Bekanntwerden des Vorfalls und seiner Weiterverbreitung im Internet. In Kommentarbereichen von Blogs und Video-Plattformen stellten sich viele User entgegen seiner verachtenswerten Taten auf die Seite Beesons und bestärkten den Vorwurf der Unaufrichtigkeit McGraws, insbesondere in Bezug auf seine eigenen Verfehlungen. Beeson warf damit eine Frage auf, die so alt ist, wie die Bibel und konträr zum Ekel-Effekt der Bumfights-Inszenierungen wirkte. Inwiefern ist es legitim, mit guten Taten hausieren zu gehen?

MrBeast, Philanthrop und Trendsetter

Wohnungslose Menschen sollten weit über den Einflussbereich McGraws und Ty Beesons hinaus eine krude Faszination für Selbstdarsteller beibehalten, die das Internet als Plattform für ihre aufopferungsvollen Taten entdeckt hatten. Was war es doch für eine unangenehme Mutation medial ausgeschlachteter Wohlfahrtsbekundungen als sogenannte Kultur schaffende Web-Kreateure durch die Straßen zogen und Not leidende Fremde mit Happy Meals der Fast-Food-Kette McDonalds versorgten. Eine klare Win-win-Situation für alle Beteiligten. So konnten hilfsbedürftige Gestalten ihre Sorgen für einen Augenblick bei dem Verzehr eines matschigen Cheeseburgers vergessen, während ihnen nach Aufmerksamkeit geifernde Influencer eine Kamera ins Gesicht hielten. Philanthropismus im digitalen Zeitalter, wie wunderbar. Dass sich aus dieser Modeerscheinung ein regelrechter Sport entwickeln würde, war abzusehen. Bevorzugt auf YouTube häuften sich mit der Zeit Bewegtbildbeiträge, welche amtliche Schenkungen großer Geldbeträge und luxuriöser Wertgegenstände als Prämisse einer neuen Gattung der Unterhaltung manifestierten. Kunstfiguren wie der seit 2012 unter dem Tag MrBeast aktive YouTube-Star Jimmy Donaldson erkannten den Heißhunger der Massen auf eine Zelebrierung des sorglosen Umgangs mit werbefinanzierten Unsummen.

Während er seinen Einstand als ernst zu nehmende Medienpersönlichkeit noch mit übermäßig langen Stunts feierte, innerhalb derer er sich sinnlos scheinenden Herausforderungen wie einem knapp zweitägigen Zählen bis 100000 und dem Drehen eines Fidget Spinners für 24 Stunden stellte, bezahlt er heute andere mit unwirklich scheinenden Beträgen dafür, die Rolle der Jahrmarkt-Attraktion einzunehmen. Fünfstellige Preise gibt es da schon einmal für ein bloßes Armdrücken gegen jemanden aus seiner Entourage, das kurzweilige Halten eines Klimmzuges und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Doch gerade hier wird klar, dass es nicht darum geht, dass Teilen Spaß macht, sondern Klicks es nicht wichtig ist, ob ein Fan letztendlich in einem neuen Haus wohnt, sondern das Unternehmen im Schatten MrBeasts, welches die teure Bleibe in Wahrheit finanziert hat, von dieser Kooperation profitiert. Obgleich Donaldson für seine großzügigen Aktionen von seiner Community als bedeutendster Menschenfreund seiner Generation gefeiert wird und mit gleichermaßen surrealen Spendenaktionen Aufsehen erregte, gibt es Stimmen im Netz, die ihn für sein Standing als exzentrischer Samariter schelten, zuletzt unter dem Hashtag ‚EatTheRich‘ (fresst die Reichen). Es scheint somit weder auszureichen noch vernünftig zu sein, der anfänglich aufgekommenen Frage nachzugehen, inwiefern eine öffentliche Darstellung der eigenen Rechtschaffenheit sinnig ist, sondern vielleicht eher, was einen wahrhaftigen Humanisten ausmacht. Scherzhaft merkten Beobachter des Dr.-Phil-Vorfalls zu jener Zeit an, dass sie nicht sagen könnten, ob nun McGraw oder tatsächlich Beeson die Bühne verlassen hätte. Wer war der echte Dr. Phil und wer ist es heute? McGraw, Beeson oder etwa doch MrBeast?

Die Lösung des Falles

Es ist zu differenzieren, doch ein Tatverdacht hat sich bestätigt. Im Zuge der Ermittlungen ist klar geworden, dass niemand der beteiligten den Status eines wahren Menschenliebhabers verdient hat. Denn wer nur zur Ausübung von Nächstenliebe schreitet, wenn er an ihr mitverdient, sollte den Heiligenschein lieber nicht zu hoch hängen. Ein Philanthrop brüstet sich nicht mit Millioneneinnahmen aus billigen Filmchen, in denen Obdachlose missbraucht werden, hofft nicht auf Ruhm durch eine forciert negative Herrichtung psychisch kranker Menschen oder hat es nötig, andere zu Werbekomparsen zu degradieren. Letzteres ist schlichtweg die Aufgabe eines Kapitalisten. Im schlimmsten Fall ereignet sich eine neue Wendung und im Spiegel steht da plötzlich Dr. Phil vor uns, wenn wir selbstsüchtig handeln, wo wir uns als Gönner präsentieren. Zu den Basisanforderungen für das Ideal eines Philanthropen gehören folglich ein Mindestmaß an Selbstreflexion und Ehrlichkeit, eine Gier nach Luxus und Ruhm hingegen nicht.

Quellen:

https://www.businessinsider.com/mrbeast-youtube-jimmy-donaldson-net-worth-life-career-challenges-teamtrees-2019-11?r=DE&IR=T#mrbeast-was-born-as-jimmy-donaldson-on-may-7-1998-1

https://miscellanynews.org/2019/02/20/opinions/dr-phil-peddles-lies-manipulates-guests-for-tv-fame/

%d Bloggern gefällt das: