The Arson Choir – Invisible Monsters, EP-Review: Dillinger im Anschlag und Wut im Bauch

Mit ihrem sechsten und letzten Album Dissociation setzten die Mathcore-Legenden The Dillinger Escape Plan 2016 einen erinnerungswürdigen Schlussstrich unter eine tadellose Diskografie, welche das Genre prägte, wie kaum eine andere. Schwermütig blickten LiebhaberInnen chaotischer Riffeinlagen und Panikakkorde zu dieser Zeit in die Zukunft. Wer würde die Überschall-Matadore ersetzen können und für den Nachschub einer angemessen wohltuenden Mischung aus misstönendem Ohrenfutter sorgen? Doch war jegliche Besorgnis unbegründet. Gab es doch Blogs wie Mathcore Index, welche die Bereitschaft vieler junger Künstler zusicherten, die versucht waren, das fundamentale Erbe anzutreten. Außerdem waren da noch die ewigen Götter der geräuschvollen Unordnung Converge. Ein Schelm, dessen wehklagendes Herz bei der schieren Erwähnung ihres Namens keine Linderung erfahren würde. Die Kalifornier The Arson Choir lieferten Ende vorigen Jahres mit ihrer zweiten EP Invisible Monsters vier energiegeladene Tracks, welche Dillinger-Fans zum Schwelgen in Erinnerungen einladen und gleichfalls eine starke Duftnote in ihrer rumorenden Szene hinterlassen.

Moshpit zum mitnehmen

Es mutet plakativ an, einen bestimmten Sound einer einzigen Band zuzuschreiben, doch es ist, wie ist. Bereits wenige Sekunden im ersten Song ‚The Chemical Curse‘ versunken macht sich innerlich ein Grinsen breit, welches die Worte ‚Milk Lizard‘ auf den Lippen trägt. Es ist die bloße Energie, das vertraute Jaulen der Gitarren, welches in akzentuiert hämmernde Riffs übergeht, nur um in surrealen Melodien zu münden, die einen aufspringen lassen, um irgendwas umzureißen, umzustoßen, anzugehen, an der Bushaltestelle, im Vorlesungssaal, daheim am Esstisch, während der Rest der Familie mit offenen Mündern zusieht. Nicht weniger energetisch und zu jederzeit stilsicher begleiten Del Castillo und Kincaid die Gitarren-Sektion am Bass und hinter dem Schlagzeug. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die knappe Handvoll Tracks lediglich nuanciert in ihrem Aufbau und ihren divergierenden Dynamiken. Da ist beispielhaft diese wunderbare Stelle in ‚Revenge, My Love‘, in denen eine dringlich vorgetragene Textpassage einen Breakdown einläutet, der leicht als intensiver Höhepunkt der EP ausgemacht werden kann. Grund dafür ist maßgeblich die emotionale wie furiose Lyrik, welche den ikonischen Opfern rassistischer Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten gewidmet ist.

„Black boys and girls / shouldn’t live in fear / When they see a pig in the rear view mirror“

Invisible Monsters wirkt wie aus einem Guss und das ist gut so. Mit einer stramm bemessenen Länge von neun Minuten liefert The Arson Choir die Essenz einer gesamten Hardcore-Show in einem mundgerechten Happen, der nichts vermissen lässt. Penegar macht seine Sache stimmlich ausgezeichnet und stet Greg Puciato in der Darbietung heiserer Shouts und bärbeißigen Knurrens in nichts nach. Im Angesicht des gebündelten Potenzials, welches The Arson Choir ausstrahlen, ist allerdings klar, dass da noch was geht, insbesondere in puncto Klangvielfalt. Machen sie es den großen Instanzen der Vergangenheit nach und trauen sich fortan den Schritt aus ihrer Komfortzone zu, wird der Mathcore schon bald einen neuen Platzhirsch zu verbuchen haben. In diesem Sinne kann ihre erste EP Trophy Nation als Anhaltspunkt dienen, die sich noch abweichend an einem Post-Hardcore-Sound der 2000er bediente, doch aufgrund ihrer abwechslungsreichen Elemente eine Menge zu bieten hatte und nachdrücklich zu empfehlen ist.