Allgemein Kolumne Soziales

Semsrott kündigt Sonneborn: Provokanter Humanismus in der Krise?

Ein Paukenschlag erschüttert die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, allgemein bekannt als Die PARTEI. Die Vorzeigepersonalie Nico Semsrott ist raus. Dies verkündete er in einer Stellungnahme zum gestrigen Datum des 13.01.2021, einzusehen auf seiner Homepage (nicosemsrott.eu) und begründet seinen Austritt mit einer schwerwiegenden Kritik an Mitbegründer und Parteivorsitzenden Martin Sonneborn MdEP, in welcher er seinen einstigen Parteifreund und Kollegen im Europäischen Parlament eines vorsätzlichen rassistischen sowie reaktionären Verhaltens beschuldigt. Sonneborn reagierte bereits mit einer öffentlichen Entschuldigung. Ob sich die Abwendung Semsrotts zu einer Zerreißprobe für die humanistische Satirepartei Die PARTEI entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Humorist und PARTEImitglied

Seit seiner Teilnahme als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 für die Berliner Landesliste beflügelte der ausgezeichnete Kabarettist, Satiriker und Slam-Poet Nico Semsrott, das politisch-aktivistische Rettungsboot des Satire-Magazins Titanic. Nicht nur seine gefühlskalte Miene und eine stets halb ins Gesicht geschlagene Kapuze verschafften Semsrott in den Folgejahren Bekanntheit innerhalb des politischen Spektrums Deutschlands und über die Landesgrenzen hinaus. Sowohl als niedergestimmtes Mitglied des Ensembles der Nachrichtensatiresendung ZDF-heute-show (2017 bis 2019), wie durch die Inszenierung schwarzhumoriger Wahlkampfaktionen schaffte es der bühnenerprobte Demotivationstrainer, anhaltende Akzente zu setzen und vor allem seinen politischen Gegenspielern hartnäckig in Erinnerung zu bleiben. So setzte sich Semsrott maßgeblich für eine stärkere Auseinandersetzung älterer Politiker mit jüngeren Generationen ein und wusste dahingehend gekonnt Nadelstiche zu setzen. Beispielhaft tat er dies in einem streitbaren Wahlwerbespot zur Europawahl 2019, in dem er ein Höchstwahlrecht von 62 Jahren forderte, da sogenannte Letztwähler über eine Zukunft entscheiden dürften, welche sie selbst nicht mehr erleben würden.

Am 26. Mai 2019 erlangte er ein Mandat im Europäischen Parlament nebst seinem nun in der Kritik stehenden Ex-Kollegen Martin Sonneborn. Die PARTEI erreichte in Deutschland 2,4 % der Stimmen. Im Gegensatz zu Sonneborn (fraktionslos) schloss er sich der Grünen-Fraktion an und untermauerte seinen Beschluss mit einem Bestreben, primär realpolitische Ziele verfolgen zu wollen. Auch in seiner Zeit als Mandatsträger sorgte Nico Semsrott für eindrucksvolle Performances, wie etwa seinem ungehorsamen Einspruch im mit den Logos von Beraterfirmen gespickten Pullover, welcher Ursula von der Leyens aufgedeckte Berateraffäre sarkastisch kommentierte und einem aufsehenerregenden Video, mit welchem er eine Diebstahlserie im Europäischen Parlament während der COVID-19-Pandemie in den Fokus rückte.

Ernsthaft gestrige Witze

Zum Zerwürfnis mit Sonneborn kam es nach einem Tweet, welcher eine Anspielung auf Donald-Trump-Fanartikel sein sollte, die trotz dessen anti-chinesischer Politik in China hergestellt wurden. Er formulierte seine Kurznachricht in gebrochenem Englisch – eine Persiflage auf den vorurteilsbehafteten Mangel an Fremdsprachkenntnissen von Ost-Asiaten. Semsrott kritisierte Sonneborn als latent rassistisch, zudem ignorant und rücksichtslos im Umgang mit Feedback.

„Ich habe vor einem Jahr vergeblich zu dieser Thematik mit ihm diskutiert und ihn vor einigen Tagen gebeten, über sein Posting nachzudenken und sich zu entschuldigen. Er hat es nicht gemacht. Das ist also kein Versehen, er will das eindeutig so.“

Nico Semsrott (Humorlose Erklärung, warum ich aus Die PARTEI austrete)

Der namhafte sowie als intellektuell versierter Satiriker und antifaschistischer Politiker angesehene Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn ist weithin bekannt für seinen angriffslustigen Aktivismus. 2006 macht er durch einen Bestechungsversuch bei der FIFA von sich reden, welchen er im Rahmen der in Deutschland ausgerichteten Fußball-WM durchführte. 2011 geriet er hingegen schon einmal in die Kritik, als er auf einem Wahlplakat mit einem schwarz geschminkten Gesicht und dem Spruch „Ick bin ein Obama“ zu sehen war.

Politiksatire im Stresstest

Mit dem getadelten Vorstoß des MdEP Martin Sonneborn gerät nicht nur seine Persona erneut in die Schusslinie. Obwohl die Mitgliederentwicklung der PARTEI für eine wachsende Beliebtheit der basisdemokratischen Initiative spricht (+36,57 %, 2019) und in den letzten Jahren kontinuierliche Erfolge bei Kommunalwahlen zu verzeichnen hatte, wird sie von ihren Opponenten oft als Prestigeprojekt Sonneborns bezeichnet. In einem skeptischen Kommentar der taz beschrieb Reporter Martin Kaul die PARTEI 2017 als „snobistisch und dekadent und zu bekämpfen“ und befeuerte damit ein noch heute vorgeführtes Extrem einer realitätsfremden politischen Vereinigung, konträr zu dem progressiven Bild einer pädagogisch wertvollen Protestorganisation andersdenkender Rezensenten. Im gleichen Zeitraum berichtete Kai Stoppel für n-tv in seinem Kommentar: „Die Existenz von „Die Partei“ mag im herkömmlichen Sinne unkonkret sein, aber sie ist keine Gefahr für die Demokratie. Sie ist eine Kleinpartei, welche auf ihre ganz eigene Art den drögen Politikbetrieb bunt macht und dadurch bereichert.“

Erst im Laufe des letztens Jahres wurden Vorwürfe eines strukturellen Sexismus innerhalb der Partei laut. Diese reagierte damals selbstkritisch und mit der Einrichtung von Beschwerdestellen. Nun sieht sich die PARTEI, betreffend der Vertretung progressiver Werte, erneut dem Vorwurf der Scheinheiligkeit ausgesetzt. Der Abgang Nico Semsrotts ist ein maßgebender Verlust und wirft ein flackerndes Licht auf die sonst so meinungsstarke Kleinstpartei, welche nach außen hin gerne eine unantastbare Oberfläche kommuniziert. Schuld daran ist Martin Sonneborns spätes einlenken, da sich die PARTEI hinter ihren bissigen Wahlsprüchen an erster Stelle als sozialpolitische Instanz durchsetzen konnte. Marco Bülow (bis 2018 SPD), welcher im Herbst zur PARTEI stieß, wird sie im Bundestag als erster Abgeordneter für den Wahlkreis Dortmund I vertreten. Er positionierte sich kurze Zeit später per Twitter-Post mit einer indirekten Abweisung der Anklagepunkte Semsrotts und ließ damit wenig Hoffnung auf ein einhelliges Verständnis der vorgebrachten Bemängelungen in der Parteispitze. Sollte die Partei die PARTEI weiterhin einen Erfolgskurs anstreben wollen, wird sie beweisen müssen, dass sie ihre Verantwortung begreift und in Zukunft kein borniertes Lachen als Entschuldigung für die Lustlosigkeit an einem Politikbetrieb vorschieben wird, zu welchem sie früher oder später als anerkannte Kraft einen in gewissermaßen konformen Beitrag leisten werden muss. Schafft sie es nicht, ihren Stolz zu überwinden, der ihr bis dato ein uneingeschränktes Pöbeln gegen das verhasste Establishment erstattet, wird sie ihren schlimmsten Kritikern in die Karten spielen und sich letztendlich als populistische Luftpumpe erweisen, der langsam, aber sicher die Puste ausgeht.

Quellenangaben:

https://nicosemsrott.eu/de/my-work/humorlose-erklarung-warum-ich-aus-die-partei-austrete

https://taz.de/Rassismusstreit-um-Martin-Sonneborn/!5744181/

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