Alex Burunovas Enter The Anime: Tokyo, Netflix und der Kult der müden Geister

An einem Bahnsteig beginnt unsere Reise, die uns den Eintritt in das Reich der japanischen Animationsfilme gewähren soll. Begleitet von weichen Lo-fi-Hip-Hop-Beats tauchen wir in ein klassisches Alltagsszenario Tokyos ein. Es ist die Fahrt mit der U-Bahn, welche nach Burunova, womöglich am besten ein Gefühl für die Mentalität der Japaner wiedergibt. Ordnung, Höflichkeit und ein zurückhaltendes Wesen sind hier erwünscht. Wir akklimatisieren uns und schon ist es um uns geschehen. Wir sind ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht, während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt. Wir können die überwältigende Bilderflut, die uns in Japans bekanntester Metropole erwarten wird, nur erahnen. Denn bis dato befindet sich unser Tour-Guide noch im amerikanischen Los Angeles. Alex Burunova stellt sich uns als Filmemacherin vor, die erst mit der Anime-Umsetzung der berühmten Videospiel-Reihe Castlevania (Netflix 2017) so richtig auf den Geschmack gekommen ist. Beauftragt von Netflix stellt sie sich in ihrer Kultur-Dokumentation Enter The Anime der Frage, was die Essenz des japanischen Zeichentricks ist und welche Bedeutung sie für die Japaner hat. Am Ende dieses Abenteuers werden jene befriedet sein, die sich eine knappe Stunde knalligen Fan-Service und Instagram-Lifestyle versprochen haben, solange das Popcorn reicht. Enthusiasten, die eine tief greifende Erfahrung erwarten, welche einen eindringlichen Blick in das Seelenleben der Anime-Schöpfer ermöglicht, seien daher vorgewarnt. Und dennoch ist Burunovas Reportage einen Blick wert, da sie erahnen lässt, dass da noch mehr ist, irgendwo zwischen den demütigen Zeilen der Protagonisten, dem epileptischen Werbematerial für einen Tagesausflug nach Tokyo und der Ausstellung einer Corporate Culture, die Personalmanagern bei Google und Konsorten die Augen feucht werden lässt.

Bunt, laut und getrieben

Noch immer stecken wir in Los Angeles fest, aber lernen dafür den ersten Macher kennen, der sich uns nicht etwa als Creator, sondern Zeitreisender ausweist. Es ist der Produzent des Castlevania-Anime höchstpersönlich, Adi Shankar, dessen leicht aufgekratzte und sympathisch durchgeknallte Art sich schon bald als Foreshadowing herausstellen wird. Denn Anime bedeutet, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, nicht nur Kreativität am Rande des Limits, sondern ein leidenschaftliches Engagement für alles Andersartige. Nach einer kurzen Abhandlung seines rasanten Aufstiegs vom talentierten Fan-Fiction-Initiatoren zum professionellen Netflix-Kinematographen kommen wir endlich in Tokyo an und treffen überraschenderweise auf einen weiteren Gaijin der japanischen Zeichentrick-Industrie. Lesean Thomas, der sich selbst als Fremdkörper in Japan betrachtet, produziert dort die Bewegtbild-Umsetzung seines Comics Cannon Busters und zeichnet uns ein Bild des Anime als ‚trans genre medium‘, welches sowohl die Möglichkeiten bietet, unterschiedliche Stilrichtungen als auch verschiedene Kulturen miteinander zu vereinen. Dies ist ein interessanter und progressiver Ansatz, welcher nicht der Letzte sein wird, den wir in der kommenden Dreiviertelstunde aufnehmen werden, doch ist er gleichermaßen ein wichtiger Hinweis auf die differierenden Blickwinkel, welcher aufzeigt, inwiefern die westlichen und östlichen Sichtweisen auf das Thema Anime voneinander abweichen. Leider wird diese Erkenntnis nicht weiter aufgegriffen, wie so mancher leise Nebenton, der Alex Burunovas Berichterstattung mehr Tiefe hätte verleihen können. Doch wir können ihr weder den Vorwurf machen, eine schlechte Filmemacherin zu sein, noch die eigentliche Zielsetzung aus den Augen verloren zu haben – Netflix als Geldgeber zufriedenzustellen. Enter The Anime ist bunt, laut und getrieben, als wäre jegliche Verringerung des anhaltenden Tempos unwürdig, um die Diversität der japanischen Popkultur zu proklamieren und unterhält als surrealer Trip, der mit dynamischen Blenden und atmosphärischen Soundeffekten eine aufregende Achterbahnfahrt darstellt. Die trotz alledem in energetisch anmutenden Interviewsequenzen und Außenaufnahmen erreichten ruhigen Momente verleihen dem Gesamtbild keine besondere Dramatik, doch sorgen hier und da für eine Wohlfühlstimmung, welche an geeigneten Stellen den Druck rausnimmt, damit wir das Erlebte für einen Augenblick einziehen lassen können. Doch es ist nicht die poppige Inszenierung allein, die uns bei der Stange hält. Ein Füllhorn an Begegnungen, gekoppelt an zahlreiche Making-of-Situationen mit monumentalen Persönlichkeiten der Anime-Szene Japans, unterbricht die teils anstrengende Effekthascherei für informative Stellungnahmen und Erzählungen jener Macher:innen.

Eskapismus vs. Establishment

Enter The Anime wird im folgenden Verlauf weder optisch noch inhaltlich langweilig, doch verpasst es Alex Burunova dem Anime als mysteriösem Patienten den korrekten Zahn zu ziehen. Während sie umherstreift und gelegentlich bedauert, nicht den richtigen Anhalt zu finden, um die Essenz der japanischen Animationskunst ein für alle Mal ersichtlich zu machen, ist klar, dass es nie dazu kommen wird. Denn jegliche Filme und Serien, die Platz in ihrer dicht besiedelten einstündigen Dokumentation finden, sind, wie sollte es anders sein, Eigenproduktionen von Netflix oder haben einen direkten Bezug zu jeweils mindestens einer Produktion, die aktuell beim Streaming-Riesen zu sehen ist. Unter anderem sind im Gespräch: die Anime-Produzenten Kōzō Morishita (Saint Seiya, Dragonball Z), Rarecho (Aggretsuko) und Rui Kuroki (B: The Beginning, Kill Bill: Vol. 1), sowie die Regisseure Masahito Kobayashi (Rilakkuma und Kaoru), Yukio Takahashi (7Seeds), Toshiki Hirano (Baki, Magic Kaito) und Shinji Aramaki (Ultraman, Ghost in the Shell SAC_2045), um nur ein paar wenige Namen der vertretenen Repräsentanten zu nennen. Geplauscht wird über ikonische Szenen und Besonderheiten des vorgestellten Anime, die uns verdienterweise anfixen. Tatsächlich wird ebenso über die Schattenseiten des Business gesprochen wie die ermüdenden Arbeitsintervalle und einstige Berufswünsche, die nichts mit Anime zutun hatten. So wird in vielen Teilsätzen bemerkbar, dass die Tätigkeit als Anime-Creator ein Segen und ein Fluch gleichermaßen zu sein scheint. Die meisten dieser Aussagen werden sogar von Burunova selbst angestoßen, doch verkommt ihre investigative Arbeit, welche ab und an den Finger in die Wunde legt, hinter ihrem Plädoyer für eine Corporate Culture, die den Versprechen der Start-ups und Großkonzerne unserer Zeit Blindlinks ins offene Messer läuft. Animes zu produzieren, sinniert sie, steht für das eingehen von Risiken, mutig seinen eigenen Weg zu gehen, Akzeptanz und Inspiration in ruhigen Momenten zu finden (Google-Hauptquartier, wärme schon einmal das Bällebad vor, meine Kreativität ist bereit, dafür in dir aufzublühen, um dann während eines 20-Stunden-Crunge vor dem Rechner vollkommen einzugehen!). Ja, bezeichnend ist gerade ihr Schlusswort, das die DNA des Anime endgültig entschlüsselt haben will. Was ist Anime? Das ist keine Frage nach dem ‚Was?‘ oder ‚Wer?‘. Es ist die Erkenntnis, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein und als Individuum in ihm zu verschwinden. Wow! Dieses Statement zergeht auf der Zunge wie ein angewärmtes Stück Butter, doch hinterlässt es einen wahrhaft bitteren Nachgeschmack. Wir spulen noch einmal zurück und befinden uns wieder in der U-Bahn. Wir sind hier ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht. Gemeint ist eine veraltete japanische Lebensphilosophie, welche sich um Ehre, Stolz und die Wahrung des eigenen Gesichtes dreht, selbst unter einer unmenschlichen Arbeitsbelastung und dabei stets zu einer Stabilisierung des großen Ganzen verpflichtet. Während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt, läuft Burunova in die Falle einer modernen Unternehmenskultur, in der ein Obstkorb als Köder fungiert und uns einredet, dass wir nun im Gegensatz zu damaligen autoritären Hierarchie-Modellen als Individuum unsere eigenen Ziele erreichen, unsere Arbeitszeiten selbst bestimmen und endlich einen Sinn in unserem Tun auffinden können. Work-Life-Balance! Feel-Good-Management! Corporate Identity! Denn wer brauch schon eine eigene! Das da immer noch ein ominöses großes Ganzes ist, dem wir uns mit der Unterzeichnung unseres Arbeitsvertrages anschließen, wird heute schlichtweg verschwiegen. Doch verschwinden wir nicht mit ihm, sondern erhalten das Phantom mit unserer 24/7-Gegenwart in den arbeitnehmerfreundlichen Büros inklusive Yogabereich am Leben. Wenn Rarecho und seine Mitarbeiterin Yeti nur an ein paar hinreichende Stunden Schlaf denken können, wenn sie auf das Thema Freizeit angesprochen werden, Kuroki davon berichtet, dass er keine Zeit für ein Mittagessen hatte, weil es nicht in seinen Tagesplan passt oder Morishita, der außerdem im Vorstand des japanischen Disney-Pendants Toei Animation sitzt, gleich mehrmals damit zitiert wird, dass er nichts als ein Klumpen Stress ist, wenn er einen neuen Anime inszeniert, dann sind dies keine Loblieder auf eine zu glorifizierende Aufopferungsbereitschaft, sondern die Mahnmale einer vom Kapitalismus gezeichneten Industrie. Das viele der teilnehmenden Kreateure offen damit umgehen, eigentlich nie ihren jetzigen Job angestrebt zu haben, überrascht nur, wenn wir uns Burunovas vollmundige Phrasendrescherei zu Herzen nehmen, die all die Beschwerlichkeiten dieser Berufung vollkommen verklärt. Ein Funfact dieser Doku ist, dass in Japan mehr Manga als Toilettenpapier produziert werden, was jedoch den ernüchternden Hintergrund hat, dass es eine Überproduktion gibt und die hart erarbeiteten Endprodukte, die sich nicht als populär auszeichnen können, als Wegwerfprodukte angesehen werden. Das die japanische Animationsfilm- und Manga-Industrie seit Jahren eine düstere Dunkelziffer schreibt, die begangene Selbstmorde aufgrund der hohen Arbeitsbelastung insbesondere unter jungen und unerfahrenen Künstlern abdeckt, ist etwas, das vonseiten der Unternehmen nur allzu gerne totgeschwiegen wird. Leider wird dieser Zielgruppe auch in Enter The Anime keine Beachtung geschenkt. Während die US-Künstler Shankar und Thomas den Anime noch als expressionistischen Spielplatz wirken lassen, spiegelt sich in den ausgewählten Netflix-Produktionen ein Kampf zwischen einem Eskapismus und den gesellschaftlichen Konventionen, dem Establishment wider. Burunova berichtet diesbezüglich an einem Punkt von der Begeisterung für Kawaii, der Faszination für das Niedliche, welche sich bereits in den 1960er Jahren als Subkultur entwickelte und Schüler dazu antrieb, sich gegen die unnachgiebige Erwachsenenwelt aufzulehnen. Rarecho spricht in Bezug auf seinen Anime Aggretsuko in dem es um eine gestresste Büroangestellte geht, die ihre Vorliebe für Death Metal zum Abbau ihres Kummers entdeckt, davon, wie Abnormalitäten die Menschen von ihrer eigenen Banalität befreien können. Er erklärt uns damit gleichermaßen die skurrilen Ausflüchte in das Extreme, beispielsweise wenn es in anderen Animes immer wieder um Männer mit überdimensionalen muskelbepackten Körpern geht, wie in Seiji Kishis Kengan Ashura in denen jene für die Interessen der einflussreichsten Geschäftsführer Japans in den Kampf ziehen. In Enter The Anime lernen wir die Stars der Anime-Szene zwischen den Zeilen als Kult der müden Geister kennen, deren bröckelnde Fassaden nicht gänzlich von Burunovas ausgewählten Filtern überstrichen werden können. Sie sagt, dass sich das gestrige Japan und die progressiven Elemente des Anime gegenseitig befeuern, doch dies ist eine grobe Fehleinschätzung. Ein ausbeuterisches System ist nicht besser, nur weil es in neuen Gewändern daherkommt. Anime ist ein Aufbegehren gegen die anti-humanistischen Strukturen unserer Welt, die in den Abfalleimer der Geschichte gehören.

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