Michael Barretts Temple, Film-Review: wirrer Horror nach Wendler Art

[SPOILERWARNUNG; aber ist eigentlich auch egal]

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich manchmal blendende Vorzeichen für ein geplantes Projekt und ein fürchterliches Endprodukt widersprechen können. Michael Barretts Film-Debüt in der Position des Regisseurs namens Temple kam bereits um 2017 heraus, doch liefert dieser Umstand keinerlei Erklärung für einen Film, der trotz gewisser kinematografischer Qualitäten weder die Spur eines roten Fadens erkennen lässt, noch Charaktere vorweisen kann, die wirken, als wären sie ein Teil in ein und derselben Story. Noch mitten im Geschehen, verwundert und orientierungslos den merkwürdig aneinandergereihten Mosaikstücken der Handlung folgend, wünscht sich der Zuschauer etwas banales, wie das Erscheinungsdatum würde Anhaltspunkte für den Wahnsinn geben, welcher sich einem in Form von beziehungslosen Akteuren bzw. Kreaturen und ihrem gelegentlichen Aufeinandertreffen anbiedert. Es stellt sich somit die Frage, was schief laufen konnte, obwohl ein anständiges Budget von 3,4 Millionen US-Dollar zur Verfügung stand, zudem eine us-amerikanisch-japanische Zusammenarbeit authentische Drehbedingungen auf dem ostasiatischen Inselstaat sicherstellte und sowohl der prämierte Kameramann Barrett (Kiss Kiss Bang Bang, Ted) als auch der mitwirkende Schreiber Simon Barrett (You’re Next, Blair Witch) [verwandt oder doch nur Namensvetter] gemeinsam über das notwendige Maß an Erfahrung verfügten, um einen zumindest erträglichen Mix aus altbekannten J-Horror-Elementen zu kreieren. Doch weit gefehlt, denn Temple ist zum Schaudern wunderlich, ja gerade eben gruselig in seiner Kunst allem einen unbeständigen Touch zu verleihen, der den Zeugen dieser forciert-ungewollten Mittelmäßigkeit am eigenen Urteilsvermögen zweifeln lässt. Es macht sich ein unangenehmes Bauchgefühl breit, dass nur vergleichbar mit der Wirkung einer Telegram-Ansprache Michael Wendlers ist, in der er berichtet, dass keine Normalität mehr herrscht und nur eine Flucht in die in Corona versinkenden Vereinigten Staaten jetzt noch Sinn macht, wo sich die Bundesregierung mit ihren Anti-Pandemie-Maßnahmen gegen uns alle verschworen hat und die Tilgung seiner Schulden noch im vorigen Augenblick nur eine schlechte RTL-Show entfernt zu sein und ihm ein verträgliches Leben mit gesunden menschlichen und geschäftlichen Kontakten zu ermöglichen schien. Gefasel Ende. Schwindelgefühl an. Doch eins nach dem anderen, denn ein Bezug zum Film soll schließlich gleichfalls gezogen sein.

Handlung, Fallstricke, Befremdlichkeit

Kate ist der Stereotyp einer jungen, attraktiven Studentin, die sich für vergleichende Religionswissenschaften interessiert, da dies eine passende Kausalität zum betitelten Tempel-Ausflug ist. Weil ihr Freund Chris, der ziemlich schräg daher kommt, aber ein gutes Herz hat, nebstdem seinen Bruder bei einem schrecklichen Unfall verlor, arrangiert sie einen Trip nach Japan, um ihm ein erfrischendes Abenteuer zu bieten. Überraschenderweise lädt sie ebenfalls ihren festen Womanizer-Freund James ein, der sie ab ihrem Wiedersehen in der Eingangshalle ihres Hotels in Tokyo in regelmäßigen Abständen befummeln wird und Chris zum dritten Rad degradiert, dass während des folgenden Bummels durch Japans aufregende Hauptstadt, wie in Trance durch eine Kamera starrend, konfus durch die Gegend rollt. Doch Chris spricht passabel japanisch und ist deswegen irgendwie nützlich auf einer Reise, die eigentlich seiner mentalen Verfassung zugutekommen sollte. Blah, Blah, Blah, Kate findet ein mysteriöses Buch in einem Ramschladen, vor dem sie die Verkäuferin warnt, aber Chris wird später zurückkommen, weil der kleine Geisterjunge es ihm in Abwesenheit der Besitzerin verscherbelt. Was? Kleiner Geisterjunge? Ja, ist egal, weiter im Kontext. Die drei Machen sich auf dem Weg zum Dorf, über dem der Tempel liegt, weil der Barmann, den Chris zufällig kennenlernte, dort geboren wurde und ihm eine Wegbeschreibung aufgemalt hat. Sie erscheinen also später im Dorf und die letzte Handvoll Bewohner so: „Och ne Amerikaner.“ Aber die alte Frau, bei welcher der Geisterjunge wohnt und die sich um ihn kümmert, ist ganz nett und lässt die nervenden Touris in ihrem traditionellen Heim übernachten und nein, der Geisterjunge hat eigentlich nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit dem Schrein, aber musste ja kurz in Tokyo erscheinen, um Chris das Buch anzudrehen. Also wirklich alle wissen, dass er tot ist, außer die drei Amerikaner (oder Briten, ich habe verdrängt, ob das erwähnt wird). Sie lassen sich also vom kleinen Geisterjungen zum Schrein führen, nach einer semi-gespenstischen Nacht, in der das verrückteste Chris war, der Kate und James beim Geschlechtsverkehr filmt und sich vom sensiblen Einzelgänger zum unangenehmen Freak steigert – und einen Dämon oder so was sieht, aber das hat er auch schon in Tokyo, wegen der Aura des Buches. Ach so, in Tokyo waren Chris und James zwischendurch in einer Disco, in der James seine wahre Natur zeigt, als er eine Japanerin auf der Tanzfläche betatscht. Anstatt einzuschreiten oder Kate mit diesem Wissen zu konfrontieren, selbst nicht, als sie Chris vom heimlichen Schwangerschaftsabbruch von James‘ ungeborenen Baby erzählt, von dem James nichts weiß, filmt er die Szene nur so für sich – was soll das alles, was sind das nur für Typen? Okay nun sind wir schon beim Tempel, der Geisterjunge ist bereits nach Hause gegangen, weil er da sein muss, bevor es Dunkel wird. Chris hat sich ein Bein gebrochen und James wird von der Fuchsgöttin getötet, um die es auch in dem Buch geht, sie bewacht nämlich den Tempel. Eigentlich spukt es dort aber wegen einer Gruppe von Kindern, die anno Feuerzeug von dem Mönch des Tempels umgebracht wurde, der daraufhin von einem wütenden Mob umgebracht wurde, aber sich die Freddy-Krueger-Nummer gespart hat und ist einfach tot geblieben. Chris wird jetzt von den toten Kindern im Tempel angegriffen, während sich Kate in der Miene verläuft, die James beim Pinkeln gefunden hat. Ach ja, aber eigentlich sind das alles Erinnerungen von Zombie-Chris, der von einem Professor über die Ereignisse befragt wird und bei seiner Flucht den Übersetzer umbringt, während der kleine Geisterjunge draußen auf dem Flur auf ihn wartet. Das ist das Ende und man hofft einfach, dass Chris Flucht keinen Anlass für eine Fortsetzung bietet, also so wie bei Michael Wendlers Flucht nach Amerika. Da der Film nur 78 Minuten misst, fragt man sich dann noch einmal, wo hinein das ganz ordentliche Budget geflossen sein soll. Außerdem habe ich jetzt sowohl Bock auf als auch Mitleid mit Japan. Sumimasen, Leute! Review Ende. Schwindelgefühl bleibt.

Michael Barretts Temple ist zurzeit noch auf Netflix streambar – oder besser nicht.

„Egal“ – Michael Wendler

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