Der Fall Rowling und das Bildnis der alten weißen Frau

“Youth can not know how age thinks and feels. But old men are guilty if they forget what it was to be young.” ― J.K. Rowling, Harry Potter and the Order of the Phoenix

Was haben Joanne K. Rowling, die Familie Kennedy und Robert Downey Jr. gemeinsam? Ihre Namen sind vielen von uns auch als Akronyme ein Begriff. So ist das eben, wenn man wahnsinnig berühmt ist, da fliegen einem die coolen Spitznamen einfach zu. Vermutlich wäre JKR heute genauso JKR, wenn ihr kein gesellschaftlicher Knebel vorgeschrieben hätte, ihre Bücher als J. K. Rowling zu publizieren. Doch der Verlag entschied anno Quidditch, dass die Erkenntnis, die Harry-Potter-Serie werde von einer Frau geschrieben, eine gewisse Zielgruppe von jungen männlichen Lesern vergraulen könnte. Ob diese Vorgehensweise auf einem rein finanziellen Motiv basierte, ist heute nicht mehr wichtig, denn würde sich die Vertuschung von Joanne K. Rowlings Geschlecht dieser Tage als valide herausstellen, so hat sie in retrospektive einer Menge junger Knaben eine fantasievolle Welt eröffnet, die ihre Kindheit gewiss bereicherte, vor allem um einen unwiderstehlichen Anreiz, ein Buch anstatt eines Game Boy in die Hand zu nehmen. Und dennoch ist diese Begebenheit interessant, ja sogar unbedingt erwähnenswert in einer Zeit unerbittlicher Kämpfe zwischen Menschen, welche die Wahrung ihrer Identität gefährdet sehen. Es geht um einen panischen Diskurs, den die Schutzheilige aller Kinderbuchautor/en/innen Joanne K. Rowling teilweise selbst mit einer starken und zu gleichen Teilen fragwürdigen Meinung befeuerte.

Identität im Angststrudel

2019 begann das Drama um das, was Rowling über die Inklusionsansprüche der transgeschlechtlichen Szene zu sagen hatte, zu sagen versuchte bzw. eigentlich mit einer Mischung aus Kurznachrichten und Blogeinträgen über ihre Haltung gegenüber dem binären Geschlechtersystem und seiner Legitimität zu meinen dachte. Kurz und bündig vertrat sie dabei eine konservative Haltung, welche die Etablierung eines dritten Geschlechtes als unakzeptabel behandelte. Angefangen mit ihrer Affinität für die Aussagen der umstrittenen radikalfeministischen YouTuberin Magdalen Berns, verdichtete Joanne K. Rowling im weiteren Verlauf des Jahres fortschreitend ein Meinungsgebilde, welches den Eindruck hinterließ, dass ihr Antrieb nicht ausschließlich aus dem Willen bestand, das weibliche Geschlecht vor der engültigen Relativierung zu retten. Ebenso hinterließen ihre Äußerungen einen trotzigen Beigeschmack, der auf dem entsetzten Widerstand ihrer bis dato schier unendlich ergebenen Fangemeinschaft begründet schien. Der Stachel saß tief bei jenen, die sich durch ihr biologisches Geschlecht unwiderruflich gebrandmarkt fühlten, Feministinnen wie Rowling, welche die Auflehnung gegen das altertümliche Modell des Patriarchats durch die schrille Stimme der Transgenderbewegung torpediert sahen und den Ultrarechten, welche dachten, dass sie sich durch die bloße Kraft ihrer blinden Wut und wüsten Beschimpfungen gegen jegliche Anbahnung einer modernen Auslegung der Geschlechterverhältnisse zurück in die Vergangenheit prusten könnten. In einem großen Strudel aus Angst um die Sicherung der eigenen Identität drehten sich die beteiligten Parteien weiter um einen vermeintlich nicht greifbaren Konsens. Rowling unterstützte persistent konservative Stimmen wie die der gefeuerten Steuerfachfrau Maya Forstater, welche sich durch Twitter-Posts gegen die Akzeptanz von Transfrauen- und Männern um ihren Job gebracht hatte, und machte sich noch im Juni dieses Jahres mit einer Nachricht unbeliebt, welche die Menstruationsfähigkeit als absolute Voraussetzung für die Zuordnung zum weiblichen Geschlecht verkündete. Doch wer glaubt, dass währenddessen auf der Seite der Befürworter einer bedingungslosen Inklusion von transgeschlechtlichen Menschen eitel Sonnenschein herrschte, der irrt. Von individuellen rationalen Diskursversuchen, welche auch die eigenen geforderten Integrationsmaßnahmen infrage stellten, bis zu verbalen sexistischen Angriffen, die vor keiner Generalisierung andersdenkender zurückschreckten, sprach auch im vorgeblich progressiven Lager dieses Konfliktes die Furcht in lauten wie leisen Tönen aus den Mündern und Online-Accounts der Protestanten.

Dumbledore, du fehlst!

Nun schreiben wir den 05.09.2020 und es darf behauptet werden, dass sich die Unruhen zumindest mit dem Fokus auf die Meinung einer der noch immer und trotz alledem beliebtesten Schriftstellerinnen der Welt beruhigt haben. Fraß sich der Schock doch gerade deshalb so in die Herzen junger und alter Fans, da die Harry-Potter-Bücher mit ihrer Warnung vor und Verachtung der totalitären Herrschaftsbestrebungen böser Kräfte und den Siegeszug des Guten verkündend, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Macht der Vernunft darstellen. Joanne K. Rowling scheint sich derweil vollends über die Tragweite ihrer kritischen Aussprache bewusst geworden zu sein und diese zu bedauern. So trafen die Akronyme JKR und RFK erst vor wenigen Tagen tatsächlich im echten Leben zum Anlass eines zerknirschten Ausdrucks von Verantwortungsbereitschaft aufeinander. J. K. Rowling gab den ihr verliehenen Menschenrechtspreis von der gemeinnützigen Organisation Robert F. Kennedy Human Rights (RFKHR), nachdem Kerry Kennedy (60), die Vorsitzende der Organisation und eines der Kinder des 1968 ermordeten Robert F. Kennedy, sich kritisch über Rowling geäußert hatte, zurück. Auch wenn das Bildnis des alten weißen Mannes weiterhin als Symbol für jene verwendet werden wird, die jeglichen zukunftsweisenden gesellschaftlichen Wandel ablehnen, sieht es so aus, als ob J. K. Rowling aufgegeben hat, sich an dem Äquivalent als Verkörperung der alten weißen Frau abzuarbeiten. Nach all der Kritik an ihrer Persona ist es nun allerdings gleichermaßen von Nöten, Milde walten zu lassen. Die Jungen dürfen nicht vergessen, dass sie (noch) nicht verstehen können, wie das Alter denkt und fühlt. Irgendwann werden wir es sein, denen sich die Welt entschieden zu schnell dreht und uns dabei ertappen, wie wir der nächsten Generation vor der Angst vor Veränderung auf die Füße treten. Um diesen Punkt klarzumachen, braucht es in der Regel einen gelassenen Mediator, der die verfeindeten Parteien mit sanften Worten der Klarheit zur Vernunft geleitet. Doch wer ist dieser Aufgabe gewachsen, wenn es darum geht, den Menschen das bedrohliche Gefühl eines möglichen Identitätsverlustes zu nehmen. Wenn wir es nicht von alleine an einen runden Tisch schaffen, um unsere Sorgen deutlich und unaufgeregt zu artikulieren. Dumbledore, du fehlst.

Quellen:

https://www.zeit.de/kultur/2020-06/joanne-k-rowling-vorwurf-transfeindlichkeit-konflikt-twitter

https://www.stern.de/kultur/j–k–rowling—harry-potter–schoepferin-gibt-preis-zurueck-9395726.html

%d Bloggern gefällt das: