Eli Roths Hostel: Kapitalismus in freier Wildbahn

[SPOILERWARNUNG!]

“Growth for the sake of growth is the ideology of the cancer cell.”
― Edward Abbey, The Journey Home: Some Words in Defense of the American West

Brutal, ehrlich, verkannt. Eli Roths Torture Porn Hostel begeisterte Mitte der 2000er viele Fans des Horror-Genres, als Kotzkino par excellence. Doch, wer den Streifen, um die ekelerregenden Machenschaften der osteuropäischen Schlepperbande Elite Hunting Club aufmerksam verfolgte, konnte einen weitaus interessanteren Film erfahren, als jene, die ausschließlich für die ausufernden Folterszenen an der Kinokasse eingecheckt hatten. Ja, der Regisseure selbst, bekannt als Star-Akteur aus den Tarantino-Blockbustern Inglourious Basterds und Death Proof, wusste wohl selbst nicht genau, um das Potenzial seines Werkes, als er seinem noch eben erwähnten Freund Quentin, die Idee dazu bei ein paar Schmetterlingszügen in seinem Pool pitchte. Dieser war begeistert und stellte seine Persona als Produzent in Aussicht. Vielleicht hatte er eine Ahnung, dass Hostel letztendlich mehr sein könnte, als die stumpfe Kübelvorlage, für die er nach seiner Ausstrahlung weitläufig gehalten wurde. Doch, vermutlich hatte ihm schlichtweg Roths blutiges Filmdebüt Cabin Fever (2002) imponiert, welches diesem critically acclaimed Vorschusslorbeeren sicherte. Mit einem namhaften Geldgeber und einer großen Leidenschaft für Schmerzensschreie im Gepäck, konnte nun eigentlich nichts mehr schiefgehen … oder?

Ein Abgrund weltlicher Genüsse

Die beiden US-Amerikaner Paxton (Jay Hernández) und Josh (Derek Richardson) haben den Isländer Olí (Eyþór Guðjónsson) bei einem Eurotrip kennengelernt. Was sie eint, ist jedoch nicht das Interesse am kulturellen Angebot, sondern die Befriedigung ihrer Gier nach sexueller Erleichterung und einem ausgelassenen Drogenkonsum. Am Ende einer durchzechten Nacht im Rotlichtmilieu Amsterdams geraten sie durch Zufall an einen jungen Mann, der ihnen von einem Ort in Europa berichtet, der vor attraktiven Frauen strotzt, welche sich nach Männern mit einem exotischen Akzent sehnen. Die drei naiven, aber nicht weniger rüpelhaften Chaoten machen sich gedankenlos und frohlockend auf den Weg nach Bratislava, der vermeintlich paradiesischen Hauptstadt der Slowakei. Vor den Toren der Stadt angekommen, erwartet sie ein ernüchterndes Bild. Die Umgebung ist altertümlich, nahezu sichtlich staubbedeckt, so auch die zur Verfügung stehende Übernachtungsmöglichkeit für Backpacker. Angekommen im Hostel scheint sich das Blatt für die westlichen Touristen jedoch zu wenden. Zwei hübsche junge Frauen flirten mit Paxton und Josh bei der Ankunft in ihrem Zimmer und auch Olí lernt schnell eine Begleitung kennen, die gemeinsam mit dem Rest der Gruppe die folgenden Nächte in einer nahegelegen Diskothek verbringen wird. Die Gerüchte scheinen war zu sein, denn Natalya und Svetlana lassen keine Chance ungenutzt, um die sorglosen Sextouristen gefügig zu machen. Ja, sie geben ihnen sogar Drogen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Doch das blinde Vertrauen soll sich blitzartig rechen. Erst verschwindet Olí, dann auch noch Josh. Paxton erhält mysteriöse Hinweise auf ihren Verbleib und wird in den folgenden Kapiteln der Geschichte herausfinden, dass die jungen Frauen unter einer Decke mit einer grausamen kriminellen Organisation namens „Elite Hunting Club“ stecken. Diese entführt Ausländer, um sie an reiche Bieter zu verkaufen, welche damit das Recht für Mord und Totschlag an den jeweiligen Personen erwerben. In einem verlassenen Industriegebiet werden ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in denen Folterwerkzeuge bereitliegen und bullige Wachleute, für die Fixierung der sedierten Urlauber sorgen.

Kapitalismuskritik > Gore

An das Erscheinungsjahr 2005 und die damit einhergehende Wahrnehmung erinnere ich mich nur noch dunkel. Viel zu jung war ich ohnehin für so eine Schlachthausvorstellung. Möglicherweise bin ich aus einem PTBS ähnlichen Zustand heraus später Vegetarier geworden. Denn, ein paar Szenen schwebten unscharf in meinem Gedächtnis umher, als mich Netflix Ende letzter Woche endlich soweit hatte und ich mich Eli Roths Folterparade Hostel mit schwachem Magen auf ein Neues stellte. Das dieser Typ, einmal als Privatvergnügen einen Geisterbahn-Klub eröffnen sollte, hätte man glatt an Hand von Hostel erahnen können. Der Zuschauer wird im Laufe der Handlung mehrmals an verschiedenen Folterräumen per Kameraschwenk vorbeigeführt. Schauen Sie links: ein enthaupteter Torso. Schauen Sie rechts: ein zugenähtes Opfer. Doch, die explizite Darstellung schlimm zugerichteter Körper, täuscht über die wirkungsvolle Inszenierung physischer Gewalt hinweg. Ich habe schon jeglichen Gruselschund auf der Leinwand gesehen und mühelos ertragen, doch bei den Folterszenen der Hauptdarsteller wurde mir ernsthaft übel. In diesem Sinne lieferte Roth die volle Punktzahl an Würgereflex fördernden und perversen Gewaltfantasien ab. Wirklich interessant wird es allerdings erst dort, wo die Metzgerei für einen Moment stoppt und die Kapitalismuskritik, in einer vielfältigen Art und Weise, ihren Einsatz hat.

So begegnet das noch vollzählige Trio, während der Zugfahrt, auf dem Weg in die Slowakei einem sich merkwürdig verhaltenden Reisenden, der Josh später noch einmal als blutrünstiger Schlächter gegenübertreten soll. Dieser isst einen Hähnchensalat mit den Händen und erzählt, dass er sich so verbunden, mit dem für ihn gestorbenen Tier fühlt. Naturverbundenheit ist ein prominentes Thema im Film. Um genau zu sein, ist es die Frage: Wie natürlich ist der Kapitalismus? Denn alle teilnehmenden Charaktere dieser Szene, also sowohl Paxton, Josh und Olí, als auch Joshs zukünftiger Schlächter haben sich auf den Weg gemacht, um dafür bezahlen zu dürfen, ihre animalischen Gelüste fernab der Zivilisation und ihrer heimischen Verpflichtungen zu befriedigen. Olí und der verdächtige Fremde zeigen sich gegenseitig Bilder ihrer Töchter. Für einen Augenblick teilen sie das Verlangen, nach einem Stück authentischem Lebensgefühl abseits des gesellschaftlichen Systems. Sinngemäß fragt er Josh, was sein Verlangen sei, und wird unterbrochen, als er ihm dabei auf den Oberschenkel fasst. Natürlich ist die grundlegende Frage in dieser Situation, was er tun würde, um sich wieder frei zu fühlen.

Wer trägt das Preisschild? (Du bist!)

Die größte Kritikwelle an Eli Roths cineastischem Blutbad stammte nicht etwa von snobistischen Filmanalysten, sondern lokalen Politikern Tschechiens (der eigentliche Drehort) und der Slowakei. Beleidigt hätte er Länder und Bewohner, mit seiner rohen und fremdenfeindlichen Darstellung der beiden Nationen. Roth witzelte daraufhin, dass Amerikaner so wenig Ahnung von Geografie hätten, dass sie weder von der Existenz Tschechiens noch von jener der Slowakei wissen würden. Es wäre ihm nicht, um eine abwertende Interpretation gegangen. Aufklärung gibt diesbezüglich der Plot, welcher hauptsächlich aufgrund seiner zweckdienlichen Geschehnisse und vermeintlicher Albernheiten in die Mangel genommen wurde.

So ist festzuhalten, dass tatsächlich niemand in diesem Film gut wegkommt. Die westlichen Touristen sind zu dumm und respektlos, um zu verstehen, dass eigentlich sie diejenigen sind, die das Preisschild auf dem Rücken tragen und nicht die, als einfache Leute dargestellten Einheimischen, welche auf die ausländische Kaufkraft angewiesen sind. Nicht weniger schmeichelhaft agiert die osteuropäische Bevölkerung berechnend und gefühlskalt, die erkannt hat, dass auch im Kapitalismus das Recht des Stärkeren gilt, eben genauso, wie im Königreich der Tiere. Ja, wirklich die ganze Stadt, ist eingeweiht und beteiligt an der blutrünstigen Ausbeutung der Zureisenden. Gelegentlich tritt eine Bande von Kindern auf, die Paxton nur ziehen lassen, wenn er ihnen Geld gibt. Dabei handeln sie nicht, wie ungebildete Burschen, sondern unterkühlte Geschäftsmänner und halten sich an die geschäftlichen Abmachungen. Selbst, als sie Paxton gegen die Bezahlung einer großen Tüte Kaugummi die Flucht auf eine besonders selbstgefährdende Weise ermöglichen, obwohl sie ihn einfach hätte verraten können. Auch der Raubtierkapitalismus lebt eben von verbindlichen Verträgen. Eine wunderbare Szene, die treffsicher zeigt, wie willkürlich das Preisschild das Produkt wechselt, ergibt sich zwischen Paxton und Natalya. Als er realisiert, dass sie ihn geradewegs in die Falle geführt hat, beschimpft er sie (frei rezitiert), als eine hinterlistige Schlampe. Daraufhin lacht sie und sagt zu ihm: Ich werde für dich viel Geld bekommen. Jetzt bist du meine Schlampe. Der Kapitalismus frisst seine eigenen Kinder – weltweit. Er macht vor keiner Grenze halt und zeigt seine Fratze, dort wo er wächst, in den niederträchtigsten Zügen. So, muss der Osten akzeptieren, dass auch er im Angesicht einer umfassenden Kapitalismuskritik keine gute Figur macht.

Zu gut für die Tonne

Eli Roths Hostel ist für mich ein sowohl sehenswerter als auch empfehlenswerter Horrorfilm, für all jene, die Blut nicht nur sehen, sondern auch schmecken können und problemlos Beistand leisten, wenn sich der/die beste Freund/in nach einer kräftigen Sause übergeben muss. Zudem schafft Hostel für mich durch seine ungeschönte Brutalität einen Spagat zu Michael Hanekes Funny Games, der aussagt, dass die Metzelei, so, wie wir sie uns eigentlich wünschen, wenn wir Lust auf einen Horrorfilm haben, per Vergrößerungsglas à la Eli Roth kein bisschen Spaß macht, sondern einfach nur zum Kotzen ist. Leider sieht man Hostel gerade heute an, dass sich das Budget bei sparsamen 4,8 Millionen US-Dollar einpendelte. Dafür erreichte er durch das Einspielergebnis von 20 Millionen US-Dollar am ersten Wochenende den ersten Platz der US-amerikanischen Kinocharts. Aufgrund seiner beißenden Kapitalismuskritik, nebst schwer verdaulichen Splattermomenten und einem passend skurrilen Ausklang, ist Hostel noch immer qualitativer Trash, aber aus dem gleichen Grund viel zu gut für die Tonne.

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