YouTube: The Killing Joke

[SPOILERWARNUNG!; Comic noch nicht gelesen? Hier geht es zur Basislektüre für diesen Beitrag –> Batman: The Killing Joke]

Es gibt da diese schockierende (und zugleich total abgefahrene) Szene im Comic-Klassiker ‚Batman: The Killing Joke‘ (1988; Alan Moore, Brian Bolland). Der Joker ist aus seiner Gefängniszelle des Arkham Asylum entkommen und nun dabei einen alten Jahrmarkt zu erwerben, der als sein neuer Unterschlupf herhalten soll. Wo auch sonst würde sich der Clown-Prinz des Verbrechens zu Hause fühlen, wenn nicht in einem verlassenen Freizeitpark, dessen Attraktionen sich mittlerweile in einem Zustand befinden, die, frei übersetzt: kleine unschuldige Kinder nicht nur verletzen, sondern gar umbringen könnten. Zum Verkaufsabschluss lässt sich der Besitzer des Grundstückes naiverweise von seinem skurrilen Interessenten die Hand schütteln. Während der Joker vergnügt und über zutreffende Vorkehrungen monologisierend von dannen zieht, erfährt der Leser durch das letzte Fenster der Seite, dass das ausgesprochene Vertrauen des Verkäufers eine fürchterliche Misskalkulation war. Noch immer in gebückter Position auf einem rosaroten Elefanten hockend (hierbei handelt es sich natürlich, um ein automatisiertes Reittier), hat sich sein Gesicht zu einer schrecklichen, grinsenden Fratze verzogen. Der Mann ist tot. Der Tathergang: ein Stich in die Hand, durch eine kleine Nadel, getränkt in Gift der Marke Joker. Ein grauenvolles Ende, könnte man meinen, wenn sich dem heutzutage nicht viele Menschen freiwillig aussetzen würden.

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Auf der Video- und Social-Media-Plattform YouTube sind sie omnipräsent auf den User gerichtet, wie in einem schrägen Spiegelkabinett, diese schrecklichen, grinsenden Fratzen. Mit weit aufgerissenen Mündern, oder angestrengt Zähne fletschend starren auch sie aus kleinen Fenstern heraus, die sich hier Thumbnails nennen und den Zuschauenden als Standbild verkaufen, was sie erwartet, wenn sie das Video anklicken. Die Message ist klar: der pure Wahnsinn. Mit Inhalten gewinnen Online-Kreationisten in den sozialen Medien schon lange keinen Blumentopf mehr, die sich von ihrer Arbeit einen finanziellen Erfolg erhoffen. Mit Inhalten Werbung zu machen, das ist de facto Unsinn. Somit wird das Nervengift zum Selbsttest hervorgeholt, das allen Menschen beweisen soll, der Joker war da, hier endet das Alltägliche und beginnt all das, was darüber hinausgeht – was auch immer das heißen soll. Letzten Endes ist es egal, denn genau das und nicht weniger brauch der angefixte Netz-Junkie heutzutage, ein leeres Versprechen der Glückseligkeit, nichts weiter als einen vergifteten Handschlag, der ihn emotional außer Gefecht setzt. Wieso noch selbst fühlen, wenn einem engagierte Online-Künstler sogar diese Bürde abnehmen? Das Ich ist tot, es lebe das REACTION-Video. Aber hey, jetzt kommt grade irgendwie der Comic zu kurz, denn der darf hoch in den Himmel gelobt werden und auch dieses Gleichnis ist noch nicht vorbei. Commissioner Gordon wird entführt und vom Joker als Rache-Akt an Batman mental gequält. Der durchgeknallte Superschurke möchte durch das Brechen von Gordon´s Psyche beweisen, dass jeder leicht zu seinem Ebenbild werden kann, wenn ihm nur etwas zustößt, dass gleichwertig verstörend ist. Dazu führt der Joker Gotham´s treuesten Gesetzeshüter scherzend Fotografien seiner von ihm schwer verwundeten und zudem entblößten Tochter Barbara (das ehemalige Batgirl) vor. Der Joker wähnt sich siegessicher, doch als Batman eintrifft und Gordon befreien kann, wird klar, dass sein diabolischer Plan gescheitert ist. Der Commissioner ist sichtbar traumatisiert, doch bei Sinnen und bittet ihn den Peiniger Barbara´s ‚by the book‘ festzunehmen, soll heißen: im Zuge ehrlicher Polizeiarbeit und nicht auf Niveau des Irren. Batman befürchtet insgeheim, dass erst einer von ihnen sterben muss, damit der Konflikt zwischen ihnen endet. Daraufhin bricht er auf, um den Joker zu stellen. Natürlich schafft er es. Überraschenderweise beendet weder ein Hieb noch ein Tritt den Kampf der Kontrahenten, sondern ein ruhiges Gespräch. Der Joker erzählt Batman den ‚Killing Joke‘ und beide brechen in schallendes Gelächter aus. Alan Moore, der Autor des Comics, sagte über das Ende, dass Batman und der Joker gleichermaßen verrückt seien, sich aufgrund eines Schicksalsschlages in eine Richtung radikalisiert hätten, in der es nur den Weg der Hoffnung oder den der Verzweiflung gibt. Gordon hat sich in seinem Leben für den Weg der Inhalte entschieden, ein Dasein nach dem Gesetzbuch und es geschafft, sich dem kranken Mindset des Jokers zu widersetzen. Vielleicht wären die sozialen Medien erträglich, wenn es im Kern der Sache um Inhalte gehen würde. Doch, es wird nicht besser werden, sondern in eine Fehde zwischen jenen ausarten, die den Online-Zirkus verteufeln und denen, die nicht anders können als den Wahnsinn zu verbreiten, bis sie sich gegenseitig, auf welche Weise auch immer, neutralisieren. Platz für einen Jim Gordon wird es in diesem Showdown zumindest nicht geben.

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