Inspiration Porn: von Glückskeksen am Kreuz und unserem Fremdbewusstsein

Nachdem ich durch mein Studium das empirische Forschen kennenlernte verschärfte sich meine Sicht auf die Dinge. What you see is what you get. Erfahrungswerte sind die beste Grundlage, um sich die Welt und ihre Bewohner zu erschließen. Ab diesem Zeitpunkt entzauberte sich meine Lebensrealität wahrlich, eben durch die Sicht eines angehenden Sozialwissenschaftlers und verdrängte die bloße Naivität eines Tagträumers – zumindest, um ein ganzes Stück. Welcher Kalenderspruch sollte mir jetzt noch etwas vormachen, ha, keiner, haha, wenn nicht einer, der es sich in einem Glückskeks bequem gemacht hatte. Was drin stand? Ein Stiefmütterlicher-Ratschlag über den Umgang mit Streit und der Weisungsangabe, doch bitte fair zu bleiben. Das alte Jahrmarkt-WahrsagerInnen-Prinzip und so weiter, verallgemeinerte Binsenweisheiten zum halben Preis. Doch vielleicht waren Glückskekse ja doch mehr, als sie schienen. Irgendwie konnte ich den Spruch grade gut gebrauchen, um die Ruhe zu bewahren. Hatte etwa ein magischer Gebäck-Philosoph am anderen Ende der Welt explizit an mich gedacht? Wahrscheinlich eher ein alter Computer, der im Akkordakt mysteriöse Druckangaben für einen Großindustriellen weiterleitete. Herrje, können wir mit unserer Rationalisierung von allem nicht mal vor kleinen, unschuldigen Inspirations-Floskeln halt machen? Was bleibt uns, denn dann noch? Nicht mal Glückskekse nach einem Essen im asiatischen Restaurant, um die Ecke. Doch, dass mit der Inspiration ist so eine Sache. Die Frage nach dem Warum sollte auch hier wichtig und berechtigt sein. Ist Inspiration nicht immer gut und sinngebend? Leider nein, insbesondere, wenn wir uns ein unangenehmes und doch wahres Gleichnis vor Augen führen, denn Menschen, die mit einer Behinderung leben, sind die gekreuzigten Glückskekse unserer Zeit.

Menschen mit einer Behinderung sind keine Märtyrer

„Gott sei Dank!“, ist so eine Phrase, die wir sagen, wenn wir eigentlich damit meinen: „Schwein gehabt!“ Menschen mit einer Behinderung sind schon lange ein heimliches Ziel dieser Worte und dass das ein Fakt ist, beweist der nicht mal moderne, aber traurigerweise immer noch aktuelle Habitus, genannt: Inspiration Porn. Wenn jemand mit einer Behinderung lebt, dann kann er nur ein Held sein. Schließlich hat er sich für unsere physische und psychische Gesundheit als Glückskeks ans Kreuz nageln lassen. Damit wir uns denken können: „Der Herr sei gepriesen, dafür, dass er mir das Leid anderer durch die Verkörperung dieser armen Menschen vor Augen führt.“ Natürlich ist dieses Mindset, aber eigentlich nur eins, und zwar eine furchtbare Andichtung von Märtyrertum an Menschen, die ihr Leben weder hassen, noch 24/7 bemitleidet werden wollen. Und anstatt, dass ihre Probleme ernstgenommen werden, dass Rampen gebaut werden, die eine Einfahrt für Rollstühle möglich machen und Gadgets entwickelt werden, die ihnen das Leben erleichtern, werden sie dabei angefeuert, die Bürden des Alltags so zu akzeptieren, wie sie sind, weil sie Helden sind und von Helden heroische Taten erwartet werden dürfen. Die Angst davor in diesem Leben vielleicht selbst einmal mit einer Behinderung sein Leben zu bestreiten, weil wir es so nicht kennen, ist eine menschliche Reaktion, doch Inspiration Porn ist Scheiße. Es würdigt eine bestimmte Gruppe von Menschen herab und macht uns nicht selbstbewusst, sondern motiviert uns durch eine miese Perspektive von Fremdbewusstsein, aber Gott sei Dank, kann man tagsüber immer noch Sozialhilfeempfänger in der Flimmerkiste anglotzen, danach geht es einem auch besser. Doch all das muss aufhören. Schluss mit gekreuzigten Glückskeksen, die eigentlich Menschen sind und eine respektvolle Behandlung verdienen. Wenn wir über diese krude und verwerfliche Art von Inspiration nicht hinwegkommen, für wen können wir selbst, dann jemals zu einer wirklichen Inspiration reifen?


Der Begriff ‚Inspiration Porn‘ wurde von der Komikerin, Journalistin und Aktivistin Stella Young (24 February 1982 – 6 December 2014) eingeführt, die selbst mit einer Behinderung lebte und sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzte. Das folgende Video zeigt einen Vortrag Young´s, in dem sie das Thema behandelte.

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