Der Post-Astronaut und Work-Life-Anime

Es ist ja nicht so, als wäre es eine Anomalie, Weihnachtspäckchen noch kurz vor knapp am Tag vor Heiligabend bei der Post einzureichen, stets in der Hoffnung, dass Flash dieses Jahr aushilft und über Nacht einen reibungslosen Versand ermöglicht. So machte ich mich noch am heutigen Montag gegen vier Uhr mit DIY-bereinigtem Gewissen, auf den Weg in die Innenstadt, um die Supermarkt-Tragetasche mit der festlichen Ware in einer hoffentlich geöffneten Poststelle zu entleeren. Also, nichts wie los. In einer guten Viertelstunde hatte ich mein Ziel erreicht. Inmitten des belebten Weihnachtsmarktes lag er vor mir, der gelb-leuchtende Tempel im Untergeschoss eines von zwei verschwisterten Kaufhäusern. Mit Freude vernahm ich beim Eintritt in die heilige Zweigstelle des Festtagskommerzes, dass es dieses Jahr wohl einige Leute geschafft hatten, sich pünktlich um ihre Geschenk-Angelegenheiten zu kümmern, denn die Schlange vor den mit Postfachkräften besetzten Schaltern war kurz. Die Beamten auf der anderen Seite standen in hellblauen Hemden und alternativ dunkelblauen Anzügen darüber uniformiert, für die Annahme der dringlichen Weihnachtspost bereit und arbeiteten, in ihrem Arbeitsablauf automatisiert, einen Festtagssünder nach dem anderen in wenigen geübten Handgriffen ab. Diese waren sichtlich erleichtert, sich endlich von ihrem seelischen Ballast in Quadratform trennen zu können. Einer der Mitarbeiter ragte jedoch heraus, im wahrsten Sinne des Wortes, denn er war zwei Köpfe größer als seine Kollegen. Zudem tat sein illustres Aussehen seinen Teil dazu bei. Er sah ein bisschen aus, wie der TV-Mensch Uke Bosse, nur das seine Haare Grau anstatt rot waren und er seinen Bart akkurat gezwirbelt zur Schau stellte. Sein Anzug war detaillierter als die, der anderen und er wirkte weitaus motivierter. Nett war, es anzusehen, wie freudig er jeden folgenden Kunden begrüßte und dabei einen besonderen Charme verbreitete, als würde er einem nicht nur, die langweiligen Briefe abnehmen, sondern einem dazu ein paar Utensilien verkaufen können, die man unbedingt in seinem ersten Jahr in Hogwarts brauchen würde. In diesem Moment machte sich ein ulkiges Gefühl in mir breit, vor sich hin studieren und nebenbei jobben, nein, zur Post gehen, das wäre es doch gewesen! Nicht, dass ich das Studium jetzt wirklich schmeißen wollte (denn es war für mich die absolut richtige Wahl), doch der Mann von der Post hatte eine Ausstrahlung, die ich an so manchem Menschen bewunderte. Als selbst ernannter Teilzeitkünstler fand ich seinen Job sterbenslangweilig, doch er verkaufte ihn mit einem Stolz und einer Freude, als wäre er ein Astronaut, der grade auf dem Mond neben einer Flagge posierte. Mir, der 24/7 an seinen Lebensentscheidungen zweifelt, wurde mal wieder klar, dass es vor allem an einem selbst liegt, was bedeutsam und ein ausreichender Grund dafür ist, sich morgens aus dem Bett zu schleppen – und dass ich mir gerne etwas von seinem Engagement abschneiden würde. Es ist doch wirklich egal, was wir beruflich machen, solange wir zu 100% dahinter stehen können und wie blendend sieht einer aus, der das von sich behaupten kann, schlichtweg beneidenswert. In mich hinein kichernd, dachte ich mir, dass der Typ glatt aus einem dieser Work-Life-Anime stammen könnte, die einem wirklich jeden Beruf als bezaubernd verkaufen, ob es nun der des Hofdieners (Black Butler), Fast-Food-Restaurant-Angestellten (The Devil is a Part-Timer!) oder Wörterbuchautors (Fune wo Amu) ist. Natürlich schwingt da immer diese Aufputschung zur gehorsamen und nimmer müden Arbeitsbiene mit, die im realen japanischen Arbeitsalltag oft sadistische Züge annimmt, doch eben einen Funken Wahrheit schafft. Man muss und sollte sich nicht alles rosarot reden, doch im Großen und Ganzen ist das Leben nur so schön, wie wir es selbst zulassen und das trifft auch auf unsere Jobs zu.

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