Todd Phillips‘ Joker: die Leute feiern Phoenix, die Presse huldigt Franklin

[SPOILERWARNUNG!]

Todd Phillips’ ‘Joker’ is Undeserving of its Title – screen-queens.com

“Joker” Is a Viewing Experience of Rare, Numbing Emptiness – newyorker.com

the most disappointing film of the year – theguardian.com

Are You Kidding Me?nytimes.com

‘Joker’ Review: Todd Phillips Crafts a Big Joke without a Punchline – collider.com

Yes, Joker Is a Very Serious Drama. No, That’s Not a Compliment. – theatlantic.com

No one’s laughing in this bleak, violent spin-off – cnet.com

Es ist der Vormittag des 31.10.2019, Halloween. Ich habe etwas Freizeit und kann mich entspannt darauf einstellen am Abend zum dritten Mal Todd Phillips‘ Joker-Film auf der großen Leinwand sehen zu dürfen. Das erste Mal war es aus ehrlichem Interesse, das zweite Mal, weil mich ein spätabendlicher Spaziergang zur Kasse eines nahe gelegenen Kinos führte. Heute also wieder, ein Freund hat ihn noch nicht gesehen und ich werde am Festtag des Grauens verdammt noch mal nicht einfach so zu Hause rumhängen. Außerdem habe ich ihn somit bereits zweimal in der Originalfassung gesehen (einmal mit und einmal ohne Untertitel) und bin gespannt, was die deutsche Synchro zu bieten hat. Doch es ist noch früh am Tag und wie es sich für einen lethargischen jungen Menschen gehört, hänge ich einfach ab. Ich liege auf der Couch, später auf dem Boden daneben, um mich gegen die Reizüberflutung des Internets zu erden. Ich habe ein Kissen unter den Kopf gestülpt, denn vielleicht werde ich nie wieder die Motivation finden aufzustehen und halte mein Smartphone über das Gesicht. Während des Scrollens durch den Feed der Meme-Website 9gag rast eine Bilderflut an schwarzhumorigen Comics an mir vorbei, bis plötzlich die Realität zuschlägt. Ein Video erregt meine Aufmerksamkeit. Zusehen ist eine alte Frau, die im Operationshemd auf einem Krankenbett sitzt. Vor ihr kniet ein älterer Herr, vermutlich ihr Ehemann, der seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hat und bitterlich weint. Sie versucht, ihn zu trösten, in dem sie ihm sanft durch die Haare streicht. Manche Bilder sagen einfach alles. Dieses zeigt ein Glück, aber auch einen Schmerz, der in einer Lebenszeit nicht jedem Menschen vergönnt ist. Der Anblick rührt mich, doch ich verspüre ein schreckliches Verlangen danach diese Situation ins lächerliche zu ziehen, einen morbiden Witz zu machen, denn so ist es eigentlich auf Internetplattformen, wie dieser Brauch. Ich weiß jedoch, dass es falsch ist, scheiß Subkultur mit ihrem Zynismus. Ich lege das Smartphone beiseite und denke kurz auf diesem Video herum. That’s Life, sage ich mir. Das ist auch das Motto des Talk-Show-Moderators Murray Franklin (Robert DeNiro) im Film Joker. Doch das trifft es nicht, denn es ist nicht einfach DAS LEBEN. Es ist das Leben der beiden Alten, die auf ein halbes Jahrhundert Ehe und emotionaler Verbundenheit zurückblicken und wissen, dass sie nicht für immer zusammensein werden. Niemand hat ein Recht das Label DES LEBENS darauf zu kleben, wie einen billigen Chiquita-Sticker auf eine Banane. Es geht um Einzelschicksale. Wir sprechen hier über Individuen, deren Schmerz und deren Geisteszustand nicht einfach verallgemeinert werden können.

Ein individueller Verfall

Todd Phillips erntet für seinen Joker sprichwörtlich Zuckerbrot und Peitsche. Das Zuckerbrot kommt von den Kinozuschauern, die in Joaquin Phoenix’s Darstellung der Figur des Arthur Fleck, welcher sich im Laufe des Films zum berüchtigten Batman-Gegenspieler entwickelt, eine würdige Nachfolge zu Heath Ledger’s Oscar prämierten Portrait sehen. Die Peitsche wird vom Feuilleton geschwungen, das Joker als Abklatsch alter Hollywood-Klassiker, wie Taxi Driver und The King of Comedy betrachtet, welcher den angedichteten Anspruch eines Sozialdramas gründlich verfehlt. Doch es liegt in diesen negativen Bewertungen ein nicht nachvollziehbarer Blickwinkel vor, denn Joker ist kein Sozialdrama im eigentlichen Sinn. Es ist die Origin-Story eines Comic-Schurken, die ein Individuum verfolgt, dass sich in einer niedergehenden Gesellschaft nicht mehr zurechtfindet. Dabei dient der omnipräsente Verfall jedoch nur als Rahmenhandlung. Wer einen ausgefeilten gesamtgesellschaftlichen Rundumschlag erwartet hat, war tatsächlich im falschen Film. Die Figur des Arthur Fleck wird von der Presse jedoch zu eindimensional wahrgenommen und dies, ist die eigentliche Prämisse des Plots. Ja, er wäre nur ein weiterer Edge-Lord, ein moderner Freak, dessen Schicksal Phillips hier auf der Goldwaage präsentiert. Doch Arthur hat eine Menge zu verdauen, das sich nicht mit einer einzigen Gruppentherapie-Sitzung aufwiegen lässt. Er ist ein Mann um die 30, über den die Traumata seiner Kindheit in einem Schlag zusammenbrechen. Von den Freunden seiner psychisch-kranken Mutter misshandelt und mit einem schweren neurologischen Gehirnschaden, sowie einer klinischen Depression verbleibend, bestreitet er als mittlerweile Erwachsener sein Leben, das aus Gelegenheitsjobs als Party-Clown, ihrer Pflege und unbefriedigenden Therapiesitzungen besteht. Seine Erkrankung, die ihn in unangenehmen Situationen zu schmerzhaftem Gelächter zwingt, die Einnahme von verschiedenen Medikamenten gegen seine negativen Gedanken und sein schwindendes Selbstbewusstsein fördern sein Selbstbild des erbärmlichen Außenseiters. Nachdem er in der U-Bahn aus vermeintlicher Notwehr drei Wall-Street-Bänker erschießt, die ihn aufgrund seiner Andersartigkeit (er trägt außerdem seine Arbeitskleidung, ein Clownskostüm) verprügeln, verliert er sich immer weiter in einer wahnhaften Spirale des Hasses und der Identitätsfindung, die am Schreibtisch seines Vorbildes, dem Komiker Murray Franklin, einen vorzeitigen Höhepunkt erreicht. Murray hat Arthur in seine Show eingeladen, weil er seinen missglückten Auftritt als Nachwuchskomiker in einem kleinen Nachtclub für ein paar Lacher ausnutzen will. Arthur hat sein Vorhaben jedoch längst erkannt und ist gekommen um sich dafür live vor Publikum zu rächen. Verkleidet als seine neue Identität Joker gibt er preis, dass er derjenige ist, der die drei jungen Geschäftsmänner ermordete und stolz darauf ist. Murray versucht fassungslos, doch energisch die Tat zu ergründen. Arthur erwidert, dass er dabei keine politische Motivation hatte (inzwischen hat sich auf den Straßen, basierend auf den U-Bahn-Morden, eine Clowns-Bewegung gegründet, die gegen die Oberschicht rebelliert). Murray reagiert wiederum spöttisch auf seine Erklärungen und rügt ihn für sein Selbstmitleid. Daraufhin erschießt Arthur Murray vor laufenden Kameras. Der Film endet mit seiner Einweisung in die Psychiatrie Arkham Asylum.

Joker hat eine Message

Joker ist eine fantasievoll inszenierte, düstere und berauschende Entstehungsgeschichte eines Comic-Bösewichts, die kaum Wünsche offenlässt. Die heilbringende Message gegen das terroristische Inceltum des Protagonisten sowie sie sich die Fachpresse wünscht, steht nicht im Mittelpunkt und das, ist gut so. Der Joker ist der Joker – ist der Joker. 2019, wie 1940. Er begeistert die Fans des DC-Universums mit seiner psychotischen Veranlagung, wie in alten Tagen. Wieso sollte es ein moderner Joker forciert anders machen? Doch, hierzu gibt es mehr zu sagen. Todd Phillips Version ist keine feinkörnige Gesellschaftsanalyse, es ist ein Drama, dass eine individuelle menschliche Tragödie (ohne Realitätsanspruch! #superratten) zu erzählen hat, die nur schwer zu verdauen ist, weil sie aufzeigt, dass man Einzelschicksale eben nicht über einen Kamm scheren kann. Joker ist kein Film über das Leben bzw. den asozialen weißen, jungen Mann, sondern eine brutale zur Schaustellung Arthur’s tragischer, wie erschreckender Verwandlung vom einsamen, deprimierten Einzelgänger zum skurrielen Clownprinzen des Verbrechens. Die grausamen Taten des Protagonisten sind undiskutabel und nicht zu glorifizieren, doch die vorschnelle Pauschalisierung des Feuilletons verdeutlicht, dass es 2019 nicht zu spät für eine Lehrstunde in Empathie ist. Joker ruft der Welt entgegen, dass wir eben nicht alle traurige, nicht gesellschaftsfähige Clowns mit den selben Problemen sind und uns dieses Branding nicht bieten lassen müssen. Doch, wenn die da Oben es so haben wollen und ihre Ignoranz weiter ausleben, dann werden sie den Sturm ernten. Eine Revolution, die von einem wütenden, gleichgeschalteten Pöbel angeführt werden wird.

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