Just Cause 2 und die Leere des Extremismus

Der Körper eines Mannes bricht durch die Wolkendecke über einer paradiesischen Insel. Er befindet sich im freien Fall. Schätzungsweise wird er in wenigen Sekunden aufschlagen und einen hässlichen roten Fleck hinterlassen, wo er aufgekommen ist. Eine Szene, die sich anhört, als würde sie in diesem Augenblick für eine Menge Groschenromane niedergetippt werden, doch sie ist real. Das heißt, virtuell real, oder wie auch immer man das nennen kann. Mein Name ist Robert Rodriguez. Ich bin Hauptcharakter des Videospieles Just Cause 2 und als Argent für den amerikanischen Geheimdienst AGENTUR im Einsatz. Momentan befinde ich mich mehrere Hundert Höhenmeter über der indonesischen Insel Panau. Mein Kontaktmann Tom Sheldon hat mich mit seinem Heli ein bisschen weiter oben rausgelassen. Ich bin nicht lebensmüde, sondern gehe einfach gerne Risiken ein. Was erreicht man schon im Leben, ohne Risiken einzugehen? Ich sage Ihnen was, man kommt auf jeden Fall nicht so schnell in das Gebiet, in dem man Chaos anrichten soll. Ob ich grade Chaos sagte? Das haben sie richtig verstanden. Ich bin schließlich nicht von der Heilsarmee. Als Argent ist es nicht meine Aufgabe Cocktails zu trinken und der Queen den Hintern zu pudern, sondern professionell Ärger zu machen, um die bösen Jungs aufzuscheuchen. Heutzutage sollte man wohl besser von bösen Jungs*Innen oder so sprechen, aber für so einen Quark wurde ich nicht ausgebildet. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, der Ärger. Also, die USA machen sich sorgen, weil der alte panauische Präsident, der ihnen in den Arsch gekrochen ist vom Typen, der jetzt die Zügel in der Hand hält, kalt gemacht wurde. Der neue Diktator hat so gar nichts für den American Way of Life übrig und deshalb soll er als Nächstes dran glauben. Das wäre dann auch schon meine Mission. Leider ist es nicht so leicht, wie es sich erzählen lässt. Auf der Insel gibt es hartnäckige Konkurrenz, rebellische Gruppen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Da sind die Reapers, ein Haufen erzmoralischer Kommunisten, die zugegebenermaßen eine schnuckelige Anführerin haben, die Ullah oder Ular Boys, das sind engstirnige Nationalisten und noch so eine Bande, deren Name ich vergessen habe. Mit den ersten beiden konnte ich mich anfreunden. Zwar bedeutet das, dass ich ab und zu unter ihrer Fahne für Unruhe sorgen muss, doch auch, dass sie mir im Gegenzug Information verschaffen. Was das Ganze noch komplizierter macht ist, dass auch andere Nationen ihre Finger in diesen brennenden Honigtopf namens Panau stecken wollen. Japan, China und Russland fördern jeweils eine dieser Organisationen, weil es hier irgendwo viel Öl geben soll. Deshalb sind anscheinend auch die Amerikaner hellhörig geworden. Immer der gleiche Scheiß. Das ist schon ein merkwürdiger Job, an den ich da geraten bin. Ich meine, so ganz allgemein. Terror verbreiten, um die Welt zu retten, ich hab mal dran geglaubt. Bei dieser Sache zählt nur, dass der Preis stimmt. Vielleicht kaufe ich mir davon eine eigene Insel, auf der es kein Öl gibt. Just Cause 2 ist ein schönes Spiel, alles sieht fantastisch aus, das Wasser, die leuchtenden Städte bei Nacht und die mit Schnee bedeckten Berge. Ich wette, dass man die Hitze in den Wüstengegenden fast spüren kann, selbst wenn man die nur vor dem Bildschirm erlebt. Was fehlt ist der Sinn. Täglich begebe ich mich auf Raubzüge für Chaospunkte, zerstöre Militärbasen, Flughäfen und liefere mir Schusswechsel mit lokalen Regierungstruppen. Ob für die Linken oder Rechten interessiert mich mittlerweile nicht mehr. Die Einzigen an die ich noch denke sind die NPCs, deren Tankstellen und Wassertürme ich in die Luft jage, denn die sind nicht mehr als Bauernopfer in diesem Schachspiel von Despoten. Und ich denke an sie, weil ich auf der Stelle trete. Ich brauche verdammt noch mal mehr Punkte, damit die nächste Agenturquest freigeschaltet wird, doch ich zerbombe Dorf für Dorf und mache so gut wie keinen Fortschritt. Ich fühle mich niedergestimmt und verbraucht. So langsam fange ich an mir meine eigenen Abenteuer auszudenken, um wenigstens ein bisschen Spaß bei der Arbeit zu haben. Das fällt mir aufgrund der Interaktionsmöglichkeiten mit der Umwelt, nutzbaren Fahrzeuge und Objekte, sowie dem ausgezeichneten Flow des Gameplays relativ leicht. Sobald ich aufhöre, bleibt davon jedoch nichts. Kein Ziel und keine Aufgabe, nur eine Insel auf der ich lieber Urlaub machen würde, als sie zu zerstören. Was bleibt, ist die Leere des Extremismus.


© Beitragsbild: Square Enix

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