Harm Done – Abuse / Abused, LP-Review: auf der falschen Seite

Morgens aufzustehen ist ein Glücksspiel. Wer weiß schon, welche Karten der Tag für einen bereithält. Ein gutes Blatt sorgt für gute Laune, eine grüne Welle auf dem Arbeitsweg und einen vernünftig schmeckenden Kaffee im Büro, ein schlechtes lässt einen all diese Dinge verschlafen. Sei es, wie es will, irgendwann endet ohnehin jede Gewinnsträhne, sogar mit Harm Done´s 2015er LP Abuse / Abused im Ohr. Eins ist jedoch sicher, sind die 17 Pi mal Daumen einminütigen Songs durch die Gehörgänge gebrettert, kann die ungewisse Zukunft kommen, denn die injizieren genug Power(violence), um jeder Herausforderung zu trotzen und schon einmal provisorisch dem Rest der Woche den Stinkefinger zu zeigen. Der Begriff Train-Song, der im eigentlichen Sinne musikalische Liebesbekundungen an die Schienenfahrzeuge beschreibt, passt auf den Sound der Franzosen, wie Arsch auf Eimer. Während Sänger Alexxx, wie ein tollwütiger Drill-Sergeant brüllt, bis das Mic die weiße Fahne hisst, rast darunter ein Blast-ICE auf Konfrontationskurs, die Strecke Dortmund-Magdeburg in unter 5 Sekunden. Dazwischen begraben verzerrte Gitarrenwände jeden Zweifel an eine Atempause. Wo das Tempo kurzzeitig gedrosselt wird, verkünden breite Sludge-Riffs, dass das hier keine Klassenfahrt ist, sondern ein angepisster Express, der wie eine Faust aufs Auge kracht. Lyrisch geht es um Desillusion, Depression, Einsamkeit und soziale Missstände und spezielle Thematiken, wie die Entfremdung von der eigenen Familie („Two Worlds“), die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts („XY Domination“) und vermeintlich rassistische Leitmotive der Polizei bei Festnahmen („Blunder“). Und dann ist da noch der Titelsong, der die Grundstimmung des Albums in wenigen Worten zusammenfasst, die Gesellschaft als Hierarchie des Missbrauchs porträtiert, in der sich jedes Mitglied schuldig macht.

„Take advantage, now you’re just like the rest Where is the line drawn? Sick of being on the wrong side I’ve been abused I will abuse“ – Abuse / Abused

Prädikat: Laut, schnell, Hardcore für Langschläfer.


© Beitragsbild: Harm Done, bandcamp

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