Living With Lions – Island, LP-Review: die dritte Gezeitenwelle

In englischsprachigen Kulturen heißt es: „Three time’s a charm!“ („Alle guten Dinge sind drei!“). So auch in Kanada, wo die Band Living With Lions um 2007 ihren Ursprung fand. Seitdem sind zwei EPs und drei Alben ins Land gezogen, was beachtlich ist, wenn man sich die Laufbahn der nordamerikanischen Pop-Punk-Musiker zu Gemüte führt. Bei der jüngsten LP Island (September 2018) handelt es sich nicht nur, um die dritte Platte in voller Länge, sondern die dritte Produktion mit einem neuen Frontmann. Nach Matt Postal, dessen Stimme auf Dude Manor und Make Your Mark (2008) zu hören ist und einem prominenten Ersatz durch Stuart Ross (ehemaliger Gitarrist bei Misery Signals, aktuell bei Comeback Kid), der für Holy Shit (2011) angeheuert werden konnte, steht nun Chase Brenneman hinter dem Mikrofonständer, der seit den Gründungstagen einen der Gitarristen-Posten ausfüllte. Auf Island feierte er somit seinen Einstand als Sänger, obwohl er bei den Aufnahmen im Studio mit einem nicht unerheblichen Handicap zu kämpfen hatte.

„Meine gesundheitlichen Probleme sind während der Aufnahmen entstanden. Ich habe mir einen Leistenbruch zugezogen und es hätte uns fast zehn Monate gekostet, bis ich nach meiner Operation wieder fit genug zum Singen gewesen wäre.“ (das komplette Interview unter ox-fanzine.de)

Hut ab vor dieser Leistung, doch sie ist nicht verwunderlich. Living With Lions waren schon immer anders als andere Pop-Punk-Bands. Nicht nur was ihre Attitüde und ihren Zusammenhalt angeht (die erste EP Dude Manor wurde nach einer WG der Gruppe benannt), sondern ihren Sound. Das Rohe ist, was sie ausmacht. Wenn man einen Living With Lions Song hört, denkt man nicht an Highschool-Abschlusspartys, umgedrehte Snapbacks und Batik gefärbte Tank-Tops, sondern Biertrinken im Proberaum, ehrliche, aber schlecht bezahlte Jobs und Typen Anfang 30, die sich das Alltagschaos von der Seele spielen. Brennemans Stimme passt zudem wieder klasse ins Bild, wie es schon bei den Vorgängern Postal und Ross der Fall war, frei von der Leber und ungeschliffen.

Insgesamt klingt Island milder und erwachsener. Eine Entwicklung, die abzusehen war. Das Party-Crasher-Image hatte sich nach Make Your Mark relativ klar verabschiedet. Holy Shit bekam mit Ross klanglich eine ernstere Miene aufgesetzt, ohne den Spaß-Faktor des Musikvideos zu „Honesty, Honestly“ sowie den Tumult, um das Bibeldesign des Album-Covers außer Acht zu lassen.

Island macht die richtige Mischung aus, die vielschichtiger ist als zuvor. Songs, wie „Second Narrows“, „Tidal Waves“ und „On A Rope“ trumpfen mit den vertrauten Punk-Beats und Mitsingmomenten auf, die ohne aufdringlich zu sein im Kopf hängen bleiben. Neben dem nett gestalteten Interlude und dem angenehm dahin plätschernden Track „Night Habits“ fügt sich der Rest der Songs positiv in dieses Klangbild ein. Instrumental mangelt es nicht an einprägsamen Melodien und ordentlichen Riffs. Lediglich als Fan der Band bekommt man an wenigen Stellen des Albums ein düsteres Blink-182-Foreshadowing, da sie soundtechnisch mit einem weicheren Powerpop zu liebäugeln scheinen. Zudem gibt es bei den Lyrics Abzüge in der B-Note. Die sind zwar nicht schlecht und gut umgesetzt, doch drehen sich Song für Song rundum ein und denselben Trennungsschmerz. Inhaltlich war das schon einmal ausgefallener.

„It’s not the pushback, it’s the pull From another ordinary summer I think I finally had enough of this controversy“ – Another Ordinary Summer

Prädikat zur LP: Authentischer Pop-Punk, der ohne Teenie-Theatralik auskommt.


© Beitragsbild: Living With Lions, bandcamp

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