The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Formlessness, EP-Review: vom Gehen und Bleiben

Der Tod ist eine Metapher für die Veränderung, die Geburt ein symbolischer Neuanfang. Dazwischen verläuft der schmale emotionale Grad auf dem sich Formlessness bewegt. Die Macher haben einen Namen, der so lang ist, wie er pathetisch anmutet. The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die (die von hier an als T & I bezeichnet werden) starteten 2009 ihre musikalische Karriere, ohne das Wissen, dass sie sich durch ihren eigenen Stil innerhalb von wenigen Jahren zu einer der bekanntesten Bands  ihrer Szene entwickeln würden. Ihr poetischer Titel passt dennoch ungemein gut zu ihrem Konzept, denn T & I stehen für die Vertonung der großen existenziellen Fragen. Nach einer Demo im Jahre 2010, veröffentlichten sie mit genannter EP noch im selben Jahr ihr erstes professionelles Release. Formlessness erzählt in vier Songs eine Geschichte, in der es um das Erwachen in jungen Jahren geht, der quälenden Entscheidung zwischen gehen und bleiben und dem Moment, in welchem einen die Last nicht mehr so schwer vorkommt und man sich endlos mächtig fühlt, als ob einem nichts was da noch kommt jemals erschüttern könnte. Es folgt eine theatralische Analyse.

Kapitel 1

Jeder kennt das Gefühl dieser Ohnmacht, der Kraftlosigkeit, wenn sich jede Anspannung der Muskeln vergebens anfühlt. So beginnt die Erzählung mit Victim Kin Seek Suit auf dem Boden, wo sie nur so herumliegen, im dunklen und an einen guten Freund denken, der sich längst aus dem Staub gemacht hat [leise Gitarrenklänge im Hintergrund]. Er hat ihnen damit die Augen geöffnet, doch ihr Wille ist schwach, ihre Körper sind das Fleisch, dass sie, wie ein Anker, von neuen Taten abhält. Was wird jetzt aus ihnen? Sie bitten um Licht [plötzlich, ein orchestraler Aufschrei, sowohl Gitarre, Bass, als auch Schlagzeug sind hellwach]. In der Nähe steht ein Apfelbaum, wie ein offener Sarg. Er steht für all die Erlebnisse, all das was war, was es nun zu begraben gilt.

„Where are you and where have you run to? Where are you and why don’t you just come home?“

Kapitel 2

Es ist Zeit zu gehen (Gordon Paul). Etwas Neues ist zu schaffen. Ein Heim findet sich in einem Haus, in dem für alle Platz ist [jazziges Gittarenspiel, entspannter Drum-Beat, unbeschwerter Gesang]. Dieses nächste Kapitel verbindet sie. Schon jetzt ist klar, dass es für immer ein Teil von ihnen sein wird. Sie sind die eigentlichen Wände, der Rest steht ihnen nur im Weg. Es bedarf einer Renovierung. Das Alte muss raus oder verbrannt werden [es herrscht Aufregung, chaotische Synthuntermalung, funkiges Riff, lethargisches Mitsummen wird zu hysterischem Schreien]. Sie haben keine Angst vor dieser Aufgabe, das reden sie sich ein, doch wenn es an der Tür klingelt, dann erschaudern sie. Es liegt Spannung in der Luft, die sie beflügelt. Dieses Haus hat nur darauf gewartet, dass es jemand mit leben füllt.

„We will become everything, we’ll shatter as the doorbell rings“

Kapitel 3

Walnut Street is Dead (Long Live Walnut Street) [Bassline auf der Gitarre] Lang lebe ein Ort der Geborgenheit, der schon immer da war [Ride-Geklimmper auf dem Schlagzeug]. Es ist die Gegend, in der sie aufgewachsen sind und dabei fundamentale Erfahrungen gesammelt haben. Ihr Freund scheint jetzt so weit weg, doch manchmal noch immer die Sehnsucht nach mehr in ihnen zu entfachen. Er hat die sichere Flucht gewählt, dorthin wo ihn niemand kennt, er ein unbeschriebenes Blatt ist. Gut für ihn, doch sie haben sich entschieden zu bleiben. Sie können wieder atmen, da wo das Altbekannte vor ihren Augen vergeht [optimistischer Ausklang, schillernde Gitarren, Schlagzeug begleitend].

„As for us, we’ve figured out exactly how to breathe With vanishing lungs like these“

Kapitel 4

[Helle elektronische Klänge, dann eine Gitarrenwand, Bass und Schlagzeug bekräftigen diese] (Eyjafjallajokull Dance) Das Morgenlicht strahlt durch ein Fenster. Hoffentlich bleibt es noch eine Weile so [Ruhe, atmosphärische Synthpassage]. Alles fühlt sich grade richtig an. Nichts belastet sie. Wieso kann es nicht einfach so bleiben? [melodiöse Gitarren, treibende Taktangabe des Schlagzeugs]. Für einen Tag werden sie Helden sein, doch am Abend werden wieder Zweifel in ihnen wach, gefolgt von den immer wiederkehrenden Fragen. [ein letztes Aufbäumen aller Instrumente, abschließendes Drums-Solo, dann fade-out der Gitarren] Was ist besser? Zu gehen oder zu bleiben?

„Open up the window and let the morning light in I keep holding on to, I keep begging myself Today we are superheroes but tonight we’ll just be tired“

das Ende / der Anfang

Prädikat zur EP: Experimenteller Emo mit viel Gefühl.


© Beitragsbild: The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die, bandcamp