Turnover – Peripheral Vision, LP-Review: Shoegaze für den Augenblick

Es gibt in diesem Leben so viel zu erreichen, so viel zu tun und einzuhalten. Es gibt so viel zu verdienen, ohne dass ein Bewusstsein dafür herrscht, wofür es sich zu besitzen lohnt. Es stehen so viele Türen offen, die betreten werden sollten. Und hinter jeder von ihnen verbirgt sich ein neuer Weg, der ins Glück führen könnte. Doch da ist zu wenig Zeit, um jeder von ihnen eine Chance zu geben. Und es ist so leicht, den Verstand zu verlieren, wenn alles möglich scheint und gleichzeitig unerreichbar ist. Gefangen in einer Maschinerie der Maßlosigkeit, deren Treibstoffe Stress und Druck sind. Das periphere Sichtfeld verliert an Reichweite. Die wirklich wichtigen Dinge an Klarheit. Wer sich von diesen Zeilen angesprochen fühlt, der sollte dranbleiben, denn es gibt ein musikalisches Gegengift für diese Art des modernen Wahnsinns. Der Name: Turnover.

Pop-Punk, Emo und plötzlich Shoegaze

Angefangen als schwungvolle Pop-Punk-Band im Jahre 2009, brachten Turnover bereits zwei Jahre später ihre selbstbetitelte EP auf die Bildfläche, welche angenehm melancholische Emo-Rock-Einflüsse verlauten ließ. Während ihr erstes Album mit dem Namen Magnolia um 2013 weiterhin einen rockigen Sound innehielt, doch bereits deutlich verträumter anmutete, erschien Mitte 2017 das Dream-Pop-Release Good Nature, auf dem sie sich instrumental deutlich von ihren Wurzeln entfernt hatten. Innerhalb der vergangenen Zeit waren Turnover jedoch nicht untätig gewesen. Neben zwei EPs (Blue Dream, Humblest Pleasures), die jeweils als Bindeglieder zwischen den genannten Veröffentlichungen fungierten, erschien 2015 mit der LP Peripheral Vision eine unvergessliche Platte, die mit einer starken Shoegaze-Ausprägung einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Noch nicht vollauf so handzahm, verspielter und mit mehr Biss als der Nachfolger Good Nature konstituierte sich Peripheral Vision als allgemein gefeierter Peak der Band. Turnover hatten sich längst von ihrem eingängigen Punk-Image abgewandt und waren nun vollkommen beim Shoegazing hängen geblieben. Mit Songs wie New Scream und Hello Euphoria, richtete sich der lyrische Fokus nun expliziter auf ein Leben abseits des gesellschaftlichen Standards.

Adolescent dreams gave to adult screams / Paranoid that I won’t have all the things they say I need / What if I don’t want a pattern on my lawn? / All I know is something’s wrong because everyday I’m / Craving that new scream … – New Scream

Grundsätzlich blieben jedoch weiterhin die Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen, das Lebenselixier der poetischen Texte über die Liebe, emotionale Krisen und den intensiven Einfluss von Drogen und verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Bass guitarist Dempsey told Billboard about the meaning of ‚Take My Head‘: [It] is about how it could be the best day and you’re surrounded by happy things, but you still want to be pissed off and sit by yourself.

Ohne die Tracklist mit einzubeziehen ist es schwer zu sagen, wo Peripheral Vision musikalisch aufbricht und traumversunken abklingt. Es ist eine homogene Masse aus leichten, sich nur geringfügig abwandelnden alternativen Rock-Rhythmen und psychodelischen Melodien in den Fußspuren von Slowdive und My Bloody Valentine, welche einem die Augen schließen. Diese entfalten jedoch eine wohlig treibende Wirkung, die nicht etwa zu einem tiefen Schlummer, sondern wohltuenden Tagträumen einlädt. Für 11 Songs heißt es mithin, in einem Ozean aus Dingen zu versinken, die einem nachts den Schlaf rauben, um nach ihrem weitreichenden Verständnis aufzutauchen und in eine befreite Seele einzuatmen – endlich wieder klar zusehen.