Firewatch Original Score, Videospiel-Soundtrack: Klänge der Einsamkeit

Campo Santos Indie-Debüt Firewatch entlässt den Spieler in eine spannende Kurzgeschichte, die von Eskapismus und dem Verhältnis zwischen Mensch und Einsamkeit handelt. Der Komponist, Designer und Schreiber Chris Remo steuerte einen essenziellen Soundtrack bei, der das Spielerlebnis deutlich mitbestimmte.

Auf in die Wildnis

Firewatch beginnt mit einer interaktiven Offenlegung der Hintergrundgeschichte des Protagonisten Henry. Nachdem bei seiner Frau Julia bereits im mittleren Alter eine sich stetig verschlimmernde Alzheimererkrankung festgestellt wird und er sich der alleinigen Pflege seiner Ehepartnerin nicht mehr gewachsen sieht, entscheidet er sich letztendlich die Hilfe seiner Schwiegereltern anzunehmen. Julia lebt von nun an bei ihrer Familie in Australien. Um aus seinem alten, verlorenen Leben zu entfliehen, beschließt Henry eine Stelle als Feuerwächter im Shoshone National Forest anzunehmen. Nach einem langen Hike durch die Wildnis erreicht er spät in der Nacht sein neues Heim, einen Aussichtsturm inmitten der geschützten Wälder Wyomings. Erledigt nimmt er einen überraschenden Funkspruch entgegen. Es ist seine neue Vorgesetzte Delilah, die ihm von nun an in der ungewohnten Umgebung per Walky-Talky zur Seite stehen wird. Auf Henry wartet jedoch kein Urlaub im Grünen. Denn was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß ist, dass diese Abgeschiedenheit sowohl Geheimnisse als auch Gefahren birgt.

Chris Remo

Allround-Talent Chris Remo kennen Super Nerds vom amerikanischen Szene-Podcast Idle Thumbs oder sogar noch aus seiner Zeit als Unterhaltungsjournalist. Als Musiker wurde er beispielsweise durch seinen viralen Comedy-Hit „Space Asshole“ (2014) bekannt, der sich auf das Spiel Red Faction: Guerilla bezieht. Neben seiner Tätigkeit als Schreiber und Designer in der Videospiele-Industrie arbeitete er jedoch bereits seit 2009 an einigen ernsthaften Kompositionen für erfolgreiche Titel, wie Drawn To Life und Gone Home. Insbesondere der Sound von Gone Homes OST wies zum ersten Mal eine eindeutige Handschrift von Remo auf, irgendwie sphärisch, und doch so vertraut. Eine Manifestierung der eigenen Gefühlswelt, welche sich in Erscheinung eines Klangbildes auf alles projiziert, dass einen umgibt.

Firewatch Original Score vereint viele Elemente, die Remo bereits in früheren Projekten etabliert hatte. So lassen sich hörbare Parallelen zwischen den Tracks „Prologue“ (Firewatch) und „Default Friends/ Ship Date“ (Gone Home) und „Stay in Your Tower and Watch“ (Firewatch) und „Dink´s Song (Fare Thee Well)“ aus dem Filmsoundtrack zu Inside Llewyn Davis feststellen, auf welchem er seine Qualitäten als Singer-Songwriter mit Country- und Folk-Anleihen unter Beweis stellte. An dieser Stelle sei auch der akustische Song „Ol`Shoshone“ erwähnt, welcher in Firewatch als Achievement zu finden ist und zudem von Remo eingesungen wurde. Ohne seinen einfühlsamen und zugleich spannenden OST wäre die Spielerfahrung, die ich während meines ersten Walkthroughs durch den Shoshone National Forest erleben durfte, nicht dieselbe gewesen. Dort wo sowohl die Charaktere als auch die Umstände zu viele oder zu wenige Fragen aufwarfen, sorgten die aufeinander aufbauenden synthetischen Beats und volkstümlichen Gitarrenklänge für die nötige emotionale Tiefe. Sie waren für mich der Leim, der die atemberaubende Kulisse des Naturparks und den Plot rundum die zwischenmenschlichen Beziehungen der teilnehmenden Figuren zusammenführte.

Klänge der Einsamkeit

Firewatch ist ein Spiel, dass verstanden werden will. Verweigert man sich dieser Tatsache ist die Gefahr groß, sich auf der Sinnsuche Henrys früher oder später zu langweilen oder sich im Dialog mit seinem Pendant Delilah, um die sehr gut inszenierte Atmosphäre zu bringen. Denn auch wenn sich das Spiel auf den ersten Blick, um den Austausch der beiden dreht, sollte die Funktion zu schweigen in einem Walkthrough unbedingt einmal ausgereizt werden. Der OST Chris Remos erleichtert dem Spieler dabei das Eintauchen in die Welt von Campo Santos von Kritikern gelobten Debüts ungemein.


© Beitragsbild: Campo Santo