The Great Passage, Anime: Worte und gähnende Menschlichkeit

The Great Passage Fune wo Amu Anime Zexcs

Kohei Araki hat keine andere Wahl. Aufgrund des gesundheitlichen Zustandes seiner schwer erkrankten Frau muss er seine Vollzeitbeschäftigung bei dem japanischen Verlagshaus Genbu Shobo auf ein Minimum reduzieren. Angestellt ist er dort seit einer Ewigkeit als Leiter der redaktionellen Abteilung für Wörterbücher. Bei einem gemeinsamen Essen berichtet er seinem alten Freund und Mitarbeiter Professor Tomosuke Matsumoto von seiner Entscheidung. Mit schwerem Herzen verspricht er einen ebenbürtigen Nachfolger zu finden, der ihr gemeinsames Projekt Daitokai gewissenhaft fortführen soll. Durch eine zufällige Begegnung bringt Masashi Nishioka, welcher ebenfalls im Team von Akari arbeitet, den hoffnungslosen Genbu-Kaufmann Mitsuya Majime ins Spiel. Dieser scheitert derweil kläglich an seiner Tätigkeit als Betreuer von Bestandskunden und hofft insgeheim auf eine neue Perspektive. Akari erkennt während eines persönlichen Gespräches sein Talent für die Wortfindung und lässt ihn in seine Abteilung transferieren. Somit hat sich das Personal für die Realisierung von Daitokai (frei übersetzt: The Great Passage) zusammengefunden. Einem neuen japanischen Wörterbuch, dass den Menschen eine optimale Kommunikationsgrundlage bieten soll.

Wie die beiden Mentoren Matsumoto und Akari allerdings wissen, ist die Erstellung eines Wörterbuches mit vielen Herausforderungen verbunden. Sie ist langwierig, erfordert äußerste Sorgfalt und kostet eine beträchtliche Menge an Geld. Hinzu kommen die Relevanz von Einzelschicksalen und die Belastung durch existentielle Fragen, während das kollektive Ziel unerreichbar scheint.

Worte und gähnende Menschlichkeit

Action am Limit, visuelle Reize bis zum epileptischen Anfall und überzogene Comedy, die einem die Pointen um die Ohren schlägt sind mittlerweile nicht nur strategische Erfolgsfaktoren im Anime-Geschäft. Die Macher von The Great Passage (2016, Zexcs) haben dieses Memo glücklicherweise komplett ignoriert und sich bei der Grundstimmung an Shion Miuras preisgekrönte Vorlage, die Novelle Fune wo Amu (2011) gehalten. Manchmal sind grade die Dinge im Leben, welche auf den ersten Blick schlicht, banal und langweilig erscheinen besonders gehaltvoll. Und genau davon zeugt die Geschichte um ein Buch, welches die schiffbrüchigen Sprachlosen von Heute als sinnbildliches Boot sicher über ein Meer der Stille geleiten soll – von der pedantischen Arbeit, der unendlichen Leidenschaft für das Erreichen eines Zieles und den tiefen Einblicken in die Köpfe und Gefühlswelten der teilhabenden Individuen.

The Great Passage ist eine graue Maus. Langsam, frei von Spannung und beschwerlich. Eine Animationsserie, die sich nicht hinter einem Schwall aus Fan-Service, Klamauk oder der schmerzvollen Befolgung von Popkulturellen-Naturgesetzen versteckt und lediglich beibehält, was notwendig ist, um eine Geschichte anständig erzählen zu können. Würde sich der Plot um eine noch authentischere Darstellung bemühen, könnte man aufgrund der Zeitsprünge fast von einer fiktiven Dokumentation sprechen. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf den Charakteren, auf ihrer Suche danach sich selbst in ihrem Schaffen zu finden und dem Einfluss ihrer privaten Leben. Die dargebotene Leidenschaft für einen unerbittlichen Arbeitseifer ist bittersüß, denn es wird klar ausgesagt, dass es kein Ende gibt. Wenn man sich einer Sache mit vollem Herzen verschreiben kann, dann gibt es keine Zeit, um zu ruhen, außer ein sporadisches Wochenende hier und da. Es bleibt fraglich, wer in dieser Hinsicht wirklich gewinnt. Die japanische Arbeitsmoral, welche die Aufgabe des Selbst zelebriert oder die eigene Integrität. Denn auch das Thema Vergänglichkeit wird als essenzielle Randnotiz vermerkt. Doch The Great Passage macht es im Ganzen gut. Sogar eine Kritik am Staatswesen findet im biederen Werk ihre Zeit, wenn der geistige Urvater des Projektes Matsumoto davon spricht, dass sich die Regierung nicht mehr um die Kultur ihres eigenen Landes schert und ein wichtiges Artefakt, wie ein Wörterbuch, deshalb von nicht korrupten Individuen erschaffen werden sollte, die ihrem Volk ein objektives und unverdorbenes Erbe schenken möchten. Die größte Hürde, die ein Zuschauer zu nehmen hat, ist gewiss die erste Episode der Serie, welche es nicht schafft die tatsächlichen Qualitäten des Anime in den Vordergrund zu stellen. Grund dafür ist die archetypische Einführung des unbeholfenen Protagonisten, die einem der Furcht vor einer sehr durchschnittlichen Handlung überlässt. Dabei ist The Great Passage eine unbedingte Empfehlung für alle jene, die sich auf eine Story einlassen können, welche von einem langen Atem lebt. Dieser bildet sich in einer nahezu alltäglichen und gähnenden Menschlichkeit ab, aber ist grade deshalb umso aussagekräftiger.

Jahr: 2016 _ Studio: Zexcs _ Based on: Shion Miura’s Fune wo Amu


© Beitragsbild: Zexcs

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