Musik

Wide Eyes – Volume, LP-Review: mehr als 1en und 0en

Um 2009 setzte das Mutterschiff zur Landung an, um die drei Musiker Chris Saniga, Chris Vogagis und Danny Cullman auf dem Planeten Erde abzusetzen. Der Auftrag der Multiinstrumentalisten: unserer Welt einen außerirdisch guten Mix aus progressivem Metal und Djent zu bringen. Lange war nicht klar, ob die Mission gelingen könnte. Denn Danny Cullman war zu Beginn das einzige Mitglied, welches sich dem Einsatz im US-amerikanischen Akron, Ohio verschrieben hatte. Als jedoch Vogagis und Saniga dazustießen, war auf einmal alles im vollen Gange. Das erste Lebenszeichen der Band sollte jedoch nicht einfach ein musikalisches Machwerk nach Handbuch werden. So erarbeitete das Team Innerhalb von drei Jahren unter maximaler Beanspruchung ihrer Fähigkeiten eine erstaunliche Auswahl von 50 plus Songs, die für ihr Debüt infrage kamen. Das finale Album, welches mit dem Namen Volume getauft wurde, erhielt somit eine Tracklist aus 26 ausgewählten Stücken, die eine Gesamtlänge von über einer Stunde und 40 Minuten erreichten.

Ungeahnte Weiten

Wie eine glitzernde Anomalie lockt Volume erwartungsvolle Hörer:innen auf eine atmosphärische Reise, welche durch anspruchsvolle Polyrhythmen, technisch versiertes Shredding und elektronische Soundeffekte für eine schnell eintretende Hypnose sorgt, die anhält, bis der letzte Ton gespielt wurde. Deshalb ist es so schwer, einzelne Tracks herauszustellen. Nicht, weil es keine nennenswerten Momente gibt, sondern weil Volume von nennenswerten Momenten lebt. Da wären der Opener „Inception“, der durch ein schimmerndes Klangbild sphärischer Synthesizer-Kompositionen und das Aufscheinen sanfter Melodien in die ungeahnten Weiten einer fremden Dimension einlädt. Songs wie „Hah!“ stechen durch die Einbindung kreativer Riffs heraus, während in „Eskalofrio“ ein Soli Platz findet, welches auf die stets bedachten Alleinstellungsmerkmale jedes Instrumentes hinweist. Dann sind da noch „Immortalize“, ein Track, der durch die ausgiebige Verwendung von Electronica-Motiven das Gesamtbild angenehm diversifiziert und „Uno“, in dem Geschwindigkeitswechsel eine maßgebende Rolle spielen. „Slipt“, dessen gedenkwürdiger Augenblick eine melodische Rockpassage ist, die nahezu klassische Werte annimmt, könnte hingegen glatt aus einer Feder der Rock-Legenden Queen stammen. Wenngleich sich die durchschnittliche Songlänge zwischen gut verträglichen drei bis vier Minuten einpendelt, bietet „Demarciation“ mit einer Dauer von 10:45 Minuten einen ausschweifenden Abschluss, welcher Volume als Gesamterlebnis gebührend abrundet.

Obwohl der größte Kritikpunkt, welcher an die ausladende LP der talentierten Djentlemen angesetzt werden kann, das Ausmaß der Superlative ist, kann dieses Merkmal die qualitative Höchstleistung der schmal besetzten Gruppe durch ihre Hingabe nicht schmälern. Volume ist ein modernes, progressives Metal-Album, dass mehr als 1en und 0en verkauft. Die erforderte Aufmerksamkeit ist die Reise wert. Empfehlenswerterweise funktioniert es zudem als akustische Entspannungskur wie als inspirierende Hintergrundmusik in monotonen Arbeitsphasen. Einmal im Flow angekommen, relativieren sich Zeit und Raum. Wide Eyes veröffentlichten nach Volume weitere drei eigenständige Alben, das Letzte mit dem Namen Paradoxica in 2017. Und obwohl jene folgenden Werke deutlich kürzer ausfielen, gibt es eine Aussage der Band, die sie immer noch am besten beschreibt: „We write way too much music.“ Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre Mission hier unter uns gelangweilten Erdenbürgern noch lange fortsetzen werden.

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