Was bleibt, wenn Videospiele nichts mehr geben?

Videospiele machen Spaß. Das heißt, bis es nicht mehr so ist. Die Grenze zwischen Unterhaltung und Abhängigkeit ist nicht nur leicht zu übersehen, sondern liegt zudem auf dünnem Eis. Sie befindet sich an einem Punkt, an dem der Spieler nur noch gibt, aber nichts mehr zurückbekommt. Das Resultat ist lohnend, für jene, die einen finanziellen Nutzen daraus ziehen, aber fatal für alle, die sich eigentlich nur etwas Eskapismus durch das Eintauchen in virtuelle Welten versprechen, um den Alltagsstress hinter sich zu lassen. Ab diesem Moment heißt der Endgegner Spielsucht.

Die Games-Branche ist eine der größten Unterhaltungsindustrien der Welt. Sie bewirbt das Gaming mittlerweile nicht nur als ultimative Freizeitgestaltung, sondern schon beinahe als Erlösung. Und ich denke, dass es nicht übertrieben ist, sie als eine Art Nischen-Religion zu betrachten. Die Präsentationen von neuen Produkten auf Events wie der E3 und anderen Spielemessen (das Wort Messe passt ironischerweise ziemlich gut) in alter Apple-Manier sprechen für sich. Sie finden auf riesigen Bühnen in ausverkauften Räumen statt, die so groß sind wie Konzerthallen. Außerdem werden stets neue Jünger gesucht. Nicht zwangsläufig als Mitarbeiter, sondern quasi als Schutzheilige, die unter dem Deckmantel der Social-Media-Rebellion in der Identität eines YouTubers, Instagram-Sternchens oder Live-Streamers aktiv werden. Vor allem die Streaming-Plattform Twitch hat einen richtigen Gruselfaktor. Das Ganze funktioniert dort ungefähr so wie bei Scientology. Spenden wir brav für die Vorführung unseres Lieblingsspieles oder Entertainers, dann kommt das Raumschiff auch bald zu uns (was heißt, dass wir die Kontrolle über unser Leben aufgeben, um jemanden mehrere Stunden am Tag fürs Zocken zu bezahlen bzw. ihm dabei zuzusehen). So viel erst mal zu den Rahmenbedingungen.

Doch wir sind selbst das Problem. Unsere Generation ist ein gefundenes Fressen. Wir sind krankhaft einsam und streben nach permanenter Glückseligkeit. Da kommen Videospiele mit ihrem Versprechen auf Abhilfe in allen Belangen eben grade zur rechten Zeit. Ich selbst habe die Sogwirkung gespürt. Als introvertierter Mensch merkte ich irgendwann, wie sich ein nettes Hobby zu einer hartnäckigen Droge entwickelte. Ich hatte keinen Spaß mehr an den Spielen selbst an den Geschichten oder Figuren, sondern genoss es, dass ich nicht mehr in der Realität bei mir selbst sein musste. Das war ein befremdliches und kaltes Gefühl, aber auch eine Illusion, der ich mich nicht länger unterwerfen wollte. Ich hatte keine besonderen Tricks im Ärmel, um mich von dieser loszusagen. Ich wusste einfach, dass es Zeit war. Doch ich hatte im gleichen Maße Glück. Glück, dass ich noch nicht wirklich abhängig, vielmehr nur fasziniert von diesem sicheren Ort war, den einem nur digitale Sphären vorgaukeln können.

Ja, Videospiele machen Spaß. Sie sind ein Kulturgut, das Menschen zusammenbringen, aber genauso gut voneinander trennen kann. Sie haben viele prosoziale Eigenschaften. Das heißt, bis sie nichts mehr zum eigenen Wohlbefinden beitragen und keinen anderweitigen Nutzen mehr bieten, außer dem eines Versteckes oder Wochenmarktes für Sehnsüchte, der in der Mehrzahl von gewinnorientierten Blendern betrieben wird.

Für Gamer ist es schlichtweg wichtig, ein Bewusstsein dafür zu erlangen, ab wann Videospiele zu einer Belastung eines gesunden Selbstempfindens werden können, bevor es zu spät ist und das eigene Leben aus den Fugen gerät.

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