Es kam aus der Sneak Preview #1: Asghar Farhadis Offenes Geheimnis

Todos lo saben (frei übersetzt: Alle wissen es) ist das erste spanischsprachige Werk des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, der außerdem das zugrunde liegende Skript verfasste. Bei den Dreharbeiten stand dem versierten Cineasten eine prominente Auswahl an fähigen Akteuren zur Verfügung. Zum sechsten Mal spielen hier Penélope Cruz und Javier Bardem zusammen vor der Kamera. Außerdem Teil der Hauptbesetzung: Ricardo Darín, der seinen großen Durchbruch 2000 mit der argentinischen Komödie Nine Queens feierte. In der deutschen Fassung lautet der Filmtitel Offenes Geheimnis. Mit seiner Geschichte um einen Elefanten im Raum versucht Farhadi den Spagat zwischen sozialkritischen Beobachtungen, multilateralem Kammerspiel und aufreibendem Thriller.

Familienzusammenkunft mit Folgen

Ein Uhrwerk. Es scheint alt zu sein. Schwergängig setzt es sich in Bewegung. Die Kamera richtet sich auf das dazugehörige Ziffernblatt. Es ist kaputt. Eine Taube fliegt durch eine zerbrochene Stelle nach draußen. Vermutlich handelt es sich im Ganzen um einen Kirchturm. Szenenwechsel. Close-up auf ein paar Hände. Eine Person zerschneidet Zeitungsartikel, auf denen Bilder von Kindern zu sehen sind. Szenenwechsel. Wir lernen Penélope Cruz in der Rolle von Laura kennen, die in einem Auto mit ihrem kleinen Sohn, ihrer jugendlichen Tochter und ihrer Schwester Anna anreist. Annas Hochzeit im spanischen Heimatdorf ist der Anlass für eine große Zusammenkunft ihrer Verwandtschaft sowie jener ihres Bräutigams. Laura ist vor Jahren mit ihrem Ehemann nach Argentinien ausgewandert. Dieser ist nicht zugegen. Während die Trauung vorbereitet wird, treffen die Familienmitglieder in den folgenden Aufnahmen aufeinander. Auch Lauras Jugendliebe Paco, verkörpert von Javier Bardem, ist zu Gast. Die Vermählung wird schnell abgehandelt. Im Laufe der anschließenden Feier ist Lauras Tochter Irene unpässlich. Sie verlässt in Begleitung ihrer Mutter das Geschehen, um sich in ihr Bett zu legen. Als diese noch einmal nach ihr sehen will, ist Irene verschwunden. Für alle Beteiligten beginnt eine dramatische Suche, die neben Hinweisen auf ihren Verbleib schwerwiegende Zerwürfnisse zwischen den Angehörigen ans Licht bringt.

Drama und Irrwege

Offenes Geheimnis präsentiert sich als Kriminalgeschichte, die eine spanische Familie zwischen glücklichen Augenblicken und abgründigen Intrigen zeigt. Das Verschwinden von Irene, dargestellt von Carla Campra, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Thematik erinnert zuweilen an den vorangegangenen Genre-Erfolg Prisoners (2013) und grenzt sich im Wesentlichen durch sein Reisekatalog konformes Setting einer iberischen Provinz und der dargebotenen Lebensrealität ihrer Bewohner ab. Asghar Farhadi ermöglicht die Etablierung einer undurchsichtigen Spannung, welche von einer ruhigen Grundstimmung getragen wird. Darauf basierend gelingt es Farhadi leider nicht, den Zuschauenden die nötige Konzentration für seinen Mix aus Programmkino mit Hollywood-Glimmer abzuringen. Letztendlich bekommt ein jeder die Chance, ein bisschen von dem in Todos lo saben zu sehen, was er oder sie sehen will. Im Rennen um eine Gesellschaftskritik, Aufregung und der Hoffnung auf ein Happy End gewinnt auf diese Weise die Akzeptanz, das Geld und Politik nicht als empfehlenswerte Gesprächsthemen für ein seliges Beisammensein taugen. Trotz dessen ist das neue Werk von Asghar Farhadi eine lohnende Offerte für Hobbykriminalisten. Die kulturellen Aspekte des katalanischen Familienlebens werden unbestreitbar beschaulich inszeniert und erwecken eine sehenswerte Lebendigkeit der Schauplätze und Charaktere. Wer sich insbesondere an dem Element der Aufarbeitung eines spannenden Entführungsfalles verzehren kann und eine Schwäche für internationales Bewegtbild-Theater hat, dass mit Vorliebe außerhalb der Kulisse New York Citys stattfindet, wird sich an dem Unterhaltungswert Asghar Farhadis neuem Film Offenes Geheimnis durchaus erfreuen.

  • Für Fans von: Prisoners, Cruz und Bardem, Familien-Dramen
  • Regisseur: Asghar Farhadi
  • FSK: 12
  • Jahr: 2018
  • Länge: 2 Std. 12 Min.
  • Genre: Thriller/ Drama