Night In The Woods Video Game Stress

Night In The Woods, Stress und das Laufen in Videospielen

Die Tage stand es noch in der Zeitung: Studenten sind zu gestresst. Wahrscheinlich liegt das am eigenen Erwartungsdruck. Denn das Mensa-Essen ist mittlerweile auf akademischen Erfolg getrimmt und eine Anwesenheitspflicht in den Hörsälen nicht in spürbarer Nähe. Wer eine Auszeit braucht, der kann hier und da eine Vorlesung versäumen. Als arbeitender Student weiß ich, dass das mal drin ist. Es sind wohl die offenen Fragen, die das studentisch-psychologische Beratungsangebot an den Universitäten befeuern. Was mach ich später überhaupt mit meinem Fachgebiet? Wann kriegen sich die Eltern wieder wegen dem zu zahlenden BAföG ein? Et cetera. Bei diesen negativen Schwingungen sprießen schonmal spontan zwei bis drei Phantom-Magenschwüre. Zocken hilft mir in der Regel dabei mental abzukühlen. Doch gestern kam alles anders.

21.08.2018, abends

Ich betrete die Wohnung und japse leise nach Luft. Körperliche Betätigung war in letzter Zeit kein Thema. Meine Hände fangen an zu kribbeln und ich sacke auf der Couch zusammen. Ich versuche tief in den Bauch einzuatmen und der rhythmische Entspannungsversuch schafft etwas Abhilfe. Es ist vorlesungsfreie Zeit. Ein Segen nach der Klausurphase mit kombiniertem Umzug in Uni-Nähe. Zumindest in der B-Note gab es dafür die volle Punktzahl. Jetzt nehme ich am Küchentisch neben dem offenen Fenster Platz. Ich klappe den Laptop auf und öffne ein paar Tabs im Netz, nur um sie schnell wieder zu schließen. Es wird langsam dunkel. Alle Ambitionen des Tages liegen hinter mir. Steam jetzt den Ladebefehl zu geben ist absolut legitim. Also, drücke ich auf die linke Maustaste und starte ein Spiel.
Es ist Night In The Woods, dass mit Hauptcharakter Mae Borowski, einer College-Abbrecherin, die eine Leidenschaft für Prokrastination hegt, wie ein Real-Life-Simulator auf mich wirkt. Ich starte damit einen komischen Traum zu enträtseln und mit ihr aus dem Bett aufzustehen. Mir bleibt die Wahl Bass-Gitarre zu üben, einen Blick in den Internet-Chat-Verlauf am Rechner zu werfen oder mich die Treppe herunter zu wagen. Ich entscheide mich für letzteres und treffe Mom in der Küche an. Oft sitzt sie morgens dort und liest ein Buch. Sie fragt mich, was ich heute vorhabe und ich erzähle, dass ich mich mit alten Freunden treffen werde. Im Gegensatz zu mir sind diese damals in Possum Springs geblieben, haben nach der Schule Jobs angenommen und führen ein unaufgeregtes leben. Ich bin nach zwei Jahren vergeblichen Studierens in meine alte Heimatstadt zurückgekehrt und lebe wieder bei Mom und Dad.
In den Momenten, in denen ich vom Spiel abgelenkt werde, fröstelt es mich innerlich für einen kurzen Augenblick. Ich fange an mir diese Fragen zu stellen, wie: Wieso sitzt du hier und zockst, wenn du noch eine Hausarbeit zu schreiben hast? Wieso ist bei dir noch keine Familie in Planung? Du hättest doch mit deiner abgeschlossenen Berufsausbildung glücklich werden können, oder nicht? Mein Bauch fängt an, wie die Höhle eines grollenden Yetis zu beben. Alles Quatsch, denke ich mir, ich habe noch genug Zeit, um drei Hausarbeiten zu schreiben und zwei Familien zu gründen und dieses eine Studium abzuschließen.
Ich klicke mich erneut ins Spiel. Die Welt von Night In The Woods ist bunt und liebevoll designend, doch die Themen sind erwachsen und manchmal schwer zu verdauen. Es geht um Todesfälle in der Familie, die Problematiken des Erwachsenseins, eine verlorene Jugend und die Frage was eigentlich danach kommt. Ich schlendere als Mae Borowski durch die Kleinstadt. Währenddessen spreche ich Teenager an, die mich mit 20 für Uralt halten, treffe Bekannte, denen ich beichte, dass ich den ganzen Tag nur rumhänge, beste Freunde, die mir von ihren Zielen erzählen und fühle mich immer weiter weg – so weit weg von allem.
Ich laufe los. Das Spiel lässt mir die Wahl, aber ich kann nicht anders. Mein Mindset verschmilzt mit der digitalen Welt. Erst letztens hatte ich einen spielbaren Alptraum, in dem ich mitten in der Nacht umher lief und mit einem Baseballschläger Neonleuchten und herumstehende Autos kaputt schlug.

Wieso nicht jetzt? Ich bin wach und weiß nicht wohin mit mir. Es gibt kein zurück. Ich klettere auf Dächer und tänzele über die Stromleitungen der Stadt. Aus dem Davonlaufen ist ein Rennen gegen die Zeit geworden. Auf einmal sind es nicht das aufgegebene Studium oder die Teenie-Dramen, die mich heimsuchen, sondern das Gefühlschaos und eine Sinnsuche, die in mir eine nicht zu bändigende Unruhe auslösen. Wie ein Zeitreisender, dessen Transportapparat nicht mehr funktioniert, irre ich durch die Gegend und versuche Dinge oder Gesichter ausfindig zu machen, die ich kenne. Im Untergrundtunnel treffe ich wieder die Kids, die lethargisch rumlungern. Sie suchen jemanden der ihnen Alkohol kauft, aber dafür bin ich grade noch zu jung. Mein Finger rutscht vom linken Stick ab und meine ganze Welt entschleunigt sich.
Ich gehe ein paar Schritte, dann bleibe ich stehen. Was mache ich falsch? Wieso fühle ich mich, wie lebendig begraben, wenn ich doch seit 2 Jahren den richtigen Weg für mich selbst suche? Scheiß auf Konformität, denke ich mir und weiß dabei nicht, was die Alternative sein könnte. Ich stelle mir vor, wie sich Mae grade fühlen muss und trete den Heimweg zum Haus der Eltern an. Dad sitzt vor dem Fernseher und bemerkt nicht, wie ich eintrete und mich auf mein Zimmer zurückziehe.
Ich betrete den Raum und japse leise nach Luft. Bei der Wahl zwischen E-Bass und Internet-Chat, entscheide ich mich auf dem Bett zusammenzusacken. Vielleicht ist es Zeit eine ruhige Kugel zu schieben. Mall-Days are over. Ich habe Night In The Woods noch lange nicht abgeschlossen, aber bereits eine Lektion gelernt. Es ist okay im hier und jetzt zu sein, nicht durchs Leben zu hasten und wichtig die kleinen Dinge zu wertschätzen. Schließlich ist NITW genau wie das Real-Life ein Abenteuer und was ist so eine Reise, bei der man nicht mal langsam machen kann, um die Wow-Momente zu genießen. Mein echtes Studium steht vielleicht auf der Kippe, aber ich werde versuchen jeden Tag ohne eine negative Einstellung zu beginnen, den Stress zu verdrängen und versuchen das Ruder rumzureißen. Ich halte die gelbe Y-Taste des Controllers gedrückt, was bewirkt, dass das Spiel gespeichert wird und das Startmenü auf dem Bildschirm erscheint.

Genau wie Mae, lege ich mich ins Bett. Morgen Abend steht dann eine neue Session an, für die ich mir selbst ein Ziel gesetzt habe – nicht gestresst zu sein.


© Beitragsbild: Secret Lab

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