Alex Burunovas Enter The Anime: Tokyo, Netflix und der Kult der müden Geister

An einem Bahnsteig beginnt unsere Reise, die uns den Eintritt in das Reich der japanischen Animationsfilme gewähren soll. Begleitet von weichen Lo-fi-Hip-Hop-Beats tauchen wir in ein klassisches Alltagsszenario Tokyos ein. Es ist die Fahrt mit der U-Bahn, welche nach Burunova, womöglich am besten ein Gefühl für die Mentalität der Japaner wiedergibt. Ordnung, Höflichkeit und ein zurückhaltendes Wesen sind hier erwünscht. Wir akklimatisieren uns und schon ist es um uns geschehen. Wir sind ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht, während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt. Wir können die überwältigende Bilderflut, die uns in Japans bekanntester Metropole erwarten wird, nur erahnen. Denn bis dato befindet sich unser Tour-Guide noch im amerikanischen Los Angeles. Alex Burunova stellt sich uns als Filmemacherin vor, die erst mit der Anime-Umsetzung der berühmten Videospiel-Reihe Castlevania (Netflix 2017) so richtig auf den Geschmack gekommen ist. Beauftragt von Netflix stellt sie sich in ihrer Kultur-Dokumentation Enter The Anime der Frage, was die Essenz des japanischen Zeichentricks ist und welche Bedeutung sie für die Japaner hat. Am Ende dieses Abenteuers werden jene befriedet sein, die sich eine knappe Stunde knalligen Fan-Service und Instagram-Lifestyle versprochen haben, solange das Popcorn reicht. Enthusiasten, die eine tief greifende Erfahrung erwarten, welche einen eindringlichen Blick in das Seelenleben der Anime-Schöpfer ermöglicht, seien daher vorgewarnt. Und dennoch ist Burunovas Reportage einen Blick wert, da sie erahnen lässt, dass da noch mehr ist, irgendwo zwischen den demütigen Zeilen der Protagonisten, dem epileptischen Werbematerial für einen Tagesausflug nach Tokyo und der Ausstellung einer Corporate Culture, die Personalmanagern bei Google und Konsorten die Augen feucht werden lässt.

Bunt, laut und getrieben

Noch immer stecken wir in Los Angeles fest, aber lernen dafür den ersten Macher kennen, der sich uns nicht etwa als Creator, sondern Zeitreisender ausweist. Es ist der Produzent des Castlevania-Anime höchstpersönlich, Adi Shankar, dessen leicht aufgekratzte und sympathisch durchgeknallte Art sich schon bald als Foreshadowing herausstellen wird. Denn Anime bedeutet, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, nicht nur Kreativität am Rande des Limits, sondern ein leidenschaftliches Engagement für alles Andersartige. Nach einer kurzen Abhandlung seines rasanten Aufstiegs vom talentierten Fan-Fiction-Initiatoren zum professionellen Netflix-Kinematographen kommen wir endlich in Tokyo an und treffen überraschenderweise auf einen weiteren Gaijin der japanischen Zeichentrick-Industrie. Lesean Thomas, der sich selbst als Fremdkörper in Japan betrachtet, produziert dort die Bewegtbild-Umsetzung seines Comics Cannon Busters und zeichnet uns ein Bild des Anime als ‚trans genre medium‘, welches sowohl die Möglichkeiten bietet, unterschiedliche Stilrichtungen als auch verschiedene Kulturen miteinander zu vereinen. Dies ist ein interessanter und progressiver Ansatz, welcher nicht der Letzte sein wird, den wir in der kommenden Dreiviertelstunde aufnehmen werden, doch ist er gleichermaßen ein wichtiger Hinweis auf die differierenden Blickwinkel, welcher aufzeigt, inwiefern die westlichen und östlichen Sichtweisen auf das Thema Anime voneinander abweichen. Leider wird diese Erkenntnis nicht weiter aufgegriffen, wie so mancher leise Nebenton, der Alex Burunovas Berichterstattung mehr Tiefe hätte verleihen können. Doch wir können ihr weder den Vorwurf machen, eine schlechte Filmemacherin zu sein, noch die eigentliche Zielsetzung aus den Augen verloren zu haben – Netflix als Geldgeber zufriedenzustellen. Enter The Anime ist bunt, laut und getrieben, als wäre jegliche Verringerung des anhaltenden Tempos unwürdig, um die Diversität der japanischen Popkultur zu proklamieren und unterhält als surrealer Trip, der mit dynamischen Blenden und atmosphärischen Soundeffekten eine aufregende Achterbahnfahrt darstellt. Die trotz alledem in energetisch anmutenden Interviewsequenzen und Außenaufnahmen erreichten ruhigen Momente verleihen dem Gesamtbild keine besondere Dramatik, doch sorgen hier und da für eine Wohlfühlstimmung, welche an geeigneten Stellen den Druck rausnimmt, damit wir das Erlebte für einen Augenblick einziehen lassen können. Doch es ist nicht die poppige Inszenierung allein, die uns bei der Stange hält. Ein Füllhorn an Begegnungen, gekoppelt an zahlreiche Making-of-Situationen mit monumentalen Persönlichkeiten der Anime-Szene Japans, unterbricht die teils anstrengende Effekthascherei für informative Stellungnahmen und Erzählungen jener Macher:innen.

Eskapismus vs. Establishment

Enter The Anime wird im folgenden Verlauf weder optisch noch inhaltlich langweilig, doch verpasst es Alex Burunova dem Anime als mysteriösem Patienten den korrekten Zahn zu ziehen. Während sie umherstreift und gelegentlich bedauert, nicht den richtigen Anhalt zu finden, um die Essenz der japanischen Animationskunst ein für alle Mal ersichtlich zu machen, ist klar, dass es nie dazu kommen wird. Denn jegliche Filme und Serien, die Platz in ihrer dicht besiedelten einstündigen Dokumentation finden, sind, wie sollte es anders sein, Eigenproduktionen von Netflix oder haben einen direkten Bezug zu jeweils mindestens einer Produktion, die aktuell beim Streaming-Riesen zu sehen ist. Unter anderem sind im Gespräch: die Anime-Produzenten Kōzō Morishita (Saint Seiya, Dragonball Z), Rarecho (Aggretsuko) und Rui Kuroki (B: The Beginning, Kill Bill: Vol. 1), sowie die Regisseure Masahito Kobayashi (Rilakkuma und Kaoru), Yukio Takahashi (7Seeds), Toshiki Hirano (Baki, Magic Kaito) und Shinji Aramaki (Ultraman, Ghost in the Shell SAC_2045), um nur ein paar wenige Namen der vertretenen Repräsentanten zu nennen. Geplauscht wird über ikonische Szenen und Besonderheiten des vorgestellten Anime, die uns verdienterweise anfixen. Tatsächlich wird ebenso über die Schattenseiten des Business gesprochen wie die ermüdenden Arbeitsintervalle und einstige Berufswünsche, die nichts mit Anime zutun hatten. So wird in vielen Teilsätzen bemerkbar, dass die Tätigkeit als Anime-Creator ein Segen und ein Fluch gleichermaßen zu sein scheint. Die meisten dieser Aussagen werden sogar von Burunova selbst angestoßen, doch verkommt ihre investigative Arbeit, welche ab und an den Finger in die Wunde legt, hinter ihrem Plädoyer für eine Corporate Culture, die den Versprechen der Start-ups und Großkonzerne unserer Zeit Blindlinks ins offene Messer läuft. Animes zu produzieren, sinniert sie, steht für das eingehen von Risiken, mutig seinen eigenen Weg zu gehen, Akzeptanz und Inspiration in ruhigen Momenten zu finden (Google-Hauptquartier, wärme schon einmal das Bällebad vor, meine Kreativität ist bereit, dafür in dir aufzublühen, um dann während eines 20-Stunden-Crunge vor dem Rechner vollkommen einzugehen!). Ja, bezeichnend ist gerade ihr Schlusswort, das die DNA des Anime endgültig entschlüsselt haben will. Was ist Anime? Das ist keine Frage nach dem ‚Was?‘ oder ‚Wer?‘. Es ist die Erkenntnis, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein und als Individuum in ihm zu verschwinden. Wow! Dieses Statement zergeht auf der Zunge wie ein angewärmtes Stück Butter, doch hinterlässt es einen wahrhaft bitteren Nachgeschmack. Wir spulen noch einmal zurück und befinden uns wieder in der U-Bahn. Wir sind hier ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht. Gemeint ist eine veraltete japanische Lebensphilosophie, welche sich um Ehre, Stolz und die Wahrung des eigenen Gesichtes dreht, selbst unter einer unmenschlichen Arbeitsbelastung und dabei stets zu einer Stabilisierung des großen Ganzen verpflichtet. Während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt, läuft Burunova in die Falle einer modernen Unternehmenskultur, in der ein Obstkorb als Köder fungiert und uns einredet, dass wir nun im Gegensatz zu damaligen autoritären Hierarchie-Modellen als Individuum unsere eigenen Ziele erreichen, unsere Arbeitszeiten selbst bestimmen und endlich einen Sinn in unserem Tun auffinden können. Work-Life-Balance! Feel-Good-Management! Corporate Identity! Denn wer brauch schon eine eigene! Das da immer noch ein ominöses großes Ganzes ist, dem wir uns mit der Unterzeichnung unseres Arbeitsvertrages anschließen, wird heute schlichtweg verschwiegen. Doch verschwinden wir nicht mit ihm, sondern erhalten das Phantom mit unserer 24/7-Gegenwart in den arbeitnehmerfreundlichen Büros inklusive Yogabereich am Leben. Wenn Rarecho und seine Mitarbeiterin Yeti nur an ein paar hinreichende Stunden Schlaf denken können, wenn sie auf das Thema Freizeit angesprochen werden, Kuroki davon berichtet, dass er keine Zeit für ein Mittagessen hatte, weil es nicht in seinen Tagesplan passt oder Morishita, der außerdem im Vorstand des japanischen Disney-Pendants Toei Animation sitzt, gleich mehrmals damit zitiert wird, dass er nichts als ein Klumpen Stress ist, wenn er einen neuen Anime inszeniert, dann sind dies keine Loblieder auf eine zu glorifizierende Aufopferungsbereitschaft, sondern die Mahnmale einer vom Kapitalismus gezeichneten Industrie. Das viele der teilnehmenden Kreateure offen damit umgehen, eigentlich nie ihren jetzigen Job angestrebt zu haben, überrascht nur, wenn wir uns Burunovas vollmundige Phrasendrescherei zu Herzen nehmen, die all die Beschwerlichkeiten dieser Berufung vollkommen verklärt. Ein Funfact dieser Doku ist, dass in Japan mehr Manga als Toilettenpapier produziert werden, was jedoch den ernüchternden Hintergrund hat, dass es eine Überproduktion gibt und die hart erarbeiteten Endprodukte, die sich nicht als populär auszeichnen können, als Wegwerfprodukte angesehen werden. Das die japanische Animationsfilm- und Manga-Industrie seit Jahren eine düstere Dunkelziffer schreibt, die begangene Selbstmorde aufgrund der hohen Arbeitsbelastung insbesondere unter jungen und unerfahrenen Künstlern abdeckt, ist etwas, das vonseiten der Unternehmen nur allzu gerne totgeschwiegen wird. Leider wird dieser Zielgruppe auch in Enter The Anime keine Beachtung geschenkt. Während die US-Künstler Shankar und Thomas den Anime noch als expressionistischen Spielplatz wirken lassen, spiegelt sich in den ausgewählten Netflix-Produktionen ein Kampf zwischen einem Eskapismus und den gesellschaftlichen Konventionen, dem Establishment wider. Burunova berichtet diesbezüglich an einem Punkt von der Begeisterung für Kawaii, der Faszination für das Niedliche, welche sich bereits in den 1960er Jahren als Subkultur entwickelte und Schüler dazu antrieb, sich gegen die unnachgiebige Erwachsenenwelt aufzulehnen. Rarecho spricht in Bezug auf seinen Anime Aggretsuko in dem es um eine gestresste Büroangestellte geht, die ihre Vorliebe für Death Metal zum Abbau ihres Kummers entdeckt, davon, wie Abnormalitäten die Menschen von ihrer eigenen Banalität befreien können. Er erklärt uns damit gleichermaßen die skurrilen Ausflüchte in das Extreme, beispielsweise wenn es in anderen Animes immer wieder um Männer mit überdimensionalen muskelbepackten Körpern geht, wie in Seiji Kishis Kengan Ashura in denen jene für die Interessen der einflussreichsten Geschäftsführer Japans in den Kampf ziehen. In Enter The Anime lernen wir die Stars der Anime-Szene zwischen den Zeilen als Kult der müden Geister kennen, deren bröckelnde Fassaden nicht gänzlich von Burunovas ausgewählten Filtern überstrichen werden können. Sie sagt, dass sich das gestrige Japan und die progressiven Elemente des Anime gegenseitig befeuern, doch dies ist eine grobe Fehleinschätzung. Ein ausbeuterisches System ist nicht besser, nur weil es in neuen Gewändern daherkommt. Anime ist ein Aufbegehren gegen die anti-humanistischen Strukturen unserer Welt, die in den Abfalleimer der Geschichte gehören.

An adequately mad interview with 30 Seconds GO!

Having retired from my vivid career as client of local psychotherapeutic surgeries, because of a persistent panic disorder, I’d like to mention, that the biggest challenge regarding it was to actually introduce myself to the doctors. No further investigation into the causes for their part. You need to help me to help you – and all that. If I´d know the literal reason for who I am and why I feel like this, I would not have to come and see you! What happened to inkblot tests and putting people through weird fictional scenarios to create this (Ohhh!) moment, where we are both excited to understand that the pencil sharpeners that haunt me in my dreams are symbolic manifestations constituting the relationship to my father! Anyway. 30 Seconds GO! from Maine, USA, offering a mixture of heavy breakdowns, embedded in a groovy range of mathcore, electronic sounds and furious vocals. Embracing the tongue-in-cheek Kafkaesque insanity of the early Dr. Acula, brute synth-mosh-craziness of Arsonists Get All The Girls and wild hysteric delivery of lyrics à la Every Time I Die’s Keith Buckley, the upcoming quartet is reaching out to the lovers of track-sized audible frenzy. Next up I am proud to be joining them for a special introduction, through a quick round of appropriately strange questions.

Hey guys, thank you so much for attending this interview. I hope all of you are healthy and getting well through the pandemic.

Bands often get asked how it all came about and well, it’s not their fault that the answer is pretty square most of the time. How have you guys met in another dimension, though?

Collective: Maine only has one dimension, and everyone went to one highschool and our guitarist went to a shitty highschool an hour away. Our vocalist currently resides in a weird pocket dimension called Michigan but we don’t care about him.

You created and published your first release in 2010. It was a self-titled demo with three tracks, that you commented with the words: „We were young, and this is what happens when you do the cinnamon challenge at a friends house.“ What would be the challenge, that describes you best today, a whole decade later, working on new material?

Collective: The “Playing live challenge”. It’s a rough deal full of heartbreak, betrayal, and in ear monitors.

Looking back one of the first things that caught my attention concerning your project has been a cover like design, including your logo and depicting a scene kid losing her/his mind, while the city is getting wrecked by a tornado. How would you stop this natural catastrophe? 30 Seconds GO!

Bobby: Point fans at it and blow it away.

Dalton: Hire Nicholas cage, but like, Nick Cage from Mandy.

Brandon: Throw hotdogs at it until it gets allergic and runs away.

Caleb: Turn the volume down… of our EP.

On last year’s Halloween you released the first single off your upcoming EP ‚A Self Help Guide To Your Nervous Breakdown‘, which will be published by Through Riding Tiger Records. It is called ‚Did You Remember Your Reusable Shopping Bags?‘ and honestly caught me off-guard with it´s technical powerful riffs and assaults of effect-driven guitars, that reminded me of heavyweights like Ion Dissonance or Scottland’s very own Frontierer. But I need to know: What would be a memorable merch item of your choice, that is strictly NOT reusable, because of its rarity or impact.

Brandon: Chinese finger traps… no one sells that at a merch table.

Caleb: 30 Seconds Aged Lagavulin.

Bobby: Can it be Calebs beard he used to have when we wrote the EP? Or his ass hairs he tricked his wife into shaving?

Dalton: A shirt that has nothing to do with 30SG! That has like 8 old ladies on it that I definitely found at a thrift store in 2011.

If you had the chance to travel back in time or to a future instant in history, lasting 30 seconds, how would you decide?

Caleb: Hiroshima, Japan.

Bobby: But not when the bomb happened… like 1983.

Caleb: or whenever jesus was talking to people and be like “hey, your mix is off”. Or better yet, tell Sting to “just stop”.

Brandon: How about the birth of the universe so I can be the first person to take a shit… how’s that for a record?

Dalton: Back to the moment when I rhymed “Crawl” with “Crawl” in our first intro. It haunts me.

Bobby: Back to when George Washington Carver invented the first jar of peanut butter so I can FUCK IT!

Brandon: Can we just end the interview with a question for him that says “Ya ever been zoinked?”?

Earlier this year you’ve uploaded the second of overall three pre-issued tracks of your imminent release featuring a guest appearance by Sean Richmond of Arsonists Get All The Girls and I have to admit it’s one of the most intense and well placed features I have ever listened to. Especially the subtle, yet atmospheric use of synthesizers throughout the track reminds me of their style. If you had to collaborate with a producer of oven-ready meals to create your own. What would that look like?

Dalton: Kid Cuisine. No changes. They are perfect.

Caleb: Kurt Ballou, he makes mean breakfast sandwiches. It looks like how Gordon ramsay makes me feel.

Brandon: Can my answer just be Chicken Permission? *Brandon stares blankly with a Snapchat filter over his face* Looks good.

Bobby: Mine would be Digiorno, it would look mostly the same but the cookies would be ON the pizza from the meal kits.

Three of you guys are involved in a side project called The Sharks Megabyte. You make nintendocore that is of course influenced by your work with 30 Seconds GO! and that I advise every fan of the genre, nerd and fellow traveler to check out. BOOM! You are stuck in a co-op video game, fighting the end boss. It’s another tornado. With a sword! Choose your characters as you wish.

Dalton: Mine would be a guy with a t-shirt that says FUCK THE SHARKS MEGABYTE!

Brandon: Not Dalton because he SUCKS and isn’t allowed to be in The Sharks Megabyte.

Bobby: Any one of the 3 of us in The Sharks Megabyte, so definitely not Dalton. PS Love Mummy sucks.

Caleb: Old world blues (NOTE: The rest of us think he forgot the question at this point.).

So, your third single entitled ‚Mantis‘ dropped in September, a nightmare vision of a girlfriend turning into a deadly insect and all I´d like to say about it is, that it got me even more hooked for what is to come. Please use this moment to conclusively tell the readers anything you’d like them to know.

Bobby: That our main vocalist Dalton used to paint his face like a Juggalo. After the EP we’re going to work on a full length so expect that out in 2039, we’ll put out 45 singles leading up to it.

Dalton: I just want everyone to know that this EP was a nightmare to make but super weird dredging up something I hadn’t worked on in 9 years. I have a solo project called Love Mummy that I never work on. It’s moreso electronic Noise rock. I’m excited to work on the full length for 30SG!, I expect us to get a bit more weird with it…

Caleb: Sharks Megabyte EP coming soon. Full length as well, but nothings really written yet. Also me and Brandon have another project called Never Odd Or Even. We all have like 900 projects.

Brandon: The other 8 bands I’m in are more enjoyable than this one. Also check out Knife Eater.

Bobby: Thank you for having us do this audio interview, we worked really hard on the backing soundtrack you have been listening to this entire time, as well as all the intricate sound effects. I want to thank you all for listening.

Dalton: Like , Comment, and subscribe! Hit that bell icon to be notified of updates. But first, let’s talk about Squarespace…

Michael Barretts Temple, Film-Review: wirrer Horror nach Wendler Art

[SPOILERWARNUNG; aber ist eigentlich auch egal]

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich manchmal blendende Vorzeichen für ein geplantes Projekt und ein fürchterliches Endprodukt widersprechen können. Michael Barretts Film-Debüt in der Position des Regisseurs namens Temple kam bereits um 2017 heraus, doch liefert dieser Umstand keinerlei Erklärung für einen Film, der trotz gewisser kinematografischer Qualitäten weder die Spur eines roten Fadens erkennen lässt, noch Charaktere vorweisen kann, die wirken, als wären sie ein Teil in ein und derselben Story. Noch mitten im Geschehen, verwundert und orientierungslos den merkwürdig aneinandergereihten Mosaikstücken der Handlung folgend, wünscht sich der Zuschauer etwas banales, wie das Erscheinungsdatum würde Anhaltspunkte für den Wahnsinn geben, welcher sich einem in Form von beziehungslosen Akteuren bzw. Kreaturen und ihrem gelegentlichen Aufeinandertreffen anbiedert. Es stellt sich somit die Frage, was schief laufen konnte, obwohl ein anständiges Budget von 3,4 Millionen US-Dollar zur Verfügung stand, zudem eine us-amerikanisch-japanische Zusammenarbeit authentische Drehbedingungen auf dem ostasiatischen Inselstaat sicherstellte und sowohl der prämierte Kameramann Barrett (Kiss Kiss Bang Bang, Ted) als auch der mitwirkende Schreiber Simon Barrett (You’re Next, Blair Witch) [verwandt oder doch nur Namensvetter] gemeinsam über das notwendige Maß an Erfahrung verfügten, um einen zumindest erträglichen Mix aus altbekannten J-Horror-Elementen zu kreieren. Doch weit gefehlt, denn Temple ist zum Schaudern wunderlich, ja gerade eben gruselig in seiner Kunst allem einen unbeständigen Touch zu verleihen, der den Zeugen dieser forciert-ungewollten Mittelmäßigkeit am eigenen Urteilsvermögen zweifeln lässt. Es macht sich ein unangenehmes Bauchgefühl breit, dass nur vergleichbar mit der Wirkung einer Telegram-Ansprache Michael Wendlers ist, in der er berichtet, dass keine Normalität mehr herrscht und nur eine Flucht in die in Corona versinkenden Vereinigten Staaten jetzt noch Sinn macht, wo sich die Bundesregierung mit ihren Anti-Pandemie-Maßnahmen gegen uns alle verschworen hat und die Tilgung seiner Schulden noch im vorigen Augenblick nur eine schlechte RTL-Show entfernt zu sein und ihm ein verträgliches Leben mit gesunden menschlichen und geschäftlichen Kontakten zu ermöglichen schien. Gefasel Ende. Schwindelgefühl an. Doch eins nach dem anderen, denn ein Bezug zum Film soll schließlich gleichfalls gezogen sein.

Handlung, Fallstricke, Befremdlichkeit

Kate ist der Stereotyp einer jungen, attraktiven Studentin, die sich für vergleichende Religionswissenschaften interessiert, da dies eine passende Kausalität zum betitelten Tempel-Ausflug ist. Weil ihr Freund Chris, der ziemlich schräg daher kommt, aber ein gutes Herz hat, nebstdem seinen Bruder bei einem schrecklichen Unfall verlor, arrangiert sie einen Trip nach Japan, um ihm ein erfrischendes Abenteuer zu bieten. Überraschenderweise lädt sie ebenfalls ihren festen Womanizer-Freund James ein, der sie ab ihrem Wiedersehen in der Eingangshalle ihres Hotels in Tokyo in regelmäßigen Abständen befummeln wird und Chris zum dritten Rad degradiert, dass während des folgenden Bummels durch Japans aufregende Hauptstadt, wie in Trance durch eine Kamera starrend, konfus durch die Gegend rollt. Doch Chris spricht passabel japanisch und ist deswegen irgendwie nützlich auf einer Reise, die eigentlich seiner mentalen Verfassung zugutekommen sollte. Blah, Blah, Blah, Kate findet ein mysteriöses Buch in einem Ramschladen, vor dem sie die Verkäuferin warnt, aber Chris wird später zurückkommen, weil der kleine Geisterjunge es ihm in Abwesenheit der Besitzerin verscherbelt. Was? Kleiner Geisterjunge? Ja, ist egal, weiter im Kontext. Die drei Machen sich auf dem Weg zum Dorf, über dem der Tempel liegt, weil der Barmann, den Chris zufällig kennenlernte, dort geboren wurde und ihm eine Wegbeschreibung aufgemalt hat. Sie erscheinen also später im Dorf und die letzte Handvoll Bewohner so: „Och ne Amerikaner.“ Aber die alte Frau, bei welcher der Geisterjunge wohnt und die sich um ihn kümmert, ist ganz nett und lässt die nervenden Touris in ihrem traditionellen Heim übernachten und nein, der Geisterjunge hat eigentlich nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit dem Schrein, aber musste ja kurz in Tokyo erscheinen, um Chris das Buch anzudrehen. Also wirklich alle wissen, dass er tot ist, außer die drei Amerikaner (oder Briten, ich habe verdrängt, ob das erwähnt wird). Sie lassen sich also vom kleinen Geisterjungen zum Schrein führen, nach einer semi-gespenstischen Nacht, in der das verrückteste Chris war, der Kate und James beim Geschlechtsverkehr filmt und sich vom sensiblen Einzelgänger zum unangenehmen Freak steigert – und einen Dämon oder so was sieht, aber das hat er auch schon in Tokyo, wegen der Aura des Buches. Ach so, in Tokyo waren Chris und James zwischendurch in einer Disco, in der James seine wahre Natur zeigt, als er eine Japanerin auf der Tanzfläche betatscht. Anstatt einzuschreiten oder Kate mit diesem Wissen zu konfrontieren, selbst nicht, als sie Chris vom heimlichen Schwangerschaftsabbruch von James‘ ungeborenen Baby erzählt, von dem James nichts weiß, filmt er die Szene nur so für sich – was soll das alles, was sind das nur für Typen? Okay nun sind wir schon beim Tempel, der Geisterjunge ist bereits nach Hause gegangen, weil er da sein muss, bevor es Dunkel wird. Chris hat sich ein Bein gebrochen und James wird von der Fuchsgöttin getötet, um die es auch in dem Buch geht, sie bewacht nämlich den Tempel. Eigentlich spukt es dort aber wegen einer Gruppe von Kindern, die anno Feuerzeug von dem Mönch des Tempels umgebracht wurde, der daraufhin von einem wütenden Mob umgebracht wurde, aber sich die Freddy-Krueger-Nummer gespart hat und ist einfach tot geblieben. Chris wird jetzt von den toten Kindern im Tempel angegriffen, während sich Kate in der Miene verläuft, die James beim Pinkeln gefunden hat. Ach ja, aber eigentlich sind das alles Erinnerungen von Zombie-Chris, der von einem Professor über die Ereignisse befragt wird und bei seiner Flucht den Übersetzer umbringt, während der kleine Geisterjunge draußen auf dem Flur auf ihn wartet. Das ist das Ende und man hofft einfach, dass Chris Flucht keinen Anlass für eine Fortsetzung bietet, also so wie bei Michael Wendlers Flucht nach Amerika. Da der Film nur 78 Minuten misst, fragt man sich dann noch einmal, wo hinein das ganz ordentliche Budget geflossen sein soll. Außerdem habe ich jetzt sowohl Bock auf als auch Mitleid mit Japan. Sumimasen, Leute! Review Ende. Schwindelgefühl bleibt.

Michael Barretts Temple ist zurzeit noch auf Netflix streambar – oder besser nicht.

„Egal“ – Michael Wendler

The incredibly hopeful interview with Being Still

It is self-evidently a good sign, if a young and striving band gets compared to as many classic role-models of a scene as possible. In this matter Being Still, upcoming post-hardcore hope of Ocean City, New Jersey, US, are a contender for the Highscore, getting mentioned next to the names of Thursday and La Dispute alike. Melding progressive melodic ambient parts with old-school emocore elements their debut release Scattered Out of Focus Lights delivers an intriguing new sound to reckon with. Today I am happy to greet them as guests for an extra positive talk about how to stay hopeful, while 2020 is burning on both ends.

Thank you so much for joining me to talk about your project in these troubled times. How are you doing right now? I hope everyone is healthy.

Sean: We’re both doing well! We live with our partners and keep to ourselves mostly, so we’ve been able to keep things pretty simple during all of this.

Let´s kick it off with some major positive vibes. What is the best thing that happened to you as of yet in 2020, despite devastating incidents like the pandemic and the tragic events that started political riots all over the world?

Sean: Honestly, one of the best things has been the time and ability to interact regularly with our fans through social media. We put up merch for the first time and had way more sales than either of us were expecting, we watch all the stories that people tag us in, we’ve met and talked to several podcast teams, we see the excited comments on our videos, and it’s hard to beat all of that. And while we can’t get out and see people or travel to the places we had planned, we get to watch horror movies whenever and play games online with friends. It’s not the high life but you have to focus on what’s in front of you and what you do have. Community and support is essential for both of us.

Like I mentioned, a lot of people are connecting you with their favorite bands soundwise. What is the best correlation a fan has done by now?

Sean: We smile a little too hard when A Lot Like Birds or La Dispute come up. Those bands defined so much of our growth as musicians that it’s endlessly flattering.

Your first music, a six tracks including ep called Scattered Out of Focus Lights, officially dropped in February 2019 and excited listeners with a wild but compatible mix of different emo genres like The Wave (La Dispute, Defeater) and post-hardcore (As Cities Burn, Saosin). On your Bandcamp page you link the tag ambient-post-hardcore, which I think is absolutly fitting, as you often play with the extremes of chaotic rock passages and leave much room for gentle atmospheric melodies that gift the songs with an unexpected depth. What do you enjoy most about creating this kind of music?

Sean: It’s really simple: the variety. The first EP is full of different sounds and emotions that were all experiments in music we hadn’t been able to play with other people before. Finding each other was a blessing in that sense. We know what is fun for us to play and so we write songs that allow us to play those parts. It’s not all blast beats and soaring cleans, nor is it all vamping and reverb. We mix in flavors as they seem to fit and we’re constantly expanding our palette to try and deliver something that feels different than the last song we wrote, yet keeps the Being Still sound at its core.

You need to eat well and sleep well to stay positive and lead a happy and healthy life. What is the food that recharges your batteries best and makes you happy?

Sean: We’re both veg-heads and try to be health conscious. (Not always successfully.) Before we head anywhere, you will usually find us eating pasta and tomato/cucumber sandwiches rather than snack food. And we drink tons of water.

Ever since My Chemical Romance´s 2006 Song Cancer the door for tragic plots in the lyricism of emo bands has been violently kicked open, especially of course regarding stories that cover sickness. Your track Winter Scene (see the lyric video here) seems to embrace the darkest moment on your current release, when it covers a dreadful situation between a father and his sick son and leaves little hope for a happy ending. What are the most uplifting songs / records that you know and got you through the desperate times of isolation?

Sean: I’ve been a little obsessed with the song Basement Show BB by Cheem. It dropped just in time for this summer and it became an anthem on car rides for a while. It’s the right balance of goofy meets dancey. If I need something more intimate, I’ll reach for albums like Romance Is Boring by Los Campesinos! or E*MO*TION by Carly Rae Jepsen. Very different moods but they all feel upbeat without being overly saccharine or inauthentic.

Joey: Oh man, a lot of old Senses Fail and AFI records got me through tough times. Just growing up and being a kid I had those records to relate to, but now more than ever it’s not listening to music but writing it that helps me get through the hard times in my life. It’s like therapy to me, I need it.

Even, if it is the best part about your life, to be in a band can be very stressful. Beginning with the organisation, the struggle to grow as a team and the wish to stay relevant for your fans. What are your sources of power that give you the strength to continue to make music / together?

Sean: There’s a lot of little things we could point towards, but at the end of the day, no matter what you do, there is always a voice inside you that tells you to create. You hear an intense song or album, watch a gorgeous movie, witness a stunning piece of art, read incredible writing, and you instantly know that you have to do this. You have to give back in some way, or contribute to this movement/community, and if you don’t then you’re denying a part of you. For us, we do that through music and about a thousand other little creative projects. Sometimes it’s frustrating when the ideas don’t come out or your hands don’t do what you want them to do. But that all stems from the desire to create, and there’s nothing you can really do about it because that voice doesn’t go away.

The great news is out for a while now. You are working on a new record and have been able to announce a very special guest appearance on one of the songs everyone is thrilled about. Please give us an outlook on what is to come.

Sean: We think the second EP will be very similar to the first. It actually starts right where the previous one ends with Haunter Part 2, so that’s built into the structure itself. Incredibly, it will feature Shane Told of Silverstein. We’ve already heard his takes and those parts bring so much energy to the song. We can’t wait for you to hear it. At the same time, we’re constantly refining our sound and sanding off the elements that didn’t work before. At this point we can write something and say “That’s Being Still.” We say it all the time. We know it as soon as we hear it. And we hope our fans will know exactly what we mean, too.

Not only due to the hardships of the pandemic, but also the political trench warfare that is happening all over the world right now it´s tough to maintain a reasonable mindset and contribute to change things for the better. What are your tactics to navigate through all of this uncertainty, avoiding to get influenced by fear and desperation?

Sean: We’re both lucky to have incredibly supporting and patient partners. It’s affirming to constantly have a friend and sidekick regardless of where you are or what is happening. And through everything, it’s important to stay open. We try to listen to other people and make some sense of what’s going on around us. Leaning on friends and being open with them about how we’re feeling staves off the loneliness of feeling lost in world. Community helps ground us and gives us perspective. Sometimes, that community is music or another form of art. We know that people need people so we try and do our part in that way.

Please take this opportunity to speak directly to the readers and let them know anything you want to.

Sean: For any fans, new or old, we’d love to meet you when we can get back on track and playing shows again. We seriously do keep a close eye on our social media and try to show our appreciation to those who connect with our music. We like to see how and where people are listening to our music so please keep showing us! If you’ve never heard of us, we hope you’ll tune in for our next project and take some small part of it with you. If you make music or art, send it to us! We’d love to see what other people are up to during this time. We’re constantly inspired by you all. We’re doing everything we can to get our new music shaped up and out to our audience, so hopefully that will be in your ears soon.

Der Fall Rowling und das Bildnis der alten weißen Frau

“Youth can not know how age thinks and feels. But old men are guilty if they forget what it was to be young.” ― J.K. Rowling, Harry Potter and the Order of the Phoenix

Was haben Joanne K. Rowling, die Familie Kennedy und Robert Downey Jr. gemeinsam? Ihre Namen sind vielen von uns auch als Akronyme ein Begriff. So ist das eben, wenn man wahnsinnig berühmt ist, da fliegen einem die coolen Spitznamen einfach zu. Vermutlich wäre JKR heute genauso JKR, wenn ihr kein gesellschaftlicher Knebel vorgeschrieben hätte, ihre Bücher als J. K. Rowling zu publizieren. Doch der Verlag entschied anno Quidditch, dass die Erkenntnis, die Harry-Potter-Serie werde von einer Frau geschrieben, eine gewisse Zielgruppe von jungen männlichen Lesern vergraulen könnte. Ob diese Vorgehensweise auf einem rein finanziellen Motiv basierte, ist heute nicht mehr wichtig, denn würde sich die Vertuschung von Joanne K. Rowlings Geschlecht dieser Tage als valide herausstellen, so hat sie in retrospektive einer Menge junger Knaben eine fantasievolle Welt eröffnet, die ihre Kindheit gewiss bereicherte, vor allem um einen unwiderstehlichen Anreiz, ein Buch anstatt eines Game Boy in die Hand zu nehmen. Und dennoch ist diese Begebenheit interessant, ja sogar unbedingt erwähnenswert in einer Zeit unerbittlicher Kämpfe zwischen Menschen, welche die Wahrung ihrer Identität gefährdet sehen. Es geht um einen panischen Diskurs, den die Schutzheilige aller Kinderbuchautor/en/innen Joanne K. Rowling teilweise selbst mit einer starken und zu gleichen Teilen fragwürdigen Meinung befeuerte.

Identität im Angststrudel

2019 begann das Drama um das, was Rowling über die Inklusionsansprüche der transgeschlechtlichen Szene zu sagen hatte, zu sagen versuchte bzw. eigentlich mit einer Mischung aus Kurznachrichten und Blogeinträgen über ihre Haltung gegenüber dem binären Geschlechtersystem und seiner Legitimität zu meinen dachte. Kurz und bündig vertrat sie dabei eine konservative Haltung, welche die Etablierung eines dritten Geschlechtes als unakzeptabel behandelte. Angefangen mit ihrer Affinität für die Aussagen der umstrittenen radikalfeministischen YouTuberin Magdalen Berns, verdichtete Joanne K. Rowling im weiteren Verlauf des Jahres fortschreitend ein Meinungsgebilde, welches den Eindruck hinterließ, dass ihr Antrieb nicht ausschließlich aus dem Willen bestand, das weibliche Geschlecht vor der engültigen Relativierung zu retten. Ebenso hinterließen ihre Äußerungen einen trotzigen Beigeschmack, der auf dem entsetzten Widerstand ihrer bis dato schier unendlich ergebenen Fangemeinschaft begründet schien. Der Stachel saß tief bei jenen, die sich durch ihr biologisches Geschlecht unwiderruflich gebrandmarkt fühlten, Feministinnen wie Rowling, welche die Auflehnung gegen das altertümliche Modell des Patriarchats durch die schrille Stimme der Transgenderbewegung torpediert sahen und den Ultrarechten, welche dachten, dass sie sich durch die bloße Kraft ihrer blinden Wut und wüsten Beschimpfungen gegen jegliche Anbahnung einer modernen Auslegung der Geschlechterverhältnisse zurück in die Vergangenheit prusten könnten. In einem großen Strudel aus Angst um die Sicherung der eigenen Identität drehten sich die beteiligten Parteien weiter um einen vermeintlich nicht greifbaren Konsens. Rowling unterstützte persistent konservative Stimmen wie die der gefeuerten Steuerfachfrau Maya Forstater, welche sich durch Twitter-Posts gegen die Akzeptanz von Transfrauen- und Männern um ihren Job gebracht hatte, und machte sich noch im Juni dieses Jahres mit einer Nachricht unbeliebt, welche die Menstruationsfähigkeit als absolute Voraussetzung für die Zuordnung zum weiblichen Geschlecht verkündete. Doch wer glaubt, dass währenddessen auf der Seite der Befürworter einer bedingungslosen Inklusion von transgeschlechtlichen Menschen eitel Sonnenschein herrschte, der irrt. Von individuellen rationalen Diskursversuchen, welche auch die eigenen geforderten Integrationsmaßnahmen infrage stellten, bis zu verbalen sexistischen Angriffen, die vor keiner Generalisierung andersdenkender zurückschreckten, sprach auch im vorgeblich progressiven Lager dieses Konfliktes die Furcht in lauten wie leisen Tönen aus den Mündern und Online-Accounts der Protestanten.

Dumbledore, du fehlst!

Nun schreiben wir den 05.09.2020 und es darf behauptet werden, dass sich die Unruhen zumindest mit dem Fokus auf die Meinung einer der noch immer und trotz alledem beliebtesten Schriftstellerinnen der Welt beruhigt haben. Fraß sich der Schock doch gerade deshalb so in die Herzen junger und alter Fans, da die Harry-Potter-Bücher mit ihrer Warnung vor und Verachtung der totalitären Herrschaftsbestrebungen böser Kräfte und den Siegeszug des Guten verkündend, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Macht der Vernunft darstellen. Joanne K. Rowling scheint sich derweil vollends über die Tragweite ihrer kritischen Aussprache bewusst geworden zu sein und diese zu bedauern. So trafen die Akronyme JKR und RFK erst vor wenigen Tagen tatsächlich im echten Leben zum Anlass eines zerknirschten Ausdrucks von Verantwortungsbereitschaft aufeinander. J. K. Rowling gab den ihr verliehenen Menschenrechtspreis von der gemeinnützigen Organisation Robert F. Kennedy Human Rights (RFKHR), nachdem Kerry Kennedy (60), die Vorsitzende der Organisation und eines der Kinder des 1968 ermordeten Robert F. Kennedy, sich kritisch über Rowling geäußert hatte, zurück. Auch wenn das Bildnis des alten weißen Mannes weiterhin als Symbol für jene verwendet werden wird, die jeglichen zukunftsweisenden gesellschaftlichen Wandel ablehnen, sieht es so aus, als ob J. K. Rowling aufgegeben hat, sich an dem Äquivalent als Verkörperung der alten weißen Frau abzuarbeiten. Nach all der Kritik an ihrer Persona ist es nun allerdings gleichermaßen von Nöten, Milde walten zu lassen. Die Jungen dürfen nicht vergessen, dass sie (noch) nicht verstehen können, wie das Alter denkt und fühlt. Irgendwann werden wir es sein, denen sich die Welt entschieden zu schnell dreht und uns dabei ertappen, wie wir der nächsten Generation vor der Angst vor Veränderung auf die Füße treten. Um diesen Punkt klarzumachen, braucht es in der Regel einen gelassenen Mediator, der die verfeindeten Parteien mit sanften Worten der Klarheit zur Vernunft geleitet. Doch wer ist dieser Aufgabe gewachsen, wenn es darum geht, den Menschen das bedrohliche Gefühl eines möglichen Identitätsverlustes zu nehmen. Wenn wir es nicht von alleine an einen runden Tisch schaffen, um unsere Sorgen deutlich und unaufgeregt zu artikulieren. Dumbledore, du fehlst.

Quellen:

https://www.zeit.de/kultur/2020-06/joanne-k-rowling-vorwurf-transfeindlichkeit-konflikt-twitter

https://www.stern.de/kultur/j–k–rowling—harry-potter–schoepferin-gibt-preis-zurueck-9395726.html

9GAG, Internet-Memes und das Clownsgesicht der Rechten

Seit 2008 macht sich die „humoristische“ Online-Plattform 9GAG mit einladenden Slogans, wie „9GAG, your daily source of fun.“ und „Go Fun yourself“ einen umstrittenen Namen. Einen Eintrag in die Geschichtsbücher des World Wide Web sicherte sich das Portal insbesondere bis dato für die Etablierung des Internet-Memes als gesellschaftsfähige Form der Instant-Scharfsinnigkeit. Grundsätzlich handelt es sich bei dem gemeinen Meme um einen audiovisuellen Bildbeitrag, manchmal lediglich einen Screenshot, der mit wenigen Worten oder sogar unkommentiert eine erheiternde Wirkung auf die EmpfängerInnen ausüben soll und sich daraufhin viral verbreitet. Aufgrund der Schlichtheit dieser komödiantischen Informationsvermittlungen verschickt heutzutage sogar Oma lustige Fotos, die Kunden im Supermarkt zeigen, welche sich gegenseitig mit der letzten Packung Klopapier vermöbeln. Einfacher Humor in Zeiten, in denen grüne Kids, die mit nervtötenden Parolen die Straßen unsicher machen, alles verbieten wollen. Was kann daran falsch sein? Die richtige Frage lautet nicht, wer am Ende lacht, sondern wer es lieber nicht tun sollte. Go Fun The World heißt der aktuelle Untertitel der Homepage, der alle Menschen zu einem großen Gelächter anstiften will. Doch vorsicht ist geboten, denn die 9GAG-Community lacht nicht mit der Welt, sondern über sie.

Propaganda im Zeichen des Nihilismus

Richtig ist vermeintlich, dass 9GAG als soziales Medium bezeichnet werden kann, welches sich bei der Generierung von Content hauptsächlich auf ein aktives Engagement seiner User verlässt. Auch fragwürdiges Bildmaterial wird so gesehen lediglich weiterverbreitet und nicht von 9GAG produziert. Allerdings sorgte gerade dieser Sachverhalt in der Vergangenheit oft für besorgniserregende Erkenntnisse über die Fahrlässigkeit, mit der die Unternehmer ihre digitale Gemeinschaft schalten und walten lassen. Rassistische, frauenverachtende und anderweitig diskriminierende Inhalte werden mutmaßlich nicht überprüft oder gemaßregelt (vgl. Wagener, Creating Identity and Building Bridges Between Cultures: The Case of 9gag, 2014). Ja, es kann nicht anders beschrieben werden, sie machen 9GAG zu dem, was es ist: Eine, unter einem Zirkuszelt verborgene Organisation, welche jegliche Werte- und Moralvorstellungen negiert und jene mundtot macht, die sich gegen eine Etablierung von Anstand und Manieren einsetzen. So wirft diese Erkenntnis die Frage auf, warum all dies überhaupt erst unter dem Deckmantel des Humors stattfinden muss. Dafür gibt es schließlich politische Parteien, in denen Ignoranz und geschichtsvergessene Ideologien an geselligen Stammtischabenden frei ausgelebt werden dürfen. Das Problem ist, dass es den dominanten Tastatur-Fernkämpfer/n/innen, welche sich mehrheitlich durch eine toxische maskuline wie heterosexuelle, Gesinnung zu definieren scheinen, nicht um etwas geht und schon gar nicht, um etwas zu verändern. Es geht ihnen genau genommen, um nichts. Sie propagieren einen Nihilismus, der, wenn er tatsächlich etwas leisten soll, so wenig an sinnvollem Output zu bieten hat wie die AfD während der Corona-Pandemie. Nicht umsonst ist das Lieblings-Emoji der Rechten das Clownsgesicht, welches immer dann zum Einsatz kommt, wenn sie mit ihrem Erzfeind, der bösen Vernunft konfrontiert werden. All jene, die den Diskurs suchen, werden dummdreist veralbert. Anstatt eine Maske in der S-Bahn zu tragen, wird stattdessen ein ironisches Clownsgesicht aufgesetzt, um das Gegenüber zu schockieren. Verstehen Sie diesen Witz etwa nicht?

Wir sind mehr und können es besser

Es wäre falsch zu behaupten, dass es keine Memes gäbe, die gesellschaftliche Missstände auf eine smarte und nicht-diskriminierende Art und Weise anprangern, sich für einen kulturellen Pluralismus einsetzen, oder gar, dass es sträflich ist, über Memes zu lachen (vgl. Gutierrez III, Representations and Discourses in Internet Comedy, 2015). Doch, letzten Endes bedienen sie sich einem weiteren Mittel der Rechten und zwar dem Basic-Talk, der zu wenig erklärt und keinen Diskurs zulässt. Die Vorgänge in unserer Gesellschaft sind zu komplex und wichtig, um sie anhand eines Internet-Memes, dass als Klamauk getarnt ist zu beschreiben. Wir sind mehr. Wir können es besser. Wir müssen reden, jedoch nur mit denen, die ohne Clownsgesicht auskommen.

Eli Roths Hostel: Kapitalismus in freier Wildbahn

[SPOILERWARNUNG!]

“Growth for the sake of growth is the ideology of the cancer cell.”
― Edward Abbey, The Journey Home: Some Words in Defense of the American West

Brutal, ehrlich, verkannt. Eli Roths Torture Porn Hostel begeisterte Mitte der 2000er viele Fans des Horror-Genres, als Kotzkino par excellence. Doch, wer den Streifen, um die ekelerregenden Machenschaften der osteuropäischen Schlepperbande Elite Hunting Club aufmerksam verfolgte, konnte einen weitaus interessanteren Film erfahren, als jene, die ausschließlich für die ausufernden Folterszenen an der Kinokasse eingecheckt hatten. Ja, der Regisseure selbst, bekannt als Star-Akteur aus den Tarantino-Blockbustern Inglourious Basterds und Death Proof, wusste wohl selbst nicht genau, um das Potenzial seines Werkes, als er seinem noch eben erwähnten Freund Quentin, die Idee dazu bei ein paar Schmetterlingszügen in seinem Pool pitchte. Dieser war begeistert und stellte seine Persona als Produzent in Aussicht. Vielleicht hatte er eine Ahnung, dass Hostel letztendlich mehr sein könnte, als die stumpfe Kübelvorlage, für die er nach seiner Ausstrahlung weitläufig gehalten wurde. Doch, vermutlich hatte ihm schlichtweg Roths blutiges Filmdebüt Cabin Fever (2002) imponiert, welches diesem critically acclaimed Vorschusslorbeeren sicherte. Mit einem namhaften Geldgeber und einer großen Leidenschaft für Schmerzensschreie im Gepäck, konnte nun eigentlich nichts mehr schiefgehen … oder?

Ein Abgrund weltlicher Genüsse

Die beiden US-Amerikaner Paxton (Jay Hernández) und Josh (Derek Richardson) haben den Isländer Olí (Eyþór Guðjónsson) bei einem Eurotrip kennengelernt. Was sie eint, ist jedoch nicht das Interesse am kulturellen Angebot, sondern die Befriedigung ihrer Gier nach sexueller Erleichterung und einem ausgelassenen Drogenkonsum. Am Ende einer durchzechten Nacht im Rotlichtmilieu Amsterdams geraten sie durch Zufall an einen jungen Mann, der ihnen von einem Ort in Europa berichtet, der vor attraktiven Frauen strotzt, welche sich nach Männern mit einem exotischen Akzent sehnen. Die drei naiven, aber nicht weniger rüpelhaften Chaoten machen sich gedankenlos und frohlockend auf den Weg nach Bratislava, der vermeintlich paradiesischen Hauptstadt der Slowakei. Vor den Toren der Stadt angekommen, erwartet sie ein ernüchterndes Bild. Die Umgebung ist altertümlich, nahezu sichtlich staubbedeckt, so auch die zur Verfügung stehende Übernachtungsmöglichkeit für Backpacker. Angekommen im Hostel scheint sich das Blatt für die westlichen Touristen jedoch zu wenden. Zwei hübsche junge Frauen flirten mit Paxton und Josh bei der Ankunft in ihrem Zimmer und auch Olí lernt schnell eine Begleitung kennen, die gemeinsam mit dem Rest der Gruppe die folgenden Nächte in einer nahegelegen Diskothek verbringen wird. Die Gerüchte scheinen war zu sein, denn Natalya und Svetlana lassen keine Chance ungenutzt, um die sorglosen Sextouristen gefügig zu machen. Ja, sie geben ihnen sogar Drogen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Doch das blinde Vertrauen soll sich blitzartig rechen. Erst verschwindet Olí, dann auch noch Josh. Paxton erhält mysteriöse Hinweise auf ihren Verbleib und wird in den folgenden Kapiteln der Geschichte herausfinden, dass die jungen Frauen unter einer Decke mit einer grausamen kriminellen Organisation namens „Elite Hunting Club“ stecken. Diese entführt Ausländer, um sie an reiche Bieter zu verkaufen, welche damit das Recht für Mord und Totschlag an den jeweiligen Personen erwerben. In einem verlassenen Industriegebiet werden ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, in denen Folterwerkzeuge bereitliegen und bullige Wachleute, für die Fixierung der sedierten Urlauber sorgen.

Kapitalismuskritik > Gore

An das Erscheinungsjahr 2005 und die damit einhergehende Wahrnehmung erinnere ich mich nur noch dunkel. Viel zu jung war ich ohnehin für so eine Schlachthausvorstellung. Möglicherweise bin ich aus einem PTBS ähnlichen Zustand heraus später Vegetarier geworden. Denn, ein paar Szenen schwebten unscharf in meinem Gedächtnis umher, als mich Netflix Ende letzter Woche endlich soweit hatte und ich mich Eli Roths Folterparade Hostel mit schwachem Magen auf ein Neues stellte. Das dieser Typ, einmal als Privatvergnügen einen Geisterbahn-Klub eröffnen sollte, hätte man glatt an Hand von Hostel erahnen können. Der Zuschauer wird im Laufe der Handlung mehrmals an verschiedenen Folterräumen per Kameraschwenk vorbeigeführt. Schauen Sie links: ein enthaupteter Torso. Schauen Sie rechts: ein zugenähtes Opfer. Doch, die explizite Darstellung schlimm zugerichteter Körper, täuscht über die wirkungsvolle Inszenierung physischer Gewalt hinweg. Ich habe schon jeglichen Gruselschund auf der Leinwand gesehen und mühelos ertragen, doch bei den Folterszenen der Hauptdarsteller wurde mir ernsthaft übel. In diesem Sinne lieferte Roth die volle Punktzahl an Würgereflex fördernden und perversen Gewaltfantasien ab. Wirklich interessant wird es allerdings erst dort, wo die Metzgerei für einen Moment stoppt und die Kapitalismuskritik, in einer vielfältigen Art und Weise, ihren Einsatz hat.

So begegnet das noch vollzählige Trio, während der Zugfahrt, auf dem Weg in die Slowakei einem sich merkwürdig verhaltenden Reisenden, der Josh später noch einmal als blutrünstiger Schlächter gegenübertreten soll. Dieser isst einen Hähnchensalat mit den Händen und erzählt, dass er sich so verbunden, mit dem für ihn gestorbenen Tier fühlt. Naturverbundenheit ist ein prominentes Thema im Film. Um genau zu sein, ist es die Frage: Wie natürlich ist der Kapitalismus? Denn alle teilnehmenden Charaktere dieser Szene, also sowohl Paxton, Josh und Olí, als auch Joshs zukünftiger Schlächter haben sich auf den Weg gemacht, um dafür bezahlen zu dürfen, ihre animalischen Gelüste fernab der Zivilisation und ihrer heimischen Verpflichtungen zu befriedigen. Olí und der verdächtige Fremde zeigen sich gegenseitig Bilder ihrer Töchter. Für einen Augenblick teilen sie das Verlangen, nach einem Stück authentischem Lebensgefühl abseits des gesellschaftlichen Systems. Sinngemäß fragt er Josh, was sein Verlangen sei, und wird unterbrochen, als er ihm dabei auf den Oberschenkel fasst. Natürlich ist die grundlegende Frage in dieser Situation, was er tun würde, um sich wieder frei zu fühlen.

Wer trägt das Preisschild? (Du bist!)

Die größte Kritikwelle an Eli Roths cineastischem Blutbad stammte nicht etwa von snobistischen Filmanalysten, sondern lokalen Politikern Tschechiens (der eigentliche Drehort) und der Slowakei. Beleidigt hätte er Länder und Bewohner, mit seiner rohen und fremdenfeindlichen Darstellung der beiden Nationen. Roth witzelte daraufhin, dass Amerikaner so wenig Ahnung von Geografie hätten, dass sie weder von der Existenz Tschechiens noch von jener der Slowakei wissen würden. Es wäre ihm nicht, um eine abwertende Interpretation gegangen. Aufklärung gibt diesbezüglich der Plot, welcher hauptsächlich aufgrund seiner zweckdienlichen Geschehnisse und vermeintlicher Albernheiten in die Mangel genommen wurde.

So ist festzuhalten, dass tatsächlich niemand in diesem Film gut wegkommt. Die westlichen Touristen sind zu dumm und respektlos, um zu verstehen, dass eigentlich sie diejenigen sind, die das Preisschild auf dem Rücken tragen und nicht die, als einfache Leute dargestellten Einheimischen, welche auf die ausländische Kaufkraft angewiesen sind. Nicht weniger schmeichelhaft agiert die osteuropäische Bevölkerung berechnend und gefühlskalt, die erkannt hat, dass auch im Kapitalismus das Recht des Stärkeren gilt, eben genauso, wie im Königreich der Tiere. Ja, wirklich die ganze Stadt, ist eingeweiht und beteiligt an der blutrünstigen Ausbeutung der Zureisenden. Gelegentlich tritt eine Bande von Kindern auf, die Paxton nur ziehen lassen, wenn er ihnen Geld gibt. Dabei handeln sie nicht, wie ungebildete Burschen, sondern unterkühlte Geschäftsmänner und halten sich an die geschäftlichen Abmachungen. Selbst, als sie Paxton gegen die Bezahlung einer großen Tüte Kaugummi die Flucht auf eine besonders selbstgefährdende Weise ermöglichen, obwohl sie ihn einfach hätte verraten können. Auch der Raubtierkapitalismus lebt eben von verbindlichen Verträgen. Eine wunderbare Szene, die treffsicher zeigt, wie willkürlich das Preisschild das Produkt wechselt, ergibt sich zwischen Paxton und Natalya. Als er realisiert, dass sie ihn geradewegs in die Falle geführt hat, beschimpft er sie (frei rezitiert), als eine hinterlistige Schlampe. Daraufhin lacht sie und sagt zu ihm: Ich werde für dich viel Geld bekommen. Jetzt bist du meine Schlampe. Der Kapitalismus frisst seine eigenen Kinder – weltweit. Er macht vor keiner Grenze halt und zeigt seine Fratze, dort wo er wächst, in den niederträchtigsten Zügen. So, muss der Osten akzeptieren, dass auch er im Angesicht einer umfassenden Kapitalismuskritik keine gute Figur macht.

Zu gut für die Tonne

Eli Roths Hostel ist für mich ein sowohl sehenswerter als auch empfehlenswerter Horrorfilm, für all jene, die Blut nicht nur sehen, sondern auch schmecken können und problemlos Beistand leisten, wenn sich der/die beste Freund/in nach einer kräftigen Sause übergeben muss. Zudem schafft Hostel für mich durch seine ungeschönte Brutalität einen Spagat zu Michael Hanekes Funny Games, der aussagt, dass die Metzelei, so, wie wir sie uns eigentlich wünschen, wenn wir Lust auf einen Horrorfilm haben, per Vergrößerungsglas à la Eli Roth kein bisschen Spaß macht, sondern einfach nur zum Kotzen ist. Leider sieht man Hostel gerade heute an, dass sich das Budget bei sparsamen 4,8 Millionen US-Dollar einpendelte. Dafür erreichte er durch das Einspielergebnis von 20 Millionen US-Dollar am ersten Wochenende den ersten Platz der US-amerikanischen Kinocharts. Aufgrund seiner beißenden Kapitalismuskritik, nebst schwer verdaulichen Splattermomenten und einem passend skurrilen Ausklang, ist Hostel noch immer qualitativer Trash, aber aus dem gleichen Grund viel zu gut für die Tonne.

Just Cause 2 und die Leere des Extremismus

Der Körper eines Mannes bricht durch die dichte Wolkendecke über einer paradiesischen Insel. Er befindet sich im freien Fall. Schätzungsweise wird er in wenigen Sekunden aufschlagen und einen hässlichen roten Fleck an einer schönen idyllischen Stelle hinterlassen. Eine Szene, die sich liest, als würde sie in diesem Augenblick für eine Menge Groschenromane niedergetippt werden, doch sie ist real. Das heißt, virtuell real, oder wie auch immer man das nennen kann. Mein Name ist Robert Rodriguez. Ich bin Hauptcharakter des Videospieles Just Cause 2 und als Agent für den amerikanischen Geheimdienst AGENTUR im Einsatz. Momentan befinde ich mich mehrere Hundert Höhenmeter über der indonesischen Insel Panau. Mein Kontaktmann Tom Sheldon hat mich mit seinem Helikopter ein bisschen weiter oben rausgelassen. Ich bin nicht lebensmüde, sondern gehe einfach gerne Risiken ein. Was erreicht man schon im Leben, ohne Risiken einzugehen? Ich sage Ihnen was, man kommt auf jeden Fall nicht so schnell in das Gebiet, in dem man Chaos anrichten soll. Ob ich grade Chaos sagte? Das haben sie richtig verstanden. Als Argent ist es weder meine Aufgabe Cocktails zu trinken, noch der Queen den Allerwertesten zu pudern, sondern Unruhe zu stiften, um die bösen Jungs und Mädels aufzuscheuchen. Die USA machen sich sorgen, weil der Typ, der wie eine Marionette für sie getanzt hat, vom neuen Typen, der jetzt die Zügel in der Hand hält, kalt gemacht wurde. Der neue Diktator hat so gar nichts für den American Way of Life übrig und deshalb soll er als Nächstes dran glauben. Da komme ich ins Spiel. Leider ist es nicht so leicht, wie es sich erzählen lässt. Auf der Insel gibt es hartnäckige Konkurrenz, rebellische Gruppen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Da wären die Reapers, ein eifriger Haufen erzmoralischer Kommunisten, die rechtskonservativen Hitzköpfe von den Ular Boys und noch so eine Bande, deren Namen ich vergessen habe. Mit den ersten beiden konnte ich mich anfreunden. Zwar bedeutet das, dass ich ab und zu unter ihrer Fahne für Ärger sorgen muss, doch auch, dass sie mir im Gegenzug Information verschaffen. Was das Ganze jedoch erst so richtig kompliziert macht ist, dass auch andere Nationen ihre Finger in diesen brennenden Honigtopf namens Panau stecken wollen. Japan, China und Russland fördern jeweils eine dieser Organisationen, weil es hier irgendwo eine ganze Menge Öl geben soll, was auch Amerikas Einschreiten erklären dürfte. Immer der gleiche Scheiß. Das ist schon ein merkwürdiger Job, an den ich da geraten bin. Ich meine, so ganz allgemein. Terror verbreiten, um die Welt zu retten. Ich hab mal daran geglaubt. Bei dieser Sache zählt nur, dass der Preis stimmt. Vielleicht kaufe ich mir davon eine eigene Insel, auf der es keinen Tropfen Öl gibt. Just Cause 2 sieht fantastisch aus. Angefangen beim Wasser, bis zu den leuchtenden Städten bei Nacht und den mit Schnee bedeckten Bergen. Ich wette, man kann die Hitze in den Wüstengegenden spüren, selbst wenn man sie nur vor dem Bildschirm erlebt. Was fehlt ist der Sinn. Täglich begebe ich mich auf Raubzüge, zerstöre Militärstützpunkte, Flughäfen und liefere mir Schusswechsel mit lokalen Regierungstruppen. Ob für die Linken oder Rechten interessiert mich mittlerweile nicht mehr. Die Einzigen an die ich noch denke, dass sind die NPCs, deren Tankstellen und Wassertürme ich in die Luft jage. Dabei sind die armen Hunde nicht mehr als Bauernopfer in diesem Schachspiel von Despoten und ich fange an, an sie zu denken, weil ich auf der Stelle trete. Ich brauche verdammt noch mal mehr Punkte, damit die nächste Quest freigeschaltet wird, doch ich zerbombe Dorf für Dorf und mache so gut wie keinen Fortschritt. Ich fühle mich müde und verbraucht. So langsam fange ich an mir meine eigenen Abenteuer auszudenken, um wenigstens ein bisschen Spaß bei der Arbeit zu haben. Das fällt mir aufgrund der unzähligen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umwelt, nutzbaren Fahrzeuge und Objekte, sowie dem ausgezeichneten Flow des Gameplays leicht. Sobald ich innehalte, bleibt davon jedoch nichts. Kein Ziel und keine Aufgabe, nur eine Insel auf der ich lieber Urlaub machen würde, als sie zu zerstören. Was bleibt, ist die Leere des Extremismus.

American Football (1999), KRLMRX und das Ende des Sommers

„Es gibt nur eine Medizin gegen seelisches Leiden, den physischen Schmerz.“ – Karl Marx

Wir schreiben das Jahr 2020 und mehr als zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit American Football, bestehend aus den Musikern Steve Holmes, Steve Lamos und Mike Kinsella, mit ihrer ersten gleichnamigen LP (es sollten später zwei weitere selbstbetitelte Langspielplatten folgen), einen unverkennbaren Meilenstein des Emo-Rock-Genres kreierten. 1999, das war das Erscheinungsjahr von solchen Erfindungen, wie Bluetooth 1.0, Apple´s iBook und der Science-Fiction-Hit The Matrix kam in die Kinos. Diese Dinge konnten einen Nerd schon sehnsüchtig auf einen Blick in die Zukunft werden lassen. Doch, wenn mich ein/e Zeitreisende/r dieser Tage fragen würde, was heute einfacher geworden bzw. bezeichnend für unser Leben ist, dann würde ich ihr oder ihm antworten: nichts fühlen. Der technische Fortschritt hat für genügend Ablenkung gesorgt, um den Herzschmerz alter Tage nahezu komplett auszurotten. Der heiß geliebte Partner hat Schluss gemacht? Siri, spiel Last Christmas. Ständig Langeweile und zudem keine Motivation? Smartphone raus zum Daddeln. Was zu sagen, aber keinen Gesprächspartner? Google, öffne Twitter! Nein, echt mal, wie sind die Menschen damals mit ihrem Gefühlschaos umgegangen, als es noch schwerer war den Kopf völlig auf Leerlauf zu stellen. Trigger für Glücksgefühle gibt es mittlerweile genug, wenn nicht zu viele. Was früher nur das Glücksspiel schaffte, wurde längst durch die Videospiel-Branche ad absurdum geführt und feierte einen gleichermaßen glorreichen Einzug in das Reich der sozialen Medien. Dopamin ballern, bis die unterdrückte Depression die Oberhand gewinnt. Denn wir können nur das nicht vermissen, an das wir nicht wieder erinnert werden, hängen alle an derselben Nadel. Doch, was ist mit unseren seelischen Schmerzen? Deren Verarbeitung kommt einfach zu kurz. Denn wir sitzen nicht mehr einfach nur da und heulen uns die Seele aus dem Leib, wenn die Liebe den Hinterausgang genommen hat, sondern schauen schnell auf Tinder vorbei, um die negativen Empfindungen zombifiziert wegzuswipen. Scheiß auf Tom, heißt es dann, solange der Akku noch Saft hat. Lernen uns wieder lebendig zu fühlen, das ist eine harte Nummer und geht nur durch Abstinenz, dadurch die Tränen auszuhalten und wenn es bedeutet, mal eine ganze Nacht nicht schlafen zu können. Für alle, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, bietet sich American Football´s Debüt, als Mutprobe an. Zu beschreiben, warum sich diese Platte genau dafür eignet, funktioniert nicht ohne Prosa. American Football (1999) ist die vertonte erste Liebe, die so intensiv war, aber nicht für immer seien sollte. Sie ist der Gedanke daran, sich von allem vertrauten zu verabschieden, weil das Herz weiß, dass es Zeit ist loszulassen. Hier geduldig zuzuhören, das bedeutet in den Erinnerungen an schöne Momente zu schwelgen, die wie eine alte Speicherkarte langsam zu zerfallen drohen, wenn wir es nicht schaffen, sie irgendwo anders zwischenzulagern. Es sind diese 9 Songs, die das Versprechen geben, dass alles wieder gut wird, wenn wir nicht mehr so emotional sind. Das wir stärker sein werden, nachdem wir es zugelassen haben, dass sich unser seelisches Leiden in physische Schmerzen transformiert. Und, dass es weiter geht, auch, wenn nun klar ist, der Sommer endet.