Gregg Hoffmanns Dead Silence, Film-Review: „Sei einfach du selbst!“

Ein Wort. Und du bist tot. Bei dem Untertitel kann einem erfahrenen Horrorfilm-Vertilger wahrlich die Angst vor einer baldigen Sprachlosigkeit überkommen. Gerade dann, wenn schon zu Beginn des Filmes eine mysteriöse Inschrift aus dem Lexikon der wunderlichen Kleinkunst verkündet, dass das Thema der heutigen Lagerfeuergeschichte Ventriloquismus lautet. Nein, dabei handelt es sich nicht um eine abscheuliche Technik, welche mordlustigen EinzelgängerInnen die leichtfertige Enthauptung eines Opfers im träge rumeiernden Deckenventilator der Studierendenverbindung erlaubt. Ja, mit diesem Ausdruck ist die hohe Kunst des Bauchredens gemeint. „Uff. Etwa das mit den Puppen, die sich mit ihrem Schöpfer darüber streiten, wer von ihnen das letzte Wort haben darf?“. Ja, genau d… „Schon wieder Puppen als Element des Grauens?“ Ja, aber e… „Die Sache ist doch seit Chucky durch und außerdem…“ Arrrgh! Ja, in Dead Silence (2007) geht es um die menschenähnlichen hölzernen Modelle, die einen immer im Dunkeln so böse aus dem Schrank heraus angestarrt haben, wenn wir bei Oma übernachteten. Doch auf Regisseur James Wan (Saw, Insidious) war auch dieses Mal verlass, denn dieser vergangene Puppenspuk weiß sich selbst im aktuellen Mischmasch aus Netflix, episodischen Schreckensformaten und dem daneben vermodernden Haufen von Paranormal-Activity-Klonen durch eine unbeliebte Lebensweisheit wacker zu behaupten.

Geisterbahn Deluxe

„Beware the stare of Mary Shaw. She had no children only dolls. And if you see her in your dreams, be sure you never, ever scream.“

Eine abgeschmackte Kleinstadt-Legende treibt Jamie nach dem rätselhaften Tod seiner Ehefrau zurück in seine Heimat. Ein tödlicher Fluch, so heißt es, liegt auf Ravens Fair. Seit Jahrzehnten finden die Söhne und Töchter der geheimnisumwobenen Gegend ihr unheilvolles Ende durch den rachsüchtigen Geist der Bauchrednerin Mary Shaw. Eine merkwürdige Puppe, welche kurz vor der Tat auf der Türschwelle seiner Wohnung in einem nicht adressierten Paket auftauchte, bekräftigt seinen Verdacht und wird sich im Laufe der ungewöhnlichen Ermittlungen als ein unheilvolles Artefakt entlarven. Vor diesem Hintergrund teilen die furchterregend kitschigen Jahrmarktattraktionen und Dead Silence eine innige Leidenschaft für abgeschmackte Schockeffekte aus der Konservendose. Angefangen beim klassischen, plötzlich abgespielten Schreckmoment über einen okkulten 0815-Soundtrack, der keinen Zweifel daran lässt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, bis hin zu einem eingestaubten Setting, das so authentisch wirkt wie das Schloss des Disneyland Paris. Allerdings macht es den Anschein, als ob sich die Macher genau darüber im Klaren waren und wenn nicht, dann hatten sie ein gutes Händchen dabei, mit Altbekanntem in die Offensive zu gehen.

„Sei einfach du selbst!“, steht in diesem Sinne dafür, eine diebische Freude an den persönlichen Eigenheiten zu finden und ein klares Ziel zu formulieren, welches einem in Bezug auf die individuellen Vorstellungen erstrebenswert erscheint. Wo die Z-Ware der Horrorproduktionen bereits nach wenigen Minuten über ihre eigenen Vorsätze stolpert, schafft es Dead Silence spielerisch eine gerade Linie zu fahren und aufgrund eines angenehmen Erzähltempos keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Abfolge der einzelnen Kapitel, wie die Beweggründe der einzelnen Figuren, sich der Handlung anzuschließen, basieren auf einem einfachen Ansatz. Diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln. Keine weiteren Fragen! Überraschenderweise tut diese Herangehensweise noch immer erfrischend gut und lässt die Unzulänglichkeiten der Story in Schall und Rauch aufgehen. Die übernatürlichen Gegenspieler werden im direkten Vergleich zu Wans späteren unheimlichen Wegbegleiterinnen wie der Nonne und der Puppe Annabelle audiovisuell ansprechend dargestellt, zudem lebendiger eingeführt und sorgen somit für eine schaurige Atmosphäre, die von ihren speziellen Eigenschaften angetrieben wird. Vor allem in Bezug auf letztgenannte Kreation fragt man sich, warum es trotz des Zusammenhangs zur Conjuring-Serie, wie selbstverständlich abermals eine besessene Puppe sein durfte, da jedes der 101 versinnbildlichten Kinder Shaws, unabhängig von dessen jeweiliger Screen-Time mehr Charisma aufbringt als diese eine dämonische und zum Sterben öde Marionette. Das Schauspiel der menschlichen Besetzung kann als zweckdienlich bezeichnet werden. Totalausfälle sucht der Kritiker jedoch vergeblich. Vom ängstlichen Bestatter Henry bis zum unterkühlten Vater Jamies sind die Nebencharaktere angenehm ausdrucksstark in ihren blassen Rollen zu genießen. Insbesondere Donnie Wahlberg macht seine Sache als sarkastischer Arschloch-Detective fantastisch und bringt eine Komik in das Geschehen ein, die einen Wiederschauwert massiv begünstigt. Ravens Fair gewinnt ferner als verlassener provinzieller Austragungsort den Stephen-King-Gedächtnispreis und geht wie der Rest des Filmes optisch in bester Fluch-der-Karibik-Methode als überzeichnetes Fantasy-Produkt auf.

Dead Silence ist als Gesamterlebnis kurzlebig und geradeheraus in seiner Mission: Popcorn-Horror zum Vorglühen der Halloween-Fete beisteuern. Das Siegel Trash ist andererseits nicht zutreffend. Nachzutragen ist, dass das Budget von 20 Millionen US-Dollar in die falschen Kanäle geflossen sein muss, denn die Einflussbereiche der Finanzen sind auf der Leinwand nirgends ersichtlich. Hatte James Wan während der Fertigung seines Kassenschlagers Saw aus 1,2 Millionen US-Dollar inszenatorisch doch so viel mehr rausgeholt. Es sei ihm vergeben. Dead Silence macht Spaß!

FCB und Sat.1 sind sich einig: Lufen und Flick tauschen Jobs

Dieser Wechsel ist fix! Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen wird überraschend Hans-Dieter Flick in seiner Cheftrainer-Position des Fußball-Erstligisten FC Bayern München beerben. Jener wird im Austausch Lufens Platz als festes Teammitglied im Frühstücksfernsehen des beliebten deutschen Privatsenders einnehmen. Damit kommt der Rekordmeister einem potenziellen Rose-Terzic-Deal seiner Bundesliga-Kontrahenten Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach in Sachen PR gekonnt zuvor und schafft es erneut die Aufmerksamkeit öffentlichkeitswirksam auf sich zu ziehen. Ein doppeltes Zerwürfnis war dem Sensationsgeschäft vorausgegangen. Während Flick aufgrund sozial begründeter Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Umganges mit den Corona-Maßnahmen seitens des Vereines aus eigenen Stücken seinen Rücktritt in einem internen Schreiben angekündigt hatte, informierte Lufen ihre Fans per Instagram-Video über ihr drohendes Ausscheiden aus dem Morgenshow-Ensemble. Sie sprach von kreativen Differenzen als Auslöser für den nahenden Bruch. Dass ein Transferhammer aus dem geteilten Leid des ungleichen Paares entstehen konnte, ist alleinig dem Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern München AG, Karl-Heinz Rummenigge, zu verdanken. Nach dem gestrigen Sieg der Klub-WM in Katar äußerte sich der ehemalige Weltklassestürmer ausführlich in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz zu der Verpflichtung Lufens, wie dem damit einhergehenden Abgang Flicks.

Das Besteste was wir hätten machen können!“

Es wäre Zeit gewesen. Das hätte Hansi selbst gespürt. So begann Rummenigge die PK in wohlwollendem Ton mit Bezug auf die baldige Ex-Personalie Flick. Für das Presse-Event hatten die Verantwortlichen sich einstimmig auf die Mannschaftskabine der Bestia Negra geeinigt. In der schmalen Runde aus fünfzig namhaften Journalisten, zu denen ebenfalls aus dem Ausland angereiste Medienvertreter zählten, waren medizinische Mund- und Nasenschutzmodelle optional. Schließlich sei man hier „Dahoam“, witzelte der Vorsitzende keck. Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger, Champions-League-Sieger, doppelter Supercup-Sieger und jetzt Vereinsweltmeister, das sei alles schön und gut, doch reiche noch nicht. Erstens müsse das von nun an so weitergehen und zweitens werde der FC Bayern in Zukunft durchsetzungsfähiger auftreten. Flick würde sich nicht in der Lage sehen, diesen Weg zu 100 Prozent mitgehen zu können. Skrupel könne man sich auf diesem Niveau nicht erlauben.

Rummenigge stellte diesbezüglich Folgendes heraus: „Da harrt eine Truppe von professionellen Berufsfußballern mal eine Nacht lang einfach so auf dem Rollfeld aus, um auf die Starterlaubnis zu warten. Das sind keine Pfadfinder, die Jungs verkümmern seelisch in so einer Situation. Da muss dann halt auch mal die Bundeswehr aktiv werden dürfen, um uns schnellstmöglich auszuhelfen. Marlene hat Verständnis für so was. Ich glaube, in ein paar Jahren werden wir auf diese Situation zurückblicken und uns alle besinnen. Die Lufen bei den Bayern. Das Besteste was wir hätten machen können!“ Ehrenpräsident Uli Hoeneß bekräftigte in einem später erfolgten Radiointerview diese Ansicht und fügte hinzu: „Der Hans hat die richtige Entscheidung getroffen. Im Fernsehgarten ist er gut aufgehoben und wird dort ein stückweit den deutschen Fußball repräsentieren. Das ist eine wichtige Geschichte.“

Auf ein Heißgetränk mit Lauterbach

Der erfahrene Fußballlehrer Hans-Dieter Flick hatte sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über die dekadente Weltanschauung der Führungsriege des FC Bayern München geäußert. Insbesondere die fragwürdige Umsetzung der vorgeschriebenen Pandemie-Maßnahmen erregte seinen Unmut. Er freue sich nun auf seinen neuen Job und darauf, das Thema ernsthaft angehen zu können. Es hätte bereits ein Telefonat mit Karl Lauterbach gegeben. Der würde dann mal auf einen Kaffee und zum Torwandschießen vorbeikommen. Auch Lufen wäre dazu eingeladen. Diese hätte jedoch bereits abgesagt. Es wäre Apokalypse, was Flick da anprangern würde. Die Wissenschaft und die VirologInnen hätten zu viel Macht in dieser Angelegenheit, der Profifußball hingegen zu wenig Mitspracherecht. Dem FC Bayern München ein Fehlverhalten zuzuschreiben wäre eine schwierige Modellrechnung. Als Cheftrainerin werde sie die Geschehnisse mit einer größeren Handlungsfreiheit aufarbeiten und die Gesamtproblematik hinreichend erörtern.

Teilen macht Spaß und Klicks: Wer ist der echte Dr. Phil?

Ein guter Mensch muss tun, was ein guter Mensch tun muss / Luxus und Ruhm, rumlutschen bis zum Schluss – Gute Menschen, OK Kid

Am 12. Dezember 2006 ereignete sich ein obskurer Moment im US-amerikanischen Fernsehen zwischen Trash-Regisseur Ty Beeson und Entertainer Phillip McGraw, der nachhaltig in die Annalen der Internetgeschichte eingehen sollte. Schauplatz war das Set McGraws beliebter Unterhaltungssendung Dr. Phil, welche einen bunten Mix aus Talk-Show, Familientherapie und anderweitiger psychologischer Beratung darstellt und aktuell noch immer fortgeführt wird. Die 19. Staffel ist derzeit auf CBS zusehen. Die Sendung existiert seit September 2002. Ein wahrer TV-Dino also, dieser mediale Nervenklempner, ja das ist er unbestreitbar, doch ein gleichwohl kontrovers diskutierter Charakter, dessen blankpoliertes Image als leutseliger Medien-Onkel all die abgedrehten Jahre nicht ohne ein paar mächtige Schrammen überstand. So fasste The Miscellany News, Studentenzeitschrift des Vassar College und eine der ältesten nationalen Institutionen ihrer Art, in einem investigativen Artikel im Februar 2019 die gesammelten Vergehen McGraws zusammen. Neben seiner fiktiven Identität als Doktor, der mittlerweile ohne Zulassung eine inhaltslose Küchenpsychologie betreiben würde, galt als prominentester Anklagepunkt der oft beklagte Missbrauch seiner Gäste. McGraw geriet im Laufe seiner Karriere des Öfteren in die Kritik, weil er TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Maßnahmen unter Druck gesetzt hatte, vermeintlich aus dem Grund, sie vor laufender Kamera zum Gespött seines Publikums machen zu können.

Auch Teilnehmer Ty Beeson hatte geplant McGraw mit ähnlichen Anschuldigungen zu konfrontieren und unternahm einen seiner Persona würdigen Versuch. Geladen war er, um Stellung zu einem von ihm produzierten Independent-Film der Bumfights-Reihe zu beziehen, für den er und seine Helfer Obdachlose mit Geld und Alkohol bestachen, um gegeneinander zu kämpfen bzw. erniedrigende Aufgaben zu erfüllen. Schon die ursprünglichen Bumfights-Macher erlangten durch den Vertrieb des ersten Teiles einen traurigen Weltruhm. Der Verkauf von Kopien des Trash-Streifens machte sie zu Millionären. Auch Beeson wurde durch die Veröffentlichung eines zweiten Teiles nach eigener Angabe reich. Er habe mehrere Millionen Dollar mit dem Bumfights-Konzept verdient und sei nicht überrascht bezüglich seines Erfolges. Es sei eine kranke Welt. Seine Zielgruppe würde sich für die Dokumentation von Gewalttaten an Obdachlosen interessieren, welche er lediglich zum Arbeiten animieren würde. Für den geschulten Moderator war klar, wer in diesem Stand-off der Buhmann sein würde, zu Recht, das darf gesagt sein, doch verlief seine angedachte Verurteilung Beesons nicht, wie erwartet. Beeson betrat die Bühne in voller Dr.-Phil-Montur inklusive rasierter Halbglatze und warf dem Fernsehpsychologen mit unerwartetem Trotz Heuchelei vor, als dieser bereits angestrengt versuchte seinen ungeliebten Doppelgänger aus dem Rampenlicht entfernen zu lassen. Während das Publikum den Abgang Beesons mit Applaus für den fassungslosen Host begleitete, erntete McGraw vornehmlich Spott nach dem bekannt werden des Vorfalls und seiner Weiterverbreitung im Internet. In Kommentarbereichen von Blogs und Video-Plattformen stellten sich viele User entgegen seiner verachtenswerten Taten auf die Seite Beesons und bestärkten den Vorwurf der Unaufrichtigkeit McGraws, insbesondere in Bezug auf seine eigenen Verfehlungen. Beeson warf damit eine Frage auf, die so alt ist, wie die Bibel und konträr zum Ekel-Effekt der Bumfights-Inszenierungen wirkte. Inwiefern ist es legitim mit guten Taten hausieren zu gehen?

MrBeast, Philanthrop und Trendsetter

Wohnungslose Menschen sollten weit über den Einflussbereich McGraws und Ty Beesons hinaus eine krude Faszination für Selbstdarsteller beibehalten, die das Internet als Plattform für ihre aufopferungsvollen Taten entdeckt hatten. Was war es doch für eine unangenehme Mutation medial ausgeschlachteter Wohlfahrtsbekundungen als sogenannte Kultur schaffende Web-Kreateure durch die Straßen zogen und Not leidende Fremde mit Happy Meals der Fast-Food-Kette McDonalds versorgten. Eine klare Win-win-Situation für alle beteiligten. So konnten hilfsbedürftige Gestalten ihre Sorgen für einen Augenblick bei dem Verzehr eines matschigen Cheeseburgers vergessen, während ihnen nach Aufmerksamkeit geifernde Influencer eine Kamera ins Gesicht hielten. Philanthropismus im digitalen Zeitalter, wie wunderbar. Das sich aus dieser Modeerscheinung ein regelrechter Sport entwickeln würde, war abzusehen. Bevorzugt auf YouTube häuften sich mit der Zeit Bewegtbildbeiträge, welche amtliche Schenkungen großer Geldbeträge und luxuriöser Wertgegenstände als Prämisse einer neuen Gattung der Unterhaltung manifestierten. Kunstfiguren, wie der seit 2012 unter dem Tag MrBeast aktive YouTube-Star Jimmy Donaldson erkannten den Heißhunger der Massen auf eine Zelebrierung des sorglosen Umgangs mit werbefinanzierten Unsummen.

Während er seinen Einstand als ernstzunehmende Medienpersönlichkeit noch mit übermäßig langen Stunts feierte, innerhalb derer er sich sinnlos scheinenden Herausforderungen, wie einem knapp zweitägigen Zählen bis 100000 und dem Drehen eines Fidget Spinners für 24 Stunden, stellte, bezahlt er heute andere mit unwirklich scheinenden Beträgen dafür die Rolle der Jahrmarkt-Attraktion einzunehmen. Fünfstellige Preise gibt es da schon einmal für ein bloßes Armdrücken gegen jemanden aus seiner Entourage, das kurzweilige Halten eines Klimmzuges und zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein. Doch gerade hier wird klar, dass es nicht darum geht, dass Teilen Spaß macht, sondern Klicks, es nicht wichtig ist, ob ein Fan letztendlich in einem neuen Haus wohnt, sondern das Unternehmen im Schatten MrBeasts, welches die teure Bleibe in Wahrheit finanziert hat, von dieser Kooperation profitiert. Obgleich Donaldson für seine großzügigen Aktionen von seiner Community als bedeutendster Menschenfreund seiner Generation gefeiert wird und mit gleichermaßen surrealen Spendenaktionen Aufsehen erregte, gibt es Stimmen im Netz, die ihn für sein Standing als exzentrischer Samariter schelten, zuletzt unter dem Hashtag ‚EatTheRich‘ (fresst die Reichen). Es scheint somit weder auszureichen noch vernünftig zu sein der anfänglich aufgekommenen Frage nachzugehen, inwiefern eine öffentliche Darstellung der eigenen Rechtschaffenheit sinnig ist, sondern vielleicht eher was einen wahrhaftigen Humanisten ausmacht. Scherzhaft merkten Beobachter des Dr.-Phil-Vorfalls zu jener Zeit an, dass sie nicht sagen könnten, ob nun McGraw oder tatsächlich Beeson die Bühne verlassen hätte. Wer war der echte Dr. Phil und wer ist es heute? McGraw, Beeson oder etwa doch MrBeast?

Die Lösung des Falles

Es ist zu differenzieren, doch ein Tatverdacht hat sich bestätigt. Im Zuge der Ermittlungen ist klar geworden, dass niemand der beteiligten den Status eines wahren Menschenliebhabers verdient hat. Denn, wer nur zur Ausübung von Nächstenliebe schreitet, wenn er an ihr mitverdient, sollte den Heiligenschein lieber nicht zu hoch hängen. Ein Philanthrop brüstet sich nicht mit Millioneneinnahmen aus billigen Filmchen, in denen Obdachlose missbraucht werden, hofft nicht auf Ruhm durch eine forciert negative Herrichtung psychisch kranker Menschen oder hat es nötig andere zu Werbekomparsen zu degradieren. Letzteres ist schlichtweg die Aufgabe eines Kapitalisten. Im schlimmsten Fall ereignet sich eine neue Wendung und im Spiegel steht da plötzlich Dr. Phil vor uns, wenn wir selbstsüchtig handeln, wo wir uns als Gönner präsentieren. Zu den Basisanforderungen für das Ideal eines Philanthropen gehören folglich ein Mindestmaß an Selbstreflexion und Ehrlichkeit, eine Gier nach Luxus und Ruhm hingegen nicht.

Quellenangaben:

https://www.businessinsider.com/mrbeast-youtube-jimmy-donaldson-net-worth-life-career-challenges-teamtrees-2019-11?r=DE&IR=T#mrbeast-was-born-as-jimmy-donaldson-on-may-7-1998-1

https://miscellanynews.org/2019/02/20/opinions/dr-phil-peddles-lies-manipulates-guests-for-tv-fame/

The Arson Choir – Invisible Monsters, EP-Review: Dillinger im Anschlag und Wut im Bauch

Mit ihrem sechsten und letzten Album Dissociation setzten die Mathcore-Legenden The Dillinger Escape Plan 2016 einen erinnerungswürdigen Schlussstrich unter eine tadellose Diskografie, welche das Genre prägte, wie kaum eine andere. Schwermütig blickten LiebhaberInnen chaotischer Riffeinlagen und Panikakkorde zu dieser Zeit in die Zukunft. Wer würde die Überschall-Matadore ersetzen können und für den Nachschub einer angemessen wohltuenden Mischung aus misstönendem Ohrenfutter sorgen? Doch war jegliche Besorgnis unbegründet. Gab es doch Blogs wie Mathcore Index, welche die Bereitschaft vieler junger Künstler zusicherten, die versucht waren, das fundamentale Erbe anzutreten. Außerdem waren da noch die ewigen Götter der geräuschvollen Unordnung Converge. Ein Schelm, dessen wehklagendes Herz bei der schieren Erwähnung ihres Namens keine Linderung erfahren würde. Die Kalifornier The Arson Choir lieferten Ende vorigen Jahres mit ihrer zweiten EP Invisible Monsters vier energiegeladene Tracks, welche Dillinger-Fans zum Schwelgen in Erinnerungen einladen und gleichfalls eine starke Duftnote in ihrer rumorenden Szene hinterlassen.

Moshpit zum mitnehmen

Es mutet plakativ an, einen bestimmten Sound einer einzigen Band zuzuschreiben, doch es ist, wie ist. Bereits wenige Sekunden im ersten Song ‚The Chemical Curse‘ versunken macht sich innerlich ein Grinsen breit, welches die Worte ‚Milk Lizard‘ auf den Lippen trägt. Es ist die bloße Energie, das vertraute Jaulen der Gitarren, welches in akzentuiert hämmernde Riffs übergeht, nur um in surrealen Melodien zu münden, die einen aufspringen lassen, um irgendwas umzureißen, umzustoßen, anzugehen, an der Bushaltestelle, im Vorlesungssaal, daheim am Esstisch, während der Rest der Familie mit offenen Mündern zusieht. Nicht weniger energetisch und zu jederzeit stilsicher begleiten Del Castillo und Kincaid die Gitarren-Sektion am Bass und hinter dem Schlagzeug. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die knappe Handvoll Tracks lediglich nuanciert in ihrem Aufbau und ihren divergierenden Dynamiken. Da ist beispielhaft diese wunderbare Stelle in ‚Revenge, My Love‘, in denen eine dringlich vorgetragene Textpassage einen Breakdown einläutet, der leicht als intensiver Höhepunkt der EP ausgemacht werden kann. Grund dafür ist maßgeblich die emotionale wie furiose Lyrik, welche ikonischen Opfern rassistischer Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten gewidmet ist.

„Black boys and girls / shouldn’t live in fear / When they see a pig in the rear view mirror“

Invisible Monsters wirkt wie aus einem Guss und das ist gut so. Mit einer stramm bemessenen Länge von neun Minuten liefert The Arson Choir die Essenz einer gesamten Hardcore-Show in einem mundgerechten Happen, der nichts vermissen lässt. Penegar macht seine Sache stimmlich ausgezeichnet und stet Greg Puciato in der Darbietung heiserer Shouts und bärbeißigen Knurrens in nichts nach. Im Angesicht des gebündelten Potenzials, welches The Arson Choir ausstrahlen, ist allerdings klar, dass da noch was geht, insbesondere in puncto Klangvielfalt. Machen sie es den großen Instanzen der Vergangenheit nach und trauen sich fortan den Schritt aus ihrer Komfortzone zu, wird der Mathcore schon bald einen neuen Platzhirsch zu verbuchen haben. In diesem Sinne kann ihre erste EP Trophy Nation als Anhaltspunkt dienen, die sich noch abweichend an einem Post-Hardcore-Sound der 2000er bediente, doch aufgrund ihrer abwechslungsreichen Elemente eine Menge zu bieten hatte und nachdrücklich zu empfehlen ist.

Pokémon Go Selfie World Championship 2021: Eskapismus x Gucci x The North Face

Willkommen zurück zum Livestream der ersten offiziellen Pokémon-Go-Selfie-Weltmeisterschaft! Die Stimmung hier im einzigartigen Nationalstadion Tokyos ist trotz der gewissenhaft durchgeführten Pandemieregelungen weiterhin unglaublich. Noch immer an meiner Seite und fleißig bei der Arbeit, das Gesehene für unsere virtuellen Pokémon-Freunde da draußen zusammenzufassen, sitzt mein treuer Begleiter Schiggy. Zur Erinnerung: Parallel berichten wir über alle Ereignisse, Breaking News und sonstigen Informationen rundum dieses fantastische Event in den sozialen Medien. Ihr konntet keines der exklusiven Tickets für den digitalen Zuschauerbereich des Kokuritsu kyōgijō ergattern, doch sehnt euch nach einem regen Austausch mit anderen Pokémon-Fans? Nutzt einfach das virale Hashtag ‚pgoswc2021‘ des Pokémon Go Selfie World Championship 2021 und werdet im Handumdrehen ein Mitglied unserer internationalen Community. Nehmt an AMAs mit unseren Beauty-Expertinnen Rossana und Roselia teil, welche euch über das perfekte Make-up sowie die besten Tipps und Tricks beim Posieren für ein preisverdächtiges Poké-Selfie aufklären. Sichert euch obendrein großartige Preise, bereitgestellt durch unsere diesjährigen Hauptsponsoren Gucci und The North Face. Zu verlosen sind phänomenale Produkte ihrer brandneuen Kollaboration, darunter: extravagante Jacken, Schuhe, Taschen, Rucksäcke, Kleider, Schlafsäcke und Zelte, welche eigens für die Outdoor-Suche nach Pokémon konzipiert wurden. Bei der farblichen Gestaltung orientierten sich die gegensätzlichen Modelinien an den Mustern unterschiedlicher Pflanzen- und Insekten-Typen. Was sagst du Schiggy? Dich stört das große Logo der Modemacher auf den Kleidungsstücken und Campingartikeln? Es fällt zu sehr auf und mindert den Tarneffekt? Aber Schiggy, wenn es anders wäre, würden die Menschen auf den Fotos gar nicht mehr im Mittelpunkt stehen, sondern bloß das ganze Grünzeug um sie herum. Ah! Der Countdown! Bevor wir in wenigen Augenblicken die Übertragung des Spielfeldes wieder aufnehmen, folgt nun eine kurze, aber bedeutende Mitteilung unseres Pokémon-Go-Sicherheitsteams:

Liebe Trainerinnen und Trainer,

bitte achtet wie immer auf eure Umgebung, wenn ihr Pokémon GO spielt, und haltet euch an die Verordnungen von Gesundheitsbehörden. Seid stets aufmerksam, wenn ihr euch während der Nutzung unserer App durch öffentliche Räume bewegt und behaltet den Weg vor euch wie eure Mitmenschen im Auge. Euer Wohlsein ist uns ein wichtiges Anliegen. Viel Spaß beim Verfolgen des PGOSWC 2021!

Innerhalb der letzten Wochen waren Userinnen und User weltweit in furchterregende Unfälle verwickelt worden. So fiel ein Schwede während einer Fabrikbesichtigung in eine riesige Eismaschine, als er die Verfolgung eines flinken Gelatini aufgenommen hatte. In Indien wurde eine unvorsichtige Influencerin nur einen Tag später von einem riesigen Baum begraben, als sie einen Schnappschuss mit einem Grillmak wagte. In diesem Sinne raten wir euch zur Vorsicht und wünschen den beiden eine baldige Genesung. Andererseits, wie heißt es so schön: no risk, no Pokémon. Autsch! Hey Schiggy, du hast mich vor das Knie gestoßen! Oh, sieh nur die nächste Runde beginnt! Der griechische Trainer betritt das Feld, welches sich in ein Waldgebiet transformiert hat. Er wird versuchen, sich mit einem Symvolara zu fotografieren und ist dafür sogar mit der kostspieligen Kollektion Gucci x The North Face ausgestattet. Was ist Schiggy? Du sagst, dass er durch die künstlichen Farben Aufsehen erregt und sich besser der Natur anpassen sollte? Aber Schiggy, als ob … Herr je! Das Symvolara hat ihn entdeckt und baut sich vor ihm auf. Es scheint wütend zu sein und zu einer Psychokinese-Attacke anzusetzen! Ähh! Liebe Fans, wir scheinen vor Ort technische Schwierigkeiten zu erleben und werden uns zurückmelden, sobald wir wieder ein stabiles Signal herstel… *Piiiep*

Semsrott kündigt Sonneborn: Provokanter Humanismus in der Krise?

Ein Paukenschlag erschüttert die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, allgemein bekannt als Die PARTEI. Die Vorzeigepersonalie Nico Semsrott ist raus. Dies verkündete er in einer Stellungnahme zum gestrigen Datum des 13.01.2021, einzusehen auf seiner Homepage (nicosemsrott.eu) und begründet seinen Austritt mit einer schwerwiegenden Kritik an Mitbegründer und Parteivorsitzenden Martin Sonneborn MdEP, in welcher er seinen einstigen Parteifreund und Kollegen im Europäischen Parlament eines vorsätzlichen rassistischen sowie reaktionären Verhaltens beschuldigt. Sonneborn reagierte bereits mit einer öffentlichen Entschuldigung. Ob sich die Abwendung Semsrotts zu einer Zerreißprobe für die humanistische Satirepartei Die PARTEI entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Humorist und PARTEImitglied

Seit seiner Teilnahme als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 für die Berliner Landesliste beflügelte der ausgezeichnete Kabarettist, Satiriker und Slam-Poet Nico Semsrott, das politisch-aktivistische Rettungsboot des Satire-Magazins Titanic. Nicht nur seine gefühlskalte Miene und eine stets halb ins Gesicht geschlagene Kapuze verschafften Semsrott in den Folgejahren Bekanntheit innerhalb des politischen Spektrums Deutschlands und über die Landesgrenzen hinaus. Sowohl als niedergestimmtes Mitglied des Ensembles der Nachrichtensatiresendung ZDF-heute-show (2017 bis 2019), wie durch die Inszenierung schwarzhumoriger Wahlkampfaktionen schaffte es der bühnenerprobte Demotivationstrainer, anhaltende Akzente zu setzen und vor allem seinen politischen Gegenspielern hartnäckig in Erinnerung zu bleiben. So setzte sich Semsrott maßgeblich für eine stärkere Auseinandersetzung älterer Politiker mit jüngeren Generationen ein und wusste dahingehend gekonnt Nadelstiche zu setzen. Beispielhaft tat er dies in einem streitbaren Wahlwerbespot zur Europawahl 2019, in dem er ein Höchstwahlrecht von 62 Jahren forderte, da sogenannte Letztwähler über eine Zukunft entscheiden dürften, welche sie selbst nicht mehr erleben würden.

Am 26. Mai 2019 erlangte er ein Mandat im Europäischen Parlament nebst seinem nun in der Kritik stehenden Ex-Kollegen Martin Sonneborn. Die PARTEI erreichte in Deutschland 2,4 % der Stimmen. Im Gegensatz zu Sonneborn (fraktionslos) schloss er sich der Grünen-Fraktion an und untermauerte seinen Beschluss mit einem Bestreben primär realpolitische Ziele verfolgen zu wollen. Auch in seiner Zeit als Mandatsträger sorgte Nico Semsrott für eindrucksvolle Performances, wie etwa seinem ungehorsamen Einspruch im, mit den Logos von Beraterfirmen gespickten Pullover, welcher Ursula von der Leyens aufgedeckte Berateraffäre sarkastisch kommentierte und einem aufsehenerregenden Video, mit welchem er eine Diebstahlserie im Europäischen Parlament, während der COVID-19-Pandemie in den Fokus rückte.

Ernsthaft gestrige Witze

Zum Zerwürfnis mit Sonneborn kam es nach einem Tweet, welcher eine Anspielung auf Donald-Trump-Fanartikel sein sollte, die trotz dessen anti-chinesischer Politik in China hergestellt wurden. Er formulierte seine Kurznachricht in gebrochenem Englisch – eine Persiflage auf den vorurteilsbehafteten Mangel an Fremdsprachkenntnissen von Ost-Asiaten. Semsrott kritisierte Sonneborn als latent rassistisch, zudem ignorant und rücksichtslos im Umgang mit Feedback.

„Ich habe vor einem Jahr vergeblich zu dieser Thematik mit ihm diskutiert und ihn vor einigen Tagen gebeten, über sein Posting nachzudenken und sich zu entschuldigen. Er hat es nicht gemacht. Das ist also kein Versehen, er will das eindeutig so.“

Nico Semsrott (Humorlose Erklärung, warum ich aus Die PARTEI austrete)

Der namhafte sowie als intellektuell versierter Satiriker und antifaschistischer Politiker angesehene Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn ist weithin bekannt für seinen angriffslustigen Aktivismus. 2006 macht er durch einen Bestechungsversuch bei der FIFA von sich reden, welchen er im Rahmen der in Deutschland ausgerichteten Fußball-WM durchführte. 2011 geriet er hingegen schon einmal in die Kritik, als er auf einem Wahlplakat mit einem schwarz geschminkten Gesicht und dem Spruch „Ick bin ein Obama“ zu sehen war.

Politiksatire im Stresstest

Mit dem getadelten Vorstoß des MdEP Martin Sonneborn gerät nicht nur seine Persona erneut in die Schusslinie. Obwohl die Mitgliederentwicklung der PARTEI für eine wachsende Beliebtheit der basisdemokratischen Initiative spricht (+36,57 %, 2019) und in den letzten Jahren kontinuierliche Erfolge bei Kommunalwahlen zu verzeichnen hatte, wird sie von ihren Opponenten oft als Prestigeprojekt Sonneborns bezeichnet. In einem skeptischen Kommentar der taz beschrieb Reporter Martin Kaul die PARTEI 2017 als „snobistisch und dekadent und zu bekämpfen“ und befeuerte damit ein noch heute vorgeführtes Extrem einer realitätsfremden politischen Vereinigung, konträr zu dem progressiven Bild einer pädagogisch wertvollen Protestorganisation andersdenkender Rezensenten. Im gleichen Zeitraum berichtete Kai Stoppel für n-tv in seinem Kommentar: „Die Existenz von „Die Partei“ mag im herkömmlichen Sinne unkonkret sein, aber sie ist keine Gefahr für die Demokratie. Sie ist eine Kleinpartei, welche auf ihre ganz eigene Art den drögen Politikbetrieb bunt macht und dadurch bereichert.“

Erst im Laufe des letztens Jahres wurden Vorwürfe eines strukturellen Sexismus innerhalb der Partei laut. Diese reagierte damals selbstkritisch und mit der Einrichtung von Beschwerdestellen. Nun sieht sich die PARTEI, betreffend der Vertretung progressiver Werte, erneut dem Vorwurf der Scheinheiligkeit ausgesetzt. Der Abgang Nico Semsrotts ist ein maßgebender Verlust und wirft ein flackerndes Licht auf die sonst so meinungsstarke Kleinstpartei, welche nach außen hin gerne eine unantastbare Oberfläche kommuniziert. Schuld daran ist Martin Sonneborns spätes einlenken, da sich die PARTEI hinter ihren bissigen Wahlsprüchen an erster Stelle als sozialpolitische Instanz durchsetzen konnte. Marco Bülow (bis 2018 SPD), welcher im Herbst zur PARTEI stieß, wird sie im Bundestag als erster Abgeordneter für den Wahlkreis Dortmund I vertreten. Er positionierte sich kurze Zeit später per Twitter-Post mit einer indirekten Abweisung der Anklagepunkte Semsrotts und ließ damit wenig Hoffnung auf ein einhelliges Verständnis der vorgebrachten Bemängelungen in der Parteispitze. Sollte die Partei die PARTEI weiterhin einen Erfolgskurs anstreben wollen, wird sie beweisen müssen, dass sie ihre Verantwortung begreift und in Zukunft kein borniertes Lachen als Entschuldigung für die Lustlosigkeit an einem Politikbetrieb vorschieben wird, zu welchem sie früher oder später als anerkannte Kraft einen in gewissermaßen konformen Beitrag leisten werden muss. Schafft sie es nicht, ihren Stolz zu überwinden, der ihr bis dato ein uneingeschränktes Pöbeln gegen das verhasste Establishment erstattet, wird sie früher oder später ihren schlimmsten Kritikern in die Karten spielen und sich letztendlich als populistische Luftpumpe erweisen, der langsam, aber sicher die Puste ausgeht.

Quellenangaben:

https://nicosemsrott.eu/de/my-work/humorlose-erklarung-warum-ich-aus-die-partei-austrete

https://taz.de/Rassismusstreit-um-Martin-Sonneborn/!5744181/

A soundtrack to a terrible year: 10 great music projects and releases of 2020

What a car crash of a moment in time this is. What little hope there has been brought to us in the unlikely progression of 2020. What is there left to say, except fingers crossed to the turn of the year? 2021 could be better and is just around the corner. Allegedly waiting for us, swinging a baseball bat. So, let´s shine some light on the horror we have all dragged ourselves through during the past ominous sequence of seasons and hope for the best. While governments all over the world failed in personal union to support their people financially, especially the weakest economic forces like small businesses and freelancing artists fought with a maximum of creative measures against the impending death of the passionate labors of love securing their livelihood. In this spirit, the music scene came up with lots of heart-warming ideas to pierce through the confused sorrow and suffering, not the least by supporting crew members, charitable actions, and naturally funding their own survival. Late to the party, but walking in confident, this is solarstr1ker.blog’s list featuring 10 great music projects under the radar, which provided us with inspirational works throughout this staggering period.

Ghost Park

As this selection of honorable artists is not hierarchically structured, it shall not affect the reader that Ghost Park might be the most welcome find the author has to report, meaning vastly transcending beyond the recent time, being a true gem of an experimental music undertaking. Described as inspired by absurdist literature, precisionist art, and the brutalist architecture of New York City Ghost Park introduced a new series named Framework in the midst of July, focused on manipulated recordings of piano sessions, which was continued in September with another release. The few presented tracks per volume deliver monstrous orchestral undertones, visualizing the overbearing aura of the urban gorge in the mind of the listener, intimidating and comforting alike. It´s easy to draw a line from here to 2020’s municipal blight. Conclusively the Framework series is a pleasant addition to Ghost Park’s discography, yet not comparable to the immense quality and skills in shapeshifting genres between ambient soundscapes and indie rock proven with the preceding full-length outputs.

Potion

For all the ones who would like to experience the ghost of a person, that died on the world’s most thrilling rollercoaster fronting a band mixing jazzy math guitars and rock operatic passages linked with blast beat after blast beat rhythm set to full-automatic fire, my oh my, California’s Potion got you covered. After a bunch of released tracks in 2019 and a split with Those Darn Gnomes in July of this year, their latest EP Cemetary does not reinvent the already established and lovely irritating extreme expressionism but manifests its amenities with an increased grade of production and a better songwriting forming Potion’s madness to an enjoyable kind of noise terror. Long story short, Cemetary is the definitive musical perception of our feelings regarding 2020.

Vansire

The word mellow might have been invented to characterize the following project titled Live from the Decorah Farmers Market, recorded by Minnesota’s dream-pop duo Vansire right on the spot. While most artists decided to produce and perform at their homes and other strongholds of isolation in an exemplary manner, Vansire chose to take it outside, while they could and entertained clueless passersby with a brilliant live gig, two instruments at a time, offering a selection of previously released songs. Where Vansire’s flamboyant studio releases lack rough edges, nothing is missing here. The overall sound quality is so rich in-depth and approachable on these tracks, that it’s predestined to calm people down. If someone requires a sedating effect, let singer Josh Augustine’s voice take care of it.

Mikazuki BIGWAVE

This spotlight goes out to the cute beats champion of Yokohama, Japan. Yes, the one and only ミカヅキBIGWAVE, the grandmaster of future funk production, unique upbeat arrangements, and putting the Kawaii into danceable electronic grooves. With two full-length albums, an ep in between and two singles promoting an upcoming LP Mikazuki released an unbelievable mass of energetic tracks, yet diverse in their style and delivery. Moreover, it´s not only this specific achievement attained alongside the challenges that have occurred and limited the agency of artists qualifying especially 海辺のSENTIMENTAL as a noteworthy release. 2020 left the world thirsty, hungry, and pleading for relief from stress. Something entertaining, funny, and lighthearted to free our burdened souls from a great big pile of built-up negativity. One can arguably dislike the omnipresent anime fanservice this project is based on as a whole, but it´s simply impossible to deny the uplifting vibes, motivational vocal performances, and liberating lust for life it is standing for. If there is an annual award for orchestrating good times this year‘s winner is Mikazuki BIGWAVE.

The Casket Lottery

Ensuing the past returns of classic emo rock bands like Mineral (2019, One Day When We Are Young) and The Get Up Kids (2019, Problems) another well-known and respected group of the scene made a comeback in 2020. With Short Songs For End Times, The Casket Lottery released their fifth full-length record in early November. While the rawness, instrumental progressiveness, and emotional ferocity of influential releases like Moving Mountains and Survival Is For Cowards has declined over time and the experimental appeal of 2012’s Real Fear seemingly was a singular occurrence, their newest LP embraces a straightforward and mature alternative rock sound, relying on renowned strengths like the charismatic vocals of singer and guitarist Nathan Ellis and a very present bass empowering the easy to grasp and authentically lethargic songwriting. Short Songs For End Times is a record to sing along and cry out to, empathetic, but poised enough to get you through an extra month of sticking it out.

Spiritbox

Female-fronted powerhouse Spiritbox, hailing from Vancouver, Canada, is popular for its explosive combination of spheric djent elements and hard-hitting metalcore topped by Courtney LaPlante’s (ex I Wrestled A Bear Once) breathtaking ability to fluently switch between her beautiful singing voice and devilish screams. Following a significant collection of singles in 2019 they released three stand-alone songs evenly distributed with the passing of 2020 including the very successful track Holy Roller offering a mix of electronic samples and massive breakdown-ridden rhythms. In that respect, the trios uprising isn´t a coincidence, it’s based on sheer talent and a fresh understanding of modern metal. The message is clear: People who like heavy music won´t be getting around Spiritbox any longer. And that´s the bottom line.

2077

The events that affected 2020 really got us to take a look into the future and question what is yet to come. Concerning this matter the eagerly anticipated AAA video game Cyberpunk 2077 couldn’t please everyone with it’s fashionable, yet enforced superficial definition of a dystopian science-fiction scenario and it’s abrasive flashy citizens. Cyberpunk, Violence, and Speed inspired grindcore project 2077’s debut release Cybernetic Dreams published the first of March however proclaimed an intriguing counter draft that should heal the wounds of those disappointed. Dirty, desperate, and agonizing, completed with ailing vocals that range between extreme coughing and black metal like death rattling 2077 grinds in the vein of nerve-wracking paragons like Gridlink, but gets it done to create an alluring atmosphere at the same time by sacrificing a bit of rapidity for the integration of wailing melodic riffs. Is the spawning of 2077 in 2020 a bad omen? As it seems we´ll find out in about half a century.

livingwithnathan

Some songs simply need to make a comeback one way or the other. For that reason married emo/hardcore duo livingwithnathan released a new version of their track, We’ll See You Tomorrow, which was actually planned to be part of a compilation that never came together. Originally descending from 2018’s heart-wrenching EP Grief, which deals with the loss of a dearly loved one and offered a bewitching mix of melodic rock and harsh shouting, 2020’s take comes off with a more punk-ish and distorted sound. A short, but precious musical work, that is reminding us, how painful and haunting it can be to bid farewell, just now in times of a worldwide pandemic, condemning people to die and let go without the chance to say goodbye.

Cloacal Kiss / Wax Vessel

Mentioning comebacks there is no way to not bring up this year’s phenomenal releases enabled by Wax Vessel, an independent record label, committed to limited run vinyl pressings of remastered legendary math- and grindcore music (with no compromise!). So, one is advised to act quickly and check out some of the 27 classic albums, that WV granted us within 2020, like Cloacal Kiss’s Easter containing high-quality noise assaults on your ears, from the tight instrumental production to an unbelievable extreme vocal performance.

Army of Freshmen

There could not be a better swan song to this year than Promise provided by the pop-punk veterans Army of Freshmen in late March. After two decades of spreading fun on stages all around the world, not being averse to dive into the realms of melancholy, when it had to be done, AOF came up with three new singles following their latest LP Happy To Be A Live in 2012, beginning with 2019’s Well May Her World Go Round. Compared to Everything Is Beautiful released in February of this year Promise is declaring an equally optimistic mindset, battered by the hardships of it all, but willing to push back against the odds, getting us in the right mood to leave 2020 behind:

the same way they buried you

is the same way, they buried me too

ever after, this disaster

we’ll still be here

I promise you, I promise you

I promise you, I promise you

I promise you, I promise you

The philosophers were ambient people: an interview with The Billows Burn Bright

Lucid Attention Protocol D1 activated …

Did you ever fell in your sleep? Conscious, but slumbering, possessed by the urge to find clarity beyond the veil of self-awareness. Like drifting through a stream of sensorial inspirations, attending a cinematic reprocessing of things suppressed inside yourself. Out of fear, an ominous excitement, standing on the edge at daggers drawn with your internalized understanding anent a desirable form of existing.

Yes/No? …

Yes.

So the door has been opened. Now, don´t you lose touch. It is time to take the next step. Bid goodbye to the concept of control as such, becoming intimate with a stimulating way of training your ability to embrace the seemingly mazed information transmitted in your dreams and introducing your mind to the impact of an upcoming audiovisual ambient music project named The Billows Burn Bright. Produced and explained in the following conversation by the choirmaster of philosophic experimental soundscapes himself. I welcome Daniel Armstrong.

The Billows Burn Bright is a bilateral music project that I strongly associate with its visual half. In the digital age music videos are not the most important promotional output bands rely on any longer (RIP MTV). They are still relevant, but most offer a shallow performance for the sake of declaring the plain presence of artists. When did you realize that a cinematic experience will play an important role in complementing your tracks?

It started with my fascination with the public domain and all of the beautiful works within it, most of which have been largely forgotten. I thought that maybe I could, in a small way, bring new life to these films and clips by recontextualizing them as music videos. I  used to put on animated films at night and mute the volume, then play some songs over it and see how they fit together. I thought I could use this same format in a more polished, intentionally synchronized way. I also thought (and still think) that having a „narrative“ in the absolute loosest sense of the word allows the viewer to take away their own stories and meanings while they’re watching. I definitely enjoy exploring archives, looking for new footage, and piecing it all together, so it’s stuck with me well so far.

Your first video premiered in June of this year illustrating your song ‚Unrelatable‘ (The Billows Burn Bright 2015-2020). It begins with an animated scene. A colorized man is walking down a street. Later he will convert transparent others into a colored look as well. The process is perpetually interrupted by a 1948 educational material titled ‚How to evert the Upper Lid‘ and fragments of old cartoons alike. Ironically two aspects that make your work relatable are already decisive here. It’s the symbolism and choreography nascent from the synergy of the diverse choice of moving image material. What does the word unrelatable stand for in this context?

Unrelatable stands for an emotional state that I think, ironically, many can relate to. When I wrote the song and when I put the video together, I was in a dark mindset and felt very unconfident in the things I was making. I felt that my thought processes were malformed and dysfunctional. „Unrelatable“ was very much a personal expression of feeling, well, unrelatable.

The genuine interplay between visuals and audio derives far-reaching from your intriguing original compositions of actual retro footage and a range of quaint fictional respectively elaborate works. Are there any classic or modern filmmakers that are an inspiration regarding this facet of your art?

While there are probably many short films and filmmakers that have influenced my direction and focus, I would say Don Hertzfeldt has by far had the largest impact on me. Hertzfeldt’s film ‚It’s Such a Beautiful Day‘ in particular was definitely foundational for both the way I approach art and life in general. I think you could trace a clear line from how I like to put my videos together with how Hertzfeldt paired his distinct ’stick man‘ art style with brilliant choreography and music choice. I was (and still am) drawn to the way he combined different scenes on the same screen via clever tricks like cutting holes in construction paper and layering it over the frame as to create separation. I hope one day to reach that level of mastery and vision.

Two more productions followed shortly after based on the singles ‚Consequences‘ and ‚Limbo‘ (Aimless: A Compilation). Both collages seem to aim at human deficiencies in times of emotional contingencies. I recall a person in the subway being excluded from opposing passengers in ‚Consequences‘ and the lethargic acting man in ‚Limbo‘ right at the beginning, a depiction that is accentuated by its overall melancholic tone and commenting inserts („the need for human interaction“). What interested you especially in this perspective on eye level with disoriented minds?

I believe that it’s when we are at our lowest and most disoriented state of mind, we are also at our most honest and genuine. Our brains are conditioned in such a way that we constantly tell harmless little lies to ourselves and the people around us so that we can maintain the narrative of ‚Everything is fine and nothing is bothering me‘ which while a nice gesture, is rarely truly honest. We’re basically hardwired to put up a front. It’s when we are deeply troubled that the front begins to fall because we no longer have to energy to maintain it. It’s at these moments we learn the most about ourselves because we’re forced to either be honest about our choices and flaws or else wither away in a fog of denial. I believe the disoriented mind is often both our best teacher and the stage of our most triumphant moments. This is why it’s important to me to try and not only just express this state of self, but attempt to put it on screen in such a way that the viewer can maybe relate to that kind of pain and in doing so, allow them a chance, to be honest with themselves. 

Your Bonfire Rituals EP is the first release you fully visualized. In three tracks, each one representing a separate step, you attend to give a tutorial on how to reach the state of happiness. The evident spectrum of symbolism refers a lot to the subject of natural sciences, which I’d argue is a characteristic of your work. Please turn the following list of constantly recurring objects into short statements describing their importance to your expressionism.

The eye …

The flower …

Technology …

The eye is an open book. It is the screen of every emotion and thought. The eye is the projector of the subconscious.

The flower is the creation and it is death. The flower is the art that exists for itself. The flower is peace.

Technology is the greatest double-edged sword. Technology is the potential for both enlightenment and destruction. It is at our mercy and we are at its mercy.

Your topics fluently varying between a macro field covering existential issues, questioning the doings and purpose of humanity in a wider sense, and a micro-level concerning the individual unraveling of human entanglements. On your EP The Philosophers Are Dead for instance you linked a question of vital significance to every song („Is this really all there is?“ – Spirit Walking). Instrumentally centered music genres like ambient, post-rock, or even black metal are often attributed with philosophic virtues, but not uncommonly it‘s all on the surface, reflecting from the atmospheric sound. What are things that create the urgency to make philosophy a prioritized matter?

I believe strongly that philosophy is one of the most useful tools to have in life. I cannot claim to be an expert in the field, but what little I know has helped me communicate my thoughts more clearly, has helped me come to terms with the realities of life, and understand other people’s points of view. In some ways, philosophy is also about finding and understanding our own system of morality. I feel that without this understanding, our morality is vulnerable to malicious influence or even simple atrophy until it is replaced by base instinct and flimsy justification. I think that if philosophy was more emphasized and respected, we would find problems and disagreements easier to solve both in our personal lives and even on a societal scale.

Every release implemented a new quality of sound. Last month you published your most recent release No Moon, No Stars, which is a spherical and pensive journey based on a dream. Yet its unmistakable a The Billows Burn Bright offspring. Do you have musical role models, that helped you to find your own style?

Certainly Deaf Center was an important role model to me. Their album ‚Pale Ravine‘ was the first ambient/neoclassical album I’d ever heard, and remains one of my favorites to this day. It was through this album and a bit of searching that lead me to artists like Max Richter, Olafur Arnalds, Eluvium, and the idea that music could be much more than I’d pictured as a child. Some more recent influences would have to be Blockhead and Crest of the Syndicate. Their music has been very inspirational to me, especially when it comes to drum tracks and techniques.

Daniel, thanks for the great talk! This moment is yours to keep the readers up to date with every information you’d like to let them know.

Of course, and thank you as well, Björn! I’m working on a project right now that is much larger than what I’ve done so far, I’m really excited about it! I’m hoping to have something to show in late January or perhaps February. In the meantime, check out my Twitter page for a constant stream of ambient music news and releases from artists I’m sure you’ll love!

Alex Burunovas Enter The Anime: Tokyo, Netflix und der Kult der müden Geister

An einem Bahnsteig beginnt unsere Reise, die uns den Eintritt in das Reich der japanischen Animationsfilme gewähren soll. Begleitet von weichen Lofi-HipHop-Beats tauchen wir in ein klassisches Alltagsszenario Tokyos ein. Es ist die Fahrt mit der U-Bahn, welche nach Burunova, womöglich am besten ein Gefühl für die Mentalität der Japaner wiedergibt. Ordnung, Höflichkeit und ein zurückhaltendes Wesen sind hier erwünscht. Wir akklimatisieren uns und schon ist es um uns geschehen. Wir sind ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht, während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt. Wir können die überwältigende Bilderflut, die uns in Japans bekanntester Metropole erwarten wird, nur erahnen. Denn bis dato befindet sich unser Tour-Guide noch im amerikanischen Los Angeles. Alex Burunova stellt sich uns als Filmemacherin vor, die erst mit der Anime-Umsetzung der berühmten Videospiel-Reihe Castlevania (Netflix, 2017) so richtig auf den Geschmack gekommen ist. Beauftragt von Netflix stellt sie sich in ihrer Kultur-Dokumentation Enter The Anime der Frage, was die Essenz des japanischen Zeichentricks ist und welche Bedeutung sie für die Japaner hat. Am Ende dieses Abenteuers werden jene befriedet sein, die sich eine knappe Stunde knalligen Fan-Service und Instagram-Lifestyle versprochen haben, solange das Popcorn reicht. Enthusiasten, die eine tief greifende Erfahrung erwarten, welche einen eindringlichen Blick in das Seelenleben der Anime-Schöpfer ermöglicht, seien daher vorgewarnt. Und dennoch ist Burunovas Reportage einen Blick wert, da sie erahnen lässt, dass da noch mehr ist, irgendwo zwischen den demütigen Zeilen der Protagonisten, dem epileptischen Werbematerial für einen Tagesausflug nach Tokyo und der Ausstellung einer Corporate Culture, die Personalmanagern bei Google und Konsorten die Augen feucht werden lässt.

Bunt, laut und getrieben

Noch immer stecken wir in Los Angeles fest, aber lernen dafür den ersten Macher kennen, der sich uns nicht etwa als Creator, sondern Zeitreisender ausweist. Es ist der Produzent des Castlevania-Anime höchstpersönlich, Adi Shankar, dessen leicht aufgekratzte und sympathisch durchgeknallte Art sich schon bald als Foreshadowing herausstellen wird. Denn Anime bedeutet, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, nicht nur Kreativität am Rande des Limits, sondern ein leidenschaftliches Engagement für alles Andersartige. Nach einer kurzen Abhandlung seines rasanten Aufstiegs vom talentierten Fan-Fiction-Initiatoren zum professionellen Netflix-Kinematographen kommen wir endlich in Tokyo an und treffen überraschenderweise auf einen weiteren Gaijin der japanischen Zeichentrick-Industrie. Lesean Thomas, der sich selbst als Fremdkörper in Japan betrachtet, produziert dort die Bewegtbild-Umsetzung seines Comics Cannon Busters und zeichnet uns ein Bild des Anime als ‚trans genre medium‘, welches sowohl die Möglichkeiten bietet, unterschiedliche Stilrichtungen als auch verschiedene Kulturen miteinander zu vereinen. Dies ist ein interessanter und progressiver Ansatz, welcher nicht der Letzte sein wird, den wir in der kommenden Dreiviertelstunde aufnehmen werden, doch ist er gleichermaßen ein wichtiger Hinweis auf die differierenden Blickwinkel, welcher aufzeigt, inwiefern die westlichen und östlichen Sichtweisen auf das Thema Anime voneinander abweichen. Leider wird diese Erkenntnis nicht weiter aufgegriffen, wie so mancher leise Nebenton, der Alex Burunovas Berichterstattung mehr Tiefe hätte verleihen können. Doch wir können ihr weder den Vorwurf machen, eine schlechte Filmemacherin zu sein, noch die eigentliche Zielsetzung aus den Augen verloren zu haben – Netflix als Geldgeber zufriedenzustellen. Enter The Anime ist bunt, laut und getrieben, als wäre jegliche Verringerung des anhaltenden Tempos unwürdig, um die Diversität der japanischen Popkultur zu proklamieren und unterhält als surrealer Trip, der mit dynamischen Blenden und atmosphärischen Soundeffekten eine aufregende Achterbahnfahrt darstellt. Die trotz alledem in energetisch anmutenden Interviewsequenzen und Außenaufnahmen erreichten ruhigen Momente verleihen dem Gesamtbild keine besondere Dramatik, doch sorgen hier und da für eine Wohlfühlstimmung, welche an geeigneten Stellen den Druck rausnimmt, damit wir das Erlebte für einen Augenblick einziehen lassen können. Doch es ist nicht die poppige Inszenierung allein, die uns bei der Stange hält. Ein Füllhorn an Begegnungen, gekoppelt an zahlreiche Making-of-Situationen mit monumentalen Persönlichkeiten der Anime-Szene Japans, unterbricht die teils anstrengende Effekthascherei für informative Stellungnahmen und Erzählungen jener Expert:innen.

Eskapismus vs. Establishment

Enter The Anime wird im folgenden Verlauf weder optisch noch inhaltlich langweilig, doch verpasst es Alex Burunova dem Anime als mysteriösem Patienten den korrekten Zahn zu ziehen. Während sie umherstreift und gelegentlich bedauert, nicht den richtigen Anhalt zu finden, um die Essenz der japanischen Animationskunst ein für alle Mal ersichtlich zu machen, ist klar, dass es nie dazu kommen wird. Denn jegliche Filme und Serien, die Platz in ihrer dicht besiedelten einstündigen Dokumentation finden, sind, wie sollte es anders sein, Eigenproduktionen von Netflix oder haben einen direkten Bezug zu jeweils mindestens einer Produktion, die aktuell beim Streaming-Riesen zu sehen ist. Unter anderem sind im Gespräch: die Anime-Produzenten Kōzō Morishita (Saint Seiya, Dragonball Z), Rarecho (Aggretsuko) und Rui Kuroki (B: The Beginning, Kill Bill: Vol. 1), sowie die Regisseure Masahito Kobayashi (Rilakkuma und Kaoru), Yukio Takahashi (7Seeds), Toshiki Hirano (Baki, Magic Kaito) und Shinji Aramaki (Ultraman, Ghost in the Shell SAC_2045), um nur ein paar wenige Namen der vertretenen Repräsentanten zu nennen. Geplauscht wird über ikonische Szenen und Besonderheiten des vorgestellten Anime, die uns verdienterweise anfixen. Tatsächlich wird ebenso über die Schattenseiten des Business gesprochen wie die ermüdenden Arbeitsintervalle und einstige Berufswünsche, die nichts mit Anime zutun hatten. So wird in vielen Teilsätzen bemerkbar, dass die Tätigkeit als Anime-Creator ein Segen und ein Fluch gleichermaßen zu sein scheint. Die meisten dieser Aussagen werden sogar von Burunova selbst angestoßen, doch verkommt ihre investigative Arbeit, welche ab und an den Finger in die Wunde legt, hinter ihrem Plädoyer für eine Corporate Culture, die den Versprechen der Start-ups und Großkonzerne unserer Zeit Blindlinks ins offene Messer läuft. Animes zu produzieren, sinniert sie, steht für das eingehen von Risiken, mutig seinen eigenen Weg zu gehen, Akzeptanz und Inspiration in ruhigen Momenten zu finden (Google-Hauptquartier, wärme schon einmal das Bällebad vor, meine Kreativität ist bereit, dafür in dir aufzublühen, um dann während eines 20-Stunden-Crunge vor dem Rechner vollkommen einzugehen!). Ja, bezeichnend ist gerade ihr Schlusswort, das die DNA des Anime endgültig entschlüsselt haben will. Was ist Anime? Das ist keine Frage nach dem ‚Was?‘ oder ‚Wer?‘. Es ist die Erkenntnis, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein und als Individuum in ihm zu verschwinden. Wow! Dieses Statement zergeht auf der Zunge wie ein angewärmtes Stück Butter, doch hinterlässt es einen wahrhaft bitteren Nachgeschmack. Wir spulen noch einmal zurück und befinden uns wieder in der U-Bahn. Wir sind hier ein Teil des Systems geworden, huldigen den Überresten einer traditionellen ost-asiatischen Kultur, welche an öffentlichen Plätzen wie diesem noch immer umsichtig von der Bevölkerung konserviert wird und unabänderlich in sich ruht. Gemeint ist eine veraltete japanische Lebensphilosophie, welche sich um Ehre, Stolz und die Wahrung des eigenen Gesichtes dreht, selbst unter einer unmenschlichen Arbeitsbelastung und dabei stets zu einer Stabilisierung des großen Ganzen verpflichtet. Während sich konträr ein anderes Geistesleben in ständiger Bewegung bereit für die Zukunft zeigt, läuft Burunova in die Falle einer modernen Unternehmenskultur, in der ein Obstkorb als Köder fungiert und uns einredet, dass wir nun im Gegensatz zu damaligen autoritären Hierarchie-Modellen als Individuum unsere eigenen Ziele erreichen, unsere Arbeitszeiten selbst bestimmen und endlich einen Sinn in unserem Tun auffinden können. Work-Life-Balance! Feel-Good-Management! Corporate Identity! Denn wer brauch schon eine eigene! Das da immer noch ein ominöses großes Ganzes ist, dem wir uns mit der Unterzeichnung unseres Arbeitsvertrages anschließen, wird heute schlichtweg verschwiegen. Doch verschwinden wir nicht mit ihm, sondern erhalten das Phantom mit unserer 24/7-Gegenwart in den arbeitnehmerfreundlichen Büros inklusive Yogabereich am Leben. Wenn Rarecho und seine Mitarbeiterin Yeti nur an ein paar hinreichende Stunden Schlaf denken können, wenn sie auf das Thema Freizeit angesprochen werden, Kuroki davon berichtet, dass er keine Zeit für ein Mittagessen hatte, weil es nicht in seinen Tagesplan passt oder Morishita, der außerdem im Vorstand des japanischen Disney-Pendants Toei Animation sitzt, gleich mehrmals damit zitiert wird, dass er nichts als ein Klumpen Stress ist, wenn er einen neuen Anime inszeniert, dann sind dies keine Loblieder auf eine zu glorifizierende Aufopferungsbereitschaft, sondern die Mahnmale einer vom Kapitalismus gezeichneten Industrie. Das viele der teilnehmenden Kreateure offen damit umgehen, eigentlich nie ihren jetzigen Job angestrebt zu haben, überrascht nur, wenn wir uns Burunovas vollmundige Phrasendrescherei zu Herzen nehmen, die all die Beschwerlichkeiten dieser Berufung vollkommen verklärt. Ein Funfact dieser Doku ist, dass in Japan mehr Manga als Toilettenpapier produziert werden, was jedoch den ernüchternden Hintergrund hat, dass es eine Überproduktion gibt und die hart erarbeiteten Endprodukte, die sich nicht als populär auszeichnen können, als Wegwerfprodukte angesehen werden. Das die japanische Animationsfilm- und Manga-Industrie seit Jahren eine düstere Dunkelziffer schreibt, die begangene Selbstmorde aufgrund der hohen Arbeitsbelastung insbesondere unter jungen und unerfahrenen Künstlern abdeckt, ist etwas, das vonseiten der Unternehmen nur allzu gerne totgeschwiegen wird. Leider wird dieser Zielgruppe auch in Enter The Anime keine Beachtung geschenkt. Während die US-Künstler Shankar und Thomas den Anime noch als expressionistischen Spielplatz wirken lassen, spiegelt sich in den ausgewählten Netflix-Produktionen ein Kampf zwischen einem Eskapismus und den gesellschaftlichen Konventionen, dem Establishment wider. Burunova berichtet diesbezüglich an einem Punkt von der Begeisterung für Kawaii, der Faszination für das Niedliche, welche sich bereits in den 1960er Jahren als Subkultur entwickelte und Schüler dazu antrieb, sich gegen die unnachgiebige Erwachsenenwelt aufzulehnen. Rarecho spricht in Bezug auf seinen Anime Aggretsuko in dem es um eine gestresste Büroangestellte geht, die ihre Vorliebe für Death Metal zum Abbau ihres Kummers entdeckt, davon, wie Abnormalitäten die Menschen von ihrer eigenen Banalität befreien können. Er erklärt uns damit gleichermaßen die skurrilen Ausflüchte in das Extreme, beispielsweise wenn es in anderen Animes immer wieder um Männer mit überdimensionalen muskelbepackten Körpern geht, wie in Seiji Kishis Kengan Ashura in denen jene für die Interessen der einflussreichsten Geschäftsführer Japans in den Kampf ziehen. In Enter The Anime lernen wir die Stars der Anime-Szene zwischen den Zeilen als Kult der müden Geister kennen, deren bröckelnde Fassaden nicht gänzlich von Burunovas ausgewählten Filtern überstrichen werden können. Sie sagt, dass sich das gestrige Japan und die progressiven Elemente des Anime gegenseitig befeuern, doch dies ist eine grobe Fehleinschätzung. Ein ausbeuterisches System ist nicht besser, nur weil es in neuen Gewändern daherkommt. Anime ist ein Aufbegehren gegen die anti-humanistischen Strukturen unserer Welt, die in den Abfalleimer der Geschichte gehören.