Das Fundbüro, Juli 2021 – alter, geliehener und brandneuer Emo: Carb On Carb, life, Salvia Palth und mehr …

Ein Blick in die Emo-Kiste bringt wohltuende Klänge zum Vorschein. Außerdem vertraute Melancholie wie ein wenig Schwung und samtiger Balsam für die Seele. Einsamkeit und ein grauer Alltag haben die Beine schwer gemacht und dem Herzen ein trauriges Gesicht aufgemalt. Sonst noch was verloren? Dann bitte zugreifen, die vergrämte Gefühlswelt überraschen, mit Songs über neuen Mut, das Treiben lassen im Moment und ewige, melodiös unterlegte Augenblicke, die einen an den Schultern packen und wissen lassen, dass das Leben gut sein kann, wenn man es lässt. Das Fundbüro hat endlich geöffnet. Holt euch, was ihr vermisst. Zu verteilen sind Brieftaschen, Schlüssel und was Schönes für den mobilen MP3-Player.

Carb On Carb

Yeah-nah, sie sind zurück. Wie schön. Eine neue Single namens Here Comes the Best Bit ist seit dem 10. Juni 2021 über den favorisierten Streaming-Dienst verfügbar. Seit das neuseeländische Duo im Mai 2018 mit ihrer durchweg charmanten und fluffig weichen Power-Pop-LP for ages beglückten, wurde es vorerst still um die junge Band. Ihr neuer Track zeigt, dass gute Dinge nicht einfach vergehen, sondern manchmal für ein ersehntes Comeback ihre Zeit brauchen und langwierige Krisen unbeschadet überdauern können. Unverändert stark und einzigartig schmiegt sich die vertraute Stimme von Sängerin Nicole an die uninspirierten Gehörgänge und weckt den müden Verstand mit empathischen Worten über die Erinnerung an sorglose Rituale mit dem Lieblingsmenschen und ihre Wiederbelebung, die in behutsam gleitenden Riffs und einem treffend stimmungsvollen Drumming einen gütigen Nährboden finden. Welcome Back!

Grass and cement They own you rent / Careless and loud At this late hour

life

Sich dem Material der Post-Emo-Rock-Band life zu widmen ist wie in ein mysteriöses Fotoalbum gesaugt zu werden, welches durch die Eigenwilligkeit eines verschollenen Gepäckstückes den Weg in fremde Hände gefunden hat. Freundschaftlich angenommene Anleihen von Deafhaven und Svalbard konfrontieren schonungslos mit den wehmütig kursiv gestrichenen Einträgen unter eindeutig verschwommenem Bildmaterial, dessen leichter Gelbstich für eine milde Empfängnis der emotional mitteilungsbedürftigen Motive sorgt. Und doch ist klar, was passiert ist an jenem Tag neben diesem Baum, wohin die alte Straße ihre Reisenden führte. Nichts als Schall und Rauch sind sie, die Tearjerker-Challenges der sozialen Medien vor den atemberaubenden ersten zwei Minuten des Tracks you’re the most precious (demo four, November 2020). Eine simple Melodie, ein rudimentärer Rhythmus und doch hat selten etwas so echt gewirkt, dass sich nichts und niemand nach der existenziellen Erscheinungsform des Daseins benennen könnte, außer life selbst. Weitere Highlights des gleichen Releases sind eine intensivere Besinnung auf leisere Töne, die mehr Raum für Interpretationsmöglichkeiten des teils orchestral wirkenden Sounds lässt, gewohnt erbauliche Gang-Vocals, welche der Freimütigkeit eines geübten Knabenchores in nichts nachstehen und dem Spiel mit lärmenden Instrumenten, herbem Krach und gar dem Element der Stille, welche im 20-minütigen Song eleven meisterlich zueinanderfinden. Als sichere Empfehlung hält die komplette Diskografie der Emo-Astronauten stand, doch die aktuelle Nummer vier bietet alles und noch so viel mehr.

Salvia Palth

Da ist diese Person in der Klasse, die nie pünktlich zum Unterricht erscheint, aber dennoch schon vor allen anderen im Raum sitzt. Sichtlich nie zuhört, döst und trotzdem die korrekte Antwort dahin säuselt, wenn der Lehrer ihren Namen aufruft. Schon immer in der Referatsgruppe war, obwohl man sich nur schemenhaft an ihre Teilnahme erinnern kann. Auf Partys im Trubel untergeht und doch am nächsten Morgen auf jedem Foto erscheint. Ein Geist, ein Mythos und daher belächelt, weil sie als AußenseiterIn bemitleidenswert daherkommt, aber eigentlich würde man gerne einmal mit ihr tauschen. Denn sie hat alles gesehen, wie eine stille Sicherheitskamera an der Decke eines Supermarktes, und dabei war sie zudem, aus jedem möglichen Winkel hat sie das Vergangene statisch eingeatmet, in spannungslosen Übergängen – formloser Gestalt. Nicht bedauernswürdig, sondern beneidenswert. Wer spiegelt den festen Griff der Nostalgie am Herzen besser wider als sie und melanchole von salvia palth.

Souvenirs

Slowcore mit einem ordentlichen Punch gab es bereits im Juni 2012 von Souvenirs zu hören. Taking Back Sunday lässt grüßen, aber was sind schon Vergleiche, wenn sich der harte Kick einer Bass-Drum selten so gut in die Bauchgegend gegraben hat. Pointiert karge Texte und Allessagende Basslines stellen den Groove ins Zentrum der EP Tired of Defending You, deren Tracks jeder für sich wie ein einziger Schlussstrich über, unter und mitten durch eine verjährte Beziehung gezogen sind. Schnauze voll! Die Jungs beweisen, dass kompromissloses Schmettern attraktiver als mathematisch ausgeklügelte Feinfühligkeit sein kann. Die Platte Love For the Lack of It, erschienen im Mai, verkauft sich trotz weiterhin durchsetzungsfähigen Trittes in die große Trommel als Reinkarnation Turnovers Peripheral Vision und macht das richtig anständig. Was für Shoegazer und alle, die es werden wollen – und ein tolles Souvenir für den Shoegaze-Partner (ha!).

Like how I don’t even know you ‚cause you don’t know yourself
These mind games you’re playing are affecting my health

Fighting Season

Emo ist mehr als eine Schublade voll mit billigem Eyeliner und Hot-Topic-Klamotten. Eine variable Mentalität, eine ungenügsame Sicht auf das Umfeld, das verzerrte Spiegelbild und Kritik am blinden Optimismus der coolen Kids, die Selbstreflexion gegen Selbstbeweihräucherung eingetauscht haben. Die amerikanischen Pop-Punk-Oldies Better Luck Next Time waren für mich 100 % feinster Emo, seit ich zum ersten Mal ihr Album Start From Skratch anspielte. Flotte wie ausgedehnte Songs über die aufreibende Verzweiflung der wahren Jugendliebe. Im Vordergrund: das Empfinden, nie genug zu sein, die Vergänglichkeit der limitierten Chance auf lebenslanges Glück und Spuren des Verzehrens nach der Aufmerksamkeit der Auserwählten. Fighting Season gehen das Ganze hingegen straightforward an, mit dem notwendigen Touch This Time Next Year plus zusätzlichem Weichmacher Fireworks, um nicht in planloses Gesülze zu verfallen, aber durch empfindsame Vibes zu gefallen und als Allwetterreifen des emotionalen High-School-Rocks einen stabilen Soundtrack zu garantieren.

The Halloweekend

Vier kraftvolle Stimmen und eine Menge Frust an Klampfe, Tasten und Sticks. Midwest-Emo der den Halloween-Festtag zum Aufhänger macht? Come. ON! Im saisonalen Angebot sind extra eingängige Lines über Skelette, Herbstdepressionen und artverwandte Gruselsymbole, die verdammt noch einmal Vermitteln, warum sich das tiefschwarze Loch in der Brust niemals füllen wird. Wir zwei gesichtslosen Kürbisse könnten uns ein Grab teilen, einen rachsüchtigen Candy-Corn-Golem beschwören oder entspannt gemeinsam The Halloweekend jammen. Wieso nicht alles auf einen Streich?

R.I.P ME AND R.I.P EVERYTHING WE USED TO BE AND EVERYTHING WE COULD HAVE BEEN

Dänemark macht die Schotten dicht: eine verdammt heiße EM, Sozialdemokratie für wilde Kerle und die neue gemütliche Härte – kommentiert von Claudia Neumann

Foulspiel! Aber nein, Herr Schiedsrichter, das war doch eben Hygge. Ach so, na, dann bitte her mit dem Videobeweis. Ganz klar! Gemütliche Härte seitens der Dänen. Das Spiel darf unter der sengenden Sonne, welche das Logo der EM 2020 ironischerweise in das korrekte Datum 2021 angeschmolzen hat, unabdingbar barmherzig fortgeführt werden. Während die vom Bundes-Jogi mental eiskaltgestellten Deutschen versuchen, mit ernster Miene die Cooling Breaks durch hinter den Ohrläppchen eingeklemmte Erfrischungsstäbchen zu überbrücken und die italienischen Spieler hilflos auf der mit hausgemachtem Stracciatella-Eis ausgekleideten Ersatzbank festkleben, verschaffen sich die Wikingernachfahren derweil einen taktischen Vorteil durch ihr handwerkliches Geschick und rudern im traditionell errichteten Knorr auf dem Sud der eigenen Mannschaftskameraden erneut Richtung Strafraum des gegnerischen Teams. Wie schön haben es da die eigenen Leute zu Hause, die einen lindernden Hauch der erfreulich frostigen Atmosphäre erhaschen dürfen, die im Rahmen des beliebten Endgettoisierungsprogrammes der einzigen farbenblinden sozialdemokratischen Regierung mit ausgeprägter Links-Rechtsschwäche der Welt ihre befremdlich fremdenfeindliche Betriebstemperatur in der Mitte der Gesellschaft gefunden hat.

Erste Eindrücke unserer Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann, die in der Zwischenzeit von erzkonservativ westeuropäischen Alpha-Männchen über die dänische Grenze gejagt wurde: „Meine Verfolger haben die Seilbagger der SozialdemokratInnen gekapert und hetzen mich unerbittlich durch die Straßen Kopenhagens! Später dann brandheiße Informationen zur lokalen Wohlfühlpolitik der SkandinavierInnen.“

Danke Claudia! Wir kommen auf dich zurück. Wie wunderbar, dass es nun endlich auf der Hand liegt. Die schottischen Fans haben nicht etwa leck geschlagen und werden mithilfe des Serums eines Start-ups aus Dänemark von innen Bier abweisend imprägniert. Es sind die heimischen Grenzen, welche es totalitär abzuriegeln gilt und wer hätte es gedacht, verraten, das die regionalen Sozen doch farblich unterscheiden können, also wer dort hingehört und was zugereist ist. Damit stecken sie die deutschen KollegInnen der SPD locker in die Tasche, wenn es darum geht, die eigenen Werte sagen wir einmal wirtschaftsdienlich zu modernisieren. Wo zweitere dabei hängen geblieben sind, Schröders Erbschaft zu verwalten und die immer noch immer ärmer Seienden mühsam an die immerzu immer reicher Werdenden heranzuführen, hat ihr nordisches Pendant, die Genialität des Systems Best of Both Worlds erkannt. Wieso WählerInnen an die populistischen Debatten der radikalen Randbewohner des politischen Spektrums verlieren, wenn man sich die reißerischsten Streitpunkte einfach aneignen kann und die eigentlichen Inhaber gewillt sind, brav zu kooperieren. Ganz entgegen einem FDP-Motto, welches die Relevanz sehnsüchtige SPD nimmer im Angesicht der nahenden völkischen Bedeutungslosigkeit mit der Kneifzange anzutasten wagen würde. Lieber gar nicht zu regieren, als falsch zu regieren.

Die Socialdemokraterne Frederiksens hingegen merkt an: Wer richtig regieren will, der muss eskalieren. Sozialleistungen für echte Dänen, Abschiedsbriefe für Migranten und lähmende Depressionen für rechtspopulistische Maulhelden, die nicht glauben können, dass ihnen ein roter Block aus geschäftigen Sozialisten die Existenzberechtigung entzieht. Soll es ein Gregor Gysi ruhig versuchen, infrage zu stellen, was eigentlich besser war, bevor die erste Flüchtlingswelle aus Syrien die Dänen erreichte. Und wer genau mehr von was ganz spezifisch hatte. Als habe schon jemals in der Geschichte des Landes ein Däne einen anderen Dänen übers Ohr gehauen. Somit hebt sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen gekonnt die lästige Scham eines Horst Seehofers für die letzten Tage im Amt auf, der sich nun knapp vor der Rente wünschte, er hätte 2011 nie geäußert, sich „bis zur letzten Patrone“ gegen die Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren zu wollen. Da verkratzen keine an Austausch orientierten Protestcamps von MigrantInnen die eiserne Erfolgsgeschichte der angestrebten Bizarrokratie, zu denen sich lediglich ein paar Freaks von Linksaußen gesellen, die merkwürdige Anstalten machen die Gesprächsbereitschaft als Tugend eines wahrhaftigen gesamtgesellschaftlichen Annäherungsprozesses zu sehen. Denn weshalb Geld an eine Sache verschwenden, die man sowieso nie ernsthaft wollte. Reisende soll man nicht aufhalten und jemanden zu vertreiben ist leichter als zu begreifen, dass Integration keine Einbahnstraße ist, bei dem der eine die vollen 100 Prozent gehen soll, wie bei einem furchtbar peinlichen Kuss, der für beide Seiten eine Qual ist. Dass es molliger ist, sich abzuschotten und in Angst vor dem Nachbarn zu leben, sollen Dänemarks Kinder bald abermals lernen. Härte statt Hygge.

Eine stabile Verbindung zu unserer zeitweiligen Auslandskorrespondentin Claudia Neumann besteht jetzt wieder. Claudia, wie ergeht es dir dort drüben?

„Ich bin auf meiner Flucht in den Dreck gestürzt und zu den bisherigen Jägern sind indes dänische Bürger hinzugestoßen, die denken, ich wäre eine syrische Geflüchtete und sozialdemokratisch entschieden haben, dass ich das Land verlassen muss.“

Spitze! Mach dir keine Sorgen, Claudia. Das ist die neue Gemütlichkeit!

Quellen:

https://www.fr.de/meinung/kolumnen/em-21-claudia-neumann-stimme-fraunenfeindlich-fussball-kolumne-90806289.html

https://www.spiegel.de/ausland/fluechtlinge-aus-syrien-in-daenemark-haerte-statt-hygge-a-633f9231-a838-42f1-aa61-00202b9e4bf5

https://www.welt.de/politik/deutschland/article231577309/Abschied-aus-der-Politik-Horst-Seehofer-ueber-seine-politische-Karriere.html

Heidenreich, das verrufene Sternchen und der Hass auf asiatische Menschen: Es muss von Frauen gesprochen werden!

„Meine Herren und Damen, wenn ich als Frau zu Ihnen spreche, so hoffe ich doch, dass recht viele Männer auf meine Worte achten werden. Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin. Es gibt viel mehr Frauen im wahlfähigen Alter als Männer.“

SPD-Politikerin Marie Juchacz, Begründerin der Arbeiterwohlfahrt und erste Frau, die vor Abgeordneten eine Rede hält

Wir alle kennen diesen einen Hollywood-Film, in dem eine junge Frau ihre Leidenschaft für einen Sport oder Beruf entdeckt, der bisher lediglich als reine Männer-Domäne gegolten hat. Im Laufe des Plots überzeugt sie durch einen hingebungsvollen Einsatz und wird als vollwertiger Teil des Teams akzeptiert. Allerdings ist dies noch nicht das Happy End, denn aufgrund ihrer bewusst gewählten bübischen Verkleidung hat noch niemand gerafft, dass Erik in Wahrheit kein kerniger Kerl ist, sondern Erika eine toughe Dame. Die Bombe platzt. Wie kann so was passieren? Eine selbstbewusste Frau sticht eine Bande von talentfreien Typen aus, die sich lieber in ihrem Chauvinismus suhlen, anstatt anständig zu trainieren. Wo es doch klar ist, dass das generische Maskulinum seit jeher eine Befähigung zur Ausübung der Tätigkeit von potenziellen Interessentinnen ausgeschlossen hat. Das Ende ist wie immer zum Kotzen. Damit die Union der eindimensionalen Brüllaffen nicht ihr Gesicht verliert, darf Erika bleiben, weil sie bewiesen hat, dass sie als richtiger Macho taugt und Haare auf den Zähnen mitbringt. Zum krönenden Abschluss gibt es vom Chef noch einen Klaps auf den Arsch, als Gütesiegel versteht sich. Sie ist nun ein richtiger er und somit naturgesetzmäßig absolut qualifiziert. Der Erfolg aktueller Kinoproduktionen nach Schweighöfer und Schweiger verrät, dass solche Unterhaltungsprodukte nicht aus der Zeit gefallen sind, sondern im Hier und Jetzt hoch im Kurs.

Vor diesem Gedankenspiel ist es erschütternd, wenn sich intelligente und wortgewandte Frauen wie der *Linken-Politiker Sarah Wagenknecht und der renommierte *Schriftsteller Elke Heidenreich für eine Gesinnung stark machen, welche die Frau als Opfer patriarchaler Denkstrukturen noch weiter aus unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung verdrängt, als sie es ohnehin schon wird. Die Begründungen für die Ansichten sind so ignorant, dass es einen fassungslos zurücklässt. Wer sich gegen den großen Bruder nicht mit Tritten und Schlägen durchzusetzen weiß, der hat es verdient, wie eine anspruchslose kleine Heulsuse schikaniert zu werden. Im Kampf gegen die belächelte Identitätspolitik ihrer eigenen Partei kommentiert Wagenknecht, dass sie sich in ihrer heutigen Position nicht mehr als Opfer verkaufen würde. Ein Satz, der einem das Blut aus den Augen schießen lässt, wenn man sich die traurige Statistik zu Gemüte führt, welche das Buch Alle drei Tage der Autorinnen Backes und Bettoni behandelt.

Wo keine Probleme gesehen werden, kann es auch keine Lösungen geben. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu ermorden. Jeden dritten Tag gelingt ein solcher Mord. Ja, wir sprechen nicht von Saudi-Arabien oder der Türkei, sondern der europäischen Vorzeigerepublik überragender westlicher Werte. Im Werk geht es um die fortschreitende Degradierung der Frau zum Objekt, die Entwicklung der Gewalt gegen Frauen als strukturelle Gefahr und vermutlich einem der bedeutsamsten Punkte der Art und Weise in der den weiblichen Opfern, denn sie sind Opfer nach geltendem Recht und haben es verdient, als geschädigte Individuen gesehen und gehört zu werden, der schwarze Peter zu geschoben wird. Wie kann es eine Frau wagen, sich von ihrem Mann zu trennen? Da dürfen es ruhig mal mildernde Umstände sein, wenn der Gatte nachträglich die Prügelstrafe verhängt hat (nicht). Doch freilich ist dieses Problem ein globales und keine Verkettung von unglücklichen Umständen. Als ein 21-jähriger junger Mann am 16. März in Atlanta aus purer Verachtung acht Menschen in drei verschiedenen Massagesalons erschießt, sind unter den OPFERN maßgeblich asiatische Frauen vertreten. Der zuständige Polizeisprecher spricht daraufhin von einer Versuchung, die der gläubige Christ eliminieren wollte. Außerdem habe er einen schlechten Tag gehabt. Mutmaßlich ebenso der gerade genannte Mitarbeiter der Polizei, welcher in Anbetracht seiner süffisanten Erklärung des Amoklaufes vom Dienst freigestellt wurde. Der Hass auf Asiat*innen liegt insbesondere tief in der Geschichte der AmerikanerInnen begründet. Der Hass auf Frauen schlägt hingegen tiefere Wurzeln.

Etwas ist diesmal anders. Vielleicht ist es der Umstand, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich zum ersten Mal auf Menschen richtet, die sie sonst übersieht, – weil sie arm sind, weil sie weiblich sind oder weil sie migriert sind. – Die unsichtbare Entmenschlichung, Vanessa Vu

Vanessa Vu offenbart in ihrem Beitrag für die Zeit, dass der Hass auf Frauen kein Problem einer abgesonderten Mittelschicht und eine besonnen angebrachte Identitätspolitik kein privilegierter Unsinn sind und anderorts dementsprechend gewürdigt werden. Bezeichnend für die Notwendigkeit eines kollektiven Umdenkens sind zudem die Ausführungen Sasha Lobos über die wachsende Frauenfeindlichkeit in den sozialen Medien. Wie Lobo zusammenfasst, ist es essenziell, nicht länger nur über Frauen hinweg zu reden. Es muss von Frauen gesprochen werden. Denn es hilft nur:

Widersprechen, aufklären, wenn nötig und situativ sinnvoll, verbale Gegenangriffe starten. Denn – und das ist leider keine Übertreibung: Frauenhass tötet. – In sozialen Medien wandelt sich das Klima – in Richtung Frauenfeindlichkeit, Sasha Lobo

* Aus Rücksicht auf die Standpunkte von Wagenknecht und Heidenreich werden sie mit dem generischen Maskulinum vorgestellt.

Quellen:

https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-05/antiasiatischer-rassismus-corona-diskriminierung-sexismus-atlanta-marco-polo-geschichte

https://www.deutschlandfunkkultur.de/backes-und-bettoni-alle-drei-tage-dann-hat-er-versucht-mich.1270.de.html?dram:article_id=493609

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-in-sozialen-medien-wandelt-sich-das-klima-in-richtung-frauenfeindlichkeit-a-72e24390-505b-4f02-8283-308c71f7df9d?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.n-tv.de/leute/Heidenreich-Gendern-verhunzt-Sprache-article22594645.html

The Mighty Mighty Bosstones – When God Was Great, LP-Review: Liebesgrüße an die Unvernunft

I’ve never had to – I’d better knock on wood Cause I’m sure it isn’t good And I’m glad I haven’t yet That’s the impression that I get

The Impression That I Get, Let’s Face It (1997)

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich eine Vielzahl an Bands und Solo-Musikern schon in den ersten Tagen der andauernden Corona-Pandemie dazu entschieden hatten, ihre Ansprüche hinsichtlich der freien Ausübung ihres künstlerischen Schaffens runterzufahren und auf ein Konzept aus Konformität und der legitimen Ausbeute digitaler Selbstverwirklichungsoptionen zu setzen. Aus Liveshows mit anderen wurden so gemeinschaftliche Live-Streams, gemeinnützige Compilations und Split-Veröffentlichungen, welche einerseits, dass eigene Überleben durch eingehende Spenden sicherten und zusätzlich Geld für wohltätige Zwecke einbrachten. Für die leeren Klubs, die gestrandeten Roadies und hoffnungslosen Communities, die nun aufgrund der diesbezüglichen Auftrittsverbote brachlagen. Wut auf die Politik, welche unter anderem ihre lokalen kulturellen Szenen von jetzt auf gleich als nicht mehr systemrelevant bewertete, gab es im Zuge des Durchhaltens und Weitermachens ohne Unterlass, doch gleichermaßen ein zerknirschendes Ausmaß an Ungewissheit, welches die Protestgesänge einfacher Bürger auf die Forderungen notwendiger Sozialhilfeleistungen einschränkte. Zu viele Menschen hatten ihre Leben gelassen, auf tragische Art und Weise angehörige verloren und nachhaltig an ihrer Gesundheit eingebüßt, als dass eine daher gegrölte unqualifizierte Meinung Sinn gemacht hätte. Sich an dieser Stelle lieber bedeckt zu halten war nicht nur klug, sondern ersparte der Welt schlichtweg einen weiteren furchtbaren Song, den – würde das ganze Unheil ein baldiges Ende finden – alsbald sowieso niemand mehr ertragen könnte. Ernsthaft. Wer würde schon nach der Pandemie das Bedürfnis entwickeln, jemals wieder auf einem Konzert an die katastrophale Zeit, in der das C-Wort uns allen eine ekelhafte Gänsepelle verpasste, mit einem grauenhaften Ohrwurm erinnert werden zu wollen? Verständlicherweise schossen sich viele Musiker schnell darauf ein, alte Erfolge noch einmal neu für ihre Fans aufzulegen oder unterhaltsame Cover-Versionen der großen Hits ihrer Kollegen zu kreieren. Entertainment pur eben. Kopf aus und genießen.

Noch immer ist der Notstand nicht überwunden und weiterhin sehnen wir uns nach dem einen Soundtrack, der uns den lebensmüden Morgen wie den deprimierenden Feierabend versüßt. Als Genre-Aufrührer und Rebellen mit Punk-Vergangenheit verkündeten Bostons Skacore-Legenden The Mighty Mighty Bosstones Anfang des Monats die Veröffentlichung ihres neuen Studioalbums When God Was Great, mit ein paar eingängigen, bekanntermaßen tanzbaren Tönen im Schlepptau. Bedauerlicherweise werden diese vom inhaltlichen Konzept der Platte im Keim erstickt. When God Was Great handelt von dem Drang nach Freiheit, Selbstermächtigung und einem nimmermüden Geraune über den Corona-bedingt limitierten Lifestyle, der ganz im Credo der Beastie Boys den Kampf auf das Recht zu feiern, provoziert und dabei die Scheuklappen als modisches Stilmittel heraufbeschwört. Für alles, dass abseits im toten Winkel verkommt.

Die Sehnsucht nach feiern und freier Fahrt

Mit ihrer Nummer 1 Hit-Single The Impression That I Get spielten sich die Hardcore-Punks mit angeschlossener Blaskapelle The Mighty Mighty Bosstones 1997 nicht nur auf die Siegertreppchen internationaler Charts und verewigten sich in den Liederbüchern von Marschkapellen weltweit, sondern schrieben einen Song, der in das Jahr 2021 passt, wie das kitzelnde Teststäbchen am Frontallappen. Für genius.com erklärte Songwriter und Sänger Dickey Barrett, was ihm zum Verfassen des aufmunternden wie melancholischen Textes bewegte. Die Beerdigung des Bruders eines engen Freundes war der Anlass, der ihn dazu brachte, über das sprichwörtliche Klopfen auf Holz, die Erkenntnis, dass er in seinem Leben bis dahin ziemlich viel Schwein hatte und es immer jemandem gibt, dem es noch dreckiger geht als einem selbst zu singen. Da brüllte er stimmlich noch wie Lemmy von Motörhead und Ben Carr swingte auf der Bühne wie ein junger Gott zu einem energiegeladenen Sound, welcher sowohl Hardrocker als auch Freunde des ordinären Radioempfangs begeisterte.

Auf When God Was Great ist von alledem nicht mehr allzu viel übrig, und das wäre okay, wenn es sich musikalisch und lyrisch nicht um einen vermeintlichen Schwanengesang der Gruppe handeln würde. Ein Rezept aus Jammerei, weil heutzutage die Hüfte wehtut, privilegierter Corona-Quengelei und trägen Tracks, die noch die ein oder andere Geschichte auf Lager haben, aber niemanden mehr wirklich auf die Tanzfläche zerren, keine wirklich ausgelassene Stimmung aufkommen lassen und einen passiv-aggressiven Beigeschmack verbreiten, der einen den unangenehmen Streit um die letzte Packung Spaghetti ins Gedächtnis ruft, welcher gerne und längst in Vergessenheit geraten hätte können. Der Song I Don’t Believe In Anything, in welchem Barrett leidig versucht, einen anarchistischen Ansatz als Mittelweg zwischen Regierungsgegnern und Moralaposteln zu etablieren, wirft nicht nur klanglich einen Blick zurück, sondern verweist im Musikvideo auf jenes von The Impression That I Get. Schöne Einsätze der Bläser und ein treibender Chorus machen ihn zum Glanzstück des Albums, was ebenfalls daran liegt, dass der Rest weit dahinter abfällt. Lonely Boy erfreut mit einem unkomplizierten Reggae-Charakter, doch tritt den Zuhörenden so sachte in den Hintern, dass sich kein anhaltendes Gefühl eines plötzlichen Auftriebes einstellen mag. Die Singles The Killing of Georgie (Part III), die ein leidig patriotischer Weckruf an die Bevölkerung der USA ist, jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen und The Final Parade, welche mehrere Gastauftritte berüchtigter Ska-Musiker aufweist und ein Abgesang auf die großen Momente und Errungenschaften der Szene sein soll, sind so kitschig, dass sich eine Angst davor breitmacht, man könnte in Zukunft einmal aufgefordert werden, engagiert mit zu klatschen. Auch die ausgebügelte Produktion von Rancid-Frontmann und Hellcat-Record-Inhaber Tim Armstrong trägt ihren Teil dazu bei. The Truth Hurts ist thematisch ein Revival des Bosstones-Tracks The Rascal King (ebenfalls Let’s Face It, 1997), in welchem ein zwielichtiger Typ besungen wird, der zwar kein feiner Kerl war, aber immer seinen eigenen Weg gegangen ist und sei es drum – denn gerade deshalb kannten sie alle seinen Namen. Es ergibt sich der Anschein, dass Dickey Barrett, welcher sich ab dieser Stelle und im Vergleich zu damals anhört, wie ein spätabendlicher Talk-Show-Moderator, der auf süffisante Art und Weise sein Programm gesanglich für die Zuschauer interpretiert, selbst gerne so ein Halunke wäre. Den Vogel schießt er diesbezüglich durch den unauffälligen Song It Went Well ab, in welchem er ein strapaziöses Zoom-Meeting mit einem Freund besingt, dem er mitteilt, dass er nicht in Angst lebe und sein Gesprächspartner sich äußern dürfe, wie er es für angemessen halte. Jene Person könne sich seiner Freundschaft sicher sein. Genug! Genug von den trotzigen Klagen gegen das aktuelle Heimspiel und die Freiheitshasser, die vielleicht und auch nur vielleicht mit ihrer Vorsicht schlichtweg, dass ein oder andere Krankenbett auf der nächstgelegenen Intensivstation freischaufeln wollen. Zumal von denen, welche es in der Krise am schlimmsten getroffen hat, auf When God Was Great gar nicht erst die Rede ist in den mehr als vagen Parolen von Barrett, die alles und nichts bedeuten können. Auch nicht in den Songs, die ungenannt bleiben, weil sie blass innerhalb des erwähnten Spektrums versanden. Denn die Leute wollen raus aus der Stadt und clubben und auch Klubs müssen überleben. Doch dieses Album wird voraussichtlich nicht mehr dazu beitragen, als das vorbildliche Verhalten der Menschen, die ihre Maske im zwischenmenschlichen Nahverkehr gewissenhaft über der Nase tragen, nachträglich zu belächeln und alberne Fragen aufzuwerfen (Decide, Intro), die derzeit nicht einmal ausgebildete WissenschaftlerInnen mit einhundertprozentiger Sicherheit beantworten können. The Mighty Mighty Bosstones kommt zugute, dass mit einem fähigen Saxofonisten und zusätzlichen Posaunisten alles automatisch etwas positiver klingt. Dann lieber noch einmal auf Holz klopfen, The Impression That I Get in Dauerschleife abfeuern und möglicherweise sogar mit den FreundInnen zusammen via Videoschalte zelebrieren, denn nicht jeder hat gerade den Luxus, diese Chance zu ergreifen.

#TheMightyMightyBosstones #TheImpressionThatIGet #Remastered
The Mighty Mighty Bosstones – The Impression That I Get (Official Music Video)

Easy come, easy go, easycore: an interview with Meet Me In Lavender Town

Yeah, right, let’s all move on with the false certainty that albums like Four Year Strong’s It’s Our Time (2005) and The Wonder Years’ Get Stoked On It! (2007) never happened. With their extra punchy basslines, bouncy breakdown rhythms, and sassy vocal delivery, comforted by spacey keyboard sections that would get you off the ground in no time. Like New Found Glory has always been just another pop-punk band without that guaranteed special ability to make crowds jump at least fifty percent higher than the folks in other, less fun places. No! It´s time to face it. The grand age of easycore might be over and that one band member rocking the synthesizer has disappeared from the scene like the cocoa content in Ferrero’s Nutella over time, but there is neither use nor need in shutting the party down just yet if you can keep it going. Yes, I am talking to YOU. Do not think I cannot see you in front of the screen banging your head, reminiscing Set Your Goals’ smash hit Mutiny! from 2006. Plus, there are always passionate people fighting for a good cause. You simply need to pay attention. Releasing two EPs and a couple of crossover cover songs in 2020, UK digital music composer Dominic G. Coulon alias Meet Me In Lavender Town enchanted with a sound that already was more than a simple compromise to the video game influenced popcore community. In his very own stylistic comfort zone between acts like Sky Eats Airplane and Enter Shikari Coulon showed a promising amount of potential to set the bar for metal associated Nintendo rock once again a little higher. In wake of the recently published debut album, An Inconvenience At Best Meet Me In Lavender Town does not only let the pixelated side of the coin shine brighter than ever before but implements a fresh and addicting wave of emo-pop elements that burst of nostalgia and rub the sleep out of one’s tired eyes alike.

Hi Dominic, thank you so much for taking the time to chat about your project. Your LP is out now – since May 12th, 2021 to be exact. This just happened, in the middle of it all, a time where artists are struggling to keep their heads above the water and stay functional. How are you feeling about that?

Hey, thanks for having me and I hope you are doing well! Honestly, music has been my saving grace throughout the pandemic. I live alone and there are times when I drive home at 5 on a Friday and do not speak until I get to work on Monday morning. At times it is bliss, and at others, it is hell. Making music helps me to control that; gives me a reason to talk to people on my own terms (collaborators, other artists, fans) and something to occupy me. I woke up last night with a song stuck in my head and could not get back to sleep, so I sat and wrote it out, and by the time the sun came up, it was finished. It is distracting and if you are lucky, cathartic.

When I checked in on Bandcamp a while ago and found out that you put your early works on private, not knowing a full album was in the making, I was worried. Excited by the joy I felt experiencing this substantial take on a genre that somehow seemed to rot in a kind of unpleasant meme limbo for a while. Was that part of getting a clear head in the progress of producing an upgraded material?

Well spotted! You have hit the nail on the head. I have only been producing my own music since late 2019, and it has been such a huge learning curve both in writing, performing, and producing/mixing – a lot of it was based on what I felt a nintendocore song should sound like, and not what I felt my songs should sound like. I felt the old material did not best represent where I am at now, so when I started writing this record in December and released the Coffee Breath teaser, I took everything else down. This is what I am proud of, and if nothing else comes of this band, it is what I want to be remembered for.

An Inconvenience At Best takes me back harder than nine out of ten former records that were meant to hold the virtues of pioneering artists of the Myspace era high. The cover, the perfect relation of catchiness to lethargy (“We Speak To The Inventors Of Dogs”), the heavy interludes (‘Connecticutthroat’ and ‘Across The Arid Sea’) – it is all there. Speaking of origins, I would put my hand into the fire, guessing your first EP Dungeoncrawler was mainly inspired by UK post-hardcore reinventors Enter Shikari (in the best way). What was the fundamental vision for your debut like, which has a rather unique feeling to it?

I love the Enter Shikari connection, I had never really thought about it but yeah, I think there was a decent amount of influence from them on the first EP (especially being a synthy post-hardcore band from South England), alongside Bubblegum Octopus. I am glad you are reminded of the Myspace era too because that is exactly the kind of nostalgia I try to capture.

Like all nintendocore, Grand Battle by Monomate was a huge influence on An Inconvenience At Best, especially before I put guitars on it. I got really sick of playing the guitar after being in bands for so many years, so after the first EP, I omitted guitars from everything I did for like, a year. I have a black metal project which I started in lockdown and writing and producing those songs helped me to appreciate the sonic space that the guitar fills, so maybe 2 weeks before the release of An Inconvenience At Best, I recorded some guitar parts and I think it helped me to shape the album into a legitimate easycore record instead of a pure nintendocore nostalgia trip. The focus shifted and legendary bands like Can’t Bear This Party and Chunk! No, Captain Chunk! as well as current bands from my scene like Got Item and Unicorn Hole became my influences. I listen to way more poppy chiptune these days, too, like 🙂 and I have been really into this band Hey, ILY recently, who I found thanks to James from Blind Equation (whose music is some of my favorite in the scene). I wanted the record to be something I would like to listen to and play live now, but would still hold up in a few years, so I focused on melody more than previous releases.

I like the overall upbeat tone and at the same time underachieving vibe a lot. It does not come off as put on or pathetic, but honest and personal.

“Come hell or high water Don’t think of the future” – Hell Or High Water

“After three more days I realized it’s warmer if you close the door After three more days, I thought I might be done for” – If you Close The Door

Please point out a specific verse or song yourself, that hit home emotionally during its recording.

‘Across The Arid Sea,’ while loosely based on a video game, is pretty deep. A lot of the album is about letting the past die, and that song is kind of a reflection on mistakes – ‘is there time for atonement?’ with the undertone of ‘salvation can be found between the stirrup and the ground.’ I guess not many people will pick up on that since the vocals are all screamed. It is a different speed to the rest of the album, it is frantic and anxious, reflecting my own worries about not making the most of life, especially during a time where we couldn’t even leave our homes and I was seeing so many people do great things.

The upbeat, downtrodden tone of the whole album I think just reflects who I am as a person. People in my professional life always tell me how calm and patient I am under pressure when inside I am actually constantly internally screaming. I want others to feel calm and happy and want to spread positive messages that people can crucially still relate to, although I am very self-deprecating in a relatively lighthearted way which makes it often seem like a joke. I am glad it comes across as sincere!

You have been supported by two guest musicians. Eric Krolak can be heard on the song Okay and the venerable Unicorn Hole took part on If We Don’t Learn From History Channel, We’re Doomed To Repeat History Channel. How did you guys come together? Any shoutouts you would like to add in this regard?

When I started to listen to nintendocore again after years away from the scene, Unicorn Hole was one of the first artists I discovered. He did a collaborative EP with Go:Eskimo, who is an old friend of mine, when the new Animal Crossing game came out that caught my attention – his vocals on that sounded killer so I went back and listened to a bunch of his discography and got hyped on nintendocore again. Later we both played in an internet project called The Halloweekend, so I guess we were aware of each other and he was gracious enough to reply to my DM. Eric is one of those hard-working guys who have such a professional approach to music, and he came onto my radar only recently – he does all these super emotional, stripped-back covers on YouTube which are thoughtfully produced, and the outcome is breathtaking. I respect his hustle so much. I wrote Okay, like, the day before I released the album, and messaged him probably around 6 pm – by 8, I had his vocals in my DAW, and they were flawless. I appreciate that work ethic.

The only other shoutout I have is for Laurence Crow, who did that beautiful artwork that you have already mentioned. We go way back, both having played in local bands as teenagers and he has now established himself as like, a legend of artwork in the pop-punk community here. He has such a distinct and vibrant style which fits so perfectly. It was an honor to have him on board.

Meet Me In Lavender Town, the name gives it away, is also a tribute to your love for video games. Also, the cover of An Inconvenience At Best is like a messy shrine of easter eggs with a giant Link sitting enthroned in its center. I love the Nintendo Game Boy indefinitely. So, I understand. Surprisingly, your playlist is mostly self-referential and not a random bulk of nerd-ish references, one would anticipate which I think is charming. Was that a conscious decision?

Totally, I love retro video games and the aesthetic, and while I littered previous releases with references to video games (I am pretty sure every song on Earthcaller was about a different video game), AIAB was very much focused on real-life experiences with occasional hints at fantasy references. ‘Geek Chic’ is a really obvious ode to RPGs, and ‘Transcend Credits’ is about playing DnD, but all of these songs really focus around approaching mental health and relationships under the veil of nostalgia or escapism or fun pop culture references – the references are there but they’re definitely a secondary thing, and I certainly didn’t want it to be like “well, this is the Zelda song, and this is the Metroid song, and this is a song about Kirby or whatever.” That has been done. ‘Okay’ is about Parks and Recreation, which I have been re-watching. I do like to hide little pop culture references in my lyrics, and there are at least a few that I have not mentioned so far, so I will be very impressed if anyone can spot one!

What is your go-to artifact of gaming and what might be an upcoming pop cultural theme, that fans will possibly encounter sooner or later, in an MMILT track?

I am not much of a gamer these days, and I think most of my contemporaries in the NXC scene would be ashamed, but I have put in more hours on Skyrim than any other game, for sure – I have a couple of Game Boys, but they are used solely for making music. I like cute little dungeon crawlers that remind me of the Legend of Zelda, and I have been playing Crypt of the Necrodancer so much recently. There has been at least one Zelda reference on each release I have done so far! I would love to do a concept release fixated around one game and have been trying to think about how an Ecco the Dolphin themed EP might sound…

I have this very distinct memory of being on a school trip a decade ago, browsing through a music magazine inside the bus, and reading an interview with the infamous keyboard player Josh Lyford, explaining why he is leaving Four Year Strong. My reaction was instant: “No way! That sucks!” Seeing them live before, witnessing how very much he completed the show. Like Ben Carr dancing for The Mighty Mighty Bosstones. Rise or Die Trying (2007) would not have been the same influential record without him. Predictably the release following his departure was … okay. You have overcome the transformation from straight-up nintendocore of the demo days to a way more developed songwriting in the power-pop vein so well. Of what further importance is and will be the experimental bit composing to you and your project?

I was exactly the same when Josh left Four Year Strong – Rise or Die Trying is one of my favorite records of all time, and I don’t think they ever surpassed its legendary status.

I try to keep things fresh. I think I have always shied away from verse/chorus composition and even where there are obvious choruses on this record, I tend to avoid too much repetition. It is not really a conscious decision though at this point. I would like to experiment with different synths – I have recently started using hardware and I am excited to explore that on the next record. I still do not think I have found the peak of my sound, so I guess I will just keep trying to make a record that sounds perfect in my ears.

Traditionally the artist is ending the interview. Please let the internet know, what needs to be known conclusively about Meet Me In Lavender Town and what might be up next.

Um, the new album is pretty good, and it’s on Spotify, Apple Music, Bandcamp, etc., and I’m working on remastering a selection of the old demos and songs that didn’t make the album. I am gonna try to play some live shows when it is viable, and I might make some physical media to accompany the release, but the lovely thing about kind of regressing to a Myspace state of mind is how casual everything is. I will take it as it comes.

„Die wollen doch nur protestieren!“: eine neue bürgerliche Mitte und ihre Haltung

„Politik ist der Kampf um die rechte Ordnung.“ – Otto Suhr (1950)

Konfrontiert mit aktuellem Bewegtbildmaterial von der Karnevalsfront der regierungskritischen Wuttouristen, auch Querdenker-Szene genannt, ist es schwer, von der Hand zu weisen. Die Versessenheit durch die Befeuerung von ziellosen Ausschreitungen die eigens durchgebrannten Gemüter der Republik zu befrieden, hat längst französische Ausmaße angenommen. Schallender Beifall ist jenen sicher, welche die Verdächtigungen über die wahren Strippenzieher hinter Virus und viraler bevölkerungsfeindlicher Medienmache endlich einmal aussprechen. Das Kinderblut in der morgendlichen Kaffeetasse von Hillary Clinton, akribisch abgezapft von Tech-Terrorist Bill Gates, der nahezu nebensächlich die verheerende Entstehung einer globalen Pandemie bewerkstelligte und das alles komfortabel abgewickelt vom Hauptquartier der elitären Superbösewichte: Gesundheitsminister Jens Spahns kürzlich erdreisteter und vollständig mit Vitamin B betriebener Berliner Nobelhütte.

Das Ich im Querdenken

Wer wagt es, diesen bewegten Massen Einhalt zu gebieten? Den Grundgesetz-Gondolieres und Ruderinnen, George-Orwell-Verstehenden und in Regenbogenfahnen gewickelten Thor-Steinar-Modells, heute gekleidet in luftigen Oberteilen einer historischen Friedensbewegung, die nur das beste für dieses Land und ihre Mitmenschen einfordern. „Die wollen doch nur protestieren!“ So lautet die einfühlsame Beschwerde an linksgrün-versiffte Radikale, welche es riskieren, die, verglichen mit der Eroberung des Weißen Hauses ihrer amerikanischen Genossen des rechtschaffenen Zornes, schambehaftete Stürmung des Bundestages im Angesicht schäumender Münder als möglicherweise überspitzt zu betiteln. Doch es ist genug. Um es mit den Worten des neuen US-Präsidenten Joe Biden zu sagen, welcher sich vor kurzer Zeit zu einem erneuten Attentat durch Waffengewalt in South Colorado und einer diesbezüglichen Erwirkung strengerer Gesetze äußerte: „Enough, enough, enough.“ Wer nicht begreift, dass die Einschränkung persönlicher Freiheiten zur Sicherung eines friedlichen Miteinanders beiträgt, der sollte noch einmal im Kindergarten anfangen und sich dort belehren lassen. Oder beim ADAC. Du darfst die Straßen dieses Staates nutzen, sofern Du dich im Auto anschnallst. Ohne geht es nicht und außerdem ist es zu Deinem Besten. Danke Volvo für die Erfindung des Dreipunkt-Sicherheitsgurtes. Doch bei einer medizinischen Maske, wie sie in asiatischen Lebensräumen aus Respekt gegenüber den Mitmenschen zur häuslichen Grundausstattung gehört, ist der Spaß vorbei und erst recht bei einer Ausgangssperre, die das gesellige aufeinander Hocken im stickigen Kulturgut Partykeller verhindert. „DDR-DIKTATUR!“ Wer so etwas brüllt, hat die bürgerliche Mitte verlassen oder gar neu erfunden.

Guerilla-Gartenzwerge im Anmarsch

Nach Gauck fordert nun Wagenknecht das Reden mit Rechten ein. Entschuldigung. Denen, die dazwischengeraten sind. So heißt es nun richtig, wenn man sich an Initiativen wie #allesdichtmachen orientiert. Doch der Welpenschutz ist Geschichte. Todeslisten deutscher PolitikerInnen, körperliche Gewalt gegen JournalistInnen und Reichskriegsflaggen vor dem Parlamentsgebäude. Orwell fand in seinem dieser Tage oft zitiertem Buch 1984 die Worte: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei, vier ergibt.“ Doch mit rationalem Verhalten haben die Taten der Protestierenden, welche selbst für den bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder vor dem Einfluss der Alternative für Deutschland in das Extrem einer potenziellen „Corona-RAF“ fallen, nichts mehr zu tun. Nun wurde bekannt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Personen und Teile der Querdenker-Bewegung beobachtet. Der 1964 in Dresden geborene Schauspieler und öffentlich in Kritik geratene #allesdichtmachen-Initiator Jan Josef Liefers sagte hinsichtlich der Unruhen: „Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten.“ Jenen, die sich jedoch lediglich um die psychische Gesundheit ihrer Liebsten sorgen, die grausige Tapete daheim nicht mehr ertragen und die Rückkehr des wöchentlichen Streuselkuchenessens an Omas Küchentisch herbeisehnen, sei angeraten, sich an den Krawallen des verfassungsfeindlichen Pulkes nicht zu beteiligen und sich anderweitig den Frust von der Seele abzuarbeiten. Ansonsten könnten die Festanstellung, die weiße Weste des anständigen Bürgertums und die Anerkennung im Freundeskreis bald in Gefahr sein – und dieses Mal zu Recht.

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/politik/die-gefahr-einer-terrorzelle-besteht-extremismusforscher-beunruhigt-ueber-wachsende-gewaltbereitschaft-bei-querdenkern/27140028.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.spiegel.de/kultur/allesdichtmachen-jan-josef-liefers-verteidigt-aktion-ulrike-folkerts-raeumt-fehler-ein-a-87bdb82e-1fe5-492d-a68b-e74f12c33335

https://www.welt.de/politik/deutschland/article224044124/Corona-und-Sicherheit-Markus-Soeder-warnt-vor-einer-Corona-RAF.html

Generation beleidigt: Wie ihr Alten es euch mit der Jugend verscherzt

Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Twitch, Instagram und Twitter haben eure teuren Nachkommen gefressen. Die werden den Teufel tun und sie einfach wieder ausspucken. Es gibt kein Entkommen, solange ihre UserInnen keine Anstalten machen, sich eigenständig aus ihren Kommentarbereichen und virtuellen Sehnsuchtskonstrukten zu befreien. Warum auch? In den ätzenden Spiegelkabinetten der Selbstvermarktung ist es heute zu finden, das Abenteuer, welches damals von den Eltern angestoßen und mit jenen bestritten wurde, die ebenfalls von ihren Erziehungsberechtigten vor die Tür gesetzt worden waren. „Wird sich schon ein Gestrüpp finden, dass euch als Piratenschiff dient“. Oder was auch immer. Aber das war einmal. Dieser Ort heißt jetzt Internet. Da gibt es ausreichend großartige Angebote, anders gesagt gute Gründe in Hülle und Fülle, um nach dem Schulabschluss nicht das Haus verlassen zu müssen. Uni kostet halt, das destruktive BAföG-Amt kann uns mal gerne haben und 24/7 zu streamen vernebelt einem schöner die Rübe, als angestrengt Wirtschaftspolitik zu pauken. Da holt uns eure gepriesene Berufsausbildung nicht aus dem Scheinwerferlicht der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie hervor. Wieso sollten wir es in Erwägung ziehen, uns die nächsten 30 Jahre für einen Betrieb kaputtzumachen, um uns kurz vor einer Rente, die ziemlich sicher nicht mehr existieren wird, wenn wir einmal am Stock gehen werden, aus dem Job mobben zu lassen und plötzlich auf zufällig enthaltene Flaschen in städtischen Abfalleimern angewiesen zu sein. In der Gaming-Szene nennt sich das Random Encounter. Per Crowdfunding lassen wir uns daher lieber das Leben mit Spenden finanzieren, wenn wir eine coole Idee für einen Podcast haben. Außerdem sind wir politisch aktiv in grünen Bewegungen, antifaschistischen Aktionen, etablieren neue Parteien und versuchen die aschgraue Festung der Kommunikationsproblematiken, den Bundestag, in neue Farben zu kleiden. Zugegebenermaßen ist nicht jeder unserer Ansätze und revolutionären Vorstöße pures Gold. Mit ausgestreckten Zeigefingern befinden wir uns im alltäglichen gesellschaftlichen Durcheinander auf der Jagd nach Nazis und mit dieser übertriebenen Bezeichnung meinen wir leider häufig nicht nur rechtsradikale BürgerInnen, sondern jene, die das Gendersternchen mit Argwohn betrachten, nur wissen, wie man sich auf der Straße durch die Nacht bringt und Marx nicht gelesen haben, Eier kaufen, für die möglicherweise Küken geschreddert wurden und über 90-jährige alte weiße, sich pflichtbewusst heterosexuell verhaltene Männer, in deren Kindheit auf Transsexuellsein die Todesstrafe stand.

Doch wir nehmen an, dass ihr es zu eurer Zeit besser gemacht habt. Ihr angestammten CDU/CSU-WählerInnen, scheinheiligen Facebook-Süchtigen und StayFriends-Emos. Ihr, die kopfschüttelnd über uns lacht, weil wir andere Träume und Bedürfnisse haben. Ihr, die das Raunen durch die Eckkneipe sendet, weil schon wieder ein Dunkelhäutiger in die Herren-Nationalmannschaft berufen wurde, der nicht mit dem Sandmännchen aufgewachsen ist, sondern im Dreck, in einem Entwicklungsland, dessen erbärmlicher Zustand von uns Wessis (und damit sind alle Deutschen gemeint) auf irgendeine Art und Weise und sei sie noch so geringfügig gefördert wurde. Ihr, die euch tatsächlich darüber wundert, dass die Zukunft anders aussieht, komplexer und vielfältiger ist, als es die Vergangenheit je sein konnte. Also überlegt vorher, ob es wirklich Nonsens ist, wenn eure Tochter sich danach erkundigt, wo die gekaufte Jeans hergestellt wurde. Euer ständig textender Sohn ein hoffnungsloser Taugenichts ist, weil er mit einem Zeitgeist konfrontiert wird, der jene mit einem unglaublichen Druck belastet, welche sich den sozialen Medien kritisch gegenüberstellen. Ihr, die nicht immer unrecht mit dem habt, was ihr sagt. Vielleicht finden wir dann zusammen einen Weg, auf dem wir voneinander lernen können.

Gulag – Subservient Consanguinity, LP-Review: eiskalte Todesmarsch-Atmo aus Südamerika

Ein eisiger Wind wehte am 23. Mai 2018 aus dem gut beheizten Campinas, São Paulo. Verantwortlich für die frostige Brise war das Debüt der brasilianischen Blackened-Tech-Death-Jungs der Band Gulag, welche ihrem Namen alle Ehre machten und auf ihrem ersten Album Subservient Consanguinity eine Auswahl erlesener Zutaten getroffen hatten, um eine erbarmungslos unterkühlte Atmosphäre als Endprodukt in Aussicht zu stellen. Obwohl ihnen der Abschied aus dem Untergrund trotz dieser erfolgversprechenden Anzeichen verwehrt blieb, hätte sich jener Absprung nicht unverdient zugetragen. So gab es für Death-Metal-Fans jeglichen Temperamentes viel am bitterkalten Riff-Bombardement mit finsterer Miene zu lieben. Allem voran einen progressiven Touch, welcher das spielstarke Terror-Trio um den Sänger und Gitarristen André Neil (Infamous Glory, ex-Laconist, ex-Chainsword) von anderen OSDM-FreischwimmerInnen abhob und durch cleveres Songwriting anhaltend taufrisch konservierte. Nach einem unscheinbaren Split-Release mit dem Titel Consanguineous Fury, nur wenige Monate nach der Gründung im Jahr 2013, gab es für eine längere Zeit ausgenommen eines Besetzungsumbruches, welcher im Engagement der Musiker Juliano Bernardes am Bass und Paulo Mercadante (Spell Forest, ex-Evokers, ex-Life Is a Lie) an den Drums mündete, nichts Neues von der spirituell sowjetischen Extreme-Metal-Front zu vermelden. Umso schöner fiel verständlicherweise das große gefrierfertige Wiederhören aus. Während Gulag aktuell die Produktion ihrer 2021 kommenden EP Mors Omnia Solvit anteasern, ist es deshalb höchste Zeit, noch einmal zu erwähnen, warum Subservient Consanguinity eine Menge Unterhaltung mit sich brachte, ohne an den Faktoren Erfindungsreichtum und verklausuliertem Gore-Gewusel einzusparen.

Harter Tobak. Bleibt im Kopf.

Der Todesmarsch beginnt in Siebenmeilenstiefeln. Gehetzt und gepeinigt von einem kräftigem melodischen Geschrammel, geht es nicht nur turbulent, sondern ebenso dynamisch mit dem Track Hopeless Inevitability in die erste Etappe. Ansprechend stampfende Riffs und flotte Blast-Rhythmen werden hier nicht einfach runtergerockt. Immer wieder ereignen sich schnieke Stop-and-go-Momente, welche dem monotonen Voranpreschen der scharf getakteten Double-Bass-Schläge attraktiv Einhalt gebieten und es druckvoll weiterziehen lassen. Dazwischen tritt eindringlich platziertes Sweep-Picking auf, um spannende Irritationen zu erzeugen und das Gefühl einer unmittelbaren Entwicklung des musikalisch implizierten Leidensdruckes zu mehren. Leprosarium folgt auf schweren und wund gelaufenen Beinen. Geschwärzter Brutal Death Metal ist die Krücke der Wahl, auf jene sich nun gestützt wird. Frontmann Neil lässt außerdem hören, wie tief er gehen kann und wagt sich mit animalischem Grind-Gegurgel unerschrocken in Abgründe, die sonst nur von John Gallagher (Dying Fetus) bewohnt werden. Apathischer gibt sich Mountains of Melting Flesh im Midtempo-Trott zu erkennen. Eintönigkeit ist jedoch nicht auszumachen, da sowohl muntere Akkorde wie smarte Licks der Gitarristen einen Hauch Hoffnung durch das nervenzerreibende Schmettern schicken. Bodenständig, aber schwungvoll verweist Holodomorian Inebriation noch einmal ausgedehnter auf den technischen Stil der Band. Notiert werden darf, dass dieser stoisch und traditionsbewusst nicht weniger zum nackenbasierten Heavy-Metal-Schunkeln anregt. Mehr alarmierendes Sweeping zur Aufschreckung ermüdeter Läufer raunt prominent vertreten durch Plurals of the Void. Das ist bitternötig, da der Song ansonsten kein Karacho verspricht. Ein nettes Zwischenspiel von Bassist Bernardes und Schlagzeuger Mercadante eilt zur Hilfe, vertieft allerdings den Stellenwert eines erweiterten Interludes des Stückes. Necrogeny vergnügt durch einen anfänglichen Breakdown und versucht sich danach wieder an eine indessen verblasste vollwertige Leistungsfähigkeit heranzukämpfen. So richtig gelingt dies jedoch erst auf dem Title-Track Subservient Consanguinity, dem die notwendige Zeit gegönnt wurde, um ein geschmackvolles Best-of der Vorzüge des finsteren Spektrums Gulags in sich zu vereinen. The Cry of Duga3 verbrieft das Fortschreiten der trostlosen Wanderung in Form einer prägnanten, akustisch weltentrückten Traurigkeit.

Nach einer mehrfachen Erkundung der Playlist ist klar, dass Subservient Consanguinity durchaus an Eindruck verliert. Viel melodiöse Kosmetik sorgt über weite Strecken für mehr Unterhaltung, schafft es jedoch nicht ausreichend von den schöpferischen Ruhepausen des Albums abzulenken, die mal mehr und mal weniger lethargisch durchhängen. Um einen markanten Einspruch handelt es sich abgesehen davon dennoch. Gerade weil sich Gulag trauen in der Old-School-Einöde, hier und da ein fetziges Pflänzchen sprießen zu lassen, bewahren sich die Songs nicht nur in sich selbst gekehrt einen eigenen Geist und sind dementsprechend phonetisch konstruktiv voneinander unterscheidbar. Gulags Debüt ist ein anregender Wohlfühlblizzard für Fans von Amon Amarth, Misery Index und Devourment.

Remnants of the Fallen – All the Wounded and Broken, LP-Review: Metalcore nach Spectors Geschmack

Oft gescholten und gern verschrien als Modeabteilung mit angelernter Musiksubkultur, hat Metalcore einen faden Beigeschmack für jene, die ihre lange Matte, welche lässig auf einer mit Patches überladenen Battle Jacket thront, als normative Visitenkarte für wahre Kultschwestern wie -hart gesottene Brüder extremer Radaumusik begreifen. Röhrenjeans, Breakdowns und klarer Gesang? All diese Dinge gehören auf die Zielscheibe eitler Vorurteile aus Angst es könnte auf deren Basis tatsächlich mal was mit Kante rumkommen, dass sogar den Backcrowd-Headbangern gefällt, die sich Vorbands am liebsten kopfschüttelnd beim ewig gleichen Fachsimpeln über Namen zu Gemüte führen, die längst aufgrund von mangelnder Experimentierfreude eingepackt haben. Arm dran ist demnach definitiv, wer nicht vom Eintopf des Vortages ablassen kann und seit November 2020 jeglichen Happen des Zweitalbums All The Wounded And Broken der Südkoreaner Remnants of the Fallen verschmähte. Wandlungsfähigen Vorzeige-Metalcore, dessen satter Klang dem anrüchigen Schöpfer der Wall of Sound Phil Spector († 16. Januar 2021) persönlich zu Lebzeiten ein Freudentränchen abgerungen hätte, gab es für die mutigen Genießer, welche gegen eine Kostprobe des gereiften Crossover-Sounds nichts einzuwenden hatten.

Theatralisches Shredding im Story-Mode

Erste Veröffentlichungen wie die EP Perpetual Immaturity (2012) und die vier Jahre später folgende LP Shadow Walk gaben deutliche Hinweise auf die musikalischen Inspirationen der seit 2009 aktiven ost-asiatischen Formation um Sänger Park Yong-bin. Die Nähe zu autoritativen Institutionen wie den US-amerikanischen Gruppen August Burns Red, Killswitch Engage oder den Australiern Parkway Drive war unüberhörbar und omnipräsent anhand des Songwritings ablesbar. Das Konzept der jungen Band klang jedoch bereits damals nicht schonungslos abgegriffen. Frisch und unbekümmert im Abgang zahlte sich das prominente Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten aus, welches sich im pompösen Langstrecken-Shredding ihrer Tracks, die durchschnittlich an der beachtlichen Fünf-Minuten-Marke kratzten, widerspiegelte, nie aufhörte, an Wucht zu verlieren und sehnsüchtig einen Blick über den Tellerrand hinauszuwerfen. Ein Potenzial triefte da aus jeder gespielten Note, einem vielfältigen Drumming wie einer bodenständigen Vocal-Performance aus der Mid-Range-Sektion, sich mit dem nächsten großen Wurf endgültig aus dem Spektrum der westlichen Vorbilder zu verabschieden.

All The Wounded And Broken entpuppte sich als dieser erhoffte Befreiungsschlag. Flügelfrei und mit breiter Brust haben Remnants of the Fallen ein Werk geschaffen, dass nach mehr klingt als einer Ansammlung abgehakter Soundtracks – einer für die Moshpit (check), einer fürs Hardrock-Radio (check) und einer, der als Ballade durchgeht (check). Was anderswo durch ein opulentes Cover oder eine kosmetische Akt-Einteilung der Tracks angetäuscht wird, ist hier durch bloßes Können möglich. Das Bild eines atmosphärischen großen Ganzen geht auf und vereint die einzelnen Songs zu einer dynamischen Erzählung. Wehe denen, die es wagen, diese nach Spotify-Methodik Blindlinks zu verhackstücken. Nach einem gefühlvollen Einstieg mit dem Intro Frozen Ember, dass durch ein herzerweichend stimmungsvolles Solo begleitet wird, welches jeder öden 80er-Schnulze einen Oscar garantiert hätte, ist eine prickelnde Neugierde auf das, was da wohl noch kommen mag gesichert – und meine Damen und Herren kommt da was. Hel (feat. Kyuho Esprit von Madmans Esprit) ist der Titel des Songs, der sich anschließt und keinen Zweifel daran offenbart, dass Remnants of the Fallen die Genre-Newcomer sind, welchen über ihre Landesgrenzen hinaus das Scheinwerferlicht der Stunde zusteht. Ein wilder Mix aus Metalcore-Riffs, harmonischen Black-Metal-Sphären und Nähmaschinen-artigen Blast Beats des Schlagzeugers Jong-Yeon föhnen einem ratzekahl die Haare vom Kopf. Hier und da fügt ein rhythmischer Breakdown ordentlich Schmackes hinzu, bis es wieder ruhelos weiter geht und ein neuer Morgen graut. Stetig erscheinen im Hintergrund diese himmlischen Melodien, ein Thema, welches sich fortan konsequent durch das komplette Album ziehen soll, die wie ein glühend heißer Sonnenstrahl, immerwährend und unaufhörlich durch die düstere Wolkendecke brechen, welche Park am Mikrofon mit melancholischen Dichtungen heraufbeschwört.

Die Diversität des Releases zeigt sich an jenen Stellen, an denen sich unter der einzigartig schimmernden Fassade vertraute Muster bemerkbar machen und sich an mitunter typischen Elementen der eigenen Szene bedient wird. So überrascht der Song Face(s) mit dem Einsatz verträumter Keyboard-Passagen und gleichermaßen einem gesanglichen Post-Hardcore-Ansatz, der zwar ausdrucksstark daherkommt, doch grundsätzlich kalter Kaffee im Metalcore-Kosmos ist. Die Single-Auskopplung Hate and Carrion überzeugt durch ein angenehmes Tempo bei einer stattlichen Länge von knapp sechs Minuten, dass nicht an einer Verspieltheit einbüßt, die in stillen Augenblicken den nötigen Raum zum Aufatmen findet. Träger, aber dafür druckvoller wirken hingegen die Songs Earth Eater und Writer Unknown, die einen Hauch Melodic-Death-Metal auf ihren Schwingen tragen. Ein Bestandteil, dass davon zeugt, sind die teilweise eingeflüsterten Lyrics, welche an den frühen Stil des In-Flames-Sängers Anders Fridén erinnern. Herkömmliche Metalcore-Charakteristiken zeigen sich verstärkt im Zuge von Deathlike Silence (feat. JungMato) und Disordered (feat. Wav of Eighteen April). Chaotisch und flott sind die vorsätzlich ein bisschen weniger schwergewichtig, lockern allerdings gegen Ende das wehmütige Kolorit des umfassenden Gesamteindrucks Remnants of the Fallens erwachsener Herangehensweise an das Genre auf. Generation Sin schlägt zum Abschluss noch einmal die rasanten wie scharfen Töne von Hel an, bevor Future Without All The Wounded And Broken elegisch dahinschwinden lässt.

Der Effekt einer Wall of Sound wird in erster Linie durch das theatralische Shredding der Gitarrenfront im Story-Mode hervorgerufen, welches Remnants of the Fallen von den blank polierten Popcore-Produktionen ihrer Metalcore-Kollegen abhebt. Durchwachsene Momente ergeben sich, wenn sie von dieser Technik abweichen und sich auf mittelmäßiges Chugging ohne Rückhalt einer imposanten Inszenierung versteifen. Frontmann Park liefert als heiserer Geschichtenerzähler einiges ab, doch funktioniert am besten im Duett mit illustren Vokalisten und dem Backgroundgesang der anderen Bandmitglieder, die seiner kernigen Tough-Guy-Attitüde durch beißende Höhen eine essenzielle Bedeutsamkeit verleihen. Keiner dieser Abstriche in der B-Note mindert jedoch die Errungenschaft mit All The Wounded And Broken eine der besten Metalcore-Platten der letzten Jahre geschaffen zu haben.